DIW Wochenbericht 8 / 2026, S. 117
Christian von Hirschhausen, Erich Wittenberg
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Herr von Hirschhausen, Bundeskanzler Friedrich Merz sprach sich zuletzt wiederholt für die Kernfusion aus und hofft, dass diese die Windenergie zeitnah ablöst. Sie haben die zeitnahe Nutzung der Kernfusion schon früher als unrealistisch bezeichnet. Bleiben Sie dabei? Der Bundeskanzler geht von einer fiktiven Verfügbarkeit von Kernfusionen für energetische Nutzung aus. Die ist aber bis heute nicht gegeben und auch nicht absehbar. Zweitens wäre die Kernfusionsenergie, selbst wenn sie verfügbar wäre, gegenüber Wind nicht wettbewerbsfähig, denn sie hätte wesentlich höhere variable und durchschnittliche Kosten.
Seit Jahrzehnten heißt es, dass es bis zur Einführung der Kernfusion noch circa 30 bis 50 Jahre dauert. Warum schafft es anscheinend niemand, diese als Fusionskonstante bezeichnete Zeitspanne zu verkürzen? Die Erwartung an eine kommerziell verfügbare Nutzung der Kernfusion ist seit 1955 immer dieselbe gewesen. Der Grund ist einfach: Es handelt sich um Kernfusion auf der Erde. In der Sonne fusionieren andere Stoffe, und der Gravitationsdruck auf der Sonne ist 250 Milliarden Mal höher als der auf der Erde. Deshalb klappt die Kernfusion zur Energiegewinnung auf der Erde nicht.
Was bringt dann die Grundlagenforschung im Bereich der Kernfusion? Die Grundlagenforschungsprojekte betreiben derzeit vor allem Materialforschung und Plasmaphysik. Der Nutzen liegt aber nicht im Bereich der Energienutzung. Beispielsweise plant der Forschungsreaktor ITER erstmals im Jahr 2040 ein Kernfusions-Experiment durchzuführen. Wenn die privaten Unternehmen tatsächlich ihre Pläne wahrmachen, dann müssten sie in den 2030er Jahren schon Strom erzeugen und damit wäre dann diese Grundlagenforschung nicht mehr notwendig.
Welche Bedeutung haben die vielen privaten Firmen im Bereich der Kernfusionsforschung? Privatwirtschaftliche Unternehmen beschäftigen sich derzeit mit Nischenprodukten. Das sind supraleitende Magnete, Lasertechnik, Gesundheitsanwendungen und Materialforschung. Damit kann man perspektivisch auch Geld verdienen. Das ist kurzfristig sinnvoller, als auf die energetische Nutzung zu setzen, mit der man absehbar kein Geld verdienen kann.
Union und SPD haben sich darauf verständigt, die Fusionsforschung gezielt zu fördern. Wie beurteilen Sie das? Man sollte sich klar werden, dass die energetische Nutzung nicht das Ziel dieser Grundlagenforschung sein kann. Es gibt eventuell andere Ziele dieser Forschung, die müssten dann neu benannt werden. Die Forschung an dem Ziel der energetischen Nutzung auszurichten, ist falsch.
Sie und Ihre KollegInnen haben einen Ansatz entwickelt, um die Aktivitäten unterschiedlicher Kernfusionsunternehmen vergleichbar zu machen. Was genau ist unter diesem sogenannten „Fusion Monitoring“ zu verstehen? Zum einen verbirgt sich dahinter ein methodischer Ansatz, der die Grundlagenforschung der Großforschungsinstitute vergleichbar macht mit den Aktivitäten privatwirtschaftlicher, kommerzieller Startups. Zum anderen schlagen wir vor, ab sofort jedes Jahr ein solches Monitoring produzieren, um politikrelevante Informationen zur Verfügung zu stellen. Diese Informationen sind zurzeit objektiv nicht verfügbar und es handelt sich ja um sehr große Forschungsvolumina, die in vielen Ländern, auch auf der EU- und internationalen Ebene, aufgewendet werden. Wir wollen mit diesem Monitoring dazu beitragen, eine effizientere und langfristiger angelegte Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationspolitik zu definieren.
Das Gespräch führte Erich Wittenberg.
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-8-2
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