Anonymisierte Bewerbungen und klare Auswahlkriterien können Diskriminierung verhindern: Interview

DIW Wochenbericht 35 / 2025, S. 534

Ellen Heidinger, Erich Wittenberg

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Frau Heidinger, wie willkommen fühlen sich Geflüchtete in Deutschland und inwieweit haben sie Angst vor Fremdenfeindlichkeit? Wir können feststellen, dass das Willkommensgefühl unter Geflüchteten seit 2018 stetig nachlässt, während die Sorgen vor Fremdenfeindlichkeit seit 2019 steigen. Nichtsdestotrotz fühlen sich aber im Jahr 2023 65 Prozent der Geflüchteten in Deutschland nach wie vor willkommen. Wir sehen aber auch, dass sich knapp 54 Prozent Sorgen vor Fremdenfeindlichkeit machen.

Worauf sind diese Entwicklungen zurückzuführen? Diese Entwicklungen gehen durchaus einher mit dem nach wie vor sehr großen öffentlichen Interesse an den Themen Migration und Flucht. Beispielsweise können strikte migrationspolitische Maßnahmen, ein hohes Niveau an gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, erhöhte Sichtbarkeit von migrationskritischen Positionen in der Politik oder auch wahrgenommene Diskriminierungen dafür sorgen, dass sich Geflüchtete weniger willkommen fühlen und öfter von Sorgen über Fremdenfeindlichkeit berichten.

Wie viele der nach Deutschland geflüchteten Menschen nehmen hier Diskriminierung wahr? Wir haben uns die wahrgenommene Diskriminierung in drei verschiedenen Lebensbereichen angeschaut und konnten feststellen, dass 14 Prozent der Geflüchtete von Diskriminierung am Arbeitsplatz berichten. 18 Prozent der Geflüchteten berichten von Diskriminierung bei der Arbeitsplatzsuche und bei der Wohnungssuche nehmen sogar 32 Prozent Diskriminierung wahr.

Was sind die Hauptgründe für die wahrgenommene Diskriminierung? Die Gründe, die die Geflüchteten in der Studie nennen, sind am häufigsten die ethnische Herkunft, die Herkunft aus einem anderen Land oder rassistische Gründe. Als weitere Gründe werden Religion oder Weltanschauung genannt, ebenso wie das Aussehen. Gemeint sind hier körperliche Merkmale wie der Kleidungsstil, das Körpergewicht oder auch Tätowierungen.

Inwieweit gibt es bei der wahrgenommenen Diskriminierung Unterschiede bei soziodemografischen Merkmalen, wie Bildung oder Geschlecht? Interessanterweise berichten geflüchtete Frauen mit höherer Bildung öfter von Diskriminierung bei der Wohnungssuche, während Männer mit höherer Bildung seltener von Diskriminierung am Arbeitsplatz berichten. Wir sehen also, dass nicht nur geschlechtsspezifische Effekte relevant sind, sondern auch der Kontext, also der Lebensbereich, eine wichtige Rolle spielt.

Gibt es bei der wahrgenommenen Diskriminierung regionale Unterschiede? Ja, wir sehen, dass geflüchtete Personen, die in Ostdeutschland leben, häufiger von Diskriminierung berichten als jene in Westdeutschland. Bezogen auf den Arbeitsmarkt könnten dort strukturelle Bedingungen die Ursache sein, wie beispielsweise die angespannte Beschäftigungssituation. Es könnte allerdings auch der Fall sein, dass die Diskriminierung gegenüber Geflüchteten in Ostdeutschland ausgeprägter ist.

Wie könnte man der Diskriminierung entgegenwirken? Neben staatlichen Maßnahmen wie beispielsweise Orientierungs- oder Sprachkursen sind vor allen Dingen transparente Bewerbungs- und Vergabeprozesse notwendig. Anonymisierte Bewerbungen und klare Auswahlkriterien können die Diskriminierung verhindern und Chancengleichheit erhöhen. Darüber hinaus empfiehlt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Staatsangehörigkeit als zusätzliches Merkmal ins Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aufzunehmen. Auch sollte der Ausbau von unabhängigen Rechtsberatungsstellen vorangetrieben werden, damit Betroffene von Diskriminierung am Arbeits- und Wohnungsmarkt niedrigschwellig Unterstützung bekommen können.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Ellen Heidinger
Anonymisierte Bewerbungen und klare Auswahlkriterien können Diskriminierung verhindern - Interview mit Ellen Heidinger

Ellen Heidinger

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel

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