Kita- und Schulschließungen können längerfristige Effekte auf Gleichstellung von Frauen haben: Interview

DIW Wochenbericht 34 / 2021, S. 567

Mathias Huebener, Erich Wittenberg

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Herr Huebener, welchen Einfluss haben die Corona-Maßnahmen auf die Arbeitsteilung von Vätern und Müttern innerhalb des Haushalts? Mit der Schließung von Kitas und Schulen mussten Familien ihr tägliches Leben komplett neu ordnen. Erste Studien haben gezeigt, dass während des ersten Lockdowns die zusätzlichen häuslichen Bildungs- und Betreuungsaufgaben mitnichten gleich aufgeteilt wurden. Stattdessen haben Frauen einen überproportionalen Anteil dieser Sorgearbeit übernommen. Bei einer kleineren Gruppe lässt sich aber auch feststellen, dass Männer höhere Anteile der zusätzlichen Sorgearbeit übernommen haben, wenn sie etwa von Kurzarbeit betroffen waren oder Frauen in systemrelevanten Berufen gearbeitet haben.

Wie wirkt sich das auf die Berufstätigkeit von Müttern aus? Einzelne Befunde deuten darauf hin, dass es Frauen häufiger möglich war, aus dem Home-Office zu arbeiten, aber auch, dass sie häufiger ihre Arbeitszeit verringert haben, um der zusätzlichen Sorgearbeit gerecht werden zu können. Außerdem zeigt sich, dass Frauen häufiger ihren Arbeitsplatz verloren haben als Männer.

Inwieweit hat sich durch die Kita- und Schulschließungen die Einstellung zum traditionellen Rollenverständnis der Geschlechter verändert? In den vergangenen zehn bis zwölf Jahren konnten wir eine stetige Entwicklung hin zu egalitäreren Rollenverständnissen mit Blick auf die Erwerbstätigkeit von Frauen beobachten, insbesondere bei Männern in Westdeutschland. Gründe dafür sind zum Beispiel der Ausbau der Kita-Angebote, aber auch die Einführung des Elterngeldes, mit der Väter nach der Geburt eines Kindes häufiger Sorgeaufgaben übernommen haben. Unsere aktuellen Befragungen aus dem Frühjahr 2021 zeigen nun, dass insbesondere Männer aus Westdeutschland, also jene, die in den vergangenen Jahren die stärksten Veränderungen hin zu einem egalitären Verständnis aufgezeigt haben, ein Jahr nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie seltener ein egalitäres Rollenverständnis haben. Konkret stimmen sie wieder seltener Aussagen zu, denen zufolge die Erwerbstätigkeit der Mutter für ein Kind auch positive Effekte haben kann und sie stimmen etwas häufiger der Aussage zu, dass es für ein Kind sogar schädlich sein kann, wenn die Mutter einer bezahlten Arbeit nachgeht.

Handelt es sich hier um eine kurzfristige Anpassung oder einen längerfristigen Effekt? Wir gehen davon aus, dass die beobachteten Effekte auf Geschlechterrollenverständnisse auf grundsätzliche Veränderungen hindeuten, denn üblicherweise retraditionalisiert sich das tatsächliche Verhalten bei großen Lebensereignissen wie der Geburt von Kindern, aber die Einstellungen werden beibehalten. Hier in der Pandemiesituation verändern sich die Einstellungen mit den beobachteten Verhaltensweisen. Das ist ein Indikator dafür, dass die Kita- und Schulschließungen längerfristige Effekte auf die Gleichstellung von Frauen in unserer Gesellschaft haben könnten.

Welche gesamtwirtschaftlichen Folgen könnte das haben? Mit Blick auf den kommenden Herbst und die Verbreitung der Delta-Variante des Corona-Virus könnte es sein, dass wir abermals in die Diskussionen über Kita- und Schulschließungen geraten, in der die gesundheitlichen, positiven Effekte dieser Maßnahme gegen die damit einhergehenden Nebenwirkungen abgewogen werden müssen. Unsere Ergebnisse zu den Effekten auf Geschlechterrolleneinstellungen zeigen neuerliche Nebenwirkungen auf, die auch langfristige gesamtwirtschaftliche Implikationen haben könnten, wenn es darum geht, die Erwerbstätigkeit von Müttern und die Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu stärken.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Mathias Huebener
Kita- und Schulschließungen können längerfristige Effekte auf Gleichstellung von Frauen haben - Interview mit Mathias Huebener

Mathias Huebener

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Bildung und Familie

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