Der bevorstehende Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist ein eher untypischer: Interview

DIW Wochenbericht 50 / 2025, S. 846

Geraldine Dany-Knedlik, Erich Wittenberg

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Frau Dany-Knedlik, man hat den Eindruck, dass sich die deutsche Wirtschaft mühsam durch das Jahr schleppt. Ist das so oder ist die Lage besser als sie scheint? Nein, die deutsche Wirtschaft hat sich tatsächlich mühsam durchs Jahr geschleppt. Im dritten Quartal dieses Jahres stagnierte das Bruttoinlandsprodukt erneut. Besonders enttäuscht hat der private Konsum mit einem Minus von 0,3 Prozent. Positiv überrascht haben der öffentliche Konsum und die Ausrüstungsinvestitionen. Aber alles in allem war es bis jetzt eher eine Stagnation.

Normalerweise gilt der private Konsum als eine Stütze des Wachstums. Warum ist das jetzt nicht so? Es gibt verschiedene Gründe, warum der private Verbrauch nicht mit solch kräftigen Raten expandiert hat, wie wir das im letzten Jahr gesehen haben. Das lag zum einen an der schwachen Lohnentwicklung und der abwartenden, vorsichtigen Haltung der Konsumenten, die sich auch zunehmend Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen. Gerade im Verarbeitenden Gewerbe entwickelt sich die Auftragslage bisher eher schleppend. Dazu kommt der Beschäftigungsabbau, insbesondere im Privatsektor.

Sieht es denn bei den Dienstleistungen besser aus? Bei den Dienstleistungen sieht es in der Tat etwas besser aus. Das betrifft vor allen Dingen die öffentlichen Dienstleistungen. Insgesamt wird der öffentliche Sektor ausschlaggebend sein für die kommenden beiden Jahre. Insofern erwarten wir einen untypischen Aufschwung, denn üblicherweise wird ein Aufschwung in Deutschland durch starke Exporte, ein starkes Verarbeitendes Gewerbe und entsprechend starke Ausrüstungsinvestitionen getragen. Der Aufschwung, den wir in den kommenden Jahren sehen werden, wird jedoch in erster Linie durch die Ausweitung der öffentlichen Nachfrage getrieben sein, also durch öffentliche Dienstleistungen, öffentlichen Konsum und öffentliche Investitionen. Ausschlaggebend sind die ausgeweiteten Finanzierungsspielräume für Infrastruktur-, Klimaschutz- und Verteidigungsausgaben.

Inwieweit kann der Außenhandel überhaupt noch für Wachstumsimpulse sorgen? Der Außenhandel wird in den kommenden Jahren wohl keine Wachstumsimpulse entfalten, sondern eher leicht dämpfen. Das liegt daran, dass wir auf der einen Seite durch strukturelle Schwächen der deutschen Wirtschaft, insbesondere die abnehmende internationale Wettbewerbsfähigkeit, schwächere Exporte sehen werden. Zudem belasten protektionistische Tendenzen zum einen in den USA, aber auch in China die Auslandsnachfrage deutlich. Gleichzeitig werden wir aber stärkere Importe sehen, weil der Aufschwung für eine binnenwirtschaftlich steigende Nachfrage sorgt.

Mit welchen Wachstumszahlen rechnen Sie? Für dieses Jahr rechnen wir mit einem leichten Wachstum der deutschen Wirtschaft von 0,2 Prozent. Für das kommende Jahr prognostizieren wir ein Plus von 1,3 Prozent und für das Jahr 2027 ein Wachstum von 1,6 Prozent. Wir lassen unsere Wachstumsprognose im Vergleich zum Herbst für das laufende Jahr also unverändert und senken sie für das Jahr 2026 um 0,4 Prozentpunkte und für 2027 um 0,2 Prozentpunkte. Grund dafür ist, dass sich der Fiskalimpuls auf die privaten Sektoren aus unserer Sicht etwas verschoben hat – von Investitionsausgaben mehr hin zum Staatskonsum. Das bedeutet, dass der Wachstumseffekt dieser Mehrausgaben etwas schwächer ausfallen dürfte. Dazu kommt, dass die strukturellen Faktoren, die die deutsche Wirtschaft belasten, sich doch als etwas schwerwiegender herausgestellt haben, als wir das noch im Herbst angenommen hatten. Daher rechnen wir gerade bei der privaten Investitionstätigkeit in den kommenden Jahren mit etwas weniger Dynamik.

p>Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Geraldine Dany-Knedlik
Der bevorstehende Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist ein eher untypischer - Interview mit Geraldine Dany-Knedlik

Geraldine Dany-Knedlik

Stellvertretende Abteilungsleiterin Abteilung Makroökonomie

Themen: Konjunktur


DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2025-50-3


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