DIW Wochenbericht 48 / 2025, S. 776
Johannes Geyer, Erich Wittenberg
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Herr Geyer, wie viele Personen, die die Regelaltersgrenze der gesetzlichen Rentenversicherung überschritten haben, sind noch erwerbstätig? Nach den Daten des Mikrozensus gingen zum Befragungszeitpunkt knapp 1,2 Millionen Personen oberhalb der Altersgrenze von 66 Jahren einer Beschäftigung nach. Das entspricht ungefähr sieben Prozent dieser Bevölkerungsgruppe.
In welchen Wirtschaftszweigen gibt es besonders viele ältere Beschäftigte? Nur in einzelnen Branchen stellen wir einen höheren Anteil von älteren Beschäftigten fest. Das sind zum Beispiel Landwirtschaft und Bergbau. Das hat auch damit zu tun, dass gerade in der Landwirtschaft der Anteil Selbstständiger, bei denen die fortgesetzte Erwerbstätigkeit im Alter häufiger zu beobachten ist, etwas höher ist. Dazu kommt die Branche Grundstücks- und Wohnungswesen. Hier sind neben Selbständigen zum Beispiel Menschen im Facility Management tätig, die vielleicht in geringfügiger Beschäftigung noch administrative Aufgaben übernehmen und das auch im höheren Alter fortsetzen.
Sind ältere Erwerbstätige häufiger in sogenannten Engpassberufen tätig, weil sie aufgrund des Fachkräftemangels dort gebraucht werden? Die Bundesagentur für Arbeit erhebt anhand von verschiedenen Indikatoren einen Index, der bestimmte Berufe als Engpassberufe qualifiziert. Das hat damit zu tun, wie lange Stellen offenbleiben, wie leicht es ist, dafür Bewerber zu finden und wie viele es von diesen offenen Stellen überhaupt gibt. Und da zeigt sich, dass ältere Erwerbstätige ungefähr genauso häufig wie jüngere Erwerbstätige in diesen Engpassberufen tätig sind.
Was sind die wesentlichen Faktoren, die eine Erwerbstätigkeit im Alter begünstigen? Wir haben dazu Korrelationen in den Bereichen Bildung und Gesundheit analysiert. Dabei haben wir festgestellt, dass der Bildungsgradient deutlich ist. Über den ganzen Altersverlauf sehen wir bei den höher Gebildeten eine höhere Erwerbsquote. Es gibt hier sozusagen sehr viel Spielraum. Das heißt, wenn wir die Qualifikation verbessern, wird es wahrscheinlich dazu kommen, dass Älteren die Erwerbstätigkeit leichter fällt. Das gilt auch für die Gesundheit. Wir haben natürlich einen geringeren Anteil von Menschen, die antworten, sie haben eine sehr gute Gesundheit im höheren Alter. Aber die, die das tun, haben eine deutlich höhere Erwerbstätigkeit.
Wie unterscheidet sich die Erwerbsbeteiligung in der Altersgruppe 66+ zwischen Männern und Frauen? Oberhalb der Regelaltersgrenze sind ungefähr neun Prozent der Männer noch erwerbstätig, während es bei den Frauen nur fünf Prozent sind. Man muss hier in Rechnung stellen, dass diese älteren erwerbstätigen Frauen auch aus den älteren Kohorten kommen und sich die Frauenerwerbstätigkeit über die Zeit sehr positiv entwickelt hat. Das heißt, man kann davon ausgehen, dass sich dieser Unterschied in Zukunft wahrscheinlich angleichen wird.
Wie ließe sich die Erwerbstätigkeit im Alter fördern? Wichtig sind hierbei indirekte Faktoren wie Bildung und Gesundheit, auch wenn sie beim Thema Erwerbstätigkeit im Alter nicht unmittelbar sichtbar sind. Wir müssen aber, wenn wir über Bildung nachdenken, schon ganz jung ansetzen und auch im höheren Erwerbsalter Bildung fördern. Was die Gesundheitsförderung angeht, müssen die Arbeitsplätze so gestaltet werden, dass Menschen dort länger arbeiten können. Zudem tut der Staat jetzt ja vielleicht etwas mit der Aktivrente, um die Erwerbstätigkeit steuerlich zu begünstigen. Solche Maßnahmen kosten natürlich Geld und es gibt auch Mitnahmeeffekte. Man muss dann eben evaluieren, ob die Bilanz stimmt oder nicht und gegebenenfalls die Politik wieder anpassen.
Das Gespräch führte Erich Wittenberg.