DIW Wochenbericht 49 / 2025, S. 800
get_appDownload (PDF 106 KB)
get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF 3.42 MB - barrierefrei / universal access)
Seit Jahren klettern die Lebensmittelpreise in Deutschland spürbar. Der Betrag auf dem Kassenbon steigt, während der Einkaufswagen oft leerer bleibt – und gleichzeitig klagen Landwirt*innen über stagnierende und teilweise unzureichende Erzeugerpreise. Entlang der Lieferkette haben sich in den letzten Jahren Wertschöpfung und Einfluss verschoben: Die Zahl der Akteure ist geschrumpft, sowohl im Einzelhandel als auch in der Herstellung. Doch wer profitiert von dieser Entwicklung? Das jüngste Sondergutachten der Monopolkommission empfiehlt Maßnahmen gegen Machtmissbrauch, um Verbraucher*innen und Erzeuger zu schützen.
Deutschland gilt schon lange als Land der Discounter. Mit Aldi und Lidl entstanden Pioniere eines Formats, das lange für intensiven Wettbewerb und niedrige Preise sorgte – auch international. Tatsächlich liegen die durchschnittlichen Lebensmittelpreise immer noch im EU-Mittelfeld, auch wenn die Entwicklung eine andere Geschichte erzählt: In den letzten 15 Jahren sind Lebensmittelpreise hierzulande deutlich stärker gestiegen als im EU-Schnitt – also schon lange vor der Inflation ab 2022.
Auch die Schere zwischen den Preisen an der Supermarktkasse und den Einnahmen der landwirtschaftlichen Betriebe klafft immer weiter auseinander. Trotz steigender Verbraucherpreise erhalten Landwirt*innen kaum höhere Erzeugerpreise. Ihre Arbeit wird dadurch zunehmend schlechter entlohnt. Gleichzeitig konnten Hersteller und Handelsunternehmen ihre Gewinnmargen in den letzten 15 Jahren stetig ausbauen – und die Preise klettern weiter. Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel kontrollieren vier Konzerne – Edeka, Rewe, Lidl/Schwarz-Gruppe und Aldi – rund 85 Prozent des Marktes. Das sind über 30 Prozentpunkte mehr als in den 1990er Jahren.
Diese Macht bauen sie durch Eigenmarken und eigene Produktionsstätten weiter aus. Die Unternehmen sind längst nicht mehr nur Händler, sondern vertikal integrierte Lebensmittelkonzerne, die auch als Hersteller und Direktabnehmer bei landwirtschaftlichen Betrieben auftreten. Ihre Verhandlungsmacht wächst: Wer Handel und Produktion vereint, kann Preise und Sortimente stärker beeinflussen. Auch auf Herstellerseite nimmt die Konzentration stetig zu. Landwirt*innen und kleinere Hersteller berichten von erheblichem Druck: Vertragsverhandlungen mit den nachgelagerten Stufen sind geprägt von Abhängigkeiten und ungleichen Machtverhältnissen. Mit dem Kartellrecht lässt sich mancher Missbrauch von Marktmacht zwar verhindern. Zudem existieren seit einigen Jahren spezielle Regeln gegen unfaire Handelspraktiken. Dennoch verhindert der „Angstfaktor“ oft deren Nutzung: Aus Sorge vor Auslistungen oder anderen Nachteilen verzichten viele darauf, ihre Rechte geltend zu machen. Die Folge ist ein strukturelles Ungleichgewicht mit Ertragsverlusten und weiter steigenden Margen.
Die Monopolkommission hat kürzlich ein Sondergutachten dazu veröffentlicht und macht deutlich: Die bestehenden Regeln reichen wohl aus, ihre Durchsetzung ist jedoch unzureichend. Zusammenschlüsse im Handel und bei Herstellern müssten künftig strenger geprüft werden, vor allem mit Blick auf die gesamte Lieferkette. Sie empfiehlt zudem, frühere Maßnahmen zu evaluieren, um Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Zudem brauche es eine stärkere Aufsicht gegen Machtmissbrauch.
Die Landwirtschaft erhält bereits viel Unterstützung. Subventionen müssten aber an Zukunftsziele wie Innovation, Digitalisierung und Nachhaltigkeit geknüpft sein. Davon würden vor allem kleinere Betriebe profitieren. Alle Betriebe, gerade auch die kleinen Höfe, benötigen zudem eine Entlastung von überbordender Bürokratie. Der wirksame Wettbewerb entlang der gesamten Lieferkette ist die Garantie dafür, dass die Preise für Verbraucher*innen niedrig bleiben. Gleichzeitig sichert der Wettbewerb, dass sich nicht einzelne Große auf Kosten der Kleinen in der Lieferkette bereichern. Solche Fairness hat die Landwirtschaft, die ohnehin schwer zu kämpfen hat, verdient. Im Einkaufskorb zahlt sich Wettbewerb durch gute Produkte zu fairen Preisen aus.
Der Beitrag ist am 29. November in einer etwas längeren Fassung bei Capital erschienen.
Themen: Wettbewerb und Regulierung, Umweltmärkte, Märkte