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Lokaler Arbeitsmarkt beeinflusst die Berufschancen von Geflüchteten

DIW Wochenbericht 30/31 / 2023, S. 413-421

Marvin Bürmann, Dorian Tsolak, Jan Goebel, Simon Kühne

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  • Studie untersucht die Chancen von Geflüchteten mit Wohnsitzauflage, eine Anstellung in dem im Herkunftsland zuletzt ausgeübten Beruf zu finden
  • Erstmals werden Daten der Geflüchtetenbefragung und der Beschäftigungsstatistik ausgewertet, um Einfluss der lokalen Arbeitsmärkte auf die Erwerbstätigkeit und berufliche Übereinstimmung zu bestimmen
  • Eine geringe lokale Arbeitslosigkeit und eine deutschlandweit starke Nachfrage nach den Berufen erleichtern Geflüchteten, eine Anstellung in ihren zuvor ausgeübten Berufen zu finden
  • Geflüchtete mit Berufserfahrung sollten nicht nach dem Königsteiner Schlüssel verteilt werden, da er die Aufnahmefähigkeit lokaler Arbeitsmärkte nicht berücksichtigt
  • Lokale Arbeitsmarktlagen sollten bei der bundesweiten Verteilung berücksichtigt werden, um die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten zu verbessern

„Eine Verteilung der Geflüchteten, die die Situation am lokalen Arbeitsmarkt berücksichtigt, würde ihre Erwerbschancen erleichtern und wäre auch für die Arbeitsmarktsituation vor Ort von Vorteil, weil die Kompetenzen der Zugewanderten gezielter eingesetzt werden könnten.“ Jan Goebel

Geflüchtete in Deutschland müssen etliche Hürden überwinden, um eine Anstellung zu finden. Ein Grund dafür ist die Verteilung der Geflüchteten nach dem Königsteiner Schlüssel, der die Arbeitsmarktsituation in den Kreisen und Städten nicht berücksichtigt. Dieser Wochenbericht betrachtet die Rolle der lokalen Arbeitsmarktsituation für die Erwerbsaussichten von Geflüchteten mit ausländischer Berufserfahrung und einer Wohnsitzauflage. Die gute Nachricht lautet: Mehr Menschen, die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland geflüchtet sind, haben zwischen 2017 und 2019 eine Erwerbstätigkeit gefunden. Dabei nahm aber der Anteil derjenigen ab, die in dem Beruf arbeiten, den sie zuvor in ihrem Herkunftsland ausgeübt haben. Die Analysen verdeutlichen, dass insbesondere die lokalen Arbeitslosenquoten einen signifikanten Einfluss auf die Beschäftigungsaussichten haben. Bei hoher Arbeitslosigkeit sind sowohl die generellen Erwerbschancen als auch die Chancen auf eine Wiederbeschäftigung in dem vorherigen Beruf geringer. Die Ergebnisse legen nahe, dass eine gezieltere Verteilung von Geflüchteten unter Berücksichtigung der Aufnahmefähigkeit lokaler Arbeitsmärkte nicht nur einen positiven Einfluss auf die Integration in den Arbeitsmarkt, sondern auch einen positiven Einfluss auf die Fortführung ihrer früheren Beschäftigungen haben dürfte.

Die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten gilt als ein zentraler Baustein struktureller Integration von Migrant*innen und ist insbesondere seit dem Anstieg der Geflüchtetenzahlen aus dem Nahen Osten seit 2013 andauernder Bestandteil öffentlicher Debatten. Neben den bekannten Hürden für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration, wie geringe Deutschkenntnisse insbesondere nach der Flucht, rückt regelmäßig die regionale Verteilung von Geflüchteten in den Fokus.infoDieser Bericht fokussiert auf die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten, ohne hierbei im Detail betriebliche Prozesse zu untersuchen (siehe hierzu Alexander S. Kritikos et al. (2023): Unternehmen leisten einen wesentlichen Beitrag zur Integration Geflüchteter in Deutschland. DIW Wochenbericht 20/2022, S. 287–294. DIW/Berlin. Online verfügbar, abgerufen am 20.07.2023. Dies gilt für alle Onlinequellen in diesem Bericht, sofern nicht anders vermerkt). Dieser Fokus soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch andere Faktoren wie die Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraumvon Bedeutung sind. Siehe hierzu: Herbert Brücker et al. (2022): Ein Vorschlag zur Verteilung von Geflüchteten aus der Ukraine (No. 5). IAB-Forschungsbericht. Geregelt wird die regionale Verteilung in Deutschland über den Königsteiner Schlüssel. Ursprünglich zur Regelung der finanziellen Förderung überregionaler Forschungseinrichtungen verabschiedet,infoDeutscher Bundestag, 2020: Verteilungsschlüssel bei Bund-Länder-Finanzierungen, Sachstand WD 4 -3000 -118/20. (online verfügbar). wird er heute auch für die regionale Verteilung von Geflüchteten angewendet. Der Verteilungsschlüssel bezieht sich auf die Bundesländer und entspricht annähernd den Bevölkerungsanteilen der Länder. Er berücksichtigt zwar auch das Steueraufkommen der Länder, allerdings nach dem Finanzausgleich. Daher spielt die Wirtschaftskraft letztlich kaum eine Rolle.infoEine detaillierte Darstellung der Berechnung findet sich in Marco Schmandt et al. (2023): Königsteiner Schlüssel verteilt Gelder und Aufgaben zwischen Bundesländern kaum nach Wirtschaftskraft. DIW Wochenbericht 18/2023, S. 203-209. DIW/Berlin. Online verfügbar. Über den Königsteiner Schlüssel werden Geflüchtete zunächst auf Bundesländer verteilt,infoDas Bundesamt für Migration und Flüchtlinge setzt hierbei auf das EASY-System „Erstverteilung der Asylsuchenden“ (online verfügbar). in denen die Geflüchteten wiederum häufig nach Einwohner*innenzahlen auf die Kreise und kreisfreien Städte verteilt werden.infoEva Degler und Thomas Liebig (2017): Finding Their Way – Labour Market Integration of Refugees in Germany. OECD. Nach der regionalen Zuweisung müssen die Geflüchteten auch nach dem Anerkennen des Asyls üblicherweise an dem Ort bleiben (Wohnsitzauflage).

Geflüchtete mit einer Wohnsitzauflage können umziehen, wenn sie einen Job in einer anderen Region gefunden haben. Ein Umzug in eine Region mit besseren Erwerbsaussichten ohne Jobzusage ist nicht vorgesehen. Diese Bindung an den zugewiesenen Arbeitsmarkt schränkt die Beschäftigungschancen für Geflüchtete ein.infoHerbert Brücker, Andreas Hauptmann und Philipp Jaschke. (2020): Beschränkungen der Wohnortwahl für anerkannte Geflüchtete: Wohnsitzauflagen reduzieren die Chancen auf Arbeitsmarktintegration. Nürnberg: IAB-Kurzbericht. Aufgrund regionaler Unterschiede im Arbeitsmarkt können sich die Erwerbschancen darüber hinaus deutlich zwischen den Regionen unterscheiden. So konnte für Schweden gezeigt werden, dass Geflüchtete auch Jahre nachdem sie Regionen mit weniger Arbeitskräftenachfrage zugewiesen worden waren, geringere Erwerbschancen haben.infoOlof Aslund, John Östh und Yves Zenou (2010): How Important Is Access to Jobs? Old Question—Improved Answer. Journal of Economic Geography 10: 389–422. Und auch Analysen für die seit 2022 nach Deutschland geflüchteten Ukrainer*innen zeigen, dass eine regionale Verteilung nach Aufnahmefähigkeit der regionalen Arbeitsmärkte, die Erwerbschancen deutlich erhöhen würde.infoBrücker et al. (2022), a.a.O.

Der Bericht knüpft an diese Erkenntnisse an und erweitert die Diskussion zu den Auswirkungen lokaler Arbeitsmärkte auf die Erwerbschancen von Geflüchteten um eine weitere Dimension: die Übereinstimmung zwischen dem Beruf in Deutschland und dem im Herkunftsland ausgeübten Beruf.infoDie deskriptiven Ergebnisse wurden exklusiv für diesen Bericht angefertigt. Die Ergebnisse der Regressionsanalysen (Tabelle 5 und 6) sind einer wissenschaftlichen Fachveröffentlichung der Autoren Dorian Tsolak und Marvin Bürmann dieses Berichts entnommen: Dorian Tsolak und Marvin Bürmann (2023): Making the Match: The Importance of Local Labor Markets for the Employment Prospects of Refugees. Social Sciences, 12(6), 339. So ist zwar bekannt, dass der Großteil, der zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland geflüchteten Personen im Herkunftsland erwerbstätig war,infoElisabeth Liebau und Zerrin Salikutluk (2016): Viele Geflüchtete brachten Berufserfahrung mit, aber nur ein Teil einen Berufsabschluss. DIW-Wochenbericht 83: 732–40 (online verfügbar).Marvin Bürmann et al. (2018): Beschäftigung und Bildungsinvestitionen von Geflüchteten in Deutschland. DIW Wochenbericht, 85(42), pp. 919–928 (online verfügbar). quantitative Analysen zu der Relevanz lokaler Arbeitsmärkte für die Wiedererreichung der vorherigen Beschäftigung existieren allerdings nicht. Die Vorteile einer solchen Beschäftigung liegen auf der Hand, denn im Vergleich zu einer fachfremden Beschäftigung dürften Geflüchtete bereits erworbene berufliche Handlungskompetenzen in diesen Berufen deutlich besser einbringen können. Davon würden auch Arbeitgeber profitieren, sodass berufliche Übereinstimmungen nicht nur aus Perspektive der Geflüchteten,infoRoland Verwiebe (2019): Finding your way into employment against all odds? Successful job search of refugees in Austria. Journal of Ethnic and Migration Studies, 45(9), pp. 1401–1418. sondern auch aus gesamtwirtschaftlicher und -gesellschaftlicher Perspektive erstrebenswert sind.

Erwerbsquoten Geflüchteter steigen – aber weniger finden Anstellung in ihrem Beruf

Von den Geflüchteten, die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland kamen, war mehr als die Hälfte (zwischen 56 und 63 Prozent) in ihrem Herkunftsland erwerbstätig (Tabelle 1). Bei diesen Geflüchteten stieg die Erwerbsquote von 21 Prozent im Jahr 2017 auf 44 Prozent im Jahr 2019.infoDiese Quote ist nicht direkt vergleichbar mit ähnlichen Analysen wie beispielsweise jener von Kosyakova und Kolleg*innen (2021), bei der etwa 50 Prozent der Geflüchteten nach mindestens fünf Jahren in Deutschland erwerbstätig sind. Die Quote ist im vorliegenden Bericht etwas geringer, weil zum Beispiel in einer beruflichen Ausbildung befindliche Personen aus der Analyse ausgeschlossen sind. Dies ist notwendig, um die Übereinstimmung der vorherigen mit der aktuellen Tätigkeit der Personen adäquat bestimmen zu können. Die hier dargestellte Erwerbstätigkeitsquote bezieht sich auf Geflüchtete, die das Sozio-ökonomische-Panel in Voll- oder Teilzeit oder in geringfügiger Beschäftigung tätig auflistet im Vergleich zu den als arbeitslos Gemeldeten.Yuliya Kosyakova et al. (2021): Arbeitsmarktintegration in Deutschland: Geflüchtete Frauen müssen viele Hindernisse überwinden (No. 08/2021). IAB-Kurzbericht. In der Vergleichsgruppe der Geflüchteten ohne Erwerbstätigkeit im Herkunftsland steigt zwar ebenfalls die Quote, allerdings auf deutlich niedrigerem Niveau von elf Prozent 2017 auf 27 Prozent im Jahr 2019. Dies spricht dafür, dass eine vorherige Beschäftigung und die damit bereits vorliegende Arbeitsmarkterfahrung die Aufnahme einer Beschäftigung in Deutschland erleichtert.

Tabelle 1: Erwerbsquoten und berufliche Übereinstimmung bei Geflüchteten zwischen 2017 und 2019

In Prozent

2017 2018 2019
Alle 18–65 5,433 4,260 3,610
davon: im Herkunftsland nicht erwerbstätig gewesena 37 42 44
davon: in DE erwerbstätigb 11 22 27
davon: im Herkunftsland erwerbstätig gewesena 63 58 56
davon: in DE erwerbstätigb 21 35 44
davon: in DE vorherige Berufsgruppe wiedererlangtc 14 12 11

Anmerkungen: a) Informationen zur Kldb 2010 liegen vor, b) Voll-, Teilzeit sowie geringfügige Beschäftigung versus arbeitslos, c) weitere Informationen siehe „Daten und Methoden“, Stichprobe: zwischen 18 und 65 Jahren alt und aus Drittstaaten außerhalb der Europäischen Union zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland eingereist.

Quelle: SOEP v36.1, eigene Berechnungen, gewichtet.

Steigende Erwerbsquoten sprechen zwar für eine quantitative Zunahme der Beschäftigung unter Geflüchteten und einer zunehmenden strukturellen Integration in den Arbeitsmarkt, erlauben aber keine Aussagen über die qualitativen Dimensionen der Beschäftigung. Da mehr als die Hälfte der Geflüchteten Berufserfahrung haben, konzentriert sich diese Analyse darauf, ob die in Deutschland aufgenommene Beschäftigung der letzten Tätigkeit im Herkunftsland entspricht. Im Gegensatz zu den steigenden Erwerbsquoten zeigt sich, dass der Anteil derjenigen, die in ihre vorherige Berufsgruppe zurückkehren konnten, nicht in demselben Maße zugenommen hat wie die Beschäftigungsquote insgesamt. Tatsächlich war dieser Anteil sogar leicht rückläufig, obwohl die Erwerbstätigkeit der Geflüchteten zunahm. Im Jahr 2017 gelang es noch 14 Prozent der erwerbstätigen Geflüchteten, ihren vorherigen Beruf wieder aufzunehmen, während der Anteil 2019 auf elf Prozent gesunken ist. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine längere Aufenthaltsdauer in Deutschland zwar die Wahrscheinlichkeit erhöht, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, aber nicht die Wahrscheinlichkeit, im vorherigen Beruf beschäftigt zu sein.

Geflüchtete aus technischen und handwerklichen Berufen finden häufiger auch in Deutschland einen derartigen Job

Die wenigsten Geflüchteten arbeiten in Deutschland also in dem im Herkunftsland ausgeübten Beruf. Bei den in den Herkunftsländern am häufigsten ausgeübten BerufsgruppeninfoBei den im weiteren Verlauf „Berufsgruppen“ genannten Gruppen handelt es sich um die sogenannten „Berufshauptgruppen“ der Klassifikation der Berufe 2010 (2-Steller der KldB 2010), während es sich bei den „Berufen“ in diesem Bericht um die „Berufsgruppen“ (3-Steller der KldB 2010). Für weitere Informationen siehe „Daten und Methoden“. lassen sich jedoch deutliche Unterschiede feststellen: Fünf der sechs häufigsten Berufsgruppen weisen leicht bis deutlich unterdurchschnittlicheinfoAus allen Befragungen der Geflüchteten aus den Jahren 2013 bis 2016 ergibt sich die mittlere Übereinstimmungsquote 12,0 Prozent (gewichtet). Für die letzte beobachtete Erwerbstätigkeit beträgt sie 10,5 Prozent (gewichtet). Die Lebensmittelberufe weisen daher mit 10,0 eine leicht unterdurchschnittliche Quote auf. Übereinstimmungsquoten auf (Tabelle 2). Während beispielsweise 14 Prozent der Geflüchteten in ihren Herkunftsländern im Verkauf tätig waren, arbeitet kaum einer von ihnen (gerade einmal ein Prozent) auch in Deutschland im Verkauf. Mit überdurchschnittlichen Übereinstimmungsquoten hingegen fallen die eher technischen und handwerklichen Berufe auf. So arbeiten Geflüchtete, die im Herkunftsland in (Innen-)Ausbauberufen oder Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufen tätig waren, in mindestens einem Fünftel der Fälle in ihrem vorherigen Beruf. Da in Deutschland insbesondere in den technischen und handwerklichen Berufen Arbeitskräftemangel herrscht, sind die überdurchschnittlichen Quoten in diesen Berufen ein Hinweis darauf, dass Geflüchtete mit Berufserfahrung in nachgefragten Berufen Vorteile haben dürften, hierzulande ihren zuvor ausgeübten Beruf wiederzuerlangen.

Tabelle 2: Die zehn häufigsten zuletzt im Herkunftsland ausgeübten Berufe

Nach den KldB-Berufshauptgruppen, 2-Steller, in Prozent

Nr. Berufshauptgruppe Herkunftsland Anteil davon in Deutschland in derselben Berufsgruppe tätig (3-Steller)
1 Verkaufsberufe 14 1
2 (Innen-)Ausbauberufe 7 20
3 Land-, Tier-, Forstwirtschaftsberufe 7 0
4 Führer von Fahrzeug- u. Transportgeräten 6 8
5 Lebensmittelherstellung u. -verarbeitung 5 10
6 Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufe 5 0
7 Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe 5 21
8 Hoch- und Tiefbauberufe 4 6
9 Mechatronik-, Energie- u. Elektroberufe 4 14
10 Textil- und Lederberufe 4 14

Anmerkung: Letzte beobachtete Erwerbstätigkeit zwischen 2017 und 2019. Stichprobe: mit Angaben zur vorherigen Erwerbstätigkeit, zwischen 18 und 65 Jahren alt und aus Drittstaaten außerhalb der Europäischen Union zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland eingereist.

Quelle: SOEP v36.1, eigene Berechnungen, gewichtet.

Geflüchtete arbeiten fachfremd vor allem in der Logistik, Gastronomie und in Reinigungsberufen

Betrachtet man nun die zehn häufigsten Berufsgruppen, in denen Geflüchtete mit vorheriger Berufserfahrung in Deutschland beschäftigt sind (Tabelle 3), fällt auf, dass eine Reihe von Berufsgruppen in Deutschland besonders stark besetzt sind, die in der Liste der zehn häufigsten Berufsgruppen in den Herkunftsländern gar nicht auftauchen. Hervorzuheben sind insbesondere Berufe in der Logistik (ohne Fahrzeugführung) und in der Reinigung, in denen zusammengenommen in Deutschland mehr als ein Viertel der Geflüchteten beschäftigt sind (25 Prozent). Allein diese Tatsache zeigt, dass viele der Beschäftigten vor ihrer Flucht offensichtlich in anderen Berufen gearbeitet haben. Dies spiegelt sich auch in den Übereinstimmungsquoten der vier am häufigsten ausgeübten Berufsgruppen: Fast alle der dort Beschäftigten kommen aus anderen Berufen. Überdurchschnittliche Übereinstimmungen finden sich hingegen bei den Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufen (16 Prozent), den Berufen der Kunststoff-/Holzherstellung und -verarbeitung (21 Prozent), und insbesondere bei den pflegerischen und medizinischen Berufen. So ist in etwa jede dritte geflüchtete Person, die in Deutschland eine Tätigkeit in einem Gesundheits- oder Pflegeberuf ausübt, in demselben Beruf beschäftigt wie vor der Flucht (Nichtmedizinische Gesundheit, Körperpflege, Medizintechnik 35 Prozent; Medizinische Gesundheitsberufe 27 Prozent, nicht dargestellt).

Tabelle 3: Die zehn häufigsten realisierten Berufe in Deutschland

Nach den KldB Berufshauptgruppen, 2-Steller, in Prozent

Nr. BerufshauptgruppeDeutschland Anteil davon in Deutschland in derselben Berufsgruppe tätig (3-Steller)
1 Verkehr, Logistik (außer Fahrzeugführ.) 17 1
2 Lebensmittelherstellung u. -verarbeitung 11 4
3 Reinigungsberufe 8 0
4 Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufe 6 0
5 Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe 6 16
6 Nichtmed.Gesundheit, Körperpfl., Medizint. 6 35
7 Verkaufsberufe 6 4
8 Hoch- und Tiefbauberufe 4 7
9 Kunststoff- u. Holzherst.,-verarbeitung 4 21
10 Führer von Fahrzeug- u. Transportgeräten 4 11

Anmerkung: Letzte beobachtete Erwerbstätigkeit zwischen 2017 und 2019. Stichprobe: mit Angaben zur vorherigen Erwerbstätigkeit, zwischen 18 und 65 Jahren alt und aus Drittstaaten außerhalb der Europäischen Union zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland eingereist.

Quelle: SOEP v36.1, eigene Berechnungen, gewichtet.

Die Auswertung der zehn häufigsten Berufshauptgruppen zeigt, dass insbesondere technische und handwerkliche sowie pflegerische und medizinische Berufe überdurchschnittliche Übereinstimmungsquoten aufweisen. Auch wenn es in den Berufen innerhalb dieser Berufsgruppen wohl eher einen Arbeitskräftemangel als -überschuss gibt, erlaubt diese Auswertung noch keine direkten Schlüsse hinsichtlich solcher beruflichen Charakteristika. Darüber hinaus kann sich die Arbeitskräftenachfrage sowie die Konkurrenz um freie Stellen auch regional sehr stark unterscheiden.

Lokale Arbeitsmärkte: Das Arbeitsangebot variiert je nach Beruf und Region

Bei einer deutlichen Mehrheit der zehn häufigsten Berufsgruppen, die Geflüchtete zuletzt ausgeübt haben, lässt sich mit Ausnahme der westlichen Ballungszentren ein Ost-West Gefälle beobachten (Abbildung 1): So ist die Arbeitslosigkeitsquote beispielsweise in den (Innen-)Ausbauberufen und den Hoch- und Tiefbauberufen insbesondere in den östlichen Bundesländern und den bevölkerungsstarken Kreisen und kreisfreien Städten Nordrhein-Westfalens besonders hoch. Im Kontrast zu diesen Berufen stehen die Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe sowie die Mechatronik-, Energie- und Elektroberufe, in denen die Arbeitslosigkeit in den allermeisten Kreisen und kreisfreien Städten sehr gering ausfällt und dahingehend kaum regionale Unterschiede feststellbar sind.

Auf Basis der zehn häufigsten Herkunftsberufe lässt sich also bereits vermuten, dass die regionale Zuordnung von Geflüchteten mit Berufserfahrung nicht für alle gleich wirkt. In Berufen, die generell und deutschlandweit eine niedrige Arbeitslosigkeit aufweisen, ist die regionale Zuordnung vermutlich weniger wichtig. In diesen Fällen dürfte sich eher die insgesamt günstige Arbeitsmarktlage des jeweiligen Berufs positiv auf die Erwerbsaussichten von Geflüchteten auswirken. Wenn Geflüchtete allerdings Berufserfahrung in einem Beruf mitbringen, in dem es deutliche regionale Unterschiede in der Arbeitslosigkeit und damit der potenziellen Konkurrenz um vakante Positionen gibt, könnte sich eine regionale Zuordnung zu einer Region mit einer hohen Arbeitslosigkeit in diesem Beruf negativ auf ihre Erwerbsaussichten auswirken (Kasten).

Datengrundlage

Den im Wochenbericht vorgestellten Analysen liegen vor allem zwei Datensätze zugrunde. Dabei handelt es sich erstens um die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten,infoIAB-BAMF-SOEP-Befragung Geflüchteter (M3-M5), Daten der Jahre 2016-2019, (online verfügbar). IAB ist das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, das BAMF ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das SOEP bezeichnet das Sozio-ökonomische Panel. Martin Kroh et al. (2016): Das Studiendesign der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten. SOEP Survey Papers 365: Series C. Berlin: DIW/SOEP. eine Teilstichprobe des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP).infoSozio-oekonomisches Panel (SOEP), Version 36, Daten der Jahre 1984–2019 (SOEP-Core v36). 2021. (online verfügbar). Jan Goebel et al. (2018): The German Socio-Economic Panel (SOEP). Journal of Economics and Statistics, 239(29), 345–360 (online verfügbar). Sie umfasst geflüchtete Personen, die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland gekommen sind. Die für diesen Bericht wichtigsten Informationen aus diesem Datensatz sind die Angaben zur zuletzt ausgeübten Tätigkeit der Geflüchteten im Herkunftsland sowie zum aktuellen Beruf in Deutschland. Dabei wurden die detaillierten Berufsangaben nach der Klassifikation der Berufe 2010 der Bundesagentur für Arbeit (KldB 2010) ihren sogenannten „Berufsgruppen“ (KldB 3-Steller, im Text dieses Berichtes „Berufe“) zugeordnet. Wenn eine Person im Herkunftsland und in Deutschland die gleiche Tätigkeit ausübt und somit der KldB 3-Steller übereinstimmt, besteht eine „berufliche Übereinstimmung“.

Als zweite Datenquelle werden Daten der Bundesagentur für Arbeit herangezogen, die innerhalb des Leibniz-WissenschaftsCampus SOEP-RegioHub (www.lsc-soep-regiohub.com) mit den SOEP-Daten kombiniert wurden.infoNguyen HL und Dorian Tsolak (2023). : Regional Job Market Data from the German Federal Employment Agency (Bundesagentur für Arbeit – BA) (online verfügbar). Diese Daten enthalten Informationen über sozialversicherungspflichtig und geringfügig entlohnte Beschäftigte, sowohl am Arbeits- als auch am Wohnort, auf Kreisebene und getrennt nach den oben genannten Berufsgruppen der KldB 2010 (beispielsweise die Arbeitslosenquote unter Maler*innen in Bielefeld).

Objektive und subjektive berufliche Übereinstimmung

Die zentrale Annahme bei der Fokussierung auf den zuletzt im Herkunftsland ausgeübten Beruf ist, dass es sich bei diesem um den mindestens informell erlernten Beruf der Geflüchteten handelt und sie diesen wiedererlangen möchten. Die zuletzt ausgeübte Tätigkeit entspricht aber nicht notwendigerweise dem erlernten Beruf. Eine zusätzliche Auswertung der Einschätzung der Geflüchteten (subjektive Angabe), ob es sich bei der Tätigkeit in Deutschland um die im Herkunftsland erlernte Tätigkeit handelt, zeigt allerdings eine deutliche Übereinstimmung mit dem Vergleich über die KldB Berufsgruppe (objektive Methode).infoBei den Geflüchteten, die laut eigenen Angaben im Herkunftsland eine berufliche Tätigkeit erlernt haben (74 Prozent alle Befragungen von 2013 bis 2016) und in Deutschland eine Erwerbstätigkeit gefunden haben, stimmte die objektive Einordnung in 80 Prozent der Fälle mit der subjektiven Einschätzung überein. Nun mag die Übereinstimmung dieser Indikatoren mitunter zwischen Berufen variieren. Da aber der genaue erlernte Beruf der Geflüchteten nicht abgefragt wurde, konzentrieren sich die Analysen dieses Berichtes vor dem Hintergrund der hohen Übereinstimmung mit der subjektiven Einschätzung auf die objektive Einordung des zuvor ausgeübten Berufes mit dem in Deutschland realisierten Beruf.

Statistische Modellierung

Ziel der berechneten statistischen Modelle ist es zwischen den Einflüssen verschiedener Ebenen differenzieren zu können. Die Modelle machen sich hierbei den Umstand zu Nutze, dass sich zum Beispiel aus den detaillierten Arbeitslosigkeitsquoten für alle Berufe innerhalb der Kreise und der kreisfreien Städte die jeweiligen Arbeitslosigkeitsquoten der Berufe und der Kreise sowie kreisfreien Städte berechnen lassen. In den sogenannten linearen Fixed-Effects (FE) Modellen werden nun beispielsweise die unterschiedlichen Arbeitslosigkeitsquoten der Zielberufe mit Fixed Effects für diese herausgerechnet, womit vor allem die Unterschiede zwischen Kreisen und kreisfreien Städten analysiert werden. So wird mit Fixed Effects für die unterschiedlichen Ebenen (Berufe und Kreise/kreisfreie Städte) im Ausschlussverfahren bestimmt, auf welcher Ebene (lokal, beruflich oder lokal-beruflich) die Charakteristika einen Effekt auf die Erwerbsaussichten von Geflüchteten haben.infoNähere Informationen zur Methodik finden sich in der diesem Wochenbericht zu Grunde gelegten wissenschaftlichen Fachveröffentlichung: Dorian Tsolak und Marvin Bürmann (2023). (Tabelle)

Tabelle: Individual- und Kontextmerkmale

Merkmale Inhaltsbeschreibung
Individuelle Ebene
Erwerbstätig 1 = Vollzeit-, Teilzeit- oder geringfügige Beschäftigung; 0 = arbeitslos (Selbstständige und in Ausbildung befindliche Personen ausgeschlossen)
Berufliche Übereinstimmung, KldB 3-Steller 1 = Beschäftigt in der gleichen Berufsgruppe (KldB 2010) wie vor der Migration; 0 = andere Berufsgruppe
Kontrollvariablen auf individueller Ebene Bildung (3 Kategorien), selbst eingeschätzte Deutsch- und Englischkenntnisse(0-4 Summenwert), Geschlecht, Alter, rechtlicher Status (4 Kategorien), Art der Aufenthaltsbeschränkung (2 Kategorien), Jahre seit Migration, Familienstand (3 Kategorien), Herkunftsland (4 Kategorien)
Lokal-berufliche Ebene
Offene Stellen Offene Stellen im Beruf, je 100 Beschäftigte in diesem Beruf und Arbeitslose in diesem Zielberuf (auf der Grundlage der Einwohner der Region)
Arbeitslosenquote Arbeitslose im Beruf, in Prozent der Beschäftigten in diesem Beruf und der Arbeitslosen in diesem Zielberuf (auf der Grundlage der Einwohner der Region)
Anteil Ausländer Beschäftigte ohne deutschen Pass in diesem Beruf, in Prozent aller Beschäftigten in diesem Beruf (auf der Grundlage von Beschäftigten an regionalen Arbeitsplätzen)
Kontrollvariablen auf lokaler Ebenea
Dichte der Bevölkerung Einwohner pro Quadratkilometer
Bruttoinlandsprodukt Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in 1.000 Euro

Anmerkung: a) Die Daten stammen aus den Indikatoren und Karten zur Raum- und Stadtentwicklung des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Zum Datenzugriff wurde das inoffizielle R-Paket genutzt. Nguyen HL (2023). [inkr]: Local Access from R to All INKAR Data. https://doi.org/10.5281/zenodo.7643755, https://github.com/RegioHub/inkr.

Quelle: eigene Darstellung.

Höhere Arbeitslosigkeit vor Ort verringert die Beschäftigungschancen der Geflüchteten

Die Unterschiede in den Arbeitslosigkeitsquoten zwischen den Kreisen sowie kreisfreien Städten hängen deutlich mit der Wahrscheinlichkeit zusammen, dass Geflüchtete eine Erwerbstätigkeit aufnehmen (Tabelle 4, Modell 2). Geflüchtete mit Wohnsitzauflage, die in einem Kreis oder einer kreisfreien Stadt mit einer höheren ArbeitslosigkeitinfoWichtig dabei ist, dass sich die lokale Arbeitslosigkeit in diesen Analysen aus dem lokalen Durchschnitt der Arbeitslosigkeit in den angenommenen Zielberufen (also den Herkunftsberufen) der Geflüchteten ergibt und daher zwar die für Geflüchtete relevante Arbeitslosigkeit widerspiegelt, sie sich aber mitunter von der lokalen Arbeitslosigkeit über alle Berufe unterscheiden kann. wohnen, haben eine geringere Erwerbswahrscheinlichkeit, ungeachtet der grundsätzlichen Chancen mit ihrem spezifischen Herkunftsberuf. Mit einer um einen Prozentpunkt höheren lokalen Arbeitslosigkeit verringert sich die durchschnittliche Erwerbswahrscheinlichkeit um zwei Prozent.infoAuf Basis der im Analysesample vorliegenden Beschäftigungsquote von 17,41 Prozent ergibt sich dies aus: (17,41 + 0,35)/17,41 = 1,02 Die lokale Arbeitskraftnachfrage in Form von offenen Stellen sowie die lokale Ausländer*innenquote unter den Beschäftigten zeigen in diesen Analysen allerdings keinen substanziellen Einfluss auf die Erwerbswahrscheinlichkeit von Geflüchteten. Die Ergebnisse zeigen aber, dass sobald die regionalen Unterschiede in den betrachteten Merkmalen herausgerechnet werden, ein deutlicher Einfluss der grundsätzlichen Nachfrage nach den Zielberufen von Geflüchteten verbleibt (Modell 3). So führt eine deutschlandweit stärkere Nachfrage in Form von mehr offenen Stellen in den Zielberufen von Geflüchteten zu einer höheren Erwerbswahrscheinlichkeit, ungeachtet der regionalen Zuordnung. Die deutschlandweite Arbeitslosigkeit in den Zielberufen zeigt in diesem Analyseschritt allerdings keinen zusätzlichen deutlichen Einfluss, ebenso wenig wie der Ausländer*innenanteil in den jeweiligen Zielberufen. Die Ergebnisse des letzten Analyseschritts offenbaren schlussendlich, dass keine substanziellen Einflüsse der betrachteten Merkmale bestehen bleiben, sobald grundsätzliche Unterschiede zwischen Kreisen sowie kreisfreien Städten und den jeweiligen Zielberufen herausgerechnet werden (Modell 4).

Tabelle 4: Wahrscheinlichkeit für Geflüchtete, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen

Veränderung in Prozentpunkten bei einer Erhöhung der lokal-beruflichen Variable um einen Prozentpunkt

Lokal–berufliche Variablen Modell 1 Modell 2 Modell 3 Modell 4
Offene Stellen 0,52 –0,03 0,73 ** 0,35
Arbeitslosenquote –0,07 –0,35 ** 0,21 0,12
Anteil AusländerInnen 0,03 –0,01 0,01 0,03
Fixed Effects (FEs)
Kreise/kreisfreie Städte Nein Nein Ja Nein
Berufe Nein Ja Nein Ja
Jahr der Erhebung Ja Ja Ja Ja
N (Befragungen 2017–2019) 3727 3727 3727 3727
n (Personen) 2251 2251 2251 2251
n (Kreise/kreisfreie Städte) 236 236 236 236
n (Berufe) 85 85 85 85

Anmerkungen: Lineare Wahrscheinlichkeitsmodelle; In Modell 1 werden nur grundsätzliche Trends über die Jahre und Einflussfaktoren auf individueller und lokaler Ebene herausgerechnet. Modell 2 rechnet des Weiteren die beruflichen Unterschiede heraus und analysiert damit vor allem lokale Einflüsse. In Modell 3 hingegen werden lokale Unterschiede herausgerechnet und somit vor allem berufliche Einflüsse analysiert. In Modell 4 werden lokale und berufliche Unterschiede herausgerechnet und somit nur lokale Unterschiede innerhalb der Berufe analysiert (lokal-berufliche Unterschiede). Nein bedeutet, dass die entsprechenden FEs nicht im Modell enthalten sind; Ja bedeutet, dass die entsprechenden FEs/Kontrollen im Modell enthalten sind; die Tabelle mit Punktschätzungen für individuelle und lokale Kontrollen findet sich in der zugrundeliegenden Fachpublikation (online verfügbar); Sternchen bezeichnen das Signifikanzniveau, das die statistische Genauigkeit der Schätzung angibt. Je mehr Sternchen, desto geringer die Irrtumswahrscheinlichkeit: ***, ** und * geben die Signifikanz auf dem Ein-, Fünf- und Zehn-Prozent-Niveau an.

Lesebeispiel für den Wert zur Arbeitslosenquote in Modell 2 (–0,35): Bei einer um einen Prozentpunkt erhöhten lokalen Arbeitslosenquote (berufliche Arbeitslosenquote herausgerechnet) verringert sich die Wahrscheinlichkeit für Geflüchtete, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, um 0,35 Prozentpunkte.

Quelle: SOEP v36.1, Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit und INKAR–Daten, eigene Berechnungen.

Arbeiten mehr Ausländer*innen in den Zielberufen der Geflüchteten, haben sie bessere Chancen

Die regionale Arbeitslosenquote beeinflusst auch die Wahrscheinlichkeit, dass Geflüchtete in Deutschland ihren im Herkunftsland ausgeübten Beruf wiedererlangen (Tabelle 5, Modell 6). Eine um ein Prozentpunkt niedrigere regionale Arbeitslosigkeit geht mit einer durchschnittlich sechs Prozent höheren Wahrscheinlichkeit einher, dass Geflüchtete ihren vorherigen Beruf wiedererlangen.infoAuf Basis der im Analysesample vorliegenden Übereinstimmungsquote von 14,38 Prozent ergibt sich dies aus: (14,38 + 0.93)/14,38 = 1,06 Ebenfalls wie bei der allgemeinen Erwerbstätigkeit zeigt sich ein zwar starker positiver, aber statistisch nicht signifikanter Einfluss der grundsätzlichen Nachfrage nach bestimmten Berufen (Tabelle 5, Modell 7). Für die berufliche Übereinstimmung zeigt sich jedoch ein deutlich positiver und signifikanter Einfluss des Ausländer*innenanteils in den Zielberufen der Geflüchteten, im Gegensatz zu den Analysen der allgemeinen Erwerbstätigkeit. Der letzte Analyseschritt deutet hierbei sogar darauf hin, dass nicht nur der grundsätzliche Anteil an Ausländer*innen in diesen Berufen, sondern auch die regionalen Unterschiede diesbezüglich relevant sind (Tabelle 5, Modell 8). Geflüchtete mit Zielberufen, die in ihren Regionen einen höheren Ausländer*innenanteil aufweisen, haben bessere Chancen wieder in ihrem vorherigen Beruf zu arbeiten. Der grundsätzliche, also berufsunabhängige, regionale Anteil an Ausländer*innen unter den Beschäftigten spielt hierbei keine zentrale Rolle. Ein um ein Prozentpunkt höherer Ausländer*innenanteil innerhalb der spezifischen Zielberufe zwischen Kreisen und kreisfreien Städten geht demnach mit einer um fünf Prozent höheren Wahrscheinlichkeit für eine berufliche Übereinstimmung einher.infoAuf Basis der im Analysesample vorliegenden Übereinstimmungsquote von 14,38 Prozent ergibt sich dies aus: (14,38 + 0.74)/14,38 = 1,05 Dies deutet daraufhin, dass Geflüchtete davon profitieren, wenn Arbeitgeber*innen bereits Erfahrung mit der Einstellung von Personen mit ausländischen Abschlüssen und insbesondere ausländischer Berufserfahrung gesammelt haben.

Tabelle 5: Wahrscheinlichkeit für Geflüchtete, einer Erwerbstätigkeit in ihrem zuvor ausgeübten Beruf nachzugehen

Veränderung in Prozentpunkten bei einer Erhöhung der lokal-beruflichen Variable um einen Prozentpunkt

Lokal-berufliche Variablen Modell 5 Modell 6 Modell 7 Modell 8
Offene Stellen 2,46 ** 0,49 1,68 –0,02
Arbeitslosenquote –0,49 * –0,93 *** 0,04 0,23
Anteil AusländerInnen 0,46 ** 0,24 0,54 ** 0,74 *
Fixed Effects (FEs)
Kreise/kreisfreie Städte Nein Nein Ja Ja
Berufe Nein Ja Nein Ja
Jahr der Erhebung Ja Ja Ja Ja
N (Befragungen 2017–2019) 605 605 605 605
n (Personen) 466 466 466 466
n (Kreise/kreisfreie Städte) 137 137 137 137
n (Berufe) 55 55 55 55

Anmerkungen: Lineare Wahrscheinlichkeitsmodelle; In Modell 5 werden nur grundsätzliche Trends über die Jahre und Einflussfaktoren auf individueller und lokaler Ebene herausgerechnet. Modell 6 rechnet des Weiteren die beruflichen Unterschiede heraus und analysiert damit vor allem lokale Einflüsse. In Modell 7 hingegen werden lokale Unterschiede herausgerechnet und somit vor allem berufliche Einflüsse analysiert. In Modell 8 werden lokale und berufliche Unterschiede herausgerechnet und somit nur lokale Unterschiede innerhalb der Berufe analysiert (lokal-berufliche Unterschiede). Nein bedeutet, dass die entsprechenden FEs nicht im Modell enthalten sind; Ja bedeutet, dass die entsprechenden FEs/Kontrollen im Modell enthalten sind; Tabelle mit Punktschätzungen für einzelne Kontrollen findet sich in der zugrundeliegenden Fachpublikation (online verfügbar) Anhang, Tabelle A3; Signifikanzniveaus: siehe Tabelle 4.

Lesebeispiel für den Wert zum Ausländer*innenanteil in Modell 8 (0,74): Bei einem um einen Prozentpunkt erhöhten lokalen Ausländer*innenanteil im Zielberuf (lokale und berufliche Ausländer*innenanteile herausgerechnet), erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für Geflüchtete, einer Beschäftigung in ihrem vorherigen Beruf nachzugehen, um 0,74 Prozentpunkte.

Quelle: SOEP v36.1, Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit, eigene Berechnungen,

Fazit: Lokale Arbeitslosigkeit und berufliche Nachfrage bei der Verteilung berücksichtigen

Der Bericht analysiert, ob Geflüchtete eine Anstellung gefunden haben und ob sie in dem in ihrem Herkunftsland ausgeübten Beruf arbeiten. Eine berufliche Übereinstimmung kann sowohl für Geflüchtete als auch für Arbeitgeber*innen als ein erstrebenswertes Beschäftigungsverhältnis angesehen werden, da Geflüchtete ihre berufliche Identität erhalten können und Arbeitgeber*innen von bereits in den Herkunftsländern erlangten beruflichen Kompetenzen profitieren.

In Übereinstimmung mit anderen Studien zur Erwerbstätigkeit von GeflüchteteninfoHerbert Brücker et al. (2019): Geflüchtete machen Fortschritte bei Sprache und Beschäftigung. DIW Wochenbericht, 86(4), 55–70. zeigt sich zunächst, dass sich die Chancen auf eine Beschäftigung mit zunehmender Aufenthaltsdauer deutlich positiv entwickelt haben. Dies trifft aber nicht auf die fachliche Übereinstimmung der gefundenen Beschäftigungen mit den in den Herkunftsländern zuletzt ausgeübten Berufen zu: Diese Quote sinkt leicht über die Jahre. Die Analysen zeigen schließlich einen deutlichen Einfluss der regionalen Arbeitslosigkeitsquote auf die generelle Beschäftigungswahrscheinlichkeit und die Wahrscheinlichkeit, den vor der Flucht ausgeübten Beruf wiederzuerlangen. Die Nachfrage in Form von offenen Stellen hingegen zeigt keinen regionalen Effekt; Geflüchtete mit gefragten Zielberufen haben ungeachtet ihrer regionalen Zuordnung bessere Beschäftigungsaussichten.

Eine regionale Verteilung der Geflüchteten, die die regionale Aufnahmefähigkeit lokaler Arbeitsmärkte berücksichtigt, würde vielen Geflüchteten bessere Chancen bei der Arbeitsmarktintegration ermöglichen. Dies gilt insbesondere für Geflüchtete mit Zielberufen, bei denen es große regionale Unterschiede hinsichtlich der lokalen Aufnahmefähigkeit gibt. Bei Berufen mit starker deutschlandweiter Nachfrage könnte die Orientierung an der grundsätzlichen Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes jedoch dazu führen, dass Geflüchtete nicht den grundsätzlich weniger aufnahmefähigen Regionen zugeordnet würden, wo ihr zuvor ausgeübtes Berufsbild aber dennoch benötigt würde. Geflüchtete mit Berufserfahrung in Berufen mit einer deutschlandweit hohen Nachfrage sollten daher gezielt nach den Erfordernissen des Arbeitsmarkts und nicht nach der allgemeinen lokalen Aufnahmefähigkeit verteilt werden.

Erstmals zeigen die Ergebnisse, dass sich eine angepasste regionale Verteilung auch im Hinblick auf die Übereinstimmung mit der vorherigen Beschäftigung und damit positiv auf die Nutzung der Berufserfahrung und der dadurch erworbenen beruflichen Kompetenzen auswirken dürfte. Davon wiederum könnten nicht nur Geflüchtete, sondern auch die ortsansässigen Arbeitgeber*innen profitieren. Vieles spricht daher dafür, die aktuelle regionale Verteilungspraxis zu überarbeiten. Hierbei kann es sich um eine abgewandelte Version des Königsteiner Schlüssels oder um einen gänzlich neuen Schlüssel handeln, der die lokale und berufliche Arbeitsmarktlage in Deutschland bei der Verteilung von Geflüchteten berücksichtigt. Die Orientierung vor allem an den Bevölkerungsanteilen der Bundesländer vernachlässigt die Aufnahmefähigkeit der regionalen Arbeitsmärkte und ist daher für die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt keine optimale Verteilungsstrategie.

Jan Goebel

Direktorium SOEP und Bereichsleitung Data Operation und Forschungsdatenzentrum in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel



JEL-Classification: J10;J21;J24;J61;Z13
Keywords: labor market integration, refugees, local labor markets, occupations, immigration
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2023-30-1

Frei zugängliche Version: (econstor)
http://hdl.handle.net/10419/278027

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