Wie beeinflusst Ihre internationale Perspektive Ihre Forschung und Ihre Arbeit? Gibt es hier Vorteile für Sie?
Chowdhry: Wenn ich über die internationale Perspektive nachdenke, wird mir bewusst, dass meine Forschung viele verschiedene Regionen umfasst. Ich habe mich mit handelspolitischen Fragen im Zusammenhang mit China, Indien, Südkorea, Japan, aber auch EU-Ländern und zuletzt auch den USA beschäftigt. Und ich halte diese internationale Perspektive für sehr wichtig, weil sie mich in meiner Arbeit motiviert und antreibt. Ich erkunde ständig neue Kontexte und lerne, wie Handelspolitik an diesen verschiedenen Orten gestaltet wird. Und ich freue mich jedes Mal, wenn es etwas Neues zu entdecken gibt.
Wenn Sie daran zurückdenken, wie es war, ans DIW Berlin und nach Deutschland zu kommen: Was war schwerer, als Sie erwartet haben?
Chowdhry: Was mir in Deutschland anfangs Schwierigkeiten bereitet hat, waren die Sprachbarrieren, die nicht leicht zu überwinden sind. Ich hatte wirklich nicht erwartet, dass es so schwierig sein würde, weil die akademische Forschung ja auf Englisch stattfindet. Als ich zum ersten Mal zur Ausländerbehörde musste, war ich ziemlich schockiert, dass dort niemand Englisch sprach. Und dann ist da natürlich noch der bürokratische Papierkram. Ich denke, das ist eine Herausforderung für alle, nicht nur für internationale Forscher*innen. Glücklicherweise habe ich viel Hilfe von anderen bekommen, aber ich hatte wirklich zu kämpfen, weil ich während meiner Promotion mehrmals mein Visum beantragen musste. Mitten in meiner Forschung habe ich mir Gedanken darüber gemacht, dass mein Visum abläuft. Das war eine schwere Zeit.
Was hat Sie positiv überrascht - als ausländische Wissenschaftlerin in Deutschland, Berlin und am DIW?
Chowdhry: Ich erinnere mich an meine erste Woche in Deutschland, als ich in München ankam und meine Forschungsgruppe mich schon am nächsten Tag zu einer Wanderung in den Alpen mitnahm. Ich habe gelernt, dass das typisch für Deutschland ist: Die Menschen lieben einfach die Natur. Auch ich habe die Natur lieben gelernt und schätze die Zeit, die ich nach der Arbeit fernab von Bildschirmen verbringe. Und ich denke, dass die Forschungsgemeinschaft in Deutschland in dieser Hinsicht ebenfalls sehr abenteuerlustig ist. Man diskutiert Forschungsideen mit Ökonom*innen, während man in den Bergen wandert und viel frische Luft atmet.
In vielen Teilen der Welt sehen wir, dass die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft schwieriger werden – schauen wir etwa in die USA. Wie nehmen Sie das wahr und wie ist es Ihrer Meinung nach um die Wissenschaftsfreiheit in Europa bestellt?
Chowdhry: Ich sehe eine zunehmende Prekarisierung, Unsicherheit und eine Erosion der akademischen Unabhängigkeit, was für viele von uns in verschiedenen Fachbereichen, nicht nur in den Wirtschaftswissenschaften, Anlass zur Sorge ist. Das wirkt sich auf die Zukunft der Wissenschaft aus, insbesondere wenn es junge Menschen davon abhält, eine höhere Ausbildung oder eine Karriere in der Forschung anzustreben. Aber das Gute daran ist, dass die Akademiker*innen selbst zunehmend ihre Stimme erheben, um auf unsere Bedürfnisse und unsere Rolle in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. In Deutschland gibt es beispielsweise die #IchbinHanna-Bewegung, und auch hier in Harvard haben sich viele Menschen lautstark gegen die jüngsten Kürzungen der Forschungsmittel ausgesprochen. Ich sehe also, dass die wissenschaftliche Gemeinschaft wirklich zusammenrückt.
In Deutschland – und leider auch anderen Teilen Europas – gewinnen Parteien an Zulauf, die sich unter anderem durch Fremdenfeindlichkeit auszeichnen. Bereitet Ihnen das Sorge und beeinflusst das Ihre Karriereentscheidungen?
Chowdhry: Das betrifft uns alle. Ein Umfeld oder eine politische Agenda, die Unterschieden und Vielfalt feindlich gegenübersteht, steht oft im Widerspruch zu kritischem Denken. Kritisches Denken ist aber das Herzstück akademischer und wissenschaftlicher Arbeit. Ich möchte an Orten forschen, an denen ich, aber auch andere Menschen um mich herum, als gleichwertig und wertvoll angesehen werden. In Berlin habe ich das Gefühl, dass wir uns innerhalb Deutschlands an einem besonderen Ort befinden. Ich sehe hier viel Widerspruch und Widerstand gegen solche rechtsextremen Ansichten, was ich auch in anderen Teilen Deutschlands festgestellt habe. Vorher habe ich in Kiel gelebt und dort habe ich ebenfalls ein fantastisches Umfeld vorgefunden. Was meine berufliche Arbeit angeht, geht es mir gut, aber das bedeutet nicht, dass ich diese politischen Veränderungen ignorieren kann. Ich habe in Großbritannien erlebt, wie sich das politische Klima gegenüber Migrant*innen in der Gesellschaft nach dem Brexit verändert hat.