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Wirtschaft zwischen Klima und Ungleichheit: DIW Berlin treibt Forschung zur sozial-ökologischen Transformation voran: Editorial

DIW Wochenbericht 27 / 2024, S. 419-420

Franziska Holz, Alexander Schiersch

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Deutschland und die EU haben es sich zum Ziel gesetzt, bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral zu wirtschaften, um die Folgen des Klimawandels beherrschbar zu halten. Dieses Ziel ist hochgesteckt und erfordert eine Vielzahl von Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die zuweilen unter dem Begriff sozial-ökologische Transformation zusammengefasst werden. Der klimaneutrale Umbau von Wirtschaft und Energieversorgung ist ebenso Bestandteil dieser Transformation wie die damit verbundenen und notwendigen sozialstaatlichen und gesellschaftlichen Anpassungen.

Das DIW Berlin intensiviert seit einiger Zeit seine Forschung zu Aspekten der sozial-ökologischen Transformation. Dabei betrachten Forschende aus den verschiedenen Abteilungen des DIW Berlin die Risiken, Kosten und Nutzen dieser Transformation für private Haushalte, Unternehmen und staatliche Akteure in Deutschland und Europa. Aufbauend auf den bisherigen Schwerpunkten im Institut gehen die Forschenden des DIW Berlin insbesondere den ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Fragen rund um die Energiewende, um die Dekarbonisierung von Unternehmen und Haushalten sowie um die sozialen Auswirkungen der Transformation nach.

Zukünftig wird das DIW Berlin in regelmäßigen Abständen Erkenntnisse aus dieser Forschung in Beiträgen im DIW Wochenbericht darlegen und auf diesem Wege zu den Debatten rund um die Umsetzung der sozial-ökologischen Transformation beitragen. Die zwei Beiträge im aktuellen Heft zeigen beispielhaft die Bandbreite der Forschungsthemen und -methoden auf, die am DIW Berlin bearbeitet werden. Einem wirtschaftstheoretischen Beitrag, der die Beachtung von Einkommensungleichheit bei der staatlichen Förderung von nachhaltigem Konsum betrachtet, ist ein Beitrag vorangestellt, der empirisch den CO2-Fußabdruck von deutschen Haushalten untersucht.

Im ersten Beitrag werden aktuelle Daten des am DIW Berlin beheimateten Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) genutzt, um die Höhe und Einflussgrößen der CO2-Emissionen deutscher Haushalte zu untersuchen. Im vergangenen Jahr wurden dazu die Haushalte zum Energieverbrauch und den verwendeten Energiearten beim Wohnen, zu ihren Ernährungsgewohnheiten und zu ihrem Mobilitätsverhalten befragt. Basierend auf diesen Daten wird der Pro-Kopf-CO2-Fußabdruck für die drei Kernbereiche Wohnen, Mobilität und Ernährung berechnet. Die Autorinnen zeigen zunächst, dass eine Person in Deutschland im Durchschnitt in allen drei Bereichen zusammen jährlich etwa das Doppelte von dem emittiert, was zur Erreichung des Zwei-Grad-Ziels angebracht wäre.

Die Gesamtemissionen werden dann auf die drei Bereiche heruntergebrochen. Die Autorinnen zeigen, dass die entscheidende Größe für die Treibhausgasemissionen im Bereich der Ernährung die Häufigkeit des Fleischverzehrs ist. Im Segment Wohnen ist es vor allem die Anzahl der im Haushalt lebenden Personen und die pro Person zur Verfügung stehende Wohnfläche, die für die Höhe des individuellen CO2-Fußabdrucks entscheidend ist, sowie Gebäudeart und -alter. Im Bereich der Mobilität macht vor allem das Fliegen den Unterschied zwischen einem großen und einem kleinen CO2-Fußabdruck aus. Ferner wird deutlich, dass unterschiedliche Einkommen in den Bereichen Wohnen und Ernährung nur eine geringe Auswirkung auf den CO2-Fußabdruck haben. Dagegen spielt das Einkommen für die CO2-Emissionen im Bereich Mobilität eine wichtigere Rolle: Personen aus besserverdienenden Haushalten emittieren durch häufigeres Fliegen deutlich mehr als Personen aus Haushalten mit geringeren Einkommen. Die Autorinnen diskutieren abschließend verschiedene Maßnahmen, um gezielt die jeweiligen Hauptverursacher hoher Emission anzugehen. Ein Beispiel hierfür ist die Luftverkehrsteuer und die Tierwohlabgabe.

Im zweiten Beitrag wird ein wirtschaftstheoretisches Modell verwendet, dass von der Beobachtung ausgeht, dass sich einkommensschwache Haushalte umweltfreundlichen Konsum oft nicht leisten können. Das Gefühl von Einkommensungleichheit wird durch das Bedürfnis nach nachhaltigen, aber teureren Produkten verstärkt. Der Staat steht also vor einem Dilemma: Er will einerseits klimagerechtes Verhalten fördern, andererseits damit verbundene größere Unterschiede zwischen armen und reichen Haushalten abmildern. Der Staat kann jedoch nicht Steuern und Abgaben zum Schutz der Umwelt, etwa eine Tierwohlabgabe, erhöhen und zugleich mittels Einkommensteuererhöhungen mehr umverteilen. Denn beides führt in der Theorie dazu, dass insgesamt weniger produziert wird und die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt sinkt. Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass die richtige Balance beider Instrumente sowohl von der Einkommensungleichheit in einem Land als auch vom Preisunterschied zwischen nachhaltigen und nichtnachhaltigen Produkten abhängt. In jedem Fall muss die finanzielle Situation einkommensschwacher Haushalte bedacht werden, wenn der Konsum nachhaltiger Produkte zunehmen soll.

Alexander Schiersch

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Unternehmen und Märkte

Franziska Holz

Stellvertretende Abteilungsleiterin in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt

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