DIW Wochenbericht 34 / 2025, S. 519
Jascha Dräger, Erich Wittenberg
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Herr Dräger, Sie haben die Auswirkungen von Schulfehltagen analysiert. Warum haben Sie dafür Daten aus England verwendet? Wir haben für die Analyse Daten aus England verwendet, weil es in Deutschland nicht die Möglichkeit gibt, die Daten von Schüler*innen zu Fehlzeiten mit Leistungsdaten zu verknüpfen. Im Gegensatz dazu ist das in England leicht möglich. Dort haben wir detaillierte Daten zu den Fehlzeiten der Schulkinder, aber auch detaillierte Daten zu den Leistungen der Schüler*innen.
In Berlin wird zumindest eine Statistik über die Zahl der Fehltage geführt. Wie viele Schulfehltage gibt es in Berlin und wie viele in England? Die Zahl der Schulfehltage ist in beiden Ländern relativ ähnlich und hat sich auch relativ ähnlich entwickelt. Bis vor der Corona-Pandemie hatten wir in beiden Ländern ungefähr sechs Prozent Fehltage pro Schuljahr. Seit der Corona-Pandemie sind diese Zahlen auf etwa neun Prozent Fehltage pro Jahr deutlich gestiegen.
Wie wirken sich Fehltage auf die schulischen Leistungen aus? In unserer Studie haben wir herausgefunden, dass sich Fehltage in jeglichem Schuljahr negativ auf die Leistungen in den Abschlussprüfungen, die in England in der elften Klasse stattfinden, auswirken. Dabei gibt es leichte Unterschiede zwischen den Schuljahren. Fehltage in bestimmten Jahren sind schlimmer als Fehltage in anderen Schuljahren. Besonders schlimm wirken sich in England die Fehltage in der sechsten bis zehnten Klasse, aber auch in der ersten Klasse aus. Einen großen Unterschied zwischen den Konsequenzen von entschuldigten und unentschuldigten Fehlzeiten konnten wir nicht feststellen.
Wie wirken sich die Fehltage langfristig auf den Bildungsweg, die Erwerbsbiografie und das spätere Einkommen aus? In einer anderen Studie haben wir die langfristigen Konsequenzen der Fehltage untersucht und uns die Bildung und beispielsweise das Einkommen von 42-jährigen Personen angeguckt. Dabei hat sich gezeigt, dass diese Fehltage im Grunde nie wieder ausgeglichen werden können. Personen, die mehr Fehlzeiten hatten, haben als Erwachsene im Durchschnitt geringere Bildungsabschlüsse und ein geringeres Einkommen.
Inwieweit lassen sich Ihre Ergebnisse auf die Verhältnisse in Deutschland übertragen? Grundsätzlich glauben wir, dass diese Ergebnisse in sehr ähnlicher Weise auch für Deutschland gelten. Wenn Schüler*innen nicht zur Schule gehen, ist es sehr schwierig, dass sie ähnlich viel lernen wie Schüler*innen, die weniger Fehltage haben. Es gibt jedoch einen wichtigen Unterschied zwischen dem englischen und deutschen Bildungssystem: In Deutschland werden die Kinder früh auf unterschiedliche Schulformen aufgeteilt. Dementsprechend könnte man erwarten, dass sich in Deutschland Fehlzeiten am Ende der Grundschulzeit besonders auswirken, weil sie am Ende der Grundschulzeit dazu führen, dass Kinder möglicherweise nicht auf ein Gymnasium kommen.
Wie ließen sich die negativen Auswirkungen von Fehltagen verringern? Eine Möglichkeit wäre, dass Schulen und Lehrer*innen bereits mit einplanen, dass es zu diesen Fehlzeiten kommen wird und sich darauf vorbereiten oder Programme erstellen, wie betroffene Schüler*innen den verpassten Unterricht systematisch nachholen können. Eine andere Möglichkeit wäre, zu versuchen, die Fehlzeiten zu verringern. Es gibt bereits einige Programme dazu, wie unentschuldigte Fehlzeiten verringert werden könnten. Eine Studie hat gezeigt, dass es eine relativ einfache Möglichkeit gibt, um Fehlzeiten zu verringern, nämlich indem Eltern regelmäßig über die Fehlzeiten ihrer Kinder informiert werden.
Das Gespräch führte Erich Wittenberg.
Themen: Ungleichheit, Bildung
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2025-34-2
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