Für die USA ergeben sich keine Vorteile aus der restriktiven Handelspolitik: Interview

DIW Wochenbericht 31 / 2021, S. 527

Lukas Boer, Erich Wittenberg

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Herr Boer, die USA fahren seit einigen Jahren einen harten handelspolitischen Kurs gegenüber China. Was kennzeichnet diese Handelspolitik? Diese Handelspolitik ist vor allem durch Zölle auf Importe gekennzeichnet, die zum großen Teil China, aber auch andere Länder betreffen. Es fing mit Untersuchungen an, ob es nach US-Recht überhaupt möglich ist, Zölle aufzuerlegen, dann wurden diese Zölle angekündigt und später umgesetzt. Damit aber nicht genug: Es wurden zusätzliche Zölle angekündigt oder bestehende angehoben, was natürlich große Unsicherheit für Unternehmen bringt.

Welche Auswirkungen hat das auf die Weltwirtschaft? Diese Unsicherheit beeinträchtigt die ganze Weltwirtschaft. Wir haben auch knapp 50 andere Länder untersucht und festgestellt, dass die Aktienindizes in den meisten Ländern für einen längeren Zeitraum eingebrochen sind und stark schwanken. Vor allem lateinamerikanische Länder, die viel mit den USA handeln, sind signifikant negativ betroffen. Es trifft aber auch europäische und teilweise asiatische Länder, wobei diese unter Umständen davon profitieren, dass Lieferketten zulasten Chinas umstrukturiert werden.

Welche Auswirkungen hat dieser Kurs auf die US-amerikanische Wirtschaft? Die US-amerikanische Regierung schadet sich durch diese restriktiven handelspolitischen Maßnahmen selbst. Das sehen wir vor allem in deutlich sinkenden Aktienpreisen und steigender Unsicherheit. Aber auch die Anleiherenditen sinken, was damit einhergehen mag, dass man annimmt, dass sich das Wachstum abschwächt. Der Dollarkurs wertet auf.

Was haben die USA vom harten Handelskurs gegen China, wenn auch die eigene Wirtschaft betroffen ist? Nach unserer Analyse zu urteilen, ergeben sich keine ersichtlichen Vorteile für die USA. Natürlich schaden die USA auch China, denn die chinesischen Aktienmärkte brechen ebenfalls ein. Das mag eines der Motive der USA gewesen sein, aber es ist die Frage, wie stark man sich, um das zu erreichen, selber schaden möchte.

Mit welchen Gegenmaßnahmen reagiert China? China reagiert ähnlich wie die USA. Die USA erheben Zölle auf Importe aus China und im Gegenzug erhebt China dann Zölle auf US-Importe: Zwar in einem etwas niedrigeren Ausmaß, als es die USA tun, doch die Effekte sind recht ähnlich. Wir sehen also, dass die USA sich im ersten Schritt durch ihre Importzölle selber schädigen und dann im zweiten Schritt noch mal durch die Gegenzölle aus China geschädigt werden.

Welche Branchen sind am stärksten betroffen? Es beeinträchtigt vor allem das verarbeitende Gewerbe, also die Unternehmen, die international ausgerichtet sind und stark vom Handel mit China abhängig sind. Ganz besonders sind die Hersteller von Computerchips betroffen.

Wie groß ist das Problem dieses Handelskriegs für Deutschland und Europa? Die Unsicherheit steigt auch hier, und das ist schlecht für die Planungssicherheit europäischer Firmen. Besonders für Deutschland ist das von Bedeutung, da wir eine vom internationalen Handel abhängige Nation sind, die viel exportiert, natürlich auch nach China und in die USA.

Welche Möglichkeiten haben Deutschland und die EU, um in dieser Situation wirtschaftlichen Schaden abzuwenden? Deutschland muss sich auf die EU als Verhandlungspartner berufen und eine gemeinsame Verhandlungsposition vertreten, die so ein größeres Gewicht erhält. Wir müssen zurück zu einer regelbasierten multilateralen Handelsordnung kommen, am besten im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO, um eine einseitige restriktive Handelspolitik zu verhindern, die der gesamten Weltwirtschaft schadet.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Lukas Boer
Für die USA ergeben sich keine Vorteile aus der restriktiven Handelspolitik - Interview mit Lukas Boer

Lukas Boer

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Weltwirtschaft

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