Euro 2020 als Vorbild für Olympia? Sportliche Großereignisse sollten mehrere Austragungsorte haben: Kommentar

DIW Wochenbericht 29/30 / 2021, S. 516

Gert G. Wagner

get_appDownload (PDF  73 KB)

get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF  2.54 MB)

Wie die Fußball-Europameisterschaft wurden die Olympischen Sommerspiele wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben. Dabei sollten zumindest inländische ZuschauerInnen in Tokio zugelassen werden. Wegen der in Japan zuletzt bedrohlich ansteigenden Inzidenz und zugleich einer für ein reiches Industrieland ganz ungewöhnlich niedrigen Quote vollständiger Impfungen von knapp 20 Prozent sind nun aber kurzfristig doch keine Zuschauer zugelassen. Die AthletInnen, die fünf Jahre ihrem großen Moment entgegengefiebert haben, werden vor leeren Tribünen gegeneinander antreten. Umso schlimmer, dass sportliche Großereignisse für die Gastgeberländer ohnehin oft ein Minusgeschäft sind.

Ob es bei einer Verteilung der olympischen Wettkämpfe auf mehrere Länder, etwa in Asien oder weltweit, zumindest in einigen Ländern volle Zuschauerränge gegeben hätte, sei dahingestellt (zumindest aber wäre sichergestellt, dass nicht alles in Erdbebenregionen wie Tokio oder wie im Jahr 2028 Los Angeles stattfände). Immerhin aber sind in vielen Industrieländern schon Impfquoten von deutlich über 50 Prozent erreicht. Zudem feiern ZuschauerInnen bei Olympia oft nicht so überschwänglich wie beim Fußball. Und zu einigen Wettkämpfen kommen ohnehin nur wenige BesucherInnen. Auf jeden Fall aber gilt: Olympische Spiele, die zahlreiche Wettkampfstätten und Verkehrszubringer erfordern, sind eine so kostspielige Milliardenangelegenheit, dass es unklug ist, wenn eine relativ kleine Gruppe SteuerzahlerInnen in nur einem Land die Kosten tragen muss. Und es geht um viel Geld, denn sportliche Großereignisse, insbesondere Olympische Spiele, sind von vornherein eine Fehlinvestition. Etliche ökonomische Analysen weltweit zeigen, dass seit Jahrzehnten die Kalkulationen der Veranstalter meist grob falsch liegen beziehungsweise so berechnet wurden (um den Begriff Manipulation zu vermeiden), dass außenstehenden Fachleuten klar war, dass die Spiele keine wirtschaftliche Investition sind.

Es wird berichtet, dass die japanische Regierung und das Organisationskomitee bei der Bewerbung für die Olympia-Austragung von 6,6 Milliarden Dollar an Kosten ausgingen. Nicht nur für diese Bewerbung ist typisch, dass es nicht dabei blieb: Wenige Jahre später rechnete eine „Budgetkommission“ etwa 30 Milliarden Dollar an Kosten aus. Unabhängige Analysen kamen auf etwa acht Milliarden an Erträgen – was angesichts der Literaturlage zu Kosten-Nutzen-Relationen keinen Volkswirt überrascht. Durch die Pandemie, die zur Verschiebung der Tokio-Spiele um ein Jahr geführt hat, kamen nicht vorhersehbare Zusatzkosten hinzu, die auf einen kleinen, aber signifikanten einstelligen Milliardenbetrag geschätzt werden. Diese Kosten kann man dem Organisationskomitee sicherlich nicht vorwerfen. Aber über die Welt verteilte Spiele hätten die unvermeidbaren Risiken, die mit Großereignissen verbunden sind, auf mehr SteuerzahlerInnen verteilt.

Bleibt die Frage, ob räumlich verteilte Spiele die olympischen AthletInnen um ein unvergleichliches Lebensereignis bringen? Für die meisten gilt dies sicher: Sie genießen – nach eigenen Angaben – das zwischenmenschliche Leben im Olympischen Dorf, insbesondere in der Zeit nach ihrem Wettkampf. Für einige ist freilich diese Zeit sehr kurz, da sie erst in der zweiten Woche oder gar am letzten Tag einen Wettkampf haben. Gerade die Top-Leute reisen bewusst erst später an oder bereiten sich auf ihren Wettkampf außerhalb der vielbeschworenen olympischen Gemeinschaft vor, um zum idealen Zeitpunkt einzufliegen. Insofern sollte man die Bedeutung des olympischen Geistes nicht überschätzen. Für die ZuschauerInnen gilt dies ohnehin: Bei der Fußball-Europameisterschaft hat man vor kurzem gesehen, dass es den FernsehzuschauerInnen egal war, wo gekickt wurde. Hauptsache, die Ränge waren voll, was für eine gute Atmosphäre auch vor den Bildschirmen sorgte. Und dabei ist es unwichtig, wie die Stadien über den Globus verteilt sind. Und Reisestrapazen sowie ungewöhnliche Tageszeiten für Wettkämpfe sind LeistungssportlerInnen gewohnt.

Kurzum: Gerade in Zeiten wie diesen und angesichts der hohen Kosten und den damit verbundenen Belastungen der SteuerzahlerInnen sollten die internationalen Sportverbände ihre Vergabepolitik ändern und sportliche Wettkämpfe wie Olympische Spiele und Fußball-Meisterschaften regelmäßig in mehreren Ländern stattfinden lassen.

Gert G. Wagner

Senior Research Fellow in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

keyboard_arrow_up