Ehrenamtliches Engagement: Soziale Gruppen insbesondere in sehr ländlichen Räumen unterschiedlich stark beteiligt

DIW Wochenbericht 35 / 2021, S. 571-579

Tuuli-Marja Kleiner, Luise Burkhardt

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  • Ehrenamtliches Engagement ist in sehr ländlichen Räumen mit guter sozioökonomischer Lage besonders hoch
  • In stark ländlich geprägten Räumen engagieren sich Männer deutlich häufiger für ein Ehrenamt als Frauen. Zudem ist die Erwerbstätigkeit von großer Bedeutung
  • Menschen, die regelmäßig religiöse Veranstaltungen besuchen, sind in allen Raumtypen vergleichsweise stark ehrenamtlich engagiert
  • Stärkung ehrenamtlicher Strukturen ist insbesondere in sehr ländlichen Räumen mit weniger guter sozioökonomischer Lage wünschenswert
  • Hier geht es vor allem um einen verbesserten Zugang für Frauen und Nicht-Erwerbstätige

„Damit ehrenamtliches Engagement zu einer Stärkung des sozialen Zusammenhalts und der Demokratie insbesondere in strukturschwachen ländlichen Räumen beitragen kann, sollte die Politik durch die Bereitstellung von Infrastruktur und Sicherstellung der Daseinsvorsorge bessere Voraussetzungen für Partizipation schaffen.“ Tuuli-Marja Kleiner, Studienautorin

Politik und Teile der Wissenschaft schreiben dem ehrenamtlichen Engagement eine große Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Unterstützung von Demokratie und die Daseinsvorsorge zu, insbesondere in ländlichen Räumen. Über den Stand des ehrenamtlichen Engagements in den unterschiedlichen ländlichen Räumen ist bislang jedoch wenig bekannt. Für diesen Bericht wurde die am Thünen-Institut für Ländliche Räume entwickelte Raumtypologie mit den Befragungsdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zusammengeführt. Das ehrenamtliche Engagement innerhalb der räumlichen Typen wurde hinsichtlich der Merkmale Geschlecht, Erwerbsstatus und Häufigkeit der Teilnahme an religiösen Veranstaltungen ausgewertet. Es zeigt sich, dass das Engagement in sehr ländlichen Regionen mit guter sozioökonomischer Lage am höchsten ist. Männer sind in den sehr ländlichen Regionen deutlich häufiger ehrenamtlich engagiert als Frauen. Auch die Erwerbstätigkeit spielt in den sehr ländlichen Regionen eine größere Rolle für das Engagement. Die Teilnahme an religiösen Veranstaltungen ist in allen Regionen ein zuverlässiger Prädiktor für die Ausübung eines Ehrenamtes. Ehrenamtliches Engagement sollte gerade in den stark ländlich geprägten Räumen weiter gefördert und der Zugang für bisher weniger beteiligte Gruppen erleichtert werden.

Mit dem ehrenamtlichen Engagement der BürgerInnen vor Ort werden Hoffnungen auf eine sozialräumliche Vitalisierung, eine Abfederung negativer Folgen struktureller Wandlungsprozesse, eine Förderung des sozialen Zusammenhalts und eine Unterstützung der Demokratie verknüpft.infoTuuli-Marja Kleiner und Andreas Klärner (2019): Bürgerschaftliches Engagement in ländlichen Räumen: Politische Hoffnungen, empirische Befunde und Forschungsbedarf. Thünen Working Paper Nr. 129 (online verfügbar; abgerufen am 11. August 2021. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). Besonders lokale Vereine ergänzen häufig öffentliche Versorgungsangebote, vermitteln ihren Mitgliedern (demokratische) Werte, Normen und Kompetenzen und gelten als Vehikel des sozialen Zusammenhalts.infoWolfgang Gaiser und Johann de Rijke (2007): Partizipation junger Menschen. Trends in Deutschland und der europäische Kontext. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 2, (2007), Heft 4, 421–438; Eckard Priller et al. (2012): Dritte-Sektor-Organisationen heute: Eigene Ansprüche und ökonomische Herausforderungen. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung; Sigrid Roßteutscher (2008): Undemokratische Assoziationen. In: André Brodocz, Macrus Llangue und Gary S. Schaal (Hrsg.): Bedrohungen der Demokratie, 61–76, VS Verlag für Sozialwissenschaften.

In jüngster Zeit konzentriert sich die politische Diskussion auch auf die sozialräumliche Ebene, insbesondere auf strukturschwache ländliche Räume.infoHierzu wurde im März 2020 die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt gegründet. Die Stiftung hat zum Ziel, das bürgerschaftlichen Engagement und Ehrenamt in strukturschwachen ländlichen Räumen zu fördern (Gesetz zur Errichtung der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt vom 25. März 2020 (BGBl. I, 712) (online verfügbar). Bis in die 1960er Jahre war der ländliche Raum ein relativ homogener Raumtyp, geprägt durch Landwirtschaft, geringe Bevölkerungsdichte und eine Lebensweise, die oftmals mit Rückständigkeit assoziiert wurde. Diese dichotome Raumbetrachtung von „Stadt“ und „Land“ ist in der Realität indes nicht mehr angemessen, und es wird heute vielfach von einem Stadt-Land-Kontinuum ausgegangeninfoPeter Weingarten und Annett Steinführer (2020): Daseinsvorsorge, gleichwertige Lebensverhältnisse und ländliche Räume im 21. Jahrhundert. Zeitschrift für Politikwissenschaft 30(4), 653–665. und von den ländlichen Räumen im Plural gesprochen.infoPatrick Küpper (2020): Was sind eigentlich ländliche Räume? Informationen für Politische Bildung 343(2), 4–7 (online verfügbar).

Das DIW Berlin hatte in einem Wochenbericht den Anstieg des ehrenamtlichen Engagements im Zeitraum von 1990 bis 2017 auf durchschnittlich 32 Prozent der Bevölkerung aufgezeigt; hierbei wurde insbesondere die überdurchschnittlich hohe Beteiligung im ländlichen Raum thematisiert.infoLuise Burkhardt und Jürgen Schupp (2019): Wachsendes ehrenamtliches Engagement: Generation der 68er häufiger auch nach dem Renteneintritt aktiv. DIW Wochenbericht Nr. 42, 765–773 (online verfügbar). Über die Verteilung und Entwicklung des ehrenamtlichen Engagements ist bislang jedoch wenig bekannt.infoKleiner und Klärner (2019), a.a.O. Dies gilt nicht nur für den Vergleich zwischen ländlichen und nichtländlichen Räumen, sondern auch für den Vergleich unterschiedlicher Typen ländlicher Räume miteinander. Um hierüber ein Bild zu erhalten, werden im vorliegenden Bericht auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP)infoDas Sozioökonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, die seit 1984 in jährlichem Rhythmus rund 30000 Individuen ab 17 Jahren in rund 15000 zufällig ausgewählten Privathaushalten in Deutschland zu verschiedenen Themen befragt. Als Panelstudie bietet das SOEP die Möglichkeit, sowohl personenbezogenen Wandel als auch gesellschaftliche Trends abzubilden. Jan Goebel et al. (2019): The German Socio-Economic Panel Study (SOEP). Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik/Journal of Economics and Statistics 239(2), 345–360 (online verfügbar). empirische Analysen zum ehrenamtlichen Engagement in ländlichen Räumen durchgeführt. Charakteristisch für das klassische Ehrenamt ist dabei die institutionelle Anbindung an zivilgesellschaftliche Organisationen (Vereine, Verbände, soziale Dienste).infoCorinna Kausmann et al. (2019): Zivilgesellschaftliches Engagement. Datenreport Zivilgesellschaft, 55–91 (online verfügbar). In der Fachdiskussion hat sich bislang keine allgemein anerkannte Definition von bürgerschaftlichem Engagement herauskristallisiert. Vielmehr handelt es sich um einen Sammelbegriff, der verschiedene Formen und Konzeptualisierungen von Engagement umfasst. Vgl. Holger Backhaus-Maul et al. (2015): Engagement in der Freien Wohlfahrtspflege. Empirische Befunde aus der Terra incognita eines Spitzenverbandes (online verfügbar). Dabei stehen der Vergleich des Engagements von Männern und Frauen, Erwerbstätigen und Nicht-Erwerbstätigen sowie KirchgängerInnen und Nicht-KirchgängerInneninfoMit Kirchgang ist der Besuch religiöser Veranstaltungen gemeint, die alle Konfessionen einbeziehen. Da der Großteil der Befragten mit Konfessionszugehörigkeit jedoch der evangelischen oder katholischen Kirche angehört, wird im Folgenden von KirchgängerInnen gesprochen, ohne dabei die anderen Konfessionen auszuschließen. im Fokus. Die Literatur zeigt, dass diese Merkmale einen starken Zusammenhang mit dem ehrenamtlichen Engagement von BürgerInnnen aufweisen.infoMark A. Musick und John Wilson (2007): Volunteers: A social profile.

Das SOEP erhebt seit 1985 in zweijährlichen Rhythmus Daten zum gegenwärtigen ehrenamtlichen Engagement der in Deutschland lebenden Bevölkerung ab 17 Jahren.infoEs wird unter anderem nach Art von Freizeitaktivitäten und der Häufigkeit der Ausübung gefragt, darunter auch nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit in Vereinen, Verbänden oder sozialen Diensten. Für die empirischen Analysen wurde eine Variable mit zwei Ausprägungen gebildet (Dummy). Die Variable nimmt den Wert 1 an, wenn der/die Befragte angegeben hat, mindestens „jede Woche“, „jeden Monat“ oder „seltener“ einem ehrenamtlichen Engagement nachzugehen, und sie nimmt den Wert 0 an, wenn der/die Befragte angibt, „nie“ ein Ehrenamt auszuüben. Als Raumkategorisierung wird die Typologie des Thünen-Instituts für Ländliche Räume zugrunde gelegt (Kasten).

Um der Vielfalt ländlicher Räume gerecht zu werden, wurde am Thünen-Institut für Ländliche Räume ein Ansatz zur Abgrenzung und Typisierung ländlicher Räume entwickelt. Die zweidimensionale Typologie kombiniert Ländlichkeit einerseits mit sozioökonomischer Lage andererseits. Die „Ländlichkeit“ einer Region wird anhand siedlungsstruktureller Merkmale berücksichtigt und unterscheidet zwischen „eher ländlichen“ und „sehr ländlichen“ Räumen. Demnach ist eine Region umso ländlicher, je geringer die Siedlungsdichte, je höher ihr Anteil an land- und forstwirtschaftlicher Fläche, je höher der Anteil der Ein- und Zweifamilienhäuser, je geringer die Bevölkerungszahl im Umkreis besiedelter Flächen und je abgelegener die Region von großen Zentren ist.infoPatrick Küpper (2020): Was sind eigentlich ländliche Räume? Information für Politische Bildung 343(2),4–7 (online verfügbar). Die „sozioökonomische Lage“ setzt sich aus neun Indikatoren aus den Bereichen öffentliche Finanzen, Einkommen, Gesundheit, Bildung und Arbeitslosigkeit zusammen und unterscheidet Räume mit guter und solche mit weniger guter sozioökonomischer Lage.

Die Typologie unterscheidet neben dem nichtländlichen Raumtyp (Typ 5),infoDer nichtländliche Raumtyp ist nicht mit dem urbanen Raumtyp identisch. Neben den kreisfreien Großstädten fallen hierunter zum Teil auch vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) als städtisch eingestufte Kreisregionen. Für einen Vergleich der siedlungsstrukturellen Kreistypen des BBSR mit den Typen ländlicher Räume des Thünen-Instituts siehe Patrick Küpper und Antonia Milbert (2020): Typen ländlicher Räume in Deutschland. In: Christian Krajewski und Claus-Christian Wiegandt (Hrsg.): Land in Sicht. Ländliche Räume in Deutschland zwischen Prosperität und Peripherisierung. Bundeszentrale für Politische Bildung, Schriftenreihe, Bd. 10362, 82–97. der nicht weiter differenziert wird, vier Typen ländlicher Räume. Der erste ländliche Raumtyp ist demnach sehr ländlich geprägt und weist eine weniger gute sozioökonomische Lage auf (Typ 1). Der zweite Raumtyp ist ebenfalls sehr ländlich geprägt und weist dabei eine gute sozioökonomische Lage auf (Typ 2). Die beiden als „eher ländlich“ geltenden Raumtypen werden ebenfalls in solche mit guter sozioökonomischer Lage (Typ 3) und solche mit weniger guter sozioökonomischen Lage (Typ 4) unterteilt.

Zwischen 2001 und 2017 wohnten im Durchschnitt 44 Prozent der Befragten des SOEP in nichtländlichen und 56 Prozent in ländlichen Räumen. Die Befragten in ländlichen Räumen verteilen sich jeweils relativ gleichmäßig auf die vier ländlichen Thünen-Typen (Abbildung 1).infoDiese Aufteilung der BewohnerInnen auf die Thünen-Typen entspricht auch den Berechnungen von Küpper (2020), a.a.O. auf Basis der Kreisregionen in Deutschland und ist somit repräsentativ.

Im Hinblick auf die geografische Verteilung der Thünen-Typen fällt auf, dass in Ostdeutschland keine ländlichen Regionen mit guter sozioökonomischer Lage existieren. Hingegen finden sich ländliche Räume mit weniger guter sozioökonomischer Lage auch in Westdeutschland (Abbildung 2). Da die Thünen-Typologie lediglich für das Jahr 2016 vorliegt, beschränken sich die Analysen zeitlich auf den Zeitraum ab dem Jahr 2000. Hierbei wird eine gewisse Kontinuität der Raumtypen unterstellt. Da das ehrenamtliche Engagement im Jahr 2000 nicht erhoben wurde, basieren die Analysen auf den Erhebungsjahren 2001, 2005, 2007, 2009, 2011, 2015 und 2017.

In prosperierenden, sehr ländlichen Räumen ist das ehrenamtliche Engagement am höchsten

Die Anteile der ehrenamtlich Engagierten unterscheiden sich zwischen den verschiedenen ländlichen Thünen-Typen deutlich und statistisch signifikant voneinander (Abbildung 1). Die beiden sozioökonomisch starken Raumtypen (Typ 2 und 3) weisen vergleichsweise hohe Anteile freiwillig Engagierter in der Bevölkerung auf. Im sehr ländlich geprägten Typ 2 engagieren sich – relativ betrachtet – die meisten Menschen; hier waren im Jahr 2017 rund 41 Prozent der Befragten ehrenamtlich tätig. Die größten Unterschiede bestehen zwischen den beiden Raumtypen 2 und 4, die sich hinsichtlich beider Dimensionen (Ländlichkeit und sozioökonomische Lage) unterscheiden. So engagierten sich im Raumtyp 4 im Jahr 2017 rund 30 Prozent der Befragten. Die Engagementquoten der beiden Raumtypen 2 und 4 unterscheiden sich demnach in 2017 um elf Prozentpunkte (für eine Überprüfung der deskriptiven Ergebnisse mittels multivariater Modelle siehe Abbildung 2).infoAuch unter Berücksichtigung von Individualmerkmalen und über alle Erhebungsjahre hinweg bestätigt sich das signifikant höhere Engagement im Raumtyp 2 im Vergleich zu allen anderen Raumtypen. So zeigt das Modell 1 in Abbildung 2, dass BürgerInnen im Raumtyp 1 und 3 mit einer um rund drei Prozentpunkte geringeren Wahrscheinlichkeit ehrenamtlich engagiert sind als im Raumtyp 2. Im Raumtyp 4 beträgt der Unterschied zum Typ 2 sogar 6,9 Prozentpunkte. Die Differenzen in den multivariaten Modellen in Abbildung 2 unterscheiden sich von den deskriptiven Darstellungen in den Abbildungen 1 sowie in den Abbildungen 3 bis 5, da hier soziostrukturelle Individualmerkmale sowie die Erhebungsjahre berücksichtigt wurden.

Eine hohe Ländlichkeit kombiniert mit einer guten sozioökonomischen Lage wirkt sich positiv auf das Engagement der BürgerInnen aus. Hingegen ist in sehr ländlichen Regionen mit weniger guter soziökonomischer Lage die ehrenamtliche Partizipation deutlich geringer ausgeprägt. Eine gute sozioökonomische Lage ist laut Thünen-Kategorisierung unter anderem gekennzeichnet durch eine geringere Arbeitslosenquote, höhere Einkommen sowie einen höheren Bildungsstand, eine höhere Zuwanderung von Personen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren sowie eine höhere kommunale Steuerkraft.

Die sozioökonomischen Unterschiede allein können die Unterschiede in den Anteilen des ehrenamtlichen Engagements zwischen den Thünen-Typen jedoch nicht erklären. Obwohl beide Raumtypen wirtschaftlich nicht prosperieren, weist das Engagement im sehr ländlichen Raumtyp 1 gegenüber dem eher ländlichen Raumtyp 4 eine deutlich höhere und über die Zeit stabile Quote auf. Hierfür ist wohl der höhere Grad an Ländlichkeit bedeutsam. Ein Grund für ein stärkeres Engagement in sehr ländlichen Regionen könnte ein Gemeinschaftsgefühl sein, welches dort traditionell stärker gewachsen ist als in weniger ländlichen Regionen.infoFerdinand Tönnies (1912): Gemeinschaft und Gesellschaft: Grundbegriffe der reinen Soziologie.

Zwischen den Raumtypen 1 bis 3 und 4 ist eine klare Lücke im Engagement zu erkennen. Gründe hierfür könnten die historischen, politischen und kulturellen Bedingungen von Engagement sein. So zeichnet sich der Raumtyp 4 durch einen höheren Anteil an ostdeutschen Regionen aus. Aus historischen und strukturellen Gründen ist das ehrenamtliche Engagement in Ostdeutschland weniger ausgeprägt. Somit weisen ostdeutsche Regionen im Vergleich zu westdeutschen Regionen mit ähnlicher sozioökonomischer Lage geringere Anteile von ehrenamtlichem Engagement auf.infoEckhard Priller und Gunnar Winkler (2002): Struktur und Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements in Ostdeutschland. In: Deutscher Bundestag (Hrsg. Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des 14. Deutschen Bundestages, Vol. 6. (online verfügbar).

Das ehrenamtliche Engagement ist seit Anfang der 2000er Jahre bis 2017 mit leichten Schwankungen in allen Raumtypen gestiegen (Abbildung 1). Dieser Anstieg ist in den beiden soziökonomisch schwächeren Raumtypen mit 5,5 Prozentpunkten im Thünen-Typ 1 und 4,4 Prozentpunkten im Thünen-Typ 4 relativ am größten, wohingegen der Anstieg in Typ 3 mit einem Anstieg von 2,6 Prozentpunkten kleiner ausfällt. Gründe für den allgemeinen Anstieg des ehrenamtlichen Engagements könnten sein, dass sich bestimmte Bevölkerungsgruppen verstärkt engagieren, die allgemeine Anerkennung für ein Engagement gestiegen ist oder es mehr Möglichkeiten gibt, ein Ehrenamt wahrzunehmen. Ein höheres Engagement kann aber auch entstehen, wenn Engpässe in der Daseinsversorgung ausgeglichen werden müssen (Bürgerbusse, Dorfläden).

Männer engagieren sich vor allem in sehr ländlichen Regionen noch immer häufiger ehrenamtlich als Frauen

Nach wie vor bestehen zwischen Frauen und Männern Unterschiede im ehrenamtlichen Engagement – Männer sind hierbei häufiger in einem Ehrenamt tätig als Frauen. Allerdings ist diese Differenz im Durchschnitt kleiner geworden, das zeigte bereits ein DIW Wochenbericht: Im Jahr 2017 betrug der Unterschied rund drei Prozentpunkte, Männer wiesen hier einen Anteil von 33 Prozent im Engagement auf, Frauen einen Anteil von 30 Prozent. Im Jahr 1999 betrug die Differenz zwischen den Geschlechtern noch zehn Prozentpunkte (Männer: 34 Prozent; Frauen: 24 Prozent).infoBurkhardt und Schupp (2019), a.a.O. Bezogen auf die unterschiedlichen Raumtypen sind die Differenzen vor allem in nichtländlichen Räumen geschrumpft, während sie in ländlichen Räumen weiterhin Bestand haben (Abbildung 3).infoKleiner und Klärner (2019), a.a.O.; Nicole Hameister und Clemens Tesch-Römer (2017): Landkreise und kreisfreie Städte: Regionale Unterschiede im freiwilligen Engagement. In: Julia Simonson, Claudia Vogel und Clemens Tesch-Römer (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland, 549–571. In den sehr ländlichen Raumtypen sind die Unterschiede seit 2001 statistisch signifikant. Das unterschiedliche Engagement von Frauen und Männern ist in den beiden sehr ländlich geprägten Raumtypen (Typ 1 und 2) mit rund zehn Prozentpunkten deutlich stärker ausgeprägt als in den weniger ländlichen Räumen (Typ 3 und 4). Hier beträgt der Unterschied rund fünf Prozentpunkte. Im nichtländlichen Typ 5 (2,6 Prozentpunkte) engagieren sich Frauen und Männer fast gleich stark.

Gleichzeitig nähert sich in allen ländlichen Raumtypen das Engagement von Frauen und Männern für ein Ehrenamt an. Im Jahr 2017 sind in den Typen 1 und 4 die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nur noch knapp statistisch signifikant. In den Thünen-Typen 3 und 5 unterscheiden sich die Anteile nicht mehr signifikant voneinander. Im sehr ländlichen Raumtyp mit guter soziökonomischer Lage (Typ 2) beträgt die Differenz zwischen Frauen und Männern hingegen noch immer 9,4 Prozentpunkte – ein deutlicher Unterschied.

Die Annäherung im Engagement von Frauen und Männern für ein Ehrenamt geht vor allem auf eine im Zeitverlauf steigende Beteiligung der Frauen zurück. Waren im Typ 1 im Jahr 2001 fast ein Viertel der Frauen engagiert, übte im Jahr 2017 bereits jede dritte Frau ein Ehrenamt aus. Im Raumtyp 2 stieg die Quote der engagierten Frauen im gleichen Zeitraum von rund 29 auf 36 Prozent, während die Quoten der Männer relativ stabil blieben. Das statistisch unterschiedliche Engagement von Frauen und Männern in den einzelnen Raumtypen ändert sich grundsätzlich auch dann nicht, wenn weitere Charakteristika der Befragten und ihrer Haushalte berücksichtigt werden (Modell 2 in Abbildung 2).

Dem unterschiedlichen Engagement von Frauen und Männern können vielfältige Ursachen zugrunde liegen. Hierzu gehört, dass Frauen in ländlichen Räumen die Zeit für ein ehrenamtliches Engagement häufig nicht aufbringen können, wenn sie traditionell interpretierte Rollenmuster leben und häufiger in Kinderbetreuung, Hausarbeit, häuslicher Sorgearbeit und in der Pflege von Angehörigen eingebunden sind.infoVgl. zur Sorgearbeit von Frauen Claire Samtleben (2019): Auch an erwerbsfreien Tagen erledigen Frauen einen Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung. DIW Wochenbericht Nr. 10, 139–144 (online verfügbar). Ein weiterer Grund könnte sein, dass Frauen in sehr ländlichen Räumen neben traditionellen Formen von ehrenamtlichen Engagement, die bislang vor allem von Männern ausgeübt werden (Schützenverein, Freiwillige Feuerwehren)infoClaudia Vogel et al. (2017): Freiwilliges Engagement und öffentliche gemeinschaftliche Aktivität. In: Simonson, Vogel und Tesch-Römer (Hrsg.), a.a.O., 91–150., nur wenige für sie attraktive Angebote für ehrenamtliches Engagement vorfinden. Weiterhin ist zu vermuten, dass überdurchschnittlich viele gebildete Frauen, die sich durchaus für ein Ehrenamt engagieren würden, aus den sehr ländlich geprägten Regionen abwandern.infoAnja Eberts, Friederike Güldemann und Johanna Zielske (2016): Erfahrungen, Kriterien und Erkenntnisse aus Mecklenburg-Vorpommern (online verfügbar). Auch finden Frauen schwieriger Zugang zu entscheidenden Netzwerken und mit Prestige versehenen Positionen.

Erwerbstätige engagieren sich in ländlichen Regionen häufiger für ein Ehrenamt

Personen, die einer geregelten Arbeit nachgehen, verfügen häufiger über notwendige Fähigkeiten und materielle Ressourcen, sich ehrenamtlich zu engagiereninfoMarcel Erlinghagen (2000): Arbeitslosigkeit und ehrenamtliche Tätigkeit im Zeitverlauf. Eine Längsschnittanalyse der westdeutschen Stichprobe des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für die Jahre 1992-1996. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 52(6), 291–310. und werden über ihre beruflichen Netzwerke häufiger für freiwillige Tätigkeiten angeworben.infoSidney Verba, Kay Lehman Schlozman und Henry E. Brady (1995): Voice and equality. Civic voluntarism in American politics.

In allen Raumtypen sind Erwerbstätige anteilsmäßig deutlich engagierter als Nicht-Erwerbstätige (Abbildung 4).infoLediglich im Jahr 2013 sind im Typ 3 die Nicht-Erwerbstätigen engagierter als die Erwerbstätigen, der Unterschied ist jedoch nicht signifikant. Diese Beobachtung bestätigt sich auch in den multivariaten Analysen (Modell 3 in Abbildung 2). Modell 3 zeigt, dass insbesondere in den sehr ländlichen Regionen (Typ 1 und 2) sowie in den eher ländlichen Regionen mit weniger guter sozioökonomischer Lage (Typ 4) die Wahrscheinlichkeit sich ehrenamtlich zu engagieren für Erwerbstätige signifikant höher ist als für Nicht-Erwerbstätige. Im nichtländlichen Raum sowie in eher ländlichen Regionen mit guter sozioökonomischer Lage (Typ 3) steht die Ausübung einer Erwerbstätigkeit in keinem signifikanten Zusammenhang mit dem ehrenamtlichen Engagement.

Von 2001 bis 2017 haben sich die Differenzen in den verschiedenen Raumtypen unterschiedlich entwickelt. Während die Quoten der Nicht-Erwerbstätigen und der Erwerbstätigen sich in den Typen 3, 4 und 5 im Zeitverlauf annähern, bleiben die Unterschiede in den beiden sehr ländlichen Raumtypen erhalten. Die Bedeutung von Erwerbstätigkeit für ehrenamtliches Engagement nimmt im Raumtyp 2 sogar noch zu (Abbildung 4).

Erwerbstätigkeit bietet nicht nur materielle Absicherung, sondern auch Möglichkeiten sozialer Inklusion. Arbeit erzeugt Beziehungsgeflechte im sozialen Nahbereich und damit wichtige Gelegenheitsstrukturen für Engagement. Daneben ist eine erfolgreiche Teilhabe am Arbeitsleben häufig eine Quelle für das Selbstwertgefühl und für den sozialen Status. Umgekehrt geht Arbeitslosigkeit mit Belastungen einher (Statusverlust, materielle Unsicherheit, psychische Verletzlichkeit, Stigmatisierungserfahrungen).infoMarkus Promberger (2008): Arbeit, Arbeitslosigkeit und soziale Integration. Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 40–41, 7–13. Grundsätzlich gilt, dass arbeitslos gemeldete Personen gegenüber Personen im Ruhestand und sonstigen Nicht-Erwerbstätigen die niedrigsten Quoten für ehrenamtliches Engagement aufweisen.infoAuf Basis des Freiwilligensurveys (2014): Julia Simonson und Nicole Hameister (2017): Sozioökonomischer Status und freiwilliges Engagement. In: Freiwilliges Engagement in Deutschland, 439–464. Auf Basis des SOEP (2009): Marcel Erlinghagen (2013): Ehrenamt. In: Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, 199–212. Es gibt Hinweise darauf, dass Nicht-Erwerbstätige sich keinen Situationen aussetzen möchten, in denen sie soziale Sanktionierung oder Stigmatisierung befürchten müssen.infoThomas Gurr und Monika Jungbauer-Gans (2017): Eine Untersuchung zu Erfahrungen Betroffener mit dem Stigma Arbeitslosigkeit. Soziale Probleme, 28(1), 25–50 (online verfügbar). Dafür spricht, dass Arbeitslose sich häufiger aus sozialen Kontexten zurückziehen, insbesondere mit Erwerbstätigen, wodurch sich die Möglichkeiten für ein ehrenamtliches Engagement weiter reduzieren.infoKai Marquardsen und Silke Röbenack (2008): „... der Freundeskreis, der Bekanntenkreis hat sich total verändert “. Rekonstruktionen von sozialen Beziehungskontexten bei Arbeitslosengeld-II-EmpfängerInnen. Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie, 479–489.

Personen, die regelmäßig zur Kirche gehen, sind häufiger ehrenamtlich engagiert

Religiosität stellt neben dem Bildungsstand einen zuverlässigen Indikator für freiwilliges Engagement dar.infoRobert D. Putnam (2000): Bowling alone: The collapse and revival of American community. Menschen, die regelmäßig die Kirche oder andere religiöse Veranstaltungen besuchen, engagieren sich vergleichsweise häufig ehrenamtlichinfoStijn Ruiter und Nan Dirk De Graaf (2006): National context, religiosity, and volunteering: Results from 53 countries. American Sociological Review, 71(2), 191–210.. Dieser Zusammenhang wird in der Literatur unterschiedlich erklärt: Eine Erklärung lautet, dass christliche Werte den gläubigen Kirchenmitgliedern ein Engagement für schwächer Gestellte nahelegen,infoMargit Stein (2016): Zusammenhänge zwischen Religionszugehörigkeit, Religiosität und Wertorientierungen – eine internationale und nationale repräsentative Analyse auf Basis des Religionsmonitors. Zeitschrift für Religionspädagogik, 15(1),173–204. eine andere, dass KirchgängerInnen in den kirchlichen sozialen Netzwerken häufiger gefragt werden, ob sie sich engagieren möchten.infoPhilip Schwadel (2005): Individual, congregational, and denominational effects on church members’ civic participation. Journal for the Scientific Study of Religion, 44(2), 159–171.

KirchgängerInnen – dies sind vorwiegend Menschen christlichen Glaubens – sind in allen Raumtypen deutlich stärker engagiert als Nicht-KirchgängerInnen (Abbildung 5). Die multivariaten Analysen bestätigen die höhere Beteiligung der regelmäßigen KirchgängerInnen (Modell 4 in Abbildung 2). In allen Raumtypen sind die KirchgängerInnen im Durchschnitt mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 15 Prozentpunkten häufiger ehrenamtlich engagiert als Personen, die seltener oder nie religiöse Veranstaltungen besuchen.

Im Zeitverlauf zeigt sich, dass das ehrenamtliche Engagement unter den KirchgängerInnen in allen Raumtypen zunimmt und die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen im Zeitverlauf steigen. Der Anteil ehrenamtlich Engagierter steigt in den beiden sehr ländlich geprägten Räumen unter den KirchgängerInnen bis 2017 kontinuierlich und erreicht mit 60,4 Prozent im Thünen-Typ 2 einen Höchststand (Abbildung 5).

Ein Grund für die sich verstärkenden Unterschiede zwischen KirchgängerInnen und Nicht-KirchgängerInnen könnten die zahlreichen Kirchenaustritte der letzten JahreinfoBundeszentrale für politische Bildung (2020): Katholische und evangelische Kirche (online verfügbar). bei gleichzeitig starker Bindung der in der Kirche „Verbliebenen“ an ihre Glaubensgemeinde sein. Tatsächlich gehen Religiosität und die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einher, sich zu engagieren.infoAntonius Liedhegener et al. (2021): Polarisation and social cohesion: the ambivalent potential of religion in democratic societies. Findings of a representative survey on the social role of religious and social identities in Germany and Switzerland in 2019. Forschungsbericht. Auch dürften die KirchgängerInnen gerade in (sehr) ländlich geprägten Räumen in den religiösen Netzwerken Gelegenheiten für ein Engagement sehen, da es nicht selten an anderen institutionalisierten Angebotsstrukturen für Freizeitbeschäftigung fehlt.infoJochen Hirschle (2014): Consumption as a Source of Social Change. Social Forces, 92(4), 1405–1433.

Fazit: Strukturschwache ländliche Räume fördern und Ehrenamt für alle gesellschaftlichen Gruppen ermöglichen

Eine gute sozioökonomische Lage und eine ausgeprägte Ländlichkeit fördern das ehrenamtliche Engagement. In sehr ländlichen Regionen mit guter sozioökonomischer Lage engagieren sich mit etwa 41 Prozent im Jahr 2017 deutlich mehr Bürgerinnen als durchschnittlich in Deutschland. Hingegen weisen ländliche Räume, die über eine weniger gute sozioökonomische Lage verfügen, deutlich geringere Quoten auf (30 Prozent im Jahr 2017). Diese strukturschwachen ländlichen Räume, die vor allem in Ostdeutschland liegen, sind häufig von Abwanderung, Überalterung und Herausforderungen zur Sicherung der Daseinsvorsorge betroffen.infoStefan Neumeier (2017): Regionale Erreichbarkeit von ausgewählten Fachärzten, Apotheken, ambulanten Pflegediensten und weiteren ausgewählten Medizindienstleistungen in Deutschland: Abschätzung auf Basis des Thünen-Erreichbarkeitsmodells, Thünen Working Paper Nr. 77 (online verfügbar).

Die Politik sollte insbesondere strukturschwache ländliche Räume durch die Bereitstellung von Infrastruktur, Sicherstellung der Daseinsvorsorge und Förderung von Digitalisierung stärken und so bessere Voraussetzungen für Partizipation schaffen. Die Programme der neu gegründeten Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE)infoDeutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (2021): ZukunftsMUT (online verfügbar). sowie die langjährige Forschungs- und Vernetzungsarbeit des Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE)infoBundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) (2021): Demokratiestärkung im ländlichen Raum (online verfügbar). setzen genau hier an.

Die Bevölkerungsgruppen engagieren sich nicht gleichermaßen in allen Typen ländlicher Räume. Zwar haben die Unterschiede zwischen Frauen und Männern sowie zwischen Erwerbstätigen und Nicht-Erwerbstätigen in weniger ländlichen Räumen abgenommen. In Räumen mit ausgeprägter Ländlichkeit bleiben sie jedoch bestehen oder sind sogar gestiegen. Dahinter können strukturell bedingte Exklusionsmechanismen stehen, die näher identifiziert werden müssen und denen gezielt politisch entgegenwirkt werden sollte. Hierzu gehört der Aufbau von Strukturen, die den Abbau tradierter stereotyper Rollenmuster erlauben, sowie eine Politik, die Vorurteilen gegenüber sozial Schwächeren entgegenwirkt. Dann kann ehrenamtliches Engagement tatsächlich zu einer Stärkung des sozialen Miteinanders, des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Demokratie in ländlichen Räumen im Sinne von Mitwirkung, Mitgestaltung und Mitbestimmung möglichst vieler BürgerInnen beitragen.

Luise Burkhardt

Doktorandin in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel



JEL-Classification: C23;O18;R11
Keywords: volunteering, rural regions, unequal participation
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2021-35-1

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