Der Ursprung der Idee liegt fast 20 Jahre zurück, als die Oxford-Dozenten Dieter R. Helm und Cameron J. Hepburn einen Aufsatz über Carbon Contracts veröffentlichten. Wie verlief die Diskussion um Klimaschutzverträge seitdem?
Neuhoff: Es gab schon 2005 fachliche Diskussionen darüber, wie man CO2-Preise absichern könnte. Ich war zu der Zeit des Aufsatzes in Cambridge und habe dort die Diskussionen mitverfolgt. Ab 2013 haben wir uns am DIW Berlin dann sehr intensiv angeschaut, in dem wir analysiert haben, was sich im Stahl- und Zementsektor in den letzten Jahren verändert hat. Wir wollten schauen, wie erfolgreich die europäische Klimapolitik war. Die Ergebnisse haben uns überrascht. Es war einiges passiert, es gab tatsächlich Verbesserungen im CO2-Ausstoß, aber diese hatten nichts mit der Klimapolitik zu tun. Was eben nicht erfolgreich war, war der europäische Emissionshandel. Und da haben wir uns angeschaut, wie dieser reformiert werden müsste. Eine Erkenntnis war, dass wir die Unsicherheiten in den CO2-Preisen auflösen müssten, damit Unternehmen in saubere Produktionsprozesse investieren würden. Das haben wir dann auch im europäischen Forschungsnetzwerk diskutiert. Wir haben mit mehreren Forschungsinstituten daran gearbeitet, und wir haben auch mit Unternehmen gesprochen, um deren Perspektive zu verstehen. Ich war damals schon und bin heute noch der festen Überzeugung, dass man Lösungen mit allen Beteiligten finden muss. Deshalb haben wir auch Unternehmen in die Diskussion geholt, um alle Seiten zu berücksichtigen. Unsere Erfahrung ist, dass es hilfreicher ist, gemeinsam mit allen Parteien nach umsetzbaren Lösungen zu suchen und dass das dann oft auch gelingt. Aber es war ein langer Weg.
Es hat fast zwanzig Jahre gebraucht, bis die ersten Klimaschutzverträge in Deutschland unterzeichnet wurden - obwohl der Klimawandel solch ein drängendes Problem ist. Wie erklären Sie sich, dass es so lange gedauert hat, bis die Politik das Instrument aufgegriffen hat?
Neuhoff: Ich glaube, das liegt daran, dass Ökonomen grundsätzlich sagen, dass Unsicherheiten per se kein Problem seien, da diese über den Markt privatwirtschaftlich abgesichert werden können. Aber gegenüber längerfristigen Verträgen, um solche Risiken zu minimieren, gibt es seit jeher eine Skepsis. Bei den Klimaschutzverträgen reden wir von einer Laufzeit von über 15 Jahren plus drei Jahre Bauzeit. Es gibt sehr gute Gründe für Klimaschutzverträge, aber die Zweifel waren sehr groß.
Gab es eine gesellschaftliche Entwicklung, die dabei geholfen hat?
Neuhoff: Es hat sich etwas geändert in der öffentlichen Wahrnehmung, als Fridays for Future auf den entstanden ist. Bis dahin diskutierte man, wie man die klimaschädlichen Emissionen etwas mindern könnte. Fridays for Future sagte aber laut und deutlich: „Spinnt ihr?! Wir müssen klimaneutral werden, wenn wir noch eine Zukunft haben wollen.“ Gleichzeitig gab es wichtige Studien, die belegt haben, dass das möglich ist. Es fand eine Art Paradigmenwechsel statt, dahin, dass vielen Akteurinnen und Akteuren bewusst wurde, dass wir wirklich klimaneutral werden müssen. Das kam auch im Industriebereich an und es wurde klar, dass man nicht mehr den Standpunkt vertreten kann, dass zwanzig bis dreißig Prozent der Emissionen eben nicht zu reduzieren seien. Allen Beteiligten war außerdem klar, dass man Klimaneutralität nicht aus der Portokasse bezahlen kann.