Sie haben aber noch weitere Faktoren berücksichtigt, richtig?
Gerhards: Das war der erste Zugang. Im nächsten Schritt haben wir zusätzlich die Ungleichheit innerhalb einer Mannschaft berücksichtigt. Ein Beispiel: Wir gehen mal davon aus, eine Mannschaft besteht aus nur zwei Spielern. Der eine Spieler ist neun Millionen Wert, der zweite Spieler eine Million. Im Aggregat sind das zehn Millionen. Der Mittelwert beträgt fünf Millionen. Jetzt haben wir eine zweite Mannschaft, auch bestehend aus zwei Spielern. Beide Spieler haben einen Marktwert von jeweils fünf Millionen. Der Mittelwert ist auch hier fünf Millionen. Welche Mannschaft wird gewinnen? Die zweite, weil die in gewisser Weise „gleicher“ ist. Die Berücksichtigung von Ungleichheit dockt ebenfalls an eine größere Gesellschaftstheorie an nämlich, wie wichtig Ungleichheit für den Erfolg einer Gesellschaft ist. Zu ungleiche Gesellschaften funktionieren einfach nicht so gut, das wissen wir. Und das kann man jetzt auf den Fußball übertragen. Und deswegen haben wir in unseren Analysen, zusätzlich die Gleichheit innerhalb verschiedener Mannschaften berücksichtigt. Und dann haben wir noch einen dritten Faktor berücksichtigt.
Und das ist die Diversität?
Gerhards: Genau. Diversität kann zu Vorteilen, aber auch zu Nachteilen führen. Nehmen wir eine Mannschaft mit elf Spielern, die alle eine unterschiedliche Sprache sprechen, dann kann man sagen, dass diese Diversität ein Koordinationsproblem verursacht, weil die Spieler sich nicht gut verständigen können. Umgekehrt kann man aber gerade beim Fußball sagen, dass Diversität auch mit Vorteilen verbunden ist. Spieler kommen aus unterschiedlichen Spielertraditionsländern, also dribbelstarke Brasilianer versus eher abwehrgestählte Schotten. Aus diesen Überlegungen haben wir abgeleitet: Diversität ist gut bis zu einem gewissen Grad, aber man darf sie nicht übertreiben. Das gilt natürlich nur für den Liga-Betrieb und nicht für Nationalmannschaften.
Das heißt, Sie haben einen Schwellenwert für Diversität eingebaut?
Gerhards: Korrekt. Wir haben so einen Schwellenwert eingebaut und die Ergebnisse von sehr vielen Fußballligen und mehreren Spielsaisons analysiert. Wir haben für jede Mannschaft den Diversitätsgrad, den Marktwert und die Ungleichheit bestimmt und dann vorausgesagt, wer am Ende auf welchem Platz landen wird. Also zum Beispiel wer am Ende der Bundesliga auf Platz 1 und wer auf Platz 18 stehen wird. Und wir finden heraus, dass wir das sehr gut prognostizieren können.
Haben Sie noch weitere Indikatoren in Ihr Prognosemodell aufgenommen, etwa Trainer oder Verletzungen?
Gerhards: Ja, wir haben noch einen weiteren Faktor berücksichtigt, die Routine einer Mannschaft. Die Routine haben wir bestimmt über die Anzahl neuer Spieler zu Beginn der Saison. Auch das kennen wir zum Beispiel aus Arbeitsteams. Angenommen sie haben eine Arbeitsgruppe bestehend aus zehn Leuten und sie wechseln jetzt die komplette Mannschaft. Das dauert eine Weile, bis die Neuen kapieren, wo es lang geht und bis die miteinander kooperieren können. Natürlich ist es toll, wenn sie Ihr Team mit einem ganz tollen, teuren Spieler ergänzen. Aber Routine, eingespielte Rhythmen, Spielzüge und so weiter sind ebenfalls sehr wichtig für den Erfolg. Also haben wir den Anteil der Spieler, der zum Beginn der Saison neu in einer Mannschaft ist, auch mitberücksichtigt.
Wie erfolgreich waren Ihre Prognosen in der Vergangenheit?
Gerhards: Liga-Fußball können wir sehr gut voraussagen, Turniere, wie Europa- oder Weltmeisterschaften sind schwieriger vorauszusagen. Da hatten wir mit unseren Prognosen, das muss man sagen, wahnsinniges Glück. Die erste Europameisterschaft, auch die zweite und ich glaube auch die erste Weltmeisterschaft hatten wir richtig prognostiziert. Aber da hatten wir einfach auch Glück, weil der Turnierwettbewerb schwer zu prognostizieren ist. Die Ergebnisse der Gruppenphase sind noch ganz gut zu prognostizieren, für KO-Spiele gilt das weniger. Hier kommt etwas hinzu, was für den Fußball besonders ist: Der Zufall. Der spielt eine echt große Rolle im Fußball. Da prallt mal der Ball komisch ab und springt einem vor die Füße und zack ist das Ding drin. Das ist bei anderen Sportarten wie Basketball oder Tennis, wo sehr viele Punkte gemacht werden, nicht so. Im Fußball werden im Spiel, im Durchschnitt zwei bis drei Tore geschossen. Kleine Fehler oder auch Schiedsrichter-Fehlentscheidungen können große Folgen haben. Beim Liga-Fußball werden die Fehler über die Saison hin ausbalanciert. Wenn am Ende eine Mannschaft achtzehn Spiele gemacht hat, dann hält sich der Zufall sozusagen die Waage. Also Turnier-Fußball ist nicht gut zu prognostizieren. Dass wir trotzdem häufig richtig lagen, war wiederum Zufall.
Die WM 2006 und 2010 und die EM 2008 und 2012 haben Sie korrekt prognostiziert (PDF, 488.08 KB). Gab es auch überraschende Fehleinschätzungen? Ich denke jetzt gerade an die WM 2014, da war glaube ich Ihre Prognose Spanien, aber Deutschland hat gewonnen. Hat sie das überrascht?
Gerhards: Nee, Spanien war zwar stärker im Marktwert (PDF, 187.58 KB), aber die beiden Mannschaft lagen nicht so weit auseinander. Wenn Mannschaften nah beieinander liegen, wird die Prognose natürlich immer schwerer. Und bei Turnieren spielt der Zufall immer auch eine sehr große Rolle.