Als das DIW Berlin vor 100 Jahren gegründet wurde, gab es bereits lebhaften weltwirtschaftlichen Austausch. Besonders für eine offene Volkswirtschaft wie die deutsche war früh klar: Wer wirtschaftliche Entwicklungen verstehen will, muss über die Grenzen Europas hinausblicken. Schon in der allerersten Ausgabe des DIW Wochenberichts von 1928 stand ein Land im Fokus, das heute in keiner wirtschaftspolitischen Analyse mehr fehlt: China. Der Beitrag widmete sich den Perspektiven des chinesischen Außenhandels – ein überraschend früher Fokus auf eine damals noch weniger beachtete Volkswirtschaft.
Auch in den folgenden Jahren tauchte China als Thema in den DIW Wochenberichten auf – mal als Handelspartner, mal als Entwicklungsfall. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verengte sich in Deutschland der Blick auf Europa. Der Zweite Weltkrieg, Chinas Bürgerkrieg und die politische Isolation der Volksrepublik taten ihr Übriges: Für rund drei Jahrzehnte verschwand China aus der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung am DIW Berlin nahezu vollständig.
Erst 1963 begann ein neues Kapitel: Der China-Experte Ernst Hagemann wurde von der damaligen Berliner Zentralbank abgeworben. Noch bevor China seine Wirtschaft allmählich für den globalen Handel öffnete, schlug Hagemann eine bemerkenswert vorausschauende Forschungsrichtung ein und leistete echte Pionierarbeit: Er rekonstruierte im Jahr 1964 die chinesische Zahlungsbilanz. Da offizielle Zahlen fehlten, nutzte Hagemann Daten ausländischer Partnerländer, um ein realistisches Bild des chinesischen Außenhandels zu zeichnen. Seine Arbeit am DIW Berlin, die sich über mehr als 30 Jahre erstreckte, legte einen Grundstein für eine faktenbasierte Chinaforschung in Deutschland.
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Die Zahlen offenbarten mehr als nur wirtschaftliche Trends – sie gaben Einblicke in die strategische Neuorientierung der Volksrepublik. So dokumentierte Hagemann eindrucksvoll, wie sich Chinas Abnabelung von der Sowjetunion im Außenhandel widerspiegelte. Der Anteil der UdSSR am chinesischen Außenhandel fiel von etwa 50 Prozent Ende der 1950er Jahre auf unter zehn Prozent im Jahr 1967. Gleichzeitig gewannen Hongkong, Japan – und Deutschland – zunehmend an Bedeutung. Bereits damals lag der deutsche Anteil bei über sieben Prozent.
Auch währungspolitische Fragen wurden in den DIW Wochenberichten diskutiert: Weil es keine diplomatischen Beziehungen zu den USA gab, rechnete China im Außenhandel vorwiegend in britischen Pfund ab – trotz instabiler Pfundkurse. Erste Versuche, die eigene Währung international zu etablieren, blieben weitgehend erfolglos, zeugen aber von Chinas frühem Drang nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit.
Die DIW Wochenberichte jener Zeit lesen sich heute wie ein wirtschaftshistorisches Tagebuch der Volksrepublik – von der Kulturrevolution bis zum Aufstieg zur globalen Wirtschaftsmacht. Die Analysen betreffen nicht nur den Außenhandel, sondern lieferten auch Einblicke in Chinas Wirtschafts- und Sozialstruktur. Damit dokumentiert das DIW Berlin eine der bemerkenswertesten ökonomischen Transformationen des 20. Jahrhunderts – lange bevor China in Berlin zum Topthema wurde.
Autor: Lukas Menkhoff