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Eine migrationsfreundlichere Gesellschaft durch den Generationenwandel? Kohortenanalysen für Ost- und Westdeutschland

Referierte Aufsätze Web of Science

Katja Schmidt

In: Soziale Welt 73 (2022), 4, S. 639-679

Abstract

Die vorliegende Untersuchung analysiert die Wirkkraft des Generationenaustauschs auf das Meinungsklima zu Zugewanderten in Ost- und Westdeutschland. Theoretisch basiert der Beitrag auf Mannheims Generationen-theorie sowie auf gruppenkonflikttheoretischen Ansätzen und der Kontakthypo-these. Empirische Grundlage für die Kohortenanalysen bietet die theoretisch begründete Generationeneinteilung für die ost- und westdeutschen Geburtskohorten zwischen 1908 und 1999. Basierend auf den Daten des European Social Survey(ESS) von 2002 bis 2018 kann die These verworfen werden, dass der Prozess der Generationenablösung in Deutschland zu einem stetig toleranter und offener werdenden Meinungsklima zu Zugewanderten führen werde. Vielmehr ist ein Generationenverlauf zu beobachten, der nicht linear verläuft, sondern schwankend. So weisen die jüngsten Generationen in Westdeutschland wieder negativere Haltungen zu Zugewanderten auf als die in den 1970er Jahren sozialisierte Generation der frühen Babyboomer, die wiederum deutlich zuwandererfreundlicher ist als die älteste Kriegsgeneration. Im Osten hingegen sind im gesamten Generationenverlauf im Ver-gleich zur Kriegsgeneration keine signifikanten Einstellungsänderungen zu beobachten. Des Weiteren verweisen die Befunde der Panelanalyse auf Kohortenebene auf eine gewisse Stabilität der Einstellungen innerhalb der Generationen bei sich verändern der Bedrohungsfaktoren auf der Kontextebene. Weder Veränderungen der Arbeitslosenquote noch des Anteils an Personen mit Migrationshintergrund führen im Beobachtungszeitraum zu Einstellungsänderungen. Einzig der Anstieg an Schutzsuchenden führt zu etwas restriktiveren Haltungen zu Zugewanderten innerhalb der Generationen.

This study analyses the impact of generational replacement on the climate of opinion toward immigrants in East and West Germany. Theoretically, the paper is based on Mannheim's generation theory as well as on group conflict theoretical approaches and the contact hypothesis. The empirical basis is provided by the theoretically derived division into generations for the East and West German birth cohorts between 1908 and 1999. Based on data from the European Social Survey (ESS) from 2002 to 2018, the thesis that the process of generational replacement in Germany will lead to a continuously more tolerant and open climate of opinion toward immigrants can be rejected. Rather, a generational pattern can be observed that is not linear but fluctuates. For example, the youngest generations in West Germany again hold more negative attitudes toward immigrants than the generation of early Babyboomers socialized in the 1970s, which in turn is significantly more immigrant- friendly than the oldest Wartime-generation. In the East, on the other hand, no significant changes in attitudes can be observed throughout the generations, when compared to the wartime generation. Furthermore, the findings of the panel analysis at the cohort level point to a certain stability of attitudes within generations in the face of changing threat mechanisms at the context level. Only the increase in the number of asylum seekers during the observation period leads to more negative attitudes toward immigrants within the generations.



Keywords: Einstellungen zu Zuwanderern, Kontakthypothese, Gruppenkonflikttheorie, Sozialisation, Zuwanderung
DOI:
https://doi.org/10.5771/0038-6073-2022-4-639

Frei zugängliche Version: (econstor)
http://hdl.handle.net/10419/280898

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