Die sinkende Ungleichheit in Krisenzeiten ist zum Teil politisch erwünscht: Interview

DIW Wochenbericht 46 / 2021, S. 762

Geraldine Dany-Knedlik, Erich Wittenberg

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Frau Dany-Knedlik, Sie haben untersucht, wie die Einkommensungleichheit in Deutschland mit dem Konjunkturzyklus seit 1980 schwankt. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen? Bei unserer Untersuchung, in der wir die zyklischen Änderungen der Einkommensverteilung mit den Konjunkturzyklen, also Rezessions- und Boomphasen verglichen haben, ist herausgekommen, dass die Haushaltsnettoeinkommen mit den Konjunkturzyklen schwanken und zwar über alle Einkommensdezile hinweg. Das betrifft die armen Haushalte ebenso wie die mittleren und reichen Haushalte. Dabei schwankt die Einkommensungleichheit prozyklisch. Das heißt, die Ungleichheit sinkt in Krisen und steigt in Boomphasen.

Wie ist das zu erklären? Das ist dadurch zu erklären, dass die unteren Einkommen in einer Rezession relativ gesehen weniger verlieren als die sehr reichen Haushalte.

Das heißt also, die oberen Einkommensgruppen haben größere Verluste, aber auch größere Gewinne, je nachdem ob die Konjunktur sinkt oder steigt? Genau. Zur Veranschaulichung kann man sich vorstellen, dass unsere Ökonomie aus einem reichen und einem armen Haushalt besteht. Wenn in diesem Beispiel der reiche Haushalt in einer Rezession 60 Prozent seines Einkommens verliert und der arme 40 Prozent, dann sinkt die Ungleichheit, weil sich die Einkommen annähern. Aber es ist natürlich auch so, dass für den armen Haushalt ein Einkommensverlust von 40 Prozent seines Vorkriseneinkommens viel wohlfahrtsminimierender ist als für den einkommensstarken Haushalt, der auf 60 Prozent seines Einkommens verzichten muss.

Inwieweit werden diese zyklischen Schwankungen der Einkommensungleichheit von wirtschaftspolitischen Maßnahmen beeinflusst? Bei dem Befund, dass die Nettoeinkommensverteilung in Deutschland prozyklisch verläuft, stellt sich die Frage, inwieweit ist das durch die wirtschaftspolitische Einkommensumverteilung getragen wird, zum Beispiel durch Sozialversicherungen, längerfristige Umverteilungsmaßnahmen oder Konjunkturhilfen, die während der Krisen gewährt wurden. Dazu haben wir uns noch einmal angeschaut, wie die zyklische Bruttoeinkommensverteilung aussieht. Dabei zeigt sich, dass die wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Prozyklizität verstärken. Das heißt, die Ungleichheit sinkt auch für die Bruttoeinkommen in Deutschland, allerdings weniger stark als bei den Nettoeinkommen.

Wie groß ist der Effekt im Corona-Krisenjahr 2020? Nach unseren Ergebnissen ist auch während der Corona-Krise die Ungleichheit gesunken. Das zeigt sich unter anderem am Gini-Koeffizienten als generellem Ungleichheitsmaß. Dieser Gini-Koeffizient ist während das Corona-Jahrs 2020 nach unseren Abschätzungen um knapp einen Prozentpunkt gefallen, was eine sinkende Ungleichheit bedeutet.

Welche wirtschaftspolitische Bedeutung haben Ihre Ergebnisse? Die Prozyklizität der Einkommensungleichheit wird ja zum Teil durch politische Maßnahmen direkt bedingt, zum Beispiel durch die Arbeitslosenversicherung oder Konjunkturhilfen. Dadurch werden insbesondere die unteren Einkommensdezile gestärkt und in der Folge die Einkommensungleichheit vermindert. So gesehen ist diese Prozyklizität in Krisen politisch erwünscht. Umgekehrt bedeutet Prozyklizität in Boomphasen, dass die Ungleichheit steigt. Die Frage ist, inwieweit man diese steigende Ungleichheit in Boomphasen für die Senkung der Ungleichheit in Krisen in Kauf nehmen muss. Das ist jedoch noch nicht abschließend erforscht.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Geraldine Dany-Knedlik
Die sinkende Ungleichheit in Krisenzeiten ist zum Teil politisch erwünscht - Interview mit Geraldine Dany-Knedlik

Geraldine Dany-Knedlik

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Makroökonomie

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