Einkommensungleichheit in Deutschland sinkt in Krisenzeiten temporär

DIW Wochenbericht 46 / 2021, S. 755-761

Geraldine Dany-Knedlik, Alexander Kriwoluzky

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  • Studie untersucht auf Basis von SOEP- und Steuerdaten sowie dem Nettonationaleinkommen, wie sich Einkommensungleichheit konjunkturell bedingt verändert
  • Einkommensungleichheit in Deutschland erhöht sich temporär demnach in Aufschwüngen und verringert sich in Rezessionsphasen
  • Ursache ist, dass obere Einkommen in Aufschwüngen stärker gewinnen und in Rezessionen stärker verlieren als geringe Einkommen
  • Transferleistungen und Steuern verstärken Prozyklizität der Ungleichheit, diese verändert sich bei Nettoeinkommen stärker als bei Bruttoeinkommen
  • Dass Einkommensungleichheit in Rezessionen sinkt, ist auch Maßnahmen zur Stabilisierung geschuldet, die auf besonders betroffene Geringverdienende ausgerichtet sind

„Dass die Einkommensungleichheit in Rezessionen sinkt, ist politisch durchaus erwünscht und wirkt wohlfahrtsmaximierend. Inwieweit der Anstieg der Einkommensungleichheit während Boomphasen dafür in Kauf genommen werden muss, ist allerdings bislang unklar.“ Geraldine Dany-Knedlik

Erstmals untersucht die vorliegende Studie, wie sich die Einkommensungleichheit in Deutschland mit den Konjunkturzyklen in den vergangenen 40 Jahren verändert hat. Diese temporären Änderungen sind vor allem deswegen wichtig, weil sie entscheidend für eine wirksame und zielgerichtete Ausgestaltung struktureller Umverteilungsmaßnahmen und stabilisierender Wirtschaftspolitik sind. Es zeigt sich, dass die Einkommensungleichheit in Deutschland mit dem Konjunkturzyklus schwankt und zwar prozyklisch. So verringert sich die Brutto- sowie die Nettoeinkommensungleichheit während Wirtschaftskrisen und steigt während Erholungsphasen. Dies liegt vor allem daran, dass die prozentualen Einkommensverluste beziehungsweise -gewinne bei den zehn Prozent mit den höchsten Einkommen stärker ausfallen als bei Personen mit geringeren Einkommen. Stabilisierende wirtschaftspolitische Maßnahmen, die Einkommensverluste in Krisenzeiten abfedern wie das Kurzarbeitergeld, verstärken die Prozyklizität leicht und wirken in Krisenzeiten der Einkommensungleichheit entgegen. Die Prozyklizität der Einkommensungleichheit ist politisch also durchaus erwünscht und wirkt beispielsweise durch die Sozialversicherung von Geringverdienenden gegen negative Schocks wohlfahrtsmaximierend. Inwieweit der Anstieg der Einkommensungleichheit während Boomphasen dafür in Kauf genommen werden muss, ist allerdings bislang unklar.

Die Corona-Pandemie hat in Deutschland zu einer der tiefsten Rezessionen seit dem Zweiten Weltkrieg geführt. Neben den starken gesamtwirtschaftlichen Einbrüchen dürfte die Pandemie einige Haushalte, beispielweise mit Einkommen aus personennahen Dienstleistungen, wirtschaftlich härter getroffen haben als andere. Zum Teil haben die automatisch greifenden Stabilisatoren, wie die Arbeitslosenversicherung, aber auch zielgerichtete temporäre Wirtschaftshilfen, wie die Mehrwertsteuersenkung, die Hilfen für Selbstständige und das Kurzarbeitergeld, die Verluste von besonders betroffenen Haushalten abgemildert. Daneben hat der seit Mitte des vergangenen Jahres begonnene Aufschwung und die mittlerweile recht angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt im Niedriglohnbereich die Einkommen der geringer Qualifizierten aufgebessert.

Da Daten aus den einschlägigen Haushaltsumfragen, wie dem Sozioökonomischen Panel (SOEP)infoDas SOEP ist eine repräsentative jährliche Wiederholungsbefragung privater Haushalte, die seit 1984 in Westdeutschland und seit 1990 auch in Ostdeutschland durchgeführt wird; vgl. Jan Goebel et al. (2018): The German Socio-Economic Panel (SOEP). Journal of Economics and Statistics 239(29), 345–360, DOI: https://doi.org/10.1515/jbnst-2018-0022., nur mit einer gewissen Verzögerung erscheinen können, ist der Effekt der Corona-Pandemie auf die Einkommensverteilung noch nicht endgültig geklärt. Erste Auswertungen von Teilbefragungen des SOEP deuten darauf hin, dass die Einkommensungleichheit seit dem Jahr 2019 etwas zurückgegangen ist.infoVgl. Markus M. Grabka (2021): Einkommensungleichheit stagniert langfristig, sinkt aber während der Corona-Pandemie leicht. DIW Wochenbericht Nr. 18, 308–316 (online verfügbar, abgerufen am 2. November 2021. Dies gilt für alle Onlinequellen in diesem Bericht); Alexander S. Kritikos, Daniel Graeber und Johannes Seebauer (2020): Corona-Pandemie wird zur Krise für Selbständige. DIW aktuell Nr. 47 (online verfügbar). Inwieweit die Änderungen der Einkommensverteilung von Dauer sein werden oder sich im Zuge der wirtschaftlichen Erholung umkehren, ist bislang unklar. Diese Unterscheidung ist nicht nur durch die Corona-Krise für die Ausgestaltung der Wirtschaftspolitik und auch stabilisierender wirtschaftspolitischer Maßnahmen wichtig.

Im Folgenden wird nun untersucht, wie die Einkommensverteilung in Deutschland mit dem Konjunkturzyklus seit 1980 temporär schwankt. Um abzuschätzen, inwieweit wirtschaftspolitische Umverteilungsmaßnahmen die Schwankungen der Einkommensverteilung beeinflussen, wird die Brutto- mit der Nettoeinkommensverteilung verglichen.

Antizyklisch oder prozyklisch: Wie Rezessionen und Boomphasen die Einkommensungleichheit beeinflussen können

Bislang haben sich Forschungsarbeiten hauptsächlich auf die langfristige Entwicklung der Einkommensverteilung konzentriert.infoVgl. u.a. Anthony B. Atkinson und François Bourguignon (Hg.) (2014): Handbook of income distribution. Vol. 2. Elsevier, vgl. auch die dort zitierten Referenzen. Die Einkommensperzentile schwanken aber auch stark in der kurzen bis mittleren Frist, also von ungefähr zwei bis acht Jahren, wie eine DIW-Studie anhand von US-Daten gezeigt hat.infoGeraldine Dany-Knedlik, Alexander Kriwoluzky und Sandra Pasch (2021): Income Business Cycles. DIW Discussion Paper Nr. 1964 (online verfügbar); Geraldine Dany-Knedlik und Alexander Kriwoluzky (im Erscheinen): The income inequality cycle. DIW Discussion Paper. Rezessionen und Boomphasen führen zu temporären Einkommensgewinnen und -verlusten, die besonders arme und reiche Personen treffen. Beispielsweise werden geringqualifizierte Beschäftigte mit entsprechend niedrigerem Lohneinkommen in einer wirtschaftlichen Krise häufiger entlassen als höher Qualifizierte. Der Beschäftigungsaufbau für gering Qualifizierte ist im Gegenzug während Erholungsphasen entsprechend höher.infoVgl. Per Krusell et al. (2000): Capital-skill complementarity and inequality: A macroeconomic analysis. Econometrica 68.5, 1029–1053. Auch haben Personen mit sehr hohen Einkommen häufig einen großen Anteil an Vermögenseinkommen, so dass sie mit erheblichen Einkommensänderungen während Ab- und Aufschwüngen zu kämpfen haben, wenn die Finanzmärkte stark schwanken.

Wie die Einkommensungleichheit über den Konjunkturzyklus mittelfristig tatsächlich schwankt, war bislang unklar. Einerseits kann die Einkommensungleichheit während der Rezession steigen, wenn beispielsweise die relativen Einkommensverluste der Geringverdienenden höher sind als derjenigen mit mittlerem oder hohem Einkommen. Damit wäre die Einkommensungleichheit antizyklisch. Andererseits wäre auch eine prozyklische Entwicklung der Einkommensungleichheit möglich, wenn es im Verlauf des Konjunkturzyklus zu stärkeren Schwankungen in den oberen als in den unteren Einkommensdezilen kommt.

Bisherige empirische Arbeiten konzentrieren sich auf US-Daten und untersuchen ausgewählte Einkommenskomponenten. Einige Arbeiten belegen, dass Einkommensungleichheit antizyklisch mit der Konjunktur schwankt.infoVgl. Jonathan Heathcote, Fabrizio Perri und Giovanni L. Violante (2010): Unequal we stand: An empirical analysis of economic inequality in the United States, 1967–2006. Review of Economic dynamics 13.1, 15–51; Marianne Bitler und Hilary Hoynes (2015): Heterogeneity in the Impact of Economic Cycles and the Great Recession: Effects within and across the Income Distribution. American Economic Review 105.5, 154–160; Dirk Krueger et al. (2010): Cross-sectional facts for macroeconomists. Review of Economic dynamics 13.1, 1–14. Diese Studien kombinieren ein breites Spektrum unterschiedlicher Umfragedaten, um Erkenntnisse über die Entwicklung des Haushaltseinkommens zu gewinnen, zerlegen die Daten jedoch nicht explizit in Veränderungen, die nur vorübergehend und solche, die dauerhaft sind. Zudem sind Umfragedaten am oberen Ende der Einkommensverteilung nur bedingt aussagekräftig.infoVgl. Thomas Piketty und Emmanuel Saez (2003): Income inequality in the United States, 1913–1998. The Quarterly Journal of Economics 118.1, 1–41. Andere Studien, die teilweise auf Steuerdaten basieren, legen nahe, dass insbesondere die Einkommen reicher Personen zyklisch stark schwanken.infoVgl. Jonathan A. Parker und Annette Vissing-Jorgensen (2009): Who bears aggregate fluctuations and how?. American Economic Review 99.2, 399–405; Jonathan A. Parker und Annette Vissing-Jorgensen (2010): The increase in income cyclicality of high-income households and its relation to the rise in top income shares. National Bureau of Economic Research , Working Paper No. 16577. Diese Studien betonen, dass die kräftige Zyklizität bei den höchsten Einkommen nicht nur auf Kapital- oder Betriebseinkommen, sondern zu einem relevanten Teil auch auf Arbeitseinkommen wie Bonuszahlungen zurückzuführen ist.

Wie bei der langfristigen Entwicklung der Einkommensungleichheit dürften wirtschaftspolitische Maßnahmen auch die vorübergehende Entwicklung der Einkommensungleichheit beeinflussen. Es ist davon auszugehen, dass automatisch greifende Stabilisatoren, wie beispielsweise die Arbeitslosenversicherung, aber auch diskretionäre Wirtschaftshilfen nicht nur die gesamtwirtschaftlichen Schwankungen dämpfeninfoVgl. Alisdair McKay und Ricardo Reis (2016): The role of automatic stabilizers in the US business cycle. Econometrica, 84(1), 141–194., sondern zu temporären Verteilungseffekte führen. Umgekehrt gibt es innerhalb der Wissenschaft immer mehr Einigkeit darüber, dass Einkommens-, aber auch Vermögensverteilungen und damit auch deren Veränderungen die Wirkung von Geld- und Fiskalpolitik auf die Realwirtschaft beeinflussen. Beispielsweise werden fiskalpolitische konjunkturelle Hilfen von einkommensschwachen und einkommensstarken Personen unterschiedlich verwendet. Einkommensschwache Personen geben einen Großteil für den privaten Verbrauch aus. Personen mit höheren Einkommen sparen einen größeren Anteil des Mehreinkommens. So wirken Maßnahmen, die sich auf einkommensschwache Personen konzentrieren, besonders stabilisierend. Die Quantifizierung permanenter und temporärer Verteilungseffekte ist daher nicht zuletzt für eine zielgerichtete Ausgestaltung struktureller und stabilisierender Wirtschaftspolitik wichtig.

Zyklische Einkommensungleichheit in Deutschland

Im Folgenden wird die Einkommensverteilung in Deutschland, unterschieden nach permanenter und vorübergehender Komponente, betrachtet. Die Veränderungen der transitorischen Komponente werden dann für die unterschiedlichen konjunkturellen Phasen analysiert. Danach wird die Analyse für die Bruttoeinkommensverteilung wiederholt und mit den Resultaten der Nettoeinkommensverteilung verglichen, um abzuschätzen, inwieweit wirtschaftspolitische Maßnahmen die Einkommensverteilung beeinflussen.

Für die Analyse der deutschen Einkommensverteilung werden Daten aus der World Inequality Database (WID) verwendet. Diese Daten basieren auf Umfragedaten des SOEP sowie Steuerdaten deutscher Haushalte, die zur Korrektur der höheren Einkommensperzentile herangezogen werden. Sie werden um Komponenten des aggregierten Nettonationaleinkommens ergänzt und abgeglichen, so dass sie in Summe dieser makroökonomischen Kennzahl entsprechen (Kasten).infoVgl. Charlotte Bartels (2019): Top incomes in Germany, 1871–2014. Journal of Economic History 79.3, 669–707; Carsten Schröder et al. (2020): MillionärInnen unter dem Mikroskop: Datenlücke bei sehr hohen Vermögen geschlossen – Konzentration höher als bisher ausgewiesen. DIW Wochenbericht Nr. 29 (online verfügbar).

Die Daten aus der World Inequality Database (WID) enthalten zusätzlich zu SOEP-basierten Umfragedaten auch Steuerdaten deutscher Haushalte. Dies ist notwendig, da umfragebasierte Einkommensdaten aufgrund von geringer Partizipation der Haushalte mit sehr hohen Einkommen oder aufgrund von Anonymisierungsprozeduren oft nur einen schwachen Informationsgehalt am oberen Ende der Einkommensverteilung haben. Die daraus ermittelten Einkommen werden zudem mit Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR), im Speziellen mit dem Nettonationaleinkommen, kombiniert. So berücksichtigen diese Einkommen auch einbehaltene Gewinne, Umverteilungsmaßnahmen, die Steuerinzidenzen sowie Begünstigungen nicht individualisierter staatlicher Transfers wie Gesundheitsausgaben und Bildung.infoFür die Details zur Methode vgl. Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman (2018): Distributional national accounts: methods and estimates for the United States. The Quarterly Journal of Economics 133.2, 553–609. Dabei enthalten die Einkommen der Bruttoeinkommensverteilung Sozialversicherungsleistungen (aber keine Beiträge), schließen jedoch andere Formen der Umverteilung wie Einkommensteuer und Sozialhilfeleistungen aus. Hingegen umfassen Einkommen der Nettoeinkommensverteilung die Netto-Umverteilung in Sach- sowie Geldtransfers insgesamt. Die Kombination von Einkommensmikrodaten und makroökonomischen Größen der VGR ist gerade für die Erfassung der Umverteilungseffekte wichtig, die sich aus Steuererhebungen, Transfers und Sozialversicherungen, aber auch aus anderen nicht staatlich gelenkten Größen wie einbehaltenen Unternehmensgewinnen ergeben. Die Einkommen sind auf erwachsene Personen innerhalb eines Haushaltes gleichmäßig aufgeteilt und einheitlich preisbereinigt. Die Daten liegen jährlich von 1980 bis 2020 vor.infoEs ist zu beachten, dass der letzte Datenpunkt für das Jahr 2020 zurzeit auf Simulationen aus den Daten bis 2019 beruht.

Zur Erfassung der Einkommensungleichheit werden unterschiedliche Maße herangezogen. Um die Umverteilungseffekte innerhalb der Verteilung möglichst detailliert abzubilden, werden zum einen die Anteile der EinkommensdezileinfoDie Einkommensdezile werden gebildet, indem die EinkommensbezieherInnen nach der Höhe des Einkommens sortiert und in zehn gleich große Gruppen aufgeteilt werden. Diesen Dezilen wird dann ihr Anteil am Nationaleinkommen zugewiesen. am Gesamteinkommen errechnet. Diese zeigen, wieviel Prozent beispielsweise das obere Einkommensdezil am gesamtwirtschaftlichen Einkommen besitzt. Zusätzlich zu den Einkommensanteilen wird der Gini-Koeffizient als einer der am häufigsten verwendeten Ungleichheitsmaße analysiert.infoVgl. Glossareintrag „Gini-Koeffizient“ auf der Website des DIW Berlin. Der Bereich des Gini-Index liegt zwischen 0 und 1 (0 und 100 Prozent), wobei 0 für vollständige Gleichheit und 1 (100 Prozent) für maximale Ungleichheit steht.

Um die vorübergehende Einkommensungleichheit zu messen, werden die Anteile der Netto- und Bruttoeinkommensdezile sowie der Gini-Koeffizient mit Hilfe eines Filters in eine transitorische und eine permanente Komponente zerlegt.infoIn der Analyse wird der HP-Filter verwendet, der zurückgeht auf Robert J. Hodrick und Edward C. Prescott (1997): Postwar US business cycles: an empirical investigation. Journal of Money, Credit, and Banking, Vol 29, No 1, 1-16. Für eine ausführliche Beschreibung der Anwendung des HP-Filters auf Einkommensdaten vgl. Dany-Knedlik, Kriwoluzky und Pasch (2021), a.a.O.

Einkommensungleichheit in Deutschland sinkt in Rezessionsphasen

Werden die tatsächlichen Anteile der Nettoeinkommensdezile und die durch die Anwendung des Filters erzeugten entsprechenden TrendsinfoDas Niveau und der Verlauf können von Erhebungen aus den rein SOEP-basierten Daten aufgrund der Kombination der Mikrodaten mit den VGR-Größen abweichen. Vergleicht man Ergebnisse aus der SOEP-Studie (Grabka (2021), a.a.O.) mit der hier erstellten Analyse, ergeben sich vor allem Niveauunterschiede. Die Verläufe sind weitestgehend gleich, was von besonderer Bedeutung für diese Analyse ist, da der Fokus auf den transitorischen Komponenten liegt. betrachtet, ist auffällig, dass die Einkommen der oberen zehn Prozent tendenziell zunehmen und besonders stark seit Beginn der 2000er bis 2014 gestiegen sind, nämlich von ungefähr 24 auf 30 Prozent (Abbildung 1). Im gleichen Zeitraum sind die Anteile der unteren Einkommensdezile entsprechend gefallen, so dass auch die Ungleichheit zugenommen hat – der Gini-Koeffizient ist von 31 auf 37 Prozent gestiegen (Abbildung 2).infoVgl. Markus M. Grabka, Jan Goebel und Stefan Liebig (2019): Wiederanstieg der Einkommensungleichheit, aber auch deutlich steigende Realeinkommen. DIW Wochenbericht Nr. 19, 343–353 (online verfügbar). Wird betrachtet, wie die tatsächliche Entwicklung der Anteile und des Gini-Koeffizienten um die jeweiligen Trends fluktuieren, lassen sich bereits vorübergehende Schwankungen während Wirtschaftskrisen in den vergangenen 40 Jahren erkennen.

Bei Untersuchung der zyklischen Veränderungen ist deutlich zu sehen, dass die Anteile bei den einkommensstärksten zehn Prozent während Krisen sinken und in Boomphasen steigen (Abbildung 3). Hingegen nehmen die Anteile der restlichen Nettoeinkommensdezile in Rezessionen zu und sinken während wirtschaftlicher Erholungsphasen. Dabei sind diese Schwankungen in den oberen Dezilen ausgeprägter. Insgesamt schwankt die Nettoeinkommensungleichheit also prozyklisch mit der Konjunktur. So gleichen sich die Nettoeinkommen während Rezessionen etwas an und entwickeln sich in Boomphasen auseinander, da die Personen mit den höchsten Nettoeinkommen stärkere Verluste in Krisen beziehungsweise Gewinne in Erholungsphasen verzeichnen. Dies erhöht beziehungsweise senkt entsprechend den Anteil derjenigen mit niedrigeren Einkommen am Gesamteinkommen.infoDieser Zusammenhang erscheint etwas abgeschwächt seit dem Jahr 2013. Der temporäre Rückgang der Einkommensungleichheit dürfte auf die Erreichung der Nullzinsgrenze und die lockere Geldpolitik zurückzuführen sein, die wohl zu einer Verringerung der Einkommensungleichheit geführt hat. Vgl. Olivier Coibion et al. (2017): Innocent Bystanders? Monetary policy and inequality. Journal of Monetary Economics 88, 70–89.

Insgesamt sind die quantitativen Effekte eher gering. So verlieren die zehn Prozent der einkommensstärksten Personen während einer Wirtschaftskrise einen Anteil von im Schnitt 0,3 Prozentpunkten am Gesamteinkommen (Tabelle). Hingegen gewinnt das unterste Nettoeinkommensdezil einen Anteil von ungefähr 0,06 Prozentpunkten. Im Einklang mit den Ergebnissen der Anteile sinkt auch der Gini-Koeffizient in Wirtschaftskrisen (0,4 Prozentpunkte) und steigt in Erholungsphasen (0,15 Prozentpunkte pro Jahr). Dies ist besonders ausgeprägt für das Corona-Krisen-Jahr 2020. So ist die Nettoeinkommensungleichheit durch die Pandemie deutlich gesunken,infoVgl. Grabka (2021), a.a.O., 308–316; Andrew E. Clark, Conchita D'Ambrosio und Anthony Lepinteur (2021): The Fall in Income Inequality during COVID-19 in Four European Countries. Journal of Economic Inequality 19, 489–507; Vanda Almeida et al. (2021): The impact of COVID-19 on households’ income in the EU. Journal of Economic Inequality 19, 413–431. Es ist zu beachten, dass in den neusten EU-SILC-Erhebungen die Einkommensungleichheit zwar sprunghaft ansteigt. Dies liegt allerdings an der seit diesem Jahr geänderten Erhebungsmethode. dürfte im Zuge der anstehenden Erholung allerdings wieder ansteigen.

Tabelle: Durchschnittliche Anteilsänderungen der Einkommensdezile am Gesamteinkommen in Boom- und Rezessionsphasen

Durchschnittliche Abweichung vom Trend in Prozentpunkten pro Jahr

Rezessionen Boomphasen
Brutto Netto Differenz zwischen Netto und Brutto Brutto Netto Differenz zwischen Netto und Brutto
1. Dezil −0,001 0,057 0,057 0,000 −0,023 −0,024
2. Dezil 0,001 0,024 0,023 −0,001 −0,010 −0,010
3. Dezil 0,005 0,026 0,021 −0,002 −0,011 −0,009
4. Dezil 0,016 0,033 0,017 −0,006 −0,014 −0,007
5. Dezil 0,029 0,037 0,007 −0,012 −0,015 −0,003
6. Dezil 0,029 0,035 0,006 −0,012 −0,014 −0,002
7. Dezil 0,043 0,039 −0,004 −0,018 −0,016 0,002
8. Dezil 0,056 0,047 −0,009 −0,023 −0,019 0,004
9. Dezil 0,032 0,026 −0,006 −0,013 −0,011 0,002
10. Dezil −0,210 −0,324 −0,114 0,087 0,134 0,047
Gini −0,159 −0,362 −0,202 0,066 0,150 0,084

Anmerkung: Abweichungen in der Differenz ergeben sich aus Rundungen in den dritten Nachkommastellen.

Quelle: WID, eigene Berechnungen.

In Krisen gleichen sich Nettoeinkommen stärker als Bruttoeinkommen an

Nun stellt sich die Frage, ob diese Prozyklizität ebenfalls für die Bruttoeinkommensungleichheit beobachtbar ist, also vor Steuern und Abgaben, aber auch vor staatlichen Transfers, die der Ungleichheit entgegenwirken können. Daraus lässt sich ablesen, inwieweit das Abgaben-, Steuer- und Transfersystem die Schwankungen verstärkt oder mildert.

Die Anteile der Bruttoeinkommensdezile und die entsprechenden Gini-Koeffizienten verändern sich zyklisch sehr ähnlich wie bei den Nettoeinkommen und zwar ebenfalls prozyklisch (Abbildung 4). Vergleicht man die durchschnittlichen Schwankungen der Brutto- sowie Nettoeinkommensungleichheitsmaße während Krisen, zeigt sich, dass fast alle Einkommensdezile brutto Anteile dazugewinnen. Lediglich das unterste und das oberste Einkommensdezil verlieren Anteile (Tabelle). Bei den Nettoeinkommen verlieren hingegen nur die zehn Prozent der einkommensstärksten Personen Anteile an die restlichen Personen. Stabilisierende wirtschaftspolitische Maßnahmen wirken also der Ungleichheit entgegen, vor allem stärken diese die unteren Einkommensgruppen. Betrachtet man die Differenz zwischen den durchschnittlichen Brutto- und Nettoänderungen während Rezessionen, zeigt sich, dass die unteren sechs Einkommensdezile durch wirtschaftspolitische Umverteilungseffekte Anteile gewinnen, vor allem die untersten Dezile. Die oberen Einkommensdezile verlieren hingegen Anteile, insbesondere das oberste Dezil. Der Gini-Koeffizient für die Bruttoeinkommensverteilung fällt in Rezessionen weniger als für die Nettoeinkommensverteilung, das heißt, die Nettoeinkommensungleichheit sinkt stärker als die Bruttoeinkommensungleichheit.

In Erholungsphasen dreht sich das Bild um: Die unteren Einkommensdezile verlieren netto Anteile, das oberste Einkommensdezil gewinnt Anteile hinzu – und zwar netto mehr als brutto. Der Gini steigt in Erholungsphasen für die Nettoeinkommensverteilung stärker als für die Bruttoeinkommensverteilung.

Fazit: Stabilisierende Wirtschaftspolitik stützt Prozyklizität der Einkommensungleichheit

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen zwei Dinge zum ersten Mal mit empirischer Evidenz: Zum einen schwankt die Nettoeinkommensungleichheit in Deutschland prozyklisch. Sie verringert sich während Wirtschaftskrisen und steigt im Zuge von Erholungsphasen an. Dies liegt vor allem an relativ starken Einkommensverlusten und -gewinnen der zehn Prozent mit den höchsten Einkommen. Zum anderen ist diese Prozyklizität bei den Nettoeinkommen ausgeprägter als bei den Bruttoeinkommen: Wirtschaftspolitische Maßnahmen haben also einen Effekt auf die temporäre Einkommensungleichheit. So gewinnen die unteren Einkommensdezile in Rezessionen netto mehr dazu als brutto, und die Anteilsverluste des obersten Einkommensdezil sind netto noch etwas ausgeprägter als bei den Bruttoeinkommen. Auch während der Corona-Krise ist die Nettoeinkommensungleichheit noch einmal deutlich gesunken. Gemäß der Ergebnisse dieses Berichts dürfte die Einkommensungleicheit vorübergehend um rund einen Prozentpunkt gefallen sein.

Dass die Einkommensungleichheit während Rezessionen sinkt, ist nicht zuletzt auch den Umverteilungseffekten der automatisch greifenden fiskalpolitischen Stabilisatoren, wie der Arbeitslosenversicherung, und der diskretionären Maßnahmen, wie dem Kurzarbeitergeld, in der Pandemie geschuldet. Viele dieser Maßnahmen sind darauf ausgerichtet, vor allem die Einkommen der Geringverdienenden zu stabilisieren. So gesehen ist die Prozyklizität zum Teil sogar durch wirtschaftspolitische Maßnahmen verursacht und auch erwünscht.infoVgl. Anmol Bhandari et al. (2021): Inequality, business cycles, and monetary-fiscal policy. Econometrica 89(6), 2559–2599. Allerdings ist bislang noch unklar, inwieweit Steigerungen der Einkommensungleichheit in Boomphasen dafür in Kauf genommen werden müssen.

Alexander Kriwoluzky

Abteilungsleiter in der Abteilung Makroökonomie

Geraldine Dany-Knedlik

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Makroökonomie



JEL-Classification: E01;E32;D31
Keywords: income inequality, business cycle, German economy
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2021-46-1

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