DIW Wochenbericht 7 / 2026, S. 100
Wolf-Peter Schill, Erich Wittenberg
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Herr Schill, wie weit ist man mit der aktuell installierten Leistung aus erneuerbaren Energien noch von den 2030er Zielen entfernt? Bei der Photovoltaik haben wir jetzt gut die Hälfte der Leistung, die laut dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) im Jahr 2030 installiert sein soll. Bei der Windkraft an Land ist es ein bisschen mehr, fast zwei Drittel. Bei der Windkraft auf See liegen wir noch weit zurück, nämlich erst bei ungefähr einem Drittel der angepeilten Leistung.
Wie sieht es beim Ausbautempo aus? Der Ausbau der Photovoltaik kommt dem Tempo, das wirklich nötig wäre, um das 2030-Ziel zu erreichen, am nächsten. Bei der Windkraft an Land hat sich das zuvor langsame Ausbautempo zuletzt deutlich gesteigert, auch wenn hier noch sehr viel mehr passieren muss. Weil es aber sehr viele neue genehmigte Anlagen gibt, sehe ich hier großes Potenzial für eine weitere Tempobeschleunigung. Bei der Windkraft auf See ist erst um das Jahr 2030 herum mit dem ganz großen Zubau zu rechnen, denn dort haben die Projekte sehr lange Vorlaufzeiten.
Inwieweit gab es Verschiebungen innerhalb der Segmente? Bei der Photovoltaik hat sich der starke Ausbau der Aufdachanlagen zuletzt verlangsamt. Anteilig wurden mehr Freiflächenanlagen zugebaut als früher. Das ist tatsächlich auch politisch gewünscht. Wir müssen aber aufpassen, dass sich das Aufdachsegment nicht zu sehr verlangsamt, sonst werden wir die Ziele wahrscheinlich nicht erreichen.
Wie groß sind die Fortschritte im Bereich der Sektorenkopplung? Bei der Sektorenkopplung schauen wir vor allem auf die Wärmepumpen und die Elektrofahrzeuge. Bei den Wärmepumpen ist der Trend positiv. Zuletzt war jede zweite neu eingebaute Heizung eine Wärmepumpe. Die Elektromobilität kommt leider immer noch recht langsam voran. Im letzten Jahr aber hatte immerhin jedes fünfte in Deutschland neu zugelassene Auto einen reinen Elektroantrieb. Bei den Lkw waren es noch etwas weniger.
Wie steht es um die Flexibilität im Stromsystem? Ein Indikator, der zumindest einen Teil des Flexibilitätsbedarfs anzeigt, sind die negativen Preise. Das heißt, wie oft passiert es, dass der Großhandelspreis im Strommarkt negativ wird, weil es etwa gerade ein Überangebot an Photovoltaikstrom gibt? Hier hat sich zuletzt eine gewisse Entspannung angedeutet, denn im zweiten Halbjahr 2025 ist das viel weniger passiert als im ersten Halbjahr. Das hat verschiedene Gründe, aber auch die Flexibilität dürfte ein Stück weit gewachsen sein.
Wie beurteilen Sie das Engagement der aktuellen Bundesregierung in Bezug auf die Energiewende? Ich würde sagen, da gibt es im Moment eher gemischte Signale. Die Bundesregierung scheint beim Ausbau der erneuerbaren Energien eher bremsen zu wollen, mit dem Argument, dass die Stromnachfrage bisher nicht so stark angezogen hat wie angenommen. Letzteres liegt wiederum daran, dass die Sektorenkopplung nicht vorankommt und dass wir derzeit viel weniger Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge haben, als die vorherige Ampel-Bundesregierung geplant hatte. An dieser Stelle fürchte ich, dass wir in einen unguten Kreislauf geraten könnten, wenn wir sagen, jetzt haben wir eigentlich zu viel erneuerbaren Strom, lass uns hier bremsen. Wenn dann aber die Nachfrage anzieht, weil die Zahl der Elektroautos bald doch stärker steigt, dann fehlt uns möglicherweise wieder der erneuerbare Strom. Deswegen sollte man beides, den Ausbau der Erneuerbaren und die Steigerung der Sektorenkopplung, wirklich kraftvoll weiter vorantreiben. Allerdings sehe ich für beides im Moment keine starken Impulse der Regierung.
Das Gespräch führte Erich Wittenberg.
Themen: Klimapolitik, Energiewirtschaft
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-7-2
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