Es kann nicht produziert werden, obwohl die Nachfrage da ist: Interview

DIW Wochenbericht 37 / 2021, S. 630

Simon Junker, Erich Wittenberg

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Herr Junker, auch wenn die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie in den letzten Wochen vielfach gelockert wurden, ist ein Ende der Pandemie noch nicht wirklich abzusehen. Wie wirkt sich das auf die deutsche Wirtschaft aus? Wir gehen davon aus, dass bei einem wieder aufflammenden Infektionsgeschehen in den kommenden Monaten die Dienstleister, die schon zuvor betroffen waren, wieder einen schweren Winter vor sich haben. Wir gehen aber auch davon aus, dass es nicht so hart kommen wird wie im vergangenen Winter.

Wie gut ist die deutsche Wirtschaft durch das zweite Quartal gekommen? Es hat sich zwar einerseits die erhoffte Erholung eingestellt, aber es kommt andererseits alles ein bisschen schleppender und vor allem ein bisschen später, als wir uns das erhofft hatten. Erst zum Sommerbeginn ist eine Belebung eingetreten, die den Namen verdient hat.

Wie lange wird es dauern, bis die Wirtschaft wieder Vorkrisenniveau erreicht? Das hängt natürlich vom weiteren Verlauf der Pandemie ab, aber in dem Szenario mit einem Rücksetzer im Winter wäre ein Aufholwachstum ab kommendem Frühjahr realistisch, dass uns dann gegen Jahresende 2022 wieder auf das Vorkrisenniveau zurückbringt.

Wie ist die Lage beim privaten Konsum? Der Konsum ist von den Maßnahmen bedingt, die vielerorts Konsummöglichkeiten beschneiden oder unattraktiv machen. Insofern schwankt der Konsum genauso auf und ab wie die betroffenen Dienstleistungsbranchen.

Wie entwickeln sich die Verbraucherpreise und die Inflation? Auf den ersten Blick ist die Inflation jüngst auf erschreckende Höhen geklettert; im August lagen wir bei fast vier Prozent. Viele Effekte wie die Mehrwertsteuer oder die Erholung der Ölpreise werden aber zum Jahreswechsel wegfallen. Dann wird sich zeigen, dass das ein vorübergehender Effekt ist, der die Inflation nicht nachhaltig in schwindelerregende Höhen treibt.

Wie ist die Situation am deutschen Arbeitsmarkt? Die Kurzarbeit ist nach dem Höchststand im Frühjahr dieses Jahres deutlich abgebaut worden. Aber die beste Nachricht ist, dass auch die Zahl der Erwerbstätigen jetzt zugenommen hat und das voraussichtlich auch weiterhin tun wird – vermutlich aber mit einer kleineren Unterbrechung im Winter.

Wie beurteilen Sie das weltwirtschaftliche Umfeld? Die Weltkonjunktur ist zweigeteilt. Die Entwicklungsländer haben oft nicht in dem Maße die Möglichkeit zu impfen und werden von aufflammenden Infektionswellen viel härter und häufiger zurückgeworfen. Die Industrieländer dagegen impfen sich nach und nach aus der Pandemie und können sich auch sehr großzügige Konjunkturpakete leisten.

Was bedeutet das für die deutsche Exportwirtschaft? Grundsätzlich brummt die Weltkonjunktur, insbesondere durch die Erholung, aber auch angetrieben durch die Konjunkturpakete. Die Auftragsbücher der deutschen Industrieunternehmen sind prall gefüllt, allerdings kann aktuell nicht alles abgearbeitet werden. Es gibt Unwuchten im weltweiten Angebots- und Nachfragegefüge, was auch durch die Pandemie verursacht ist. Viele Förderländer können nicht ausreichend Rohstoffe fördern, zum Beispiel aufgrund von Shutdowns. Chinesische Häfen sind teilweise unter Lockdown gestellt, und die globalen Schifffahrtswege verstopft. Zudem haben die VerbraucherInnen ihren Konsum von Dienstleistungen, die sie wegen Corona nicht konsumieren konnten, vielfach auf Konsumgüter umgestellt. Das führt dazu, dass wegen der hohen Nachfrage viele Vorleistungsgüter in der Industrie nicht ausreichend ankommen. Davon ist der Industriestandort Deutschland besonders getroffen. Es kann nicht produziert werden, obwohl die Nachfrage da ist.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Simon Junker
Es kann nicht produziert werden, obwohl die Nachfrage da ist - Interview mit Simon Junker

Simon Junker

Stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik

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