Technologieklarheit wäre mittlerweile hilfreicher als Technologieoffenheit: Interview

DIW Wochenbericht 47 / 2025, S. 752

Wolf-Peter Schill, Erich Wittenberg

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Herr Schill, bei welchen Technologien war das Ausbautempo der Erneuerbaren Energien ausreichend und wo vielleicht sogar schneller als geplant? Besonders schnell ging und geht es bei der Photovoltaik. Das wird vor allem durch den starken Zubau von Aufdach-Solaranlagen getrieben, die davon profitieren, dass die Strompreise gestiegen sind, während die PV-Modulpreise gesunken sind. Deswegen ist der solare Eigenverbrauch sehr viel profitabler geworden. Deutlich langsamer geht es bei der Windkraft voran.

Wo liegen die Gründe dafür? Bei der Windkraft hat sich gezeigt, dass nicht genügend vorentwickelte Projekte bereitstanden, um den steigenden Ausbaupfad zu erreichen. Das lag an relativ langen Planungs- und Genehmigungsdauern in der Vergangenheit. Mittlerweile haben wir aber eine andere Situation und aktuell einen Rekordstand an neu genehmigten Anlagen. Wenn man diese Anlagen zeitnah zubauen würde, dann könnte man bis 2028 auf den Zielpfad kommen.

Es war geplant, dass bis 2030 in Deutschland 15 Millionen Elektroautos fahren sollen. Lässt sich dieses Ziel noch erreichen? Nein, das Ziel lässt sich nicht mehr erreichen. Wenn man bedenkt, wie viele Autos jedes Jahr neu zugelassen werden, müssten wir ab jetzt 100 Prozent rein batterieelektrische Autos zulassen. Allerdings sind die Neuzulassungsanteile von elektrischen Pkw noch immer relativ niedrig, was sehr bedenklich ist. Im Moment ist nur ungefähr jeder fünfte neue Pkw ein rein elektrischer.

Wie sieht es bei den Wärmepumpen aus? Wir haben im ersten Halbjahr erstmals mehr neue Wärmepumpen installiert als neue Erdgasheizungen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Trotzdem wurden in den letzten Jahren noch sehr viele fossile Heizsysteme zugebaut, die die Wärmewende weiter verzögern und verteuern. Also auch dort würde man sich mehr Dynamik wünschen.

Wie entwickeln sich die Flexibilitätstechnologien, zum Beispiel Stromspeicher? Die Flexibilität im Stromsystem ist nicht so schnell gewachsen wie die erneuerbaren Energien. Das zeigt sich unter anderem daran, wie sich die Strompreise im Tagesverlauf entwickeln. Da sehen wir typischerweise sehr niedrige oder zunehmend auch negative Preise, insbesondere in den Mittagsstunden. Das liegt daran, dass wir bei den Batteriespeichern zwar einen deutlichen Zuwachs festgestellt haben, die meisten dieser Speicher jedoch nicht marktorientiert, sondern als reine PV-Eigenverbrauchsspeicher betrieben werden.

Die aktuelle Regierung plant mit Verweis auf die Kosten eine Neuausrichtung der Energiewende. Inwieweit halten Sie das für notwendig? Grundsätzlich finde ich es wichtig, die Dinge effizient zu tun und keine unnötigen Kosten zu verursachen. Ein wesentlicher Schlüssel dafür ist die Flexibilität. Wir brauchen mehr Verbraucher, die sich an Strommarktpreissignalen orientieren und auch mehr Speicher, die markt- und systemorientiert betrieben werden. Aus meiner Sicht ist es aber keine gute Strategie, zur Senkung der Kosten den Ausbau der erneuerbaren Energien abzubremsen. Umgekehrt gilt es, jetzt von den sehr guten Voraussetzungen zu profitieren und bei der Windkraft und der Photovoltaik weiter zuzubauen.

Wie beurteilen Sie den von der Regierung geforderten technologieoffenen Ansatz? Den halte ich in diesem Bereich der Energiewende im Moment nicht mehr für sinnvoll. Bei der Stromerzeugung brauchen wir die Windkraft und die Solarenergie. Aber auch bei der Sektorenkopplung haben sich mittlerweile Schlüsseltechnologien herauskristallisiert, wie die Wärmepumpe und die batterieelektrischen Fahrzeuge. Hier wäre aus meiner Sicht mehr Technologieklarheit hilfreicher als Technologieoffenheit.

p>Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Wolf-Peter Schill
Technologieklarheit wäre mittlerweile hilfreicher als Technologieoffenheit - Interview mit Wolf-Peter Schill

Wolf-Peter Schill

Leiter des Forschungsbereichs „Transformation der Energiewirtschaft“ in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt

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