Prognosen, Marktwerte und Zufall – Fußballforschung am DIW Berlin

Gert G. Wagner war eine der prägenden Persönlichkeiten des DIW Berlin - mehr als 20 Jahre lang Leiter des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), ehemaliger Vorstandsvorsitzender des DIW Berlin und Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere empirische Wirtschaftsforschung und Wirtschaftspolitik – und begeisterter Fußballer. Den Sport betrieb er nicht nur praktisch mit einer DIW-Mannschaft, sondern nutzte ihn auch als Anschauungsobjekt für seine Forschung. Gemeinsam mit seinem Kollegen und Freund, dem DIW Research Fellow Jürgen Gerhards entwickelte er ein Prognosemodell, auf Grundlage von Transferpreisen von Spielern, angereichert mit Erkenntnissen aus der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft, mit dem sie die Ergebnisse von Fußballligen und Turnieren erstaunlich präzise vorhersagen konnten. „Gert Wagner war nicht nur der Herr der Daten, sondern auch ein durch und durch neugieriger Wissenschaftler, der ständig neue Anwendungsfelder und Inspirationen für seine Forschung suchte“, sagt Jürgen Gerhards im Interview.

Herr Gerhards, Sie sind Soziologe, Professor an der FU Berlin und Research Fellow am DIW Berlin. Für Aufmerksamkeit haben Sie unter anderem mit Fußballprognosen gesorgt. So titelte zum Beispiel die BILD-Zeitung im Jahr 2010 „Forscher besser als Krake Paul“, weil Sie für die WM 2010 bessere Prognosen abgegeben haben als die Orakel-Krake Paul. Wie sind Sie denn eigentlich darauf gekommen, wissenschaftliche Prognosen für Fußballweltmeisterschaften zu entwickeln?

Gerhards: Es begann mit einer Begegnung mit Gert Wagner auf einer Geburtstagsparty. Damals, 2008, stand eine Europameisterschaft an. Sowohl Gert Wagner als auch ich sind an Fußball interessiert und von Fußball begeistert, und dann haben wir beim Buffet drüber nachgedacht und spekuliert: Na wer könnte denn jetzt die Europameisterschaft gewinnen? Ja, und dann wurde der Gedanke entwickelt, die Frage mal wissenschaftlich und empirisch anzugehen.

Krake Paul war 2010 weltberühmt, als er die Ergebnisse der Spiele der Fußball-WM der Männer vorraussagte.
© Wikimedia Commons/Tilla

Gert Wagner, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des DIW Berlin und Leiter des SOEP, war Sozialwissenschaftler und Ökonom. Sie haben also diese Idee gemeinsam entwickelt. Wie ging es dann weiter?

Gerhards: Gert Wagner war ja immer für neue und originelle Ideen zu haben. Wir haben uns zusammengesetzt und uns überlegt: Wie können wir solche Meisterschaften prognostizieren? Die dann anstehende Europameisterschaft war unser erster Anwendungsversuch der Marktwert Methode, also dem Vergleich des summierten Marktwertwerts der Mannschaften. Das Modell haben wir dann zusammen mit Michael Mutz, der heute Professor für Sportsoziologie an der Universität Gießen ist, zunehmend verfeinert. In diesem Kontext sind dann auch wissenschaftliche Artikel entstanden. Das ist die Entstehungsgeschichte.

Was unterscheidet denn Ihre wissenschaftliche Prognose von klassischen Experteneinschätzungen oder Fan-Tipps?

Gerhards: Wir gehen die Sache wissenschaftlicher an. Sportjournalisten verlassen sich meist auf ihr Erfahrungswissen und ihr Bauchgefühl. Und Fan-Tipps oder Wetten haben immer einen gewissen Bias, eine Verzerrung, weil die Fans das eigene Team überschätzen. So wetten die die Leute in Deutschland dann doch eher für die deutsche Mannschaft und die Engländer eher für das englische Team. Also was uns unterscheidet ist im Grunde, dass wir eine Theorie geleitete empirische Forschung betrieben haben. Das heißt, wir hatten Hypothesen, die zum Teil aus anderen Forschungsfeldern kommen und haben die dann empirisch umgesetzt.

Was waren das für Hypothesen? Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Gerhards: Wir haben uns zunächst vor allem auf den Marktwert der Mannschaften fokussiert. Zu den Marktwerten der einzelnen Spieler liegen Daten vor, die wir verwenden konnten. Profifußball ist ein komplett durchkapitalisierter gesellschaftlicher Bereich. Und weil das so ist, sind die Spieler Waren, die einen Marktwert haben. Der Marktwert der Spieler wird von Experten eingeschätzt, wir konnten quasi die Weisheit der Vielen nutzen. Wir haben dann die Marktwerte aller Spieler einer Mannschaft addiert. Die Mannschaft, die sozusagen das höchste Humankapital aufweist, hat natürlich auch die höchste Chance zu gewinnen.

Jürgen Gehards im Juni 2022.
© privat

Sie haben aber noch weitere Faktoren berücksichtigt, richtig?

Gerhards: Das war der erste Zugang. Im nächsten Schritt haben wir zusätzlich die Ungleichheit innerhalb einer Mannschaft berücksichtigt. Ein Beispiel: Wir gehen mal davon aus, eine Mannschaft besteht aus nur zwei Spielern. Der eine Spieler ist neun Millionen Wert, der zweite Spieler eine Million. Im Aggregat sind das zehn Millionen. Der Mittelwert beträgt fünf Millionen. Jetzt haben wir eine zweite Mannschaft, auch bestehend aus zwei Spielern. Beide Spieler haben einen Marktwert von jeweils fünf Millionen. Der Mittelwert ist auch hier fünf Millionen. Welche Mannschaft wird gewinnen? Die zweite, weil die in gewisser Weise „gleicher“ ist. Die Berücksichtigung von Ungleichheit dockt ebenfalls an eine größere Gesellschaftstheorie an nämlich, wie wichtig Ungleichheit für den Erfolg einer Gesellschaft ist. Zu ungleiche Gesellschaften funktionieren einfach nicht so gut, das wissen wir. Und das kann man jetzt auf den Fußball übertragen. Und deswegen haben wir in unseren Analysen, zusätzlich die Gleichheit innerhalb verschiedener Mannschaften berücksichtigt. Und dann haben wir noch einen dritten Faktor berücksichtigt.

Und das ist die Diversität?

Gerhards: Genau. Diversität kann zu Vorteilen, aber auch zu Nachteilen führen. Nehmen wir eine Mannschaft mit elf Spielern, die alle eine unterschiedliche Sprache sprechen, dann kann man sagen, dass diese Diversität ein Koordinationsproblem verursacht, weil die Spieler sich nicht gut verständigen können. Umgekehrt kann man aber gerade beim Fußball sagen, dass Diversität auch mit Vorteilen verbunden ist. Spieler kommen aus unterschiedlichen Spielertraditionsländern, also dribbelstarke Brasilianer versus eher abwehrgestählte Schotten. Aus diesen Überlegungen haben wir abgeleitet: Diversität ist gut bis zu einem gewissen Grad, aber man darf sie nicht übertreiben. Das gilt natürlich nur für den Liga-Betrieb und nicht für Nationalmannschaften.

Das heißt, Sie haben einen Schwellenwert für Diversität eingebaut?

Gerhards: Korrekt. Wir haben so einen Schwellenwert eingebaut und die Ergebnisse von sehr vielen Fußballligen und mehreren Spielsaisons analysiert. Wir haben für jede Mannschaft den Diversitätsgrad, den Marktwert und die Ungleichheit bestimmt und dann vorausgesagt, wer am Ende auf welchem Platz landen wird. Also zum Beispiel wer am Ende der Bundesliga auf Platz 1 und wer auf Platz 18 stehen wird. Und wir finden heraus, dass wir das sehr gut prognostizieren können.

Haben Sie noch weitere Indikatoren in Ihr Prognosemodell aufgenommen, etwa Trainer oder Verletzungen?

Gerhards: Ja, wir haben noch einen weiteren Faktor berücksichtigt, die Routine einer Mannschaft. Die Routine haben wir bestimmt über die Anzahl neuer Spieler zu Beginn der Saison. Auch das kennen wir zum Beispiel aus Arbeitsteams. Angenommen sie haben eine Arbeitsgruppe bestehend aus zehn Leuten und sie wechseln jetzt die komplette Mannschaft. Das dauert eine Weile, bis die Neuen kapieren, wo es lang geht und bis die miteinander kooperieren können. Natürlich ist es toll, wenn sie Ihr Team mit einem ganz tollen, teuren Spieler ergänzen. Aber Routine, eingespielte Rhythmen, Spielzüge und so weiter sind ebenfalls sehr wichtig für den Erfolg. Also haben wir den Anteil der Spieler, der zum Beginn der Saison neu in einer Mannschaft ist, auch mitberücksichtigt.

Wie erfolgreich waren Ihre Prognosen in der Vergangenheit?

Gerhards: Liga-Fußball können wir sehr gut voraussagen, Turniere, wie Europa- oder Weltmeisterschaften sind schwieriger vorauszusagen. Da hatten wir mit unseren Prognosen, das muss man sagen, wahnsinniges Glück. Die erste Europameisterschaft, auch die zweite und ich glaube auch die erste Weltmeisterschaft hatten wir richtig prognostiziert. Aber da hatten wir einfach auch Glück, weil der Turnierwettbewerb schwer zu prognostizieren ist. Die Ergebnisse der Gruppenphase sind noch ganz gut zu prognostizieren, für KO-Spiele gilt das weniger. Hier kommt etwas hinzu, was für den Fußball besonders ist: Der Zufall. Der spielt eine echt große Rolle im Fußball. Da prallt mal der Ball komisch ab und springt einem vor die Füße und zack ist das Ding drin. Das ist bei anderen Sportarten wie Basketball oder Tennis, wo sehr viele Punkte gemacht werden, nicht so. Im Fußball werden im Spiel, im Durchschnitt zwei bis drei Tore geschossen. Kleine Fehler oder auch Schiedsrichter-Fehlentscheidungen können große Folgen haben. Beim Liga-Fußball werden die Fehler über die Saison hin ausbalanciert. Wenn am Ende eine Mannschaft achtzehn Spiele gemacht hat, dann hält sich der Zufall sozusagen die Waage. Also Turnier-Fußball ist nicht gut zu prognostizieren. Dass wir trotzdem häufig richtig lagen, war wiederum Zufall.

Die WM 2006 und 2010 und die EM 2008 und 2012 haben Sie korrekt prognostiziert (PDF, 488.08 KB). Gab es auch überraschende Fehleinschätzungen? Ich denke jetzt gerade an die WM 2014, da war glaube ich Ihre Prognose Spanien, aber Deutschland hat gewonnen. Hat sie das überrascht?

Gerhards: Nee, Spanien war zwar stärker im Marktwert (PDF, 187.58 KB), aber die beiden Mannschaft lagen nicht so weit auseinander. Wenn Mannschaften nah beieinander liegen, wird die Prognose natürlich immer schwerer. Und bei Turnieren spielt der Zufall immer auch eine sehr große Rolle.

Gert G. Wagner, ehemaliger Direktor des Sozio-oekonimischen Panel und Vorstandsvorsitzender der DIW Berlin von 2011-2013
© DIW Berlin

Bei der WM gab es auch immer wieder Orakel-Tiere. Wie zum Beispiel Orakel Paul, eine Krake. Wie sehen Sie seinen Erfolg?

Gerhards: Die Prognosen der Krake Paul waren reiner Zufall. Übrigens gehörte das mit zu den besonderen Erfolgen von Gerts und meiner wissenschaftlichen Karriere. Wir lagen damals besser als Krake Paul. Die Bild-Zeitung hat dann getitelt: „Forscher besser als Krake Paul“. Ich kann mich gut erinnern, dass Gert Wagner mich gleich angerufen hat. Wir haben uns amüsiert und waren uns einig: So ein Lob hatten wir noch nie bekommen.

Ihre Methode hat also überzeugt. Welche soziologischen oder ökonomischen Erkenntnisse lassen sich aus Ihrer Fußballforschung ableiten?

Gerhards: Ja, da könnte man jetzt drei Schlussfolgerungen ziehen. Erstens, bei gleicher Leistungsstärke ist soziale Gleichheit für eine Gesellschaft gut, weil es sie produktiver macht. Zweitens, Diversität ist nicht immer gut. Es kommt auf den Schwellenwert an. Man muss die richtige Balance finden zwischen Vielfalt und Einheitsbrei. Das scheint mir wichtig zu sein, für Organisationen und auch für die Integration von Migrantinnen und Migranten. Migration ist bereichernd für eine Gesellschaft, man braucht sie auch aufgrund des demografischen Wandels. Aber es gibt immer Kipppunkte, weil die Transaktionskosten zu hoch werden. Drittens: Vermeide Oligopole oder Monopole. Die machen den Wettbewerb kaputt, was übrigens einen negativen Effekt auch auf die Einschaltquoten hat. Wenn die Spiele alle schon vorab entschieden sind, weil ein Team zu dominant ist, dann gucken sich außer den richtigen Fans weniger Leute das Spiel an. Die Einschaltquoten definieren sich vor allen Dingen über die Leute, die in gewisser Weise nicht hundertprozentig dabei sind. Die Unentschiedenheit des Ausgangs ist wichtig für die Aufmerksamkeit und die Einschaltquoten.

Zum Abschluss: Haben Sie eine Prognose für die aktuelle Frauenfußball-EM?

Gerhards: Ich habe nur einen kurzen Blick auf die Marktwerte der einzelnen Spielerinnen geworfen. Von den zwanzig Spielerinnen weltweit mit dem höchsten Marktwert kommen allein sieben aus Spanien. Ohne dass ich das Turnier genauer analysiert hätte, vermute ich, dass Spanien gewinnen wird. Aber Gott sei Dank steht mit dem Zufall eine weitere Spielerin auf dem Platz.

Vielen Dank, Herr Gerhards, für das spannende Gespräch!

Das Interview führte Frederik Schulz-Greve.

100 JAHRE DIW BERLIN IN FÜNF EPOCHEN

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