Boomer-Soli würde helfen, demografische Herausforderung im Rentensystem zu bewältigen: Interview

DIW Wochenbericht 29 / 2025, S. 457

Maximilian Blesch, Erich Wittenberg

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Herr Blesch, mit dem Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge wird die Zahl der Neurentner*innen deutlich ansteigen und das umlagefinanzierte Rentensystem an seine Grenzen bringen. Sie haben zwei Reformansätze untersucht. Worin unterscheiden sich diese Ansätze und was haben sie gemeinsam? Wir haben zum einen die sogenannte Rentenprogression, ein Vorschlag des Sachverständigenrats für Wirtschaft, evaluiert und darüber hinaus einen neuen Vorschlag, den sogenannten Boomer-Soli. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden ist, dass bei der Rentenprogression allein eine Umverteilung innerhalb der älteren Generation im gesetzlichen Rentensystem erfolgt, während es bei dem von uns vorgeschlagenen Boomer-Soli zu einer Umverteilung in allen Alterseinkünften kommt, denn nicht alle Menschen bekommen Rente aus dem gesetzlichen Rentensystem. Es gibt viele weitere Alterseinkünfte wie zum Beispiel Pensionen oder Zahlungen aus Versorgungswerken für Ärzt*innen oder Anwält*innen.

Wie kann man sich die progressive Komponente bei der Umverteilung innerhalb der Rentenversicherung vorstellen? Je höher die Rente, desto mehr Abzüge? Genau. Nach diesem Vorschlag würden die oberen Renten abgeschmolzen und die unteren aufstockt werden. Die Höhe einer Rente bestimmt sich nach den Entgeltpunkten, die wiederum danach berechnet werden, wie viel man in seinem Erwerbsleben verdient hat. Bei der Rentenprogression werden höhere Entgeltpunkte mit etwas weniger Geld bewertet und geringere Entgeltpunkte mit etwas mehr. Dadurch gäbe es diesen Umverteilungseffekt, sodass obere Renten ein bisschen verlieren und untere Renten etwas hinzubekommen würden.

Wie sieht im Gegensatz dazu der Boomer-Soli aus? Was ich gerade beschrieben habe, ist eine Umverteilung im Rentensystem. Das heißt, sie betrifft nur Menschen, die in ihrem Erwerbsleben in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben. Das sind aber nicht alle Menschen. So zahlen Beamt*innen nicht in die gesetzliche Rente ein und Menschen, die in Versorgungswerken organisiert sind, wären ebenfalls nicht betroffen, wenn wir nur innerhalb der gesetzlichen Rente umverteilen. Deshalb haben wir den Boomer-Soli vorgeschlagen, bei dem es zu einer Umverteilung unter Einbeziehung aller Alterseinkünfte käme. Dadurch wäre die Umverteilung deutlich ausgewogener.

Wie würden sich der Boomer-Soli und die Rentenprogression auf die verfügbaren Haushaltseinkommen und das Altersarmutsrisiko auswirken? Bei unserem Vergleich verringert sich die Armutsrisikoquote bei beiden Reformansätzen um jeweils gut vier Prozentpunkte auf knapp 14 Prozent. Es ist also der gleiche Effekt zu beobachten. Dazu muss man wissen, dass in unserer Simulation die Zahl der Rentner*innen gleich bleibt und nicht zunimmt. Der Unterschied liegt darin, woher das Geld genommen wird. Bei der Rentenprogression verringert sich das Haushaltseinkommen der oberen 20 Prozent nur um zwei Prozent, während es beim Boomer-Soli bis zu vier Prozent sind. Beim Boomer-Soli ist der Umverteilungsmechanismus also breiter und erreicht auch die oberen Einkommen, was bei der Rentenprogression nicht geschieht.

Mit welchen Widerständen rechnen Sie? Grundsätzlich gibt es bei jeder Umverteilung Menschen, die dagegen sind. Aber der demografische Wandel ist eine sehr große Aufgabe, die große Anstrengungen erfordert. Jetzt schon macht der Rentenzuschuss mit 20 Prozent einen großen Teil des Bundeshaushalts aus, und in Zukunft wird es noch größere Anstrengungen benötigen. Die Frage ist, wer diese Lasten trägt. Da kann man entweder nur zu den Erwerbstätigen, also den jüngeren Generationen, blicken, oder eben mit Vorschlägen kommen, die dafür sorgen, dass alle Generationen an dieser Aufgabe mitarbeiten. Einer dieser Vorschläge ist der Boomer-Soli.

O-Ton von Maximilian Blesch
Boomer-Soli würde helfen, demografische Herausforderung im Rentensystem zu bewältigen - Interview mit Maximilian Blesch



JEL-Classification: H55
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2025-29-2


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