Was sind die Grenzen des Boomer-Soli? Was könnte er nicht lösen oder leisten?
Blesch: Der Boomer-Soli ist als ein Übergangsinstrument gedacht. Rentenpolitik ist sehr langfristig angelegt, die Wirkung von Reformen zeigt sich erst in den kommenden Jahrzehnten. Leider hat Deutschland verpasst, sich auf den absehbaren demographischen Wandel vorzubereiten. Hätte man ein einheitliches Altersvorsorgesystem in Deutschland, wären Boomer-Soli und Rentenprogression äquivalent. Jetzt kann man nicht die großen Lasten nicht allein auf die jüngeren Generationen abwälzen.
Sie haben in Ihren Modellrechnungen gezeigt, dass die Armutsrisikoquote für die Bevölkerung ab 65 Jahren um 4,4 Prozentpunkte sinken würde. Das ist eine Menge. Dennoch hat Ihr Vorschlag viel Kritik erfahren. Wie erklären Sie sich die Kritik?
Blesch: Ein Großteil der Kritik, die wir erfahren haben, bezieht sich darauf überhaupt in der Altersvorsorge umzuverteilen. Deutschland hat keine Tradition, in der Rente umzuverteilen.
Bach: Wir haben mit dem Boomer-Soli einen Begriff gewählt, der für Aufmerksamkeit sorgt. "Boomer" bezeichnet ja eine konkrete Generation, und "OK Boomer" spiegelt ja auch bisschen die Generationskonflikte, aber durchaus ironisch, denn so groß sind die ja gar nicht, wie sie gerne gemacht werden. Aber sehr viele empfinden das Wort offensichtlich mittlerweile fast als Beleidigung. Dass der Vorschlag kontrovers diskutiert würde, war uns schon klar. Denn letztlich ist der Boomer-Soli eine Art Vermögensabgabe, die Versorgungsansprüche enteignet. Aber das ist bei allen Steuern so, auch wenn man Einkommensteuer oder Mehrwertsteuer zahlen muss. Und auch die belasten die Alterseinkommen. Aber diese Steuern sind die Menschen gewohnt und können sich eher darauf einstellen. Nur: Auch Besserverdienende rechnen mit der hohen Rente, die ja den Lebensstandard halten soll. Und dann sollen sie bis zu zehn Prozent davon abgeben, das sehen die Leute nicht ein. Natürlich gab es eine Menge Missverständnisse, denn die Idee ist ja, die zehn Prozent nur auf Einkommen oberhalb des Freibetrags zu zahlen. Aber viele Menschen haben das in den falschen Hals bekommen und sich sehr aufgeregt. Die teils heftigen Reaktionen zeigen aber auch, wie groß die Unsicherheit bei dem Thema ist.
Im Kontext einer Reform der Rentenversicherung geht es auch um das sogenannte Äquivalenzprinzip. Was genau ist das und warum funktioniert es nicht (mehr)?
Blesch: Das Äquivalenzprinzip beschreibt das Verhältnis von Beiträgen zu Auszahlungen. Die Idee: Wer doppelt so viel eingezahlt hat, sollte auch doppelt so viel Rente erhalten. Im Rentensystem ist an sich keinerlei Umverteilung zwischen Arm und Reich angelegt. Allerdings ist das nur in der Theorie so. In der Praxis sehen wir, dass die Menschen, die körperlich hart gearbeitet haben und im Schnitt weniger verdient haben, ihre Rente nicht so lange beziehen, wie beispielsweise Akademiker - einfach, weil durch sie durch die hohe körperliche Belastung im Schnitt früher sterben. Zudem gibt es durch die Grundrente, die Altersgrundsicherung sowie durch gesonderte Leistungen wie beispielsweise die Mütterrente Elemente, die von diesem Prinzip abweichen. Es gibt also keinen Grund, bei etwaigen Reformen nicht über eine Aufweichung dieses Prinzips nachzudenken.
Bach: Wir haben in Deutschland die traditionelle Idee, dass die gesetzliche Rente nicht nur die Basissicherung übernimmt, wie in Skandinavien, England oder den USA, sondern den Lebensstandard sichern soll. Und da landen wir schnell beim Äquivalenzprinzip. Besserverdienende zahlen höhere Beiträge für die Rente, weil sie davon ausgehen, auch höhere Renten zu erhalten. Bei allen Änderungen, die wir im Rentensystem vornehmen, gibt es immer das Problem, dass wir das im laufenden System tun müssen. Man ändert quasi im Nachhinein die Spielregeln und das ärgert die Leute – „Steuern sind Raub“ sagt der libertäre Volksmund. Wenn man das Rentenniveau erhalten will, muss man die Steuern erhöhen. Aber so wie es jetzt ist, lässt sich das System nicht mehr finanzieren. Unser Vorschlag für den Boomer-Soli ist ehrlich. Er verteilt innerhalb des Rentensystems um und betrachtet alle Einkommen, nicht nur die der Rentenversicherung. Und vor allem bedeutet er keine Zusatzkosten für die jüngeren Generationen.
Für einen Glossar-Beitrag haben Sie weitere Szenarien berechnet, also mit höheren Freibeträgen das Modell durchgerechnet. Mit welchem Ergebnis? Welche Höhe des Freibetrages wäre sinnvoll?
Blesch: Für den Glossarbeitrag haben wir unsere Rechnungen an 2025er-Werte angepasst. Die Studie selbst haben wir im gesetzlichen Rahmen und mit Daten von 2019 simuliert. Die Höhe des Freibetrags ist eine allein politische Entscheidung. Uns ging es darum zu zeigen, dass bei einer Umverteilung alle Einkommen mit einbezogen werden sollten, damit auch hohe Alterseinkommen zur Finanzierung herangezogen werden und die Belastung für mittlere Einkommen geringer ausfällt.