DIW Wochenbericht 30 / 2025, S. 472
Anna Bindler, Erich Wittenberg
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Frau Bindler, älteren Studien zufolge ist die Angst vor Kriminalität teilweise irrational und deckt sich nicht immer mit der tatsächlichen Sicherheitslage. Inwieweit bestätigen oder widerlegen das die Ergebnisse Ihrer aktuellen Studie? Sowohl als auch, würde ich sagen. Vor etwa zehn Jahren haben sich Forscher*innen am DIW Berlin schon einmal mit der Frage beschäftigt und fanden einen positiven Zusammenhang zwischen Kriminalität und Kriminalitätsfurcht. Im gleichen Zeitraum zeigen sich auch in unseren Analysen ähnliche Ergebnisse. Allerdings sehen wir in späteren Zeiträumen eine gegenläufige Entwicklung.
Ist die Angst vor der Kriminalität größer als die tatsächliche Bedrohung oder ist es umgekehrt? Das schwankt über die Zeit. Bis etwa 2013 entwickelt sich beides relativ parallel. Das heißt, wir sehen einen Rückgang in der Angst vor Kriminalität und einen Rückgang in der Kriminalität. Ab 2014 bis circa 2018 läuft das gegeneinander. Das heißt, wir sehen weiterhin einen Rückgang in der Kriminalität, aber einen Anstieg im Unsicherheitsgefühl.
Gibt es eine Erklärung dafür? Wir können das nicht kausal belegen, aber dieser Zeitraum, in dem beide Entwicklungen gegenläufig sind, fällt zusammen mit gesellschaftlichen Veränderungen. Das ist die Zeit der Fluchtzuwanderung 2015/16, aber auch ein Zeitraum mit vielen Terroranschlägen in Europa. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass das Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung gestiegen ist.
Welche regionalen Unterschiede gibt es bei der Kriminalität und der Kriminalitätsfurcht? Wir stellen ein starkes Nord-Süd-Gefälle in Deutschland fest. Das ist nichts Neues. In den nördlichen Regionen Deutschlands ist die Kriminalität höher, aber auch das Sicherheitsempfinden geringer. Umgekehrt sind Regionen, die im Sinne der Kriminalstatistik sicherer sind, auch Regionen, in denen sich Menschen grundsätzlich sicherer fühlen. Diese Korrelation ist aber nicht perfekt, denn es gibt Unterschiede. Das sehen wir besonders in den Großstädten. Das sind Gegenden, in denen die Kriminalität hoch ist, aber das Sicherheitsempfinden gar nicht so niedrig, wie man das vielleicht vermuten würde.
Inwieweit unterscheidet sich das Sicherheitsgefühl nach Alter, Geschlecht oder sozio-ökonomischen Merkmalen? Grundsätzlich haben Männer im Gegensatz zu Frauen ein höheres Sicherheitsempfinden und jüngere Menschen ein höheres als ältere Menschen. Beim Migrationshintergrund muss man unterscheiden. Bei der sozialen Kriminalitätsfurcht, das heißt, die Sorgen, was in der Gesellschaft passiert, sehen wir hier ein höheres Sicherheitsempfinden. Geht es um die personale Kriminalitätsfurcht, also um die eigene Betroffenheit, beobachten wir bei Menschen mit Migrationshintergrund ein niedrigeres Sicherheitsempfinden. Was die sozio-ökonomischen Faktoren angeht, sehen wir zum Beispiel, dass sich Menschen aus wohlhabenderen Haushalten sicherer fühlen.
Was bedeuten Ihre Ergebnisse für den Umgang der Politik mit diesem Thema? Zum einen haben wir enormen Forschungsbedarf, um zu verstehen, was das Sicherheitsgefühl von Menschen beeinflusst. Basierend darauf geht es um die Frage: Warum haben Menschen, die im gleichen Land leben, ein ganz anderes subjektives Empfinden von Kriminalität? Was können wir hier machen? Was ist die Rolle der Medienberichterstattung und des politischen Diskurses? Meine Schlussfolgerung ist, dass es ganz wichtig ist, eine verantwortungsvolle Berichterstattung zu haben, die aufklärt und keine Ängste schürt, aber auch einen sachlichen Diskurs, gerade zum Thema Kriminalität, damit das subjektive Empfinden und die faktische Kriminalitätsentwicklung nicht auseinanderdriften.
Themen: Ungleichheit, Kriminalität
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2025-30-2
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