DIW Wochenbericht 4 / 2026, S. 52
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Die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft befindet sich in einer tiefgreifenden Umbruchphase. Durch ihre große Abhängigkeit von der globalen Nachfrage machen ihr geo- und handelspolitische Verwerfungen besonders zu schaffen. Die Exportorientierung hat es Deutschland – anders als vielen anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften – viele Jahre ermöglicht, ein großes und leistungsstarkes Verarbeitendes Gewerbe zu erhalten, dessen hochwertige Maschinen-, Automobil- und Chemieprodukte weltweit lange Zeit stark begehrt waren.
Annähernd jeder vierte Arbeitsplatz hängt hierzulande am Export. Doch hohe Produktionskosten, Defizite bei wichtigen Zukunftstechnologien sowie ein anhaltend starker Euro setzen die deutschen Exportfirmen zunehmend unter Druck. So ist die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Industrieunternehmen zuletzt auf ein Rekordtief gesunken. Insbesondere die energieintensiven Branchen, aber auch der Maschinenbau leiden unter den hohen Energie- und Lohnstückkosten. Zudem lastet der weltweite Anstieg protektionistischer Handelspolitik auf den deutschen Exporten. Vor allem die aggressive Zollpolitik der US-Regierung stellt die Unternehmen hierzulande vor große Herausforderungen. Zugleich birgt das zunehmend machtbewusste Auftreten Chinas, das sich an den Exportbeschränkungen für Seltene Erden zeigt, große Risiken.
Insgesamt dürften im laufenden Jahr drei Entwicklungen den deutschen Außenhandel prägen. Erstens werden die Belastungen durch US-Einfuhrzölle wohl weiterhin hoch bleiben. Zwar hat das Handelsabkommen zwischen der EU und den USA die Unsicherheit verringert und die Planungssicherheit für Unternehmen verbessert. Dennoch werden die Zölle die Nachfrage nach deutschen Gütern nachhaltig dämpfen.
Zweitens wird die Bedeutung Chinas für den deutschen Exportmarkt wohl weiter sinken, da deutsche Waren zunehmend durch in China produzierte Güter ersetzt werden. Gleichzeitig dürften die Importe aus China im Jahr 2026 zulegen. Hierbei spielt zum einen die aggressive Preispolitik chinesischer Hersteller eine Rolle; zum anderen ist davon auszugehen, dass vormals für den US-Markt bestimmte Güter in die EU umgeleitet werden. Bereits vor Amtsantritt Donald Trumps gelangten – bedingt durch Überkapazitäten und eine schwache Binnennachfrage in China – vermehrt chinesische Waren auf den europäischen Markt. Dieser Trend hat sich infolge des US-Handelskonflikts weiter verstärkt.
Drittens dürfte die deutsche Exportindustrie Unterstützung von der Konjunktur im europäischen Ausland erhalten, die sich in diesem Jahr wohl weiter beleben wird. Insbesondere die Warenausfuhren in den Euroraum wirkten im letzten Jahr als Stabilitätsanker, aber auch die Nachfrage aus Mittel- und Osteuropa, allen voran aus Polen, zeigte sich robust.
Damit der Außenhandel in den nächsten Jahren wieder zum Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft werden kann, bedarf es dringend einer strategischen Neuausrichtung. Oberste Priorität sollte dabei die Diversifizierung der Handelsstrukturen haben – sowohl auf sektoraler als auch insbesondere auf geografischer Ebene. Neue Handelsabkommen, etwa zwischen der EU und Staaten in Südostasien oder Lateinamerika, könnten zusätzliche Absatzchancen für deutsche Unternehmen eröffnen. Dies würde die Resilienz des deutschen Exportmodells erhöhen und mittelfristig dazu beitragen, die Abhängigkeit von einzelnen Wirtschaftsräumen wie den USA und China zu verringern. Gleichzeitig muss die EU den Abbau von Bürokratie und regulatorischen Hürden vorantreiben, um den gemeinsamen Binnenmarkt zu stärken und Investitionsanreize für Unternehmen zu schaffen. Damit das deutsche Exportmodell wieder an Stärke gewinnt, müssen die entscheidenden Weichen noch in diesem Jahr gestellt werden.
Der Beitrag ist am 13. Januar 2026 in Nachrichten für Außenhandel erschienen.
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-4-3
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