Direkt zum Inhalt

Taxonomien sind weltweit sehr unterschiedlich und globale Standards daher unerlässlich: Interview

DIW Wochenbericht 28 / 2024, S. 452

Catherine Marchewitz, Erich Wittenberg

get_appDownload (PDF  85 KB)

get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF  7.25 MB)

Frau Marchewitz, Sie haben 26 nachhaltige Finanztaxonomien weltweit untersucht und anhand von fünf Kriterien analysiert. Welche Kriterien sind das und wie werden sie bewertet? Wichtig ist, dass wir nicht die Wirkung der Taxonomien bewertet haben, sondern das Transformationspotenzial. Die Frage war also, ob die grundsätzliche Konzeption der Taxonomie daran ausgerichtet ist, den Übergang zur Klimaneutralität zu unterstützen. Dabei haben wir geschaut, ob sich die Taxonomie auf internationale Rahmenwerke wie das Pariser Klimaabkommen und die Sustainable Development Goals beziehen. Das zweite Kriterium zielt darauf ab, welche Wirtschaftszweige und Emissionen durch die Taxonomie abgedeckt werden. Zudem haben wir geprüft, ob und wie Taxonomien Auswahlkriterien oder Schwellenwerte festlegen. Viertens haben wir analysiert, an welchen Anwenderkreis sich die Taxonomie richtet. Zu guter Letzt ist auch in die Bewertung eingeflossen, inwiefern eine Taxonomie mit Offenlegungs- und Berichtspflichten in dem jeweiligen Land verknüpft ist.

Welche Länder schnitten am besten ab und welche am schlechtesten? Die Taxonomien, die über alle fünf Kriterien hinweg die meisten Punkte erhielten, sind die EU-Taxonomie, die Taxonomie der südostasiatischen ASEAN-Staaten sowie der Länder Kolumbien, Georgien, Singapur, Südkorea und Sri Lanka. Die Taxonomien mit der niedrigsten Punktzahl sind die von Israel, Malaysia, Russland, Südafrika und Usbekistan.

Wo zeigen sich die größten Unterschiede und was haben die Taxonomien der verschiedenen Länder gemein? Große Unterschiede zeigen sich bereits bei der Namensgebung der Taxonomien, zum Beispiel bei Begriffen wie „nachhaltig“, „grün“ oder „Transition“. Viele Taxonomien dienen meist nur der Orientierung und sind freiwilliger Natur, andere sind verpflichtend, allerdings nur für einen überschaubaren Kreis an Akteur*innen. Es zeigen sich auch große Unterschiede bei der Klassifizierung von taxonomiekonformen Wirtschaftsaktivitäten. So verwenden einige Taxonomien technische Screening-Kriterien mit Schwellenwerten, wie zum Beispiel auch die EU-Taxonomie, aber die Schwellenwerte können zwischen den Ländern unterschiedlich hoch sein. Gemeinsam haben die Länder insbesondere die Motivation, aus der sie entstehen. Das ist der Wille, Transparenz zu schaffen, Orientierungshilfe zu geben, Greenwashing zu vermeiden sowie das Kapital in nachhaltige Aktivitäten zu lenken, um Klimaneutralität zu erreichen. Aber die Umsetzung gestaltet sich doch sehr unterschiedlich.

Was bedeuten die Unterschiede in den Taxonomien für international agierende Unternehmen? Internationale Unternehmen und Investor*innen sind mit unterschiedlichen Ansätzen, Rechtsprechungen und entsprechend auch mit einem höheren Verwaltungsaufwand konfrontiert. Das könnte sich auf Geschäftsmodelle auswirken, zum Beispiel, wenn der Zugang zu Kapital durch die unterschiedliche Bewertung in den Taxonomien beeinflusst wird. Zudem könnten sich Unternehmen bemüßigt fühlen, Emissionen in Länder zu verlagern, in denen niedrigere Anforderungen an nachhaltige Produkte gestellt werden oder höhere Schwellenwerte für Emissionen gelten.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus Ihren Ergebnissen? Wir kommen zu dem Schluss, dass das Transformationspotenzial der Taxonomien noch nicht ausgeschöpft ist. Wünschenswert sind international einheitliche Kriterien, durchaus aber mit Berücksichtigung von nationalen Eigenheiten. Auch wenn sich viele der Taxonomien, die noch in Entstehung sind, an der EU-Taxonomie orientieren, werden vermutlich sehr viele neue Kriterien auf die Agenda kommen, zum Beispiel soziale Aspekte, das Thema Biodiversität, Kreislaufwirtschaft oder Umweltverschmutzung.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Catherine Marchewitz
Taxonomien sind weltweit sehr unterschiedlich und globale Standards daher unerlässlich - Interview mit Catherine Marchewitz

Catherine Marchewitz

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Klimapolitik

keyboard_arrow_up