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Schuldenstreit vorbei, aber: US-Wirtschaft fällt als weltweiter Konjunkturmotor vorerst aus: Kommentar

DIW Wochenbericht 25 / 2023, S. 350

Guido Baldi

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Die US-amerikanischen Politiker*innen haben es wieder einmal spannend gemacht. Wie schon so oft in der Vergangenheit haben sie sich erst nach monatelangen Verhandlungen auf eine erneute Anhebung der Schuldenobergrenze geeinigt. Als Kompromiss wurden Ausgabenkürzungen etwa bei Sozialleistungen vereinbart. Dies dürfte die konjunkturelle Entwicklung in den Vereinigten Staaten etwas dämpfen. Dabei kühlt sich die US-Wirtschaft ohnehin schon ab. Hohe Inflation, die gestiegenen Zinsen und die Probleme im Bankensektor werden wohl dazu führen, dass das Bruttoinlandsprodukt in der zweiten Jahreshälfte stagnieren oder sogar etwas schrumpfen wird. Mit den geplanten Ausgabenkürzungen wird das sogar noch wahrscheinlicher.

Für die Weltwirtschaft kommt diese Entwicklung in den USA zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Auch andere mögliche Konjunkturmotoren fallen nämlich aus. Der Euroraum hat zwar die Energiepreiskrise deutlich besser gemeistert als noch vor einem Jahr befürchtet. Aber die Volkswirtschaften im Euroraum sind dennoch geschwächt. Die Wachstumseinbußen aus Pandemie und Energiekrise sind beträchtlich. Insbesondere die deutsche Wirtschaft schwächelt nicht erst seit der Energiekrise. So ist etwa das Bruttoinlandsprodukt heute niedriger als direkt vor dem Ausbruch der Pandemie, während die meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften wenigstens das Niveau von vor der Pandemie wieder überschritten haben.

Auch China wird die Rolle als Zugpferd für die Weltwirtschaft nur sehr eingeschränkt einnehmen. Nach der Finanzkrise hatten umfangreiche Konjunkturpakete nicht nur die einheimische Wirtschaft, sondern auch die Weltwirtschaft und insbesondere die deutsche Exportwirtschaft stimuliert. Nach der Aufhebung der Zero-Covid-Politik im vergangenen Dezember belebt sich nun die chinesische Wirtschaft zwar deutlich, aber letztlich wohl zu wenig kräftig, um als Zugpferd für die Weltwirtschaft zu dienen.

Die Konstellation einer Wachstumsschwäche in den drei großen Wirtschaftsräumen wird dazu führen, dass die Weltwirtschaft dieses Jahr zwar solide, aber ohne großen Schwung zulegen wird. Ohnehin ächzen die Menschen und Unternehmen vielerorts unter einer erhöhten Inflation und gestiegenen Zinsen. Und auch in den kommenden Jahren ist zumindest von China und vom Euroraum kein kräftiger Wachstumsimpuls für die Welt zu erwarten. Wir wissen schon länger, dass das Potenzialwachstum in diesen zwei Wirtschaftsräumen in der Zukunft niedriger sein dürfte als bislang. Dämpfend wirken Faktoren wie die Alterung der Bevölkerung, ein niedriges Produktivitätswachstum oder hohe Schulden. Die geopolitischen Spannungen führen nun zu weiteren Kosten und Unsicherheiten.

Am ehesten ist mittelfristig die Rolle des Wachstumsmotors trotz aller Probleme noch der US-Wirtschaft zuzutrauen. Ein Blick zurück zeigt, dass sie Krisen oft schneller verdaut als etwa europäische Volkswirtschaften. Die US-Wirtschaft hat sowohl die Finanzkrise als auch die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie rascher überwunden als viele europäische Volkswirtschaften. Amerikanische Unternehmen geben im Durchschnitt mehr für Forschung und Entwicklung aus als beispielsweise Unternehmen in Europa. Und vor allem sind sie besonders erfolgreich darin, den technologischen Fortschritt in Produkte umzusetzen, die am Markt erfolgreich sind. Jüngstes Beispiel im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz ist etwa ChatGPT. Zudem haben die USA für Investitionen in die Energiewende oder die Infrastruktur unter Präsident Biden beträchtliche finanzielle Mittel für die kommenden Jahre bereitgestellt. Die Chancen stehen also trotz politischer Polarisierung und einer hohen Ungleichheit gut, dass die US-Wirtschaft mittelfristig robust zulegen wird und auch als Motor für die Weltwirtschaft dient. Eine starke US-Wirtschaft würde gerade den europäischen Volkswirtschaften und somit auch Deutschland etwas helfen, nach der Doppelkrise aus Pandemie und hohen Energiepreisen schneller wieder auf die Beine zu kommen.

Guido Baldi

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Makroökonomie

Themen: Konjunktur, Europa

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