Produktivität: West-Ost-Muster durch Stadt-Land-Gefälle abgelöst

DIW Wochenbericht 40 / 2025, S. 635-642

Martin Gornig

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  • Wirtschaftlich scheint Deutschland dauerhaft gespalten – seit Jahren nähert sich die Arbeitsproduktivität in Ost- und Westdeutschland kaum noch an
  • Rückstände insbesondere beim produzierenden Gewerbe und bei Unternehmensdienstleistern – Sektoren in denen die Produktivität im Westen besonders hoch ist
  • Wird aber wirtschaftliche Lage von Städten und Kreisen gleichen Typs verglichen, zeigen sich meist kaum noch Rückstände – außer bei Großstädten
  • Wirtschaftskraft wird aber immer heterogener – in Ost und West nehmen Ungleichheiten zwischen Kreisen immer weiter zu
  • Es braucht eine aktive Regionalpolitik, die die Wirtschaft in zurückliegenden Regionen in Ost- wie auch in Westdeutschland gleichermaßen fördert

„Geht es um die wirtschaftlichen Aufholprozesse nach der Einheit, steht meist die noch immer vorhandene Ungleichheit im Vordergrund. Dabei wird aber übersehen, dass es in den ostdeutschen Städten und Kreisen, abgesehen von den Großstädten, im Vergleich zu ihren westdeutschen Pendants kaum noch Unterschiede gibt.“ Martin Gornig

Im Jahr 1991 lag die durchschnittliche Arbeitsproduktivität in den damals neuen Bundesländern zuzüglich Westberlin etwa bei der Hälfte des gesamtdeutschen Niveaus. Mittlerweile liegt sie bei knapp 90 Prozent. Die Reihenfolge der einzelnen Bundesländer hat sich dabei kaum verändert: An der Spitze stehen Hamburg und die süddeutschen Bundesländer, die Schlusslichter bilden zusammen mit dem Saarland die ostdeutschen Flächenländer. Ein entscheidender Grund dafür sind siedlungsstrukturelle Unterschiede. In städtisch geprägten, hoch verdichteten Regionen, die vielfach in Westdeutschland zu finden sind, führen die Vorteile räumlicher Ballung zu höheren Produktivitätsniveaus als in den ländlich geprägten Regionen Ostdeutschlands. Solche Produktivitätsdifferenzen haben in den letzten zehn Jahren massiv zugenommen. Es zeigt sich aber: Innerhalb des gleichen Siedlungsstrukturtyps schneiden ostdeutsche Regionen häufig sogar besser ab als ihre westdeutschen Pendants. Die Politik sollte die eigenständige ökonomische Leistungsfähigkeit der zurückliegenden Räume sowohl in Ost- wie auch in Westdeutschland stärken, um ein weiteres Auseinanderdriften zu verhindern.

Die Angleichung der Lebensverhältnisse und auch die Persistenz von Unterschieden zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland haben viele Dimensionen. Dazu zählen die Bildungs- und Einkommenschancen, der Zugang zu Einrichtungen der Daseinsvorsorge oder auch der Landschafts- und Umweltwert.infoMartina Hülz et al. (2024): Multi-dimensionale regionale Ungleichheit in Deutschland: Eine Analyse aus ökonomischer und raumwissenschaftlicher Perspektive. ZEW Discussion Paper, No. 24–015 (online verfügbar; abgerufen am 25.08.2025. Dies gilt auch für alle anderen Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). Aus ökonomischer Perspektive geht es insbesondere um die Entwicklung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Für die Bewertung der Leistungsfähigkeit von Regionen gibt es wiederum vielfältige Möglichkeiten. Häufig finden sich Indikatoren zur Innovationskraft der Unternehmen oder dem Ausbildungsniveau der Beschäftigten.infoMitteldeutsche Stiftung Wissenschaft und Bildung (2025): ifo Faktenmonitor Ostdeutschland. Eine Bestandsaufnahme der wichtigsten Strukturdaten von Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Wissenschaft und Gesellschaft (online verfügbar).

Ein zusammenfassender Indikator der gegenwärtigen Leistungsfähigkeit ist aber vor allem die Produktivität, beziehungsweise genauer gesagt, die Bruttowertschöpfung in jeweiligen Preisen je Erwerbstätiger*m. In der wirtschaftspolitischen Diskussion um die wirtschaftlichen Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschland spielten von jeher die Unterschiede und Entwicklungstrends in der Arbeitsproduktivität eine entscheidende Rolle.infoDoris Cornelsen und Wolfgang Kirner (1990): Zum Produktivitätsvergleich Bundesrepublik – DDR. DIW Wochenbericht Nr. 14, 172–174 (online verfügbar). Anlässlich der 35. Wiederkehr des Tages der deutschen Einheit am 3. Oktober 2025 soll erneut ein Blick auf die Entwicklung der regionalen Differenzen in der Arbeitsproduktivität geworfen werden. Dazu werden die aktuellen Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen der Länder (VGRdL) ausgewertet.infoDer aktuelle Berichtsstand der VGRdL beruht auf dem gesamtdeutschen Deutschen Datenstand vom Februar 2025. Vgl. Daten auf der Webseite der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Die Arbeitsproduktivität wird gemessen als gesamte von Haupt- und Nebenbeschäftigten erwirtschaftete Bruttowertschöpfung in jeweiligen Preisen im Verhältnis zur Anzahl der nur hauptbeschäftigten Erwerbstätigen.

Seit gut zehn Jahren wieder stetiger, aber nur langsamer Aufholprozess

Im Jahr 1991 betrug das durchschnittliche Produktivitätsniveau in den damals neuen Bundesländern zuzüglich des Ost- und Westteils von Berlin nur wenig mehr als die Hälfte des gesamtdeutschen Wertes (Abbildung 1). In den Folgejahren nahm der Produktivitätsrückstand rasant ab. Anfang der 2000er Jahre erreichte Ostdeutschland etwa 80 Prozent des Bundesdurchschnitts.

Nach der Jahrtausendwende legte der Aufholprozess allerdings eine Pause ein. Erst in den 2010er Jahren zeigte sich von Jahr zu Jahr wieder ein stetiges überdurchschnittliches Wachstum der Arbeitsproduktivität in Ostdeutschland. Allerdings hat sich das Annäherungstempo stark verringert.infoJan Büchel und Klaus-Heiner Röhl (2022): Sind anhaltende Produktivitätsunterschiede zwischen West- und Ostdeutschland auch durch Unterschiede in der Datenbewirtschaftung zu erklären?. IW-Trends, Vierteljahresschrift zur empirischen Wirtschaftsforschung, Nr. 4 (online verfügbar). 2024 erreichte die ostdeutsche Produktivität immer noch nur knapp 90 Prozent ihres gesamtdeutschen Wertes.

Dabei zeigt ein Vergleich der Arbeitsproduktivität auf Länderebene, dass die Streuung gemessen am Variationskoeffizienten spürbar gesunken ist: Die Länder haben sich einander angenähert. Die Hierarchie hat sich hingegen kaum verändert (Abbildung 2). An der Spitze stehen Hamburg und die süddeutschen Bundesländer. Am Ende der Produktivitätsskala finden sich die ostdeutschen Flächenländer. Nur das Saarland, das mit der Einstellung der Kohleförderung und der Schrumpfung der Stahlindustrie mit großen strukturellen Problemen zu kämpfen hat, liegt ebenfalls am unteren Ende. Berlin hingegen konnte seine Position deutlich verbessern und erreicht bei der Arbeitsproduktivität etwa den bundesdeutschen Durchschnittswert. Im europäischen Vergleich ist dies eher untypisch. In der Regel weisen die Hauptstadtregionen eine weit über dem Landesdurchschnitt liegende Produktivität auf.infoChristian Franz et al. (2019): Berlin auf dem Weg ins Jahr 2030. DIW Politikberatung kompakt Nr. 144, revidierte Fassung vom 20. Januar 2020 (online verfügbar).

Die Produktivitätslücke in Ostdeutschland insgesamt unterscheidet sich allerdings in den einzelnen Wirtschaftssektoren deutlich (Abbildung 3). Besonders ausgeprägt ist der Rückstand im Bereich Finanz-, Versicherungs- und Unternehmensdienstleistungen, Grundstücks- und Wohnungswesen. Hier lagen die ostdeutschen Bundesländer 2024 bei nur rund 80 Prozent des Bundesdurchschnitts und das Annäherungstempo ist seit Jahren schwach. Im Bereich Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation sowie im Produzierenden Gewerbe legten die ostdeutschen Unternehmen bei der Produktivitätsentwicklung in den vergangenen zehn Jahren weit überdurchschnittlich zu. Aber auch 2024 lag die Arbeitsproduktivität in diesem Bereich elf beziehungsweise 13 Prozentpunkte unter dem gesamtdeutschen Wert.

Mittlerweile sogar über dem westdeutschen Durchschnitt liegt die Arbeitsproduktivität in Ostdeutschland bei personenbezogen Dienstleistungen, wozu Bildung, Erziehung, Gesundheit, Körperpflege sowie die öffentliche Verwaltung zählen. Im vergangenen Jahr lag die Bruttowertschöpfung in jeweiligen Preisen um sechs Prozent über dem Bundeswert. Ebenfalls überdurchschnittlich schnitt der Bereich Land- und Forstwirtschaft, Fischerei ab. Bereits zu DDR-Zeiten galt die Landwirtschaft in Ostdeutschland als vergleichsweise hoch produktiv. Heute liegt die Arbeitsproduktivität in diesem Bereich in den ostdeutschen Bundesländern gut 20 Prozentpunkte über dem gesamtdeutschen Durchschnitt. Allerdings hat sich in den vergangenen beiden Jahrzenten der Abstand eher verringert als erhöht.

Gründe für die Persistenz des Produktivitätsrückstandes

Der Rückstand der Produktivität in den ostdeutschen Ländern konzentriert sich demnach hauptsächlich auf die Bereiche Produzierendes Gewerbe und Unternehmensdienstleistungen. Diese Bereiche stehen entsprechend auch im Fokus, wenn es darum geht, mögliche Ursachen eines anhaltenden Produktivitätsrückstandes Ostdeutschlands zu identifizieren. In den vergangenen Jahren wurde in wissenschaftlichen Untersuchungen dabei immer häufiger auf Firmendaten zur Analyse der regionalen Produktivitätsunterschiede zurückgegriffeninfoMatthias Mertens und Steffen Müller (2020): The East-West German Gap in Revenue Productivity: Just a Tale of Output Prices?. Journal of Comparative Economics Volume 50, No. 3, 815–831 (online verfügbar); Heike Belitz, Martin Gornig und Alexander Schiersch (2020): Produktivität in der Industrie unterscheidet sich weiterhin zwischen Ost und West. DIW Wochenbericht Nr. 39, 747–753 (online verfügbar).. Diese Untersuchungen kommen insbesondere für das Verarbeitende Gewerbe zu dem Ergebnis, dass die ostdeutschen Betriebe auf breiter Front eine geringere Produktivität aufweisen als ihre westdeutschen Pendants.

Bei der Diskussion um die Gründe für den generellen Produktivitätsrückstand werden unterschiedliche Argumente aufgeführt. Häufig genannt wird das Fehlen von Großunternehmen, was die Vernetzung mit technologisch führenden Produktionsclustern erschwert.infoBüchel und Röhl (2022), a.a.O. Ein anderer Ansatz sieht die Pfadabhängigkeit als ursächlich. Ein Beispiel dafür sind die sogenannter Hidden Champions, die sich durch einen hohen Spezialisierungsgrad und technologische Innovationen zu Weltmarktführern in ihren Nischen entwickelt haben. Drei Viertel dieser Unternehmen sind älter als 40 Jahre.infoBelitz, Gornig und Schiersch (2020), a.a.O. Darüber hinaus wird auf persistente Mentalitätsunterschiede, die über Generationen weitergegeben werden können, verwiesen. Solche Unterschiede können beispielsweise zu anderen Gründungsneigungen oder Führungsstilen beitragen.infoSteffen Mau (2024): Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt. Suhrkamp.

Ein weiteres Argument für unternehmensübergreifende Produktivitätsunterschiede stammt aus der Regionalökonomie. Gemeint sind hier Vorteile räumlicher Ballung wirtschaftlicher Aktivitäten, die jedem einzelnen Unternehmen eine höhere Produktivität ermöglichen.infoGilles Duranton und Diego Puga (2004): Micro-foundations of urban agglomeration economies. Handbook of Regional and Urban Economics, Volume 4. Edited by John Vernon Henderson and Jacques-François Thisse. Elsevier Zu diesen sogenannten Agglomerationsvorteilen zählt es, wenn Unternehmen durch die räumliche Nähe Vorleistungen und Infrastrukturen gemeinsam nutzen, sie durch den Personalaustausch Zugang zu neuem Wissen generieren oder durch die Nutzung großer Arbeitsmärkte leichter geeignetes Personal finden. Entsprechende Analysen mit Einzeldaten zeigen, dass die betriebsspezifische Produktivität von Unternehmen in Städten weit höher ist als in gering verdichteten Gebieten.infoMartin Gornig und Alexander Schiersch (2024): Agglomeration economies: different effects on TFP in high-tech and low-tech industries. Regional Studies, Volume 58, No. 11, 1999–2010 (online verfügbar); Wolfgang Dauth al. (2022): Die Konzentration von leistungsfähigen Arbeitskräften in hoch bezahlenden Betrieben verstärkt regionale Lohnunterschiede. IAB-Forum 12. Januar 2022 (online verfügbar).

Anknüpfend an diese Ergebnisse könnte ein entscheidender Grund für die verbliebenen Produktivitätsdifferenzen zwischen Ost- und Westdeutschland in siedlungsstrukturellen beziehungsweise wirtschaftsgeografischen Unterschieden zwischen beiden Landesteilen begründet sein.infoHeike Belitz, Martin Gornig und Alexander Schiersch (2019): Produktivität: Unterschiede zwischen Stadt und Land wichtiger als zwischen Ost und West. DIW Wochenbericht Nr. 43, 793–799 (online verfügbar). Folglich wäre die geringere Zahl großer Städte in Ostdeutschland beziehungsweise die große Entfernung zu diesen für die noch heute in vielen Bereichen bestehenden Produktivitätsrückstande verantwortlich. Um dieser These im Folgenden nachzugehen, werden die Stadt- und Landkreise in Ost- und Westdeutschland verschiedenen Siedlungstypen zugeordnet.

Ausgangspunkt für diese Zuordnung sind die siedlungsstrukturellen und wirtschaftsgeografischen Typisierungen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung.infoBundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2025): BBSR – Raumbeobachtung – Raumtyp 2010: Lage (Kreise), BBSR – Raumbeobachtung – Siedlungsstruktureller Kreistyp. Nach Stadtgröße und Verdichtungsgrad werden dort bis zu fünf verschiedene siedlungsstrukturelle Kreistypen ausgewiesen. Zudem werden die Kreise hinsichtlich der Erreichbarkeit der Siedlungszentren unterschieden.

Für die hier durchgeführte Analyse wurden beide Merkmale kombiniert. Bei einer Zusammenführung beider Kategorien sind allerdings nicht alle möglichen Kombinationen besetzt. Beispielsweise gibt es in Deutschland keine Großstadt in peripherer Lage. Zudem kommen bestimmte Kombinationen nur in West- oder in Ostdeutschland vor. So gibt es in Ostdeutschland keine hochverdichteten Landkreise in sehr zentraler Lage. In Westdeutschland finden sich keine Landkreise mit Verdichtungsansätzen in sehr peripherer Lage. In diesen Fällen wurde eine Zusammenführung mit der benachbarten Kategorie vorgenommen. Für die Stadt- und Landkreise ergeben sich zehn Siedlungstypen (Übersicht).

Übersicht: Siedlungstypen nach wirtschaftsgeografischer Lage und Siedlungsstruktur

Auf der Basis administrativer Grenzen der Stadt- und Landkreise

Metropole Große kreisfreie Großstadt in sehr zentraler Lage
Metropolraum Städtischer Kreis bzw. kleine kreisfreie Großstadt in sehr zentraler Lage
Großstadt zentral Kleine kreisfreie Großstadt in zentraler Lage
Verstädtert zentral Städtischer Kreis in zentraler Lage
Verstädtert peripher Städtischer Kreis in peripherer Lage
Verdichtet zentral Ländlicher Kreis mit Verdichtungsansätzen in zentraler Lage
Verdichtet peripher Ländlicher Kreis mit Verdichtungsansätzen in peripherer Lage
Ländlich zentral Dünn besiedelter ländlicher Kreis in zentraler Lage
Ländlich peripher Dünn besiedelter ländlicher Kreis in peripherer Lage
Sehr peripher Dünn besiedelter ländlicher Kreis bzw. mit Verdichtungsansätzen in sehr peripherer Lage

Quellen: Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung; eigene Darstellung.

Die Angaben für die Bruttowertschöpfung in jeweiligen Preisen und die Zahl der Erwerbstätigen in den 400 Kreisen wurden ebenfalls den VGRdL entnommen.infoFür die Kreisebene beruht die aktuelle Statistik auf dem Rechenstand der VGRDdL vom August 2023. Die zu diesem Zeitpunkt publizierten Kreisdaten weichen in den Summen von den aktuellen Länderwerten ab. Entsprechend wurden die Angaben der Kreise für 2004 und 2014 an die Länderwerte angepasst. Für 2024 wurde die interne Verteilung aus dem Jahr 2022 auf die Länderwerte übertragen. Die Ergebnisse auf Kreisebene wurden für die Jahre 2004, 2014 und 2024 an die vorliegenden aktuellen Eckwerte für die sechzehn Bundesländer angepasst und dann getrennt für Ost- und Westdeutschland den zehn Siedlungstypen zugeordnet.infoDie räumliche Hierarchie der gesamtdeutschen Arbeitsproduktivität entspricht dabei in allen drei Jahren der regionalökonomischen Erwartung. Die höchste Produktivität erreichen die Metropolen, die geringste die sehr peripheren Regionen.

In den meisten ostdeutschen Regionen besteht kein Produktivitätsrückstand mehr

Die überwiegende Mehrzahl der Kreise Ostdeutschlands sind eher ländlich geprägt. 36 der 76 ostdeutschen Kreise werden vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung dem Typ „Dünn besiedelter ländlicher Kreis“ zugeordnet. 24 Kreise zählen in Ostdeutschland zum Typ „Ländlicher Kreis mit Verdichtungsansätzen“. Nur 16 Kreise sind städtisch oder großstädtisch geprägt.

Die Auswertung nach Siedlungstyp zeigt, dass in den in Ostdeutschland besonders stark besetzten Kategorien, die Produktivitätslücke im Durchschnitt 2024 bereits geschlossen werden konnte (Abbildung 4). Im Durchschnitt erreichen die ostdeutschen Kreise in sehr peripheren Lagen und auch in zentraler Lage mit Verdichtungsansätzen nahezu den bundesdeutschen Durchschnittswert. In der Kategorie ländliche Regionen in zentraler Lage liegt der ostdeutsche Mittelwert sogar über der durchschnittlichen Produktivität in Deutschland in dieser Kategorie.

In den ostdeutschen Großstädten und städtischen Landkreisen liegt das Produktivitätsniveau dagegen durchschnittlich immer noch niedriger als in westdeutschen Regionen gleichen Siedlungstyps. Auffällig ist der große Rückstand bei den Metropolen: Berlin, Dresden und Leipzig erreichen bei weitem noch nicht das Produktivitätsniveau, das Städte vergleichbarer Größe in Westdeutschland aufweisen.

Viele andere ostdeutsche Regionen schreiben dagegen Erfolgsgeschichten.infoVgl. auch Mitteldeutsche Stiftung Wissenschaft und Bildung (2025), a.a.O. So schneiden beim Vergleich der aggregierten Arbeitsproduktivität eine Reihe ostdeutscher Regionen deutlich besser ab als ihre Pendants mit vergleichbaren siedlungsstrukturellen Voraussetzungen im Westen. Hierzu zählen Landkreise im direkten Einzugsgebiet größerer Städte wie Berlin und Leipzig. Aber auch periphere Landkreise mit Verdichtungsansätzen wie Nordwestmecklenburg oder Anhalt-Bitterfeld liegen über dem westdeutschen Durchschnitt in ihrer Raumkategorie. Gleiches gilt für die dünn besiedelten Landkreise Görlitz oder Stendal.

Regionale Produktivitätsdifferenzen nehmen dennoch zu

Der fortschreitende Konvergenzprozess zwischen Ost- und Westdeutschland darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die regionalen Produktivitätsdifferenzen – also die Unterschiede in der ökonomischen Leistungsfähigkeit zwischen den Regionen – gerade in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland massiv zugenommen haben. Die Varianz der Produktivitätswerte zwischen den 400 Kreisen in Deutschland ist von 2014 bis 2024 um über 70 Prozent gestiegen. Allerdings hat auch der Mittelwert deutlich zugenommen, wodurch es zu einer Überzeichnung der Streuungszunahme durch die Varianz kommt. Wird dieser Einfluss mit Hilfe des Variationskoeffizienten berücksichtigt, ist allerdings noch immer eine Zunahme der Streuung um mehr als 25 Prozent zu beobachten.

Dabei ist die Ungleichheit sowohl innerhalb Westdeutschlands als auch innerhalb Ostdeutschlands stark gewachsen. Dies zeigt die Dichtefunktion auf der Basis der Häufigkeitsverteilung der Arbeitsproduktivität für die Kreisebene (Abbildung 5). In beiden Landesteilen finden sich immer weniger Kreise nahe dem Mittelwert. Die Dichtefunktion weist insbesondere 2024 einen massiv flacheren Verlauf auf. Die Zahl der Kreise am unteren und oberen Ende der Verteilung nimmt zu und sie entfernen sich zunehmend weiter vom Durchschnitt.

Vor allem für Ostdeutschland zeigt sich zwischen den Jahren 2014 bis 2024 eine gravierende Veränderung im regionalen Verteilungsmuster der Arbeitsproduktivität. Die Werte für die Bruttowertschöpfung je Erwerbstätiger*m der einzelnen ostdeutschen Kreise streuen immer stärker. Ihre Heterogenität ähnelt immer mehr derjenigen zwischen westdeutschen Kreisen. Während 2004 und 2014 noch eindeutig geringere regionale Unterschiede in Ostdeutschland im Vergleich zu Westdeutschland beobachtet werden konnten, weisen die Dichtefunktionen nunmehr fast identische Verläufe auf (Abbildung 6).

Fazit: Fördermaßnahmen auf die schwachen Regionen in Ost und West ausrichten

So erfreulich die Schließung der Produktivitätslücke zwischen Ost- und Westdeutschland in vielen Bereichen ist, nimmt der Bedarf an regionalen Transferzahlungen angesichts steigender Unterschiede in der Leistungsfähigkeit zwischen Stadt und Land eher zu. Die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen in Deutschland muss insbesondere durch Finanzausgleichszahlungen zwischen den Ländern, von den Ländern an ihre Kommunen und innerhalb der Länder zwischen den Kommunen gewährleistet werden.

Als Reaktion auf die Abnahme der wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Bundesländern und auf die rasante Zunahme der Unterschiede innerhalb der Länder muss über eine Neuausrichtung der Ausgleichsmechanismen nachgedacht werden. Dabei könnte es auch darum gehen, die Bundesebene im Rahmen einer Gemeinschaftsaufgabe – beispielsweise zur Sicherung der Daseinsvorsorge – stärker in kleinräumige Ausgleichsmaßnahmen einzubinden.

Es geht aber auch darum, durch eine aktive Regionalpolitik die eigenständige ökonomische Leistungsfähigkeit der zurückliegenden Regionen in Ost- und Westdeutschland zu stärken. Eine wesentliche Voraussetzung für die ökonomische Anschlussfähigkeit an moderne Produktionsstrukturen ist der Zugang zu digitalen Infrastrukturen. Dies trägt nachweislich zur Erhöhung der Produktivität bei. Die Politik sollte entsprechende Förderprogramme auflegen.

Mehr und mehr zum Engpass für die wirtschaftliche Entwicklung gerade im ländlichen Raum wird die Verfügbarkeit von Arbeitskräften.infoEric Thode und Roman Wink (2024): Entwicklung und Zukunft des ostdeutschen Arbeitsmarkts. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) (online verfügbar). Durch die räumliche Bündelung von Einrichtungen zur Daseinsvorsorge innerhalb solcher Regionen sollte die Wohnattraktivität für Arbeitskräfte verbessert werden. Nützlich können hierbei auch Raumordnungskonzepte sein, wie sie schon mal in den 1990er Jahren unter dem Begriff der „Dezentralen Konzentration“ diskutiert wurden.infoDas Konzept beschreibt die Bündelung von Flächenausweisungen und staatlicher Infrastruktur an ausgewählten Standorten im ländlichen Raum. Christoph Zöpel (2002): Brandenburg 2025 in der Mitte Europas. Verein Forum Zukunft Brandenburg. Potsdam 2002.

Darüber hinaus sollte geprüft werden, ob gezielt für ländliche Regionen Konzepte eine strategischen Industriepolitik erfolgreich eingesetzt werden kann. So lassen sich in Deutschland durchaus Beispiele von erfolgreichen industriellen kleinen und mittleren Unternehmen außerhalb der großen Metropolregionen finden.infoWirtschaftswoche (2023): Die 450 heimlichen Weltmarktführer, Sonderheft 1-2023. Auch eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen weist darauf hin, dass Industrien mit passenden Produktionsclustern in weniger verdichteten Regionen sehr gute Entwicklungschancen besitzen.infoMartin Gornig und Alexander Schiersch (2024), a.a.O.; Henriette Ruhrmann, Michael Fritsch und Loet Leydesdorff (2022): Synergy and policy-making in German innovation systems: Smart Specialisation Strategies at national, regional, local levels?. Regional Studies Volume 56, No. 9, 1468–1479 (online verfügbar).

Martin Gornig

Wissenschaftler Abteilung Unternehmen und Märkte



JEL-Classification: D24;L60;R12
Keywords: Productivity, Eastern Germany, Regional Policy
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2025-40-4


Die Publikation ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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