DIW Wochenbericht 38/39 / 2025, S. 603-610
Matilda Gettins, Lorenz Meister
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„Populistische Parteien instrumentalisieren gezielt Narrative über soziale Ungerechtigkeit, um Klimapolitik als Projekt der Eliten darzustellen, das auf Kosten der einfachen Menschen geht.“ Lorenz Meister
Populistische Parteien nutzen Narrative über soziale Ungerechtigkeit, um Klimapolitik als von Eliten getrieben und unsozial darzustellen. Wie sich drei verbreitete Narrative über die mit klimapolitischen Maßnahmen verbundenen Kosten auf populistische und klimapopulistische Einstellungen auswirken, wird anhand eines Umfrageexperiments mit rund 1600 Personen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere das Narrativ, wonach einkommensschwache Haushalte überproportional belastet werden, klimapopulistische Haltungen verstärkt und die Zufriedenheit mit Demokratie senkt. Dies gilt vor allem unter Frauen und in einkommensschwachen, ostdeutschen und konservativen Wähler*innengruppen. Das Narrativ, wonach Unternehmen keine Verantwortung übernehmen, verstärkt vor allem unter Männern und in ostdeutschen und linken Wähler*innengruppen klimapopulistische Einstellungen. Das Narrativ, wonach Klimapolitik die deutsche Volkswirtschaft belastet, wirkt vor allem in der rechten Wählerschaft. Narrative entfalten sich damit im Kontext individueller Lebenslagen und politischer Vorerfahrungen. Eine sozial ausgewogene und transparent kommunizierte Klimapolitik kann die gesellschaftliche Akzeptanz für Klimapolitik stärken und klimapopulistischer Vereinnahmung entgegenwirken.
Derzeit verursachen Ernährung, Wohnen und Mobilität in Deutschland pro Kopf rund 6,5 Tonnen CO2-Emissionen – doppelt so viel wie mit dem Zwei-Grad-Ziel vereinbar wäre.Stand 2023. Vgl. Sandra Bohmann und Merve Kücük (2024): Einkommensstarke Haushalte verursachen mehr Treibhausgasemissionen – vor allem wegen ihres Mobilitätsverhaltens. DIW Wochenbericht Nr. 27, 421–429 (online verfügbar, abgerufen am 29. August 2025. Dies gilt für alle Onlinequellen, sofern nicht anders vermerkt). Zwar stehen technologische Lösungen und klimapolitische Instrumente zur CO2-Reduktion grundsätzlich zur Verfügung, doch ihre Umsetzung scheitert häufig am mangelnden politischen Rückhalt. Eine zentrale Ursache dafür sind die kurz- und mittelfristigen Kosten, die mit klimapolitischen Maßnahmen einhergehen und deren gesellschaftliche Akzeptanz senken.Era Dabla-Norris et al. (2024): Does information change public support for climate mitigation policies? Climate Policy, 24(10), 1474–1487 (online verfügbar).
Hierfür entscheidend ist, wie diese Kosten verteilt werden.Sandra Bohmann et al. (2025): Mehr Klarheit schaffen: Klimageld als sozialer Ausgleich bei höheren CO2-Preisen. DIW Wochenbericht Nr. 6, 76–82 (online verfügbar). Zum einen unterscheiden sich die Verursacher erheblich: So stoßen einkommensstarke Haushalte etwa doppelt so viel CO2 aus wie einkommensschwache – unter anderem aufgrund größerer Wohnflächen und häufiger Flugreisen.Bohmann und Kücük (2024), a.a.O. Zum anderen wirken sich Maßnahmen je nach Lebensumfeld unterschiedlich aus: Steigende Benzinkosten in Folge einer CO2-Bepreisung belasten Menschen im ländlichen Raum besonders stark, da sie im Alltag oft auf das Auto angewiesen sind. In der Stadt hingegen existieren häufig gut ausgebaute öffentliche Verkehrsnetze, die klimafreundliche Alternativen bieten.
Die Wahrnehmung solcher Verteilungsfragen im Kontext der Eindämmung des Klimawandels kann gesellschaftliche Spannungen erzeugen. Sie wird zum einen durch die tatsächliche Wirkung von Klimapolitik geprägt, kann zum anderen aber auch durch politische Narrative instrumentalisiert werden. Populistische Parteien gewinnen weltweit an Zuspruch (Abbildung 1, Kasten 1).Siehe Kasten 1 zur Definition von Populismus. Sie gewinnen Zustimmung, indem sie sich einer wissenschaftsskeptischen Rhetorik bedienen und Klimaschutz als eigennütziges Projekt der Eliten darstellen.Robert Huber et al. (2021): From populism to climate scepticism: The role of institutional trust and attitudes towards science. Environmental Politics, Vol. 31, 1115–1138 (online verfügbar); Bernd Sommer et al. (2023): Rechtspopulismus vs. Klimaschutz? Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 10885 (online verfügbar). Werden politische Mandate an populistische Parteien vergeben, hat das erhebliche Konsequenzen für die globale Klimapolitik, wie zuletzt etwa klimaschädliche Entscheidungen nach der EuropawahlClaudia Kemfert (2024): Ausgang der EU-Wahl ist klimapolitisches Desaster: Kommentar. DIW Wochenbericht Nr. 29, 467 (online verfügbar). und der Wiederwahl Donald TrumpsClaudia Kemfert (2024): Trump Wahl – Desaster für die internationale Klimapolitik: Kommentar. DIW Wochenbericht Nr. 46, 728 (online verfügbar). gezeigt haben. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Narrative über die Kostenverteilung von Klimapolitik auf populistische Einstellungen wirken. Dieser Wochenbericht untersucht daher anhand von zwei Befragungen, welche Bedeutung drei besonders verbreitete Narrative – ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes – für populistische Einstellungen im Allgemeinen und klimapopulistische Haltungen im Besonderen haben.Eine vertiefende Darstellung findet sich in Matilda Gettins und Lorenz Meister (2025): Who pays for climate policy? Distributional narratives and populist backlash. DIW Discussion Paper Nr. 2139 (online verfügbar)
Populismus im Allgemeinen bezeichnet eine politische Denkweise, die die Gesellschaft in zwei gegensätzliche Gruppen einteilt: „das einfache Volk“ auf der einen Seite und „die korrupte Elite“ auf der anderen. Populistische Akteur*innen fordern, dass die Politik ausschließlich den „Willen des Volkes“ widerspiegeln solle. In der Forschung wird Populismus oft nicht direkt über Parteipräferenzen, sondern über Einstellungen gemessen.Cas Mudde (2004): The populist zeitgeist. Government and Opposition, 39(4), 541–563 (online verfügbar). Ein gängiger Ansatz basiert auf zwölf Aussagen, die Zustimmung zu drei Kernelementen des Populismus erfassen:Agnes Akkerman et al. (2014): How populist are the people? Measuring populist attitudes in voters. Comparative Political Studies, 47(9), 1324–1353 (online verfügbar). Anne Schulz et al. (2018): Measuring populist attitudes on three dimensions. International Journal of Public Opinion Research, 30(2), 316–326 (online verfügbar).
Befragte bewerten diese Aussagen auf einer Skala von 0 bis 10. Aus den Antworten wird ein Gesamtwert (Hauptkomponentenwert) für populistische Einstellungen berechnet und anschließend auf eine Skala in Standardabweichungen normiert. Das Verfahren ermöglicht es, Populismus unabhängig von Parteibindung oder Wahlverhalten zu erfassen, und ohne den Begriff „Populismus“ explizit zu verwenden, um Verzerrungen zu vermeiden.
Klimapopulismus im Speziellen bezeichnet in dieser Studie den Grad der Zustimmung zu folgender Aussage auf einer Skala von 0 bis 10:
„Klimapolitik ist größtenteils ein Projekt der Eliten, welches das einfache Volk nicht berücksichtigt“.
Ein weiteres Maß, das in der Studie begleitend verwendet wurde, ist Demokratiezufriedenheit. Sie wird auf einer Likert-Skala von 0 bis 10 abgefragt:
„Wie zufrieden sind Sie mit der Demokratie, wie sie in Deutschland existiert? Bitte antworten Sie auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 "gar nicht zufrieden" und 10 "sehr zufrieden" bedeutet.“
Politische Debatten stützen sich nicht ausschließlich auf Fakten, sondern auch auf Narrative, also Deutungsmuster oder Geschichten, die komplexe Zusammenhänge vereinfachen und verständlich machen. Gerade Populist*innen greifen häufig auf solche Narrative zurück, um ihre Argumente zuzuspitzen und gesellschaftliche Konflikte hervorzuheben.Dieter Dekeyser and Henk Roose (2023): What makes populist messages persuasive? Experimental evidence for how emotions and issue characteristics moderate populist framing effects. Communication Research 50(6), 773–797 (online verfügbar). Johan Nordensvard and Markus Ketola (2022): Populism as an act of storytelling: Analyzing the climate change narratives of Donald Trump and Greta Thunberg as populist truth-tellers. Environmental Politics 31(5), 861–882 (online verfügbar).
Im deutschen Diskurs über den Klimawandel sind vor allem Narrative über negative ökonomische Folgen von klimapolitischen Maßnahmen weit verbreitet.Georg Sturm (2020): Populismus Klimaschutz. Der AfD-Klimadiskurs. Soziologiemagazin 13(2), 69–82 (online verfügbar). Anne Küppers (2024): ‘Climate-Soviets,’ ‘Alarmism,’ and ‘Eco-Dictatorship’: The Framing of Climate Change Scepticism by the Populist Radical Right Alternative for Germany. German Politics, Vol. 33(1), 1–21 (online verfügbar). Bernd Sommer et al. (2023): Rechtspopulismus vs. Klimaschutz? Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 10885 (online verfügbar). Häufig stammen diese aus dem rechten politischen Spektrum, etwa das Narrativ, Klimaschutz gefährde den Wirtschaftsstandort Deutschland. Doch auch im linken Spektrum finden sich vergleichbare Narrative, etwa die Kritik, große Unternehmen entzögen sich ihrer Verantwortung oder wälzten die Kosten des Klimaschutzes auf Verbraucher*innen ab.
Solche Narrative können die Unterstützung für Klimapolitik schwächen, etwa indem sie das Vertrauen in die Fairness und Wirksamkeit politischer Maßnahmen untergraben. Darüber hinaus können sie auch das individuelle Konsumverhalten beeinflussen und klimafreundliche Entscheidungen unattraktiver erscheinen lassen
Die Sorge um den Klimawandel ist eng mit der politischen Präferenz für eine Partei verknüpft (Abbildung 2). Zunächst fällt auf, dass sich die zeitlichen Verläufe über Parteipräferenzen hinweg ähneln: Bis etwa 2014 stagnierte das Sorgeniveau weitgehend, ehe es während verstärkter medialer Aufmerksamkeit – etwa durch Berichte des Weltklimarats (IPCC) und die Proteste von Fridays for Future – deutlich stieg. Zeitweise kam es jedoch zu Rückgängen, insbesondere im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie (2020) und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine (ab 2022), die beide das Thema Klimaschutz vorübergehend aus dem öffentlichen Diskurs verdrängten.
Trotz ähnlicher Trendverläufe bestehen klare Niveauunterschiede: Wähler*innen der Grünen äußern über den gesamten Zeitraum hinweg mit Abstand die größte Klimasorge, gefolgt von den Anhänger*innen der Linken und der SPD. Im mittleren Bereich liegt die Wählerschaft der Union. Deutlich geringer fällt das Sorgeniveau bei FDP-Wähler*innen aus. Am geringsten besorgt zeigen sich jedoch konstant die Anhänger*innen der AfD, der in Deutschland größten rechtspopulistischen Partei.
Die Ergebnisse legen nahe, dass die klimapolitischen Einstellungen der Wähler*innen grob mit den jeweiligen Parteiprogrammen übereinstimmen. Bemerkenswert ist zudem, dass Klimasorgen bei der AfD-Anhängerschaft als einzige Gruppe in den Jahren von 2020 bis 2023 rückläufig waren, was auf eine zunehmende politische Polarisierung in der Klimadebatte hinweist.
Ein möglicher Erklärungsansatz liegt in der gezielten Kommunikation populistischer Narrative. Im Umfeld der AfD sind Erzählungen der negativen ökonomischen Folgen von Klimapolitik besonders präsent, unter anderem in parteinahen Publikationen,Küppers (2024), a.a.O. PressemitteilungenSturm (2020), a.a.O. oder Äußerungen von Unterstützer*innen.Caroline Werkmann und Hans-Jürgen Frieß (2024): Enttäuschung, Frust Und Resignation. Monitor Wahl und Sozialforschung der Konrad Adenauer Stiftung, Juni 2024 (online verfügbar).
Abseits des AfD-Lagers bestehen in der Bevölkerung nuanciertere Wahrnehmungen von Zielkonflikten – etwa im Spannungsdreieck von Klimaschutz, wirtschaftlichem Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit. In gemäßigten Wähler*innengruppen, die Klimaschutz grundsätzlich befürworten, werden klimapolitische Maßnahmen daher häufig gegen sozialpolitische und andere Maßnahmen abgewogen.Sara Holzmann und Ingo Wolf (2023): Klimapolitik und soziale Gerechtigkeit: Wie die deutsche Bevölkerung Zielkonflikte in der Transformation wahrnimmt. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Gütersloh (online verfügbar).
Ein umgekehrtes Bild ergibt sich, wenn populistische und klimapopulistische Einstellungen nach Parteipräferenz betrachtet werden (Abbildung 3). Hier zeigt sich, dass die AfD und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) relevante populistische Kräfte in Deutschland sind. Ihnen folgen Wähler*innen der FDP und der Unionsparteien mit mittleren Werten. Die geringsten Ausprägungen finden sich bei den Wähler*innen von SPD, Linken und besonders den Grünen.
Auffällig ist dabei die spiegelbildliche Struktur zur vorherigen Analyse der Klimasorgen: Parteien mit hoher Klimabesorgnis (insbesondere die Grünen) weisen tendenziell niedrige populistische Einstellungsmuster auf, während die Gruppen mit der geringsten Klimasorge (AfD, BSW) die höchsten Populismuswerte zeigen. Dies deutet auf einen grundlegenden Zusammenhang zwischen Klimaskepsis und populistischer Grundhaltung hin.
Populismus wirkt damit als zentraler Erklärungsfaktor für klimapolitische Polarisierung und gesellschaftliche Widerstände gegenüber der sozial-ökologischen Transformation in Deutschland.
Der Frage, warum Klimapolitik von vielen Menschen als ungerecht empfunden wird, wurde in einer Online-Erhebung mit rund 1600 Teilnehmenden nachgegangen. Die Befragten konnten in offenen Textfeldern frei formulieren, was sie persönlich an Klimapolitik als besonders ungerecht empfinden – ein bewährtes Verfahren, um unverzerrte Einstellungen abseits vorgegebener Antwortoptionen zu erfassen.
Die meistgenannten Begriffe sind „Menschen“, „Kosten“ und „Klimapolitik“. Doch auch zahlreiche weitere Schlagworte deuten auf verteilungspolitische Konfliktlinien hin. Hierzu gehören „Reiche“, „Einkommen“, „Steuern“, „Volk“, „Verantwortung“, „Ärmere“ oder „Wohlhabende“. Die Ergebnisse legen nahe, dass viele Menschen Klimapolitik nicht nur als ökologisches, sondern zunehmend als soziales Spannungsfeld empfinden. Häufig dominiert das Gefühl, sozial benachteiligt oder ungleich belastet zu werden.
Eine vertiefende Analyse der im Freitext angegebenen Aussagen zeigt, dass sich die Narrative über Ungerechtigkeit im Wesentlichen drei Kostenverteilungsmustern zuordnen lassen: (i) zwischen Menschen mit hohen und niedrigen Einkommen, (ii) zwischen Unternehmen und Privatpersonen und (iii) zwischen Ländern. Diese drei Muster verdeutlichen, dass die gesellschaftliche Debatte über Klimapolitik stark durch Verteilungsfragen geprägt ist.
Um zu untersuchen, wie sich die Narrative auf politische Einstellungen auswirken, wurde ein Umfrageexperiment gewählt. Hierzu wurden die drei am häufigsten genannten Narrative aus der vorhergehenden Befragung mit leichter redaktioneller Anpassung systematisch getestet. Ergänzend wurde ein verteilungsneutrales Referenznarrativ verwendet:
Für das Experiment wurden die Befragten nach Geschlecht und Bildungsgrad eingeteilt und anschließend per Zufallsverfahren einer von vier Gruppen zugeordnet (drei Behandlungsgruppen und einer Kontrollgruppe) (Tabelle 1, Kasten 2). Teilnehmenden der Kontrollgruppe wurde das neutrale Narrativ vorgelegt, während die Mitglieder der Behandlungsgruppen jeweils das Einkommensnarrativ, das Unternehmensnarrativ oder das Wirtschaftsnarrativ erhielten. Im Anschluss wurden Einstellungen zu allgemeinem Populismus, spezifischem Klimapopulismus und Demokratiezufriedenheit erhoben.
Mittelwert (Alter), in Prozent (Geschlecht, Haushalteinkommen, Bildung)
| Kontrolle | Einkommensnarrativ | Unternehmensnarrativ | Wirtschaftsnarrativ | |
|---|---|---|---|---|
| Alter | 52,4 | 52,1 | 51,3 | 50,2 |
| Geschlecht | ||||
| Männlich | 48,6 | 52,2 | 51,8 | 53,3 |
| Weiblich | 51,4 | 47,0 | 47,7 | 46,7 |
| nicht-binär/n. A. | 0 | 0,7 | 0,6 | 0 |
| Haushaltseinkommen | ||||
| 0 bis 1999 Euro | 24,4 | 25,5 | 26,4 | 25,6 |
| 2000 bis 2999 Euro | 24,9 | 26,2 | 26,6 | 25,4 |
| 3000 bis 4999 Euro | 37,8 | 40,1 | 31,7 | 36,2 |
| 5000 Euro und mehr | 12,9 | 8,2 | 15,3 | 12,8 |
| Bildung | ||||
| Primär | 5,0 | 4,9 | 4,5 | 4,7 |
| Sekundär | 75,9 | 75,6 | 76,4 | 76,2 |
| Bachelor | 9,2 | 9,6 | 9,8 | 9,3 |
| Master | 8,9 | 9,1 | 8,8 | 8,8 |
| PhD | 1,0 | 0,7 | 0,5 | 1,0 |
| Beobachtungen N = 1614 | 25,0 | 25,2 | 24,7 | 25,2 |
Quelle: Eigene Berechnungen.
Die Auswertungen basieren auf zwei Onlinebefragungen, die im Mai 2024 sowie im Mai/Juni 2025 über das Umfragetool Qualtrics durchgeführt wurden. Die Umfragen sind repräsentativ für die Bevölkerung in Deutschland nach Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Einkommensgruppe und Bundesland. Das Panel wurde über den Anbieter Bilendi zur Verfügung gestellt. Die Studien wurden unter dem IRB-Zertifikat GfeW Nr. p3164FAi genehmigt und vorab bei AsPredicted (#230333) präregistriert.
In der ersten Erhebungswelle (Mai 2024) wurden nach Anwendung strenger Qualitätskriterien – darunter Aufmerksamkeitstests, Bot-Erkennung, Ausschluss mehrfacher IP-Adressen sowie sehr kurzer Antwortzeiten (unter drei Minuten für die gesamte Befragung) – 1498 gültige Antworten berücksichtigt. In der zweiten Welle (Mai/Juni 2025), die zusätzlich ein Umfrageexperiment enthielt, wurden 1614 gültige Antworten ausgewertet. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit lag bei etwa acht Minuten. Die Teilnahme war über PC, Tablet und Smartphone möglich.
Erhoben wurden soziodemografische Merkmale, Wahlverhalten und Parteipräferenzen sowie politische Einstellungen, insbesondere zu Klimapolitik und nachhaltigem Konsum. Im Umfrageexperiment der zweiten Welle wurden die Teilnehmer*innen zufällig, aber stratifiziert nach Geschlecht und Bildungsniveau den experimentellen Bedingungen zugewiesen.
Um zu untersuchen, welchen Effekt verschiedene Narrative zur Kostenverteilung von Klimapolitik auf (klima-)populistische Einstellungen und Demokratiezufriedenheit hat, werden Befragte im Rahmen eines UmfrageexperimentsIngar Haaland, Christopher Roth und Johannes Wohlfahrt (2023): Designing Information Provision Experiments. Journal of Economic Literature, 61(1), 340 (online verfügbar). zufällig verschiedenen Behandlungsgruppen zugeteilt (Abbildung). Befragte in der Kontrollgruppe erhalten ein neutrales Narrativ, die Befragten der anderen drei Behandlungsgruppen erhalten jeweils das Einkommensnarrativ, das Wirtschaftsnarrativ oder das Unternehmensnarrativ.
Anschließend werden Einstellungen zu Populismus und Klimapopulismus sowie Demokratiezufriedenheit abgefragt. Dadurch, dass die Befragten zufällig den Behandlungsgruppen zugeteilt wurden, lassen sich Unterschiede in politischen Einstellungen zwischen den Gruppen als kausaler Effekt der Narrative ablesen.
Durch die randomisierte Zuweisung lassen sich Unterschiede zwischen den Gruppen kausal interpretieren. Die Ergebnisse geben somit Aufschluss darüber, wie bestimmte Narrative im Kontext von Klimapolitik politische Einstellungen beeinflussen können. Es zeigt sich, dass Narrative zur sozialen und wirtschaftlichen Verteilungswirkung von Klimapolitik einen messbaren Einfluss auf politische Einstellungen haben, insbesondere im Bereich des Klimapopulismus (Tabelle 2, Kasten 1).Klimapopulismus wird gemessen als Grad der Zustimmung zur Aussage: „Klimapolitik ist größtenteils ein Projekt der Eliten, welches das einfache Volk nicht berücksichtigt“. Für weitere Details siehe Kasten 1.
Regressionskoeffizienten
| Variablen | Populismus | Klimapopulismus | Demokratie-Zufriedenheit |
|---|---|---|---|
| Einkommensnarrativ | 0,024 | 0,277*** | −0,144** |
| (0,070) | (0,070) | (0,069) | |
| Unternehmensnarrativ | 0,072 | 0,270*** | −0,049 |
| (0,070) | (0,070) | (0,070) | |
| Wirtschaftsnarrativ | 0,084 | 0,138** | −0,005 |
| (0,069) | (0,070) | (0,069) | |
| Kontrollen nach individuellen Merkmalen | Ja | Ja | Ja |
| Konstante | 0,085 | 0,222 | −0,488*** |
| (0,160) | (0,161) | (0,160) | |
| Anzahl Beobachtungen | 1600 | 1599 | 1602 |
Anmerkungen: Multivariates Regressionsmodell. Standardfehler in Klammern. Berücksichtigt wurden als Kontrollvariablen Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommensgruppe. Sternchen geben Konfidenzintervalle an. Je mehr Sternchen, desto genauer: *** entspricht einem Konfidenzintervall von 99 Prozent, ** von 95 Prozent und * von 90 Prozent.
Lesebeispiel: Das Einkommensnarrativ steigert klimapopulistische Einstellungen um 27,7 Prozent einer Standardabweichung (Zeile 1, Spalte 2).
Quelle: Eigene Berechnungen.
Teilnehmende, die das Einkommensnarrativ erhielten, zeigen eine signifikant höhere Zustimmung zu klimapopulistischen Positionen (+28 Prozent einer Standardabweichung). Gleichzeitig sinkt in dieser Gruppe die Demokratiezufriedenheit spürbar (–14 Prozent einer Standardabweichung). Das allgemeine Populismusmaß bleibt hingegen unbeeinflusst.
Auch das Unternehmensnarrativ erhöht die Zustimmung zu Klimapopulismus deutlich (+27 Prozent einer Standardabweichung,), ohne Auswirkungen auf Demokratiezufriedenheit oder allgemeine Populismusneigung.
Das Wirtschaftsnarrativ führt ebenfalls zu einem Anstieg klimapopulistischer Einstellungen (+14 Prozent einer Standardabweichung), allerdings in deutlich geringerem Ausmaß. Auch hier zeigen sich keine signifikanten Effekte auf Demokratiezufriedenheit oder allgemeine Populismuswerte.
Diese Ergebnisse legen nahe: Narrative, die soziale Ungleichheit oder wirtschaftliche Ungerechtigkeit durch Klimapolitik betonen, verstärken gezielt klimapopulistische Haltungen. Im Fall des Einkommensnarrativs steigern sie sogar das Misstrauen in demokratische Institutionen.
Die Effekte der Narrative sind nicht in allen Bevölkerungsgruppen gleich stark ausgeprägt (Abbildung 4).
Die Unterschiede zeigen, dass sich Narrative im Kontext individueller Lebenslagen und politischer Vorerfahrungen entfalten. Für eine wirksame politische Kommunikation bedeutet dies, dass eine gerechte Kostenverteilung klimapolitischer Maßnahmen nicht nur real gestaltet, sondern auch glaubwürdig und zielgerichtet vermittelt werden muss.
Narrative, die soziale oder wirtschaftliche Ungleichheit im Kontext von Klimapolitik betonen, können klimapopulistische Einstellungen verstärken, insbesondere wenn die Belastung von niedrigen und mittleren Einkommen im Vordergrund steht. In diesem Fall sinkt zudem die Zufriedenheit mit der Demokratie.
Gleichzeitig gilt, dass für den gesellschaftlichen Rückhalt nicht allein Narrative entscheidend sind, sondern vor allem die konkrete Ausgestaltung klimapolitischer Maßnahmen. Wird Klimapolitik als gerecht wahrgenommen – etwa durch sozial ausgewogene Ausgleichsmechanismen oder Instrumente wie das Klimageld – verlieren auch polarisierende Narrative an Bedeutung.
Klimapolitik erfordert daher nicht nur technologische und marktwirtschaftliche Steuerung, sondern auch eine sozialpolitische Verankerung sowie eine politische Kommunikation, die Verteilungskonflikte nicht umgeht, sondern aktiv adressiert.
Themen: Verteilung, Ungleichheit, Klimapolitik
JEL-Classification: P18;I38;H41
Keywords: populism, climate policy, distribution
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2025-38-1
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