Nicht nur Einkommen und Lebenserwartung, auch das Pflegerisiko ist sozial ungleich verteilt: Interview

DIW Wochenbericht 44 / 2021, S. 735

Peter Haan, Erich Wittenberg

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Herr Haan, wie wirkt sich die Höhe des Einkommens auf die Lebenserwartung aus? Personen mit höheren Einkommen leben länger. Das haben viele Studien in mehreren Ländern deutlich gezeigt. Dahinter steckt unter anderem, dass Menschen mit höheren Einkommen besser gebildet sind, sich zum Teil gesünder ernähren können, weil sie mehr Geld haben und dass sie in Berufen arbeiten, die geringere Belastungen haben.

Was bedeutet das für das Pflegerisiko? Hier finden wir interessanterweise ein sehr ähnliches Muster. Wir können zeigen, dass Menschen mit höheren Einkommen nicht nur länger leben, sondern auch länger gesund sind. Das bedeutet, dass ärmere Menschen, die oft eine hohe Berufsbelastung haben oder ArbeiterInnen sind, schneller zum Pflegefall werden.

Wie hoch ist das durchschnittliche Pflegerisiko ab dem Renteneintrittsalter? Das durchschnittliche Pflegerisiko liegt ungefähr bei 15 Prozent, wobei man hier differenzieren muss. Es gibt Menschen, die eine höhere Pflegestufe haben als andere, aber im Durchschnitt liegt das Risiko etwa bei 15 Prozent.

Inwieweit unterscheidet sich dieses Pflegerisiko zwischen Menschen mit höheren und niedrigeren Einkommen? Wir haben in der Studie gezeigt, dass sich die Zahl der Jahre ab dem Alter 65 bis eine Pflegebedürftigkeit besteht, sehr stark nach dem Einkommen unterscheidet. Bei Menschen mit einem höheren Einkommen besteht etwa fünf Jahre später das Risiko einer Pflegebedürftigkeit. Hier sehen wir bei Männern und bei Frauen in der Tendenz die gleichen Ergebnisse.

Welche Rolle spielen die Pflegekosten, von denen ärmere Personen ja stärker betroffen sind? Die Eigenbeiträge zur Pflege sind sehr hoch in Deutschland. Es gibt Schätzungen, dass für einen stationären Pflegeplatz ein Haushalt etwa 2 100 Euro pro Monat selber zahlen muss. Ob man das finanzieren kann, hängt natürlich sehr stark davon ab, wie hoch das eigene Einkommen ist, und dieses Risiko wird bisher nur zum Teil durch die sozialen Sicherungssysteme kompensiert.

Welche sozialpolitische Bedeutung haben Ihre Ergebnisse? Unsere Ergebnisse zeigen, dass Ungleichheit nicht nur im Einkommen dargestellt werden kann, sondern dass es auch in der Lebenserwartung und in Pflegewahrscheinlichkeit eine Ungleichheit gibt. Um diese Ungleichheit zu bekämpfen, brauchen wir sozialpolitische Maßnahmen, die das ausgleichen.

Wie könnten diese Maßnahmen aussehen? Der effektivste, aber auch langwierigste Ansatz ist, dass wir schon während der Erwerbsphase darauf achten, dass Menschen, die eine hohe Berufsbelastung haben, besser betreut werden und dass die Situation an den Arbeitsplätzen verbessert wird. Kurzfristig hingegen muss mehr Geld aus der Pflegeversicherung in das System fließen, und bei dem finanziellen Spielraum, den wir gerade haben, ist es wichtig, dass wir auch über eine Umverteilung innerhalb des Systems nachdenken. Zum Beispiel könnten die Beiträge aus der Pflegeversicherung zur Unterstützung der Haushalte einkommensabhängig gemacht werden. Das heißt, dass ärmere Haushalte einen höheren Beitrag aus der Pflegeversicherung bekommen als reichere Haushalte. Unsere Ergebnisse zeigen auch, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Pflegerisiko zu haben, für Menschen in der gesetzlichen Pflegeversicherung deutlich höher ist als für jene in der privaten Pflegeversicherung. Eine Möglichkeit, hier eine gerechtere Lösung zu finden, ist, über eine Bürgerversicherung nachzudenken, in der die private und die gesetzliche Versicherung zusammengebracht werden.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Peter Haan
Nicht nur Einkommen und Lebenserwartung, auch das Pflegerisiko ist sozial ungleich verteilt - Interview mit Peter Haan

Peter Haan

Abteilungsleiter in der Abteilung Staat



JEL-Classification: I10
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2021-44-2

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