DIW Wochenbericht 46 / 2025, S. 736
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Die Europäische Union hat sich auf ein neues Klimaziel geeinigt – und es im selben Moment abgeschwächt. Was als Signal der Einigkeit verkauft wird, ist in Wahrheit ein Rückschritt. Statt Entschlossenheit zu zeigen, vertagt Europa erneut den Aufbruch in die klimaneutrale Zukunft. Bis 2040 sollen die Emissionen um „mindestens 90 Prozent“ sinken, doch bis zu fünf Prozentpunkte dürfen über sogenannte internationale Kooperationen – also eingekaufte Emissionsgutschriften aus Drittstaaten – abgegolten werden. Das bedeutet de facto: Europa verpflichtet sich nur zu einer eigenen Minderung von 85 Prozent. Verantwortung wird ausgelagert, Klimaschutz wird zum Verhandlungsgegenstand.
Gerade jetzt bräuchte Europa Mut statt Mittelmaß. Während sich die Klimakrise verschärft, setzt die EU auf symbolische Kompromisse. Doch halbherzige Politik ist die teuerste Form des Nichthandelns. Wir wissen längst, dass Investitionen in erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft sich mehrfach auszahlen – ökologisch, ökonomisch, sozial. Ambitionierte Klimaziele sind kein Risiko, sondern eine Wachstumsstrategie. Dies zeigen Zahlen des Umweltbundesamtes und des GreenTech Atlas: Schon heute arbeiten in Deutschland mehr Menschen in grünen Zukunftsbranchen als in der gesamten fossilen Energiewirtschaft. Jede Windanlage, jede Solarfabrik, jedes Wärmenetz schafft regionale Wertschöpfung.
Doch während Europa seine Ambitionen dämpft, spielt sich auf der anderen Seite des Atlantiks ein gefährliches Gegenstück ab. Der Inflation Reduction Act (IRA) hat die USA binnen zwei Jahren zum Hotspot für grüne Investitionen gemacht. Milliarden flossen in Batterien, Elektroautos, Wasserstoff, saubere Industrie. Tausende neue Jobs entstanden – gerade in Regionen, die zuvor vom Strukturwandel abgehängt waren. Nun aber steht dieses Programm unter Druck: US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, zentrale Förderungen zu stoppen oder einzuschränken. Bereits bewilligte Mittel werden eingefroren, neue Projekte verzögert. Das signalisiert Investoren: Die politische Unterstützung für Klimaschutz ist unsicher. Und genau hier liegt Europas Chance – wenn es sie nutzt.
Denn dort, wo die USA bremsen, kann Europa beschleunigen. Wo in Washington politische Willkür herrscht, kann Brüssel Verlässlichkeit bieten. Was wir jetzt brauchen, ist ein europäisches Pendant zum IRA: langfristig planbare Rahmenbedingungen, massive Investitionen in erneuerbare Energien, grünen Wasserstoff, Netze, Speicher und Industrieprozesse – mit klaren Zielen und ohne Hintertüren.
Europa muss verstehen, dass Klimaschutz nicht teurer macht, sondern wettbewerbsfähig. Wer heute auf Effizienz, Innovation und Erneuerbare setzt, senkt Energiekosten, stabilisiert Lieferketten und sichert technologische Führerschaft. Die Länder, die am schnellsten dekarbonisieren, werden die Märkte von morgen bestimmen.
Die Behauptung, strenger Klimaschutz gefährde Arbeitsplätze, ist widerlegt. Es ist das Gegenteil der Fall: Wer in fossilen Strukturen verharrt, verliert. Wer investiert, gewinnt. Die Transformation ist kein Kostenblock, sondern die industrielle Revolution des 21. Jahrhunderts. Deutschland und Europa dürfen deshalb nicht länger auf Zeit spielen. Wer Klimaziele relativiert, verliert nicht nur Glaubwürdigkeit – sondern auch wirtschaftliche Souveränität.
Während in den USA der Green Deal zur politischen Zielscheibe wird, muss Europa ihn zu seinem strategischen Kern machen. Die Welt entscheidet sich in diesen Jahren zwischen Rückschritt und Aufbruch. Europas Wahl darf nicht „weniger Ehrgeiz“ heißen, sondern „mehr Tempo“.
Denn am Ende geht es nicht nur um Emissionen, sondern um Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand und Freiheit. Erneuerbare Energien sind Friedensenergien – sie schaffen Unabhängigkeit, Stabilität und Sicherheit. Wenn wir jetzt investieren, sichern wir nicht nur das Klima, sondern die Zukunft der europäischen Wirtschaft. Klimaschutz ist keine Bürde; er ist Europas größte Chance.
Der Beitrag ist am 6. November 2025 im Tagesspiegel Background erschienen.
Themen: Klimapolitik, Europa