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Wochenbericht des DIW Berlin 47/04

Entlohnungsungerechtigkeit in Deutschland?

Hohes Ungerechtigkeitsempfinden bei Managergehältern

Bearbeiter Stefan Liebig
Jürgen Schupp
Seit dem Gerichtsurteil zu den sachlich ungerechtfertigten Prämienzahlungen an das ehemalige Top-Management der Mannesmann AG werden Fragen der Entlohnungsgerechtigkeit in der Öffentlichkeit breit diskutiert. Hintergrund sind stark gestiegene Spitzengehälter von Managern in einer Zeit mäßiger Wirtschaftsentwicklung und hoher Arbeitslosigkeit.

Eine Sondererhebung des vom DIW Berlin in Zusammenarbeit mit Infratest Sozialforschung durchgeführten Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) lässt erkennen, dass in Deutschland ein hohes Maß an Ungerechtigkeitsempfinden hinsichtlich der Entlohnung von Managern im Vergleich zu der von Hilfsarbeitern existiert; auch beim eigenen Einkommen hat insbesondere in Ostdeutschland die subjektive Entlohnungsungerechtigkeit ein hohes Niveau. Ein höheres Maß an Transparenz kann die Akzeptanz für ansonsten als ungerecht wahrgenommene Verteilungsergebnisse steigern.
Zur Messung und Operationalisierung
von Entlohnungs-
ungerechtigkeit
In der Realität ist ein "gerechter Lohn" wissenschaftlich nicht zu bestimmen. [1] Die Vorstellungen der Bevölkerung über Gerechtigkeit und die Bewertung konkreter Situationen können aber mit Methoden der empirischen Sozialforschung ermittelt werden. So wurden im Rahmen einer Sondererhebung [2] des vom DIW Berlin seit langem durchgeführten Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) [3] im Sommer 2004 etwa 750 Personen im Alter von mindestens 16 Jahren sowohl zu ihrer allgemeinen Gerechtigkeitseinstellung als auch zur Angemessenheit der eigenen Entlohnung und zu der von Managern sowie Hilfsarbeitern befragt.

Die entsprechende Frage lautet: "Was, glauben Sie, verdient ein Vorstandsvorsitzender/ein ungelernter Arbeiter, z. B. ein Hilfsarbeiter, am Fließband durchschnittlich netto im Monat?", ergänzt um die Nachfrage: "Was wäre ein gerechtes monatliches Nettoeinkommen für einen Vorstandsvorsitzenden/einen ungelernten Arbeiter?" Was die Bewertung der eigenen Lohnhöhe anbelangt, wurde zunächst nach dem Nettoverdienst im letzten Monat gefragt und anschließend die Frage gestellt: "Was wäre in Ihren Augen ein gerechtes monatliches Nettoeinkommen?" Die Befragten waren jeweils aufgefordert, konkrete Euro-Beträge zu nennen. Aus den Angaben zum tatsächlichen und zu dem als gerecht angesehenen Entlohnungsbetrag errechnet sich ein sog. "Gerechtigkeitsindex" (J). Er ergibt sich aus dem natürlichen Logarithmus des Verhältnisses von (wahrgenommenem) tatsächlichem Einkommen (A) zu dem als gerecht angesehenen Einkommensbetrag (C). [4]

Je stärker der Gerechtigkeitsindex von 0 abweicht, umso größer ist das Ausmaß an subjektiv empfundener Entlohnungsungerechtigkeit. Durch die Logarithmierung wird erreicht, dass eine gerechte Belohnung durch den Wert 0 indiziert wird und große Abweichungen nach oben "verkleinert" werden. Ein von 0 abweichender Gerechtigkeitsindex kann dabei positive oder negative Werte einnehmen. Sind die Werte positiv, so ist der tatsächliche Entlohnungsbetrag größer als der als gerecht eingeschätzte Entlohnungsbetrag - eine Person erhält also aktuell mehr, als ihr "gerechterweise" zustehen würde. Negative Werte beschreiben hingegen eine Situation, in der der tatsächliche Entlohnungsbetrag kleiner ist als der als gerecht erachtete Betrag; eine Person erhält also weniger, als sie nach eigener Einschätzung verdienen sollte.

Der verwendete Gerechtigkeitsindex erlaubt es also, die Richtung und das Ausmaß wahrgenommener Entlohnungsungerechtigkeiten nachzubilden. In Abbildung 1 ist der Verlauf des Gerechtigkeitsindex beispielhaft für drei Fälle des als gerecht empfundenen Lohnes sowie in Abhängigkeit zum tatsächlichen Einkommen (x-Achse) dargestellt (Höhe von C = 1 000, 2 000 und 3 000 Euro). Bei einem tatsächlichen Monatseinkommen von 2 000 Euro würde bei einem als gerecht angesehenen Monatseinkommen in gleicher Höhe der Indexwert 0 betragen. Ist das als gerecht angesehene Einkommen um 1 000 Euro niedriger als das erzielte Einkommen, liegt der Indexwert bei 0,7; in Fällen, in denen das als gerecht angesehene Einkommen hingegen um 1 000 Euro höher ist, beträgt der Gerechtigkeitsindex rund -0,4.

Bewertung der Einkommens-
ungerechtigkeit in Deutschland
Eine Mehrheit der bundesdeutschen Berufstätigen fühlte sich im Sommer 2004 gerecht entlohnt. Für rund 54 % der aktuell erwerbstätigen Befragten entsprach ihr aktuell erzieltes Arbeitseinkommen dem, was sie auch als ein gerechtes Einkommen ansahen.

Nur rund 23 % der Befragten hielten Managergehälter und 29 % die Hilfsarbeiterlöhne für gerecht. In beiden Fällen nahm also die Mehrheit der Befragten vielmehr eine Entlohnungsungerechtigkeit wahr. Dabei verdienen im Urteil der Befragten Hilfsarbeiter weniger, als sie nach dem allgemeinen Gerechtigkeitsverständnis verdienen sollten, und Manager erhalten mehr, als ihnen gerechterweise zustehen sollte. Insgesamt besteht also die Tendenz, es als gerecht zu empfinden, wenn die Gehälter am oberen Ende der Einkommenshierarchie abgesenkt und am unteren Ende angehoben würden (Tabelle 1).

Politisch besonders bedeutsam ist, dass das Ausmaß an empfundener Entlohnungsungerechtigkeit bei den Managergehältern deutlich größer ist als beim eigenen Einkommen oder bei den Hilfsarbeiterlöhnen. Die Lücke zwischen dem tatsächlichen Einkommen und dem Einkommen, das man selbst oder auch diejenigen, die in der gesellschaftlichen Entlohnungshierarchie eher unten stehen, gerechterweise erhalten sollten, ist im Vergleich zu den Managergehältern deutlich geringer. Das Ausmaß an empfundener Ungerechtigkeit erreicht bei den Managergehältern einen Indexwert von 0,65, bei den Hilfsarbeiterlöhnen von 0,25 (Absolutbetrag) und beim eigenen Einkommen nur von 0,19 (Absolutbetrag).

Bei der Bewertung der Managergehälter, aber auch bei der von Hilfsarbeiterlöhnen finden sich keine Unterschiede zwischen den Beziehern hoher und niedriger Einkommen (Tabelle 2). [5] Gerade bei den Managergehältern besteht offenbar ein breiter, durch alle Einkommensschichten gehender Konsens darüber, dass sie ungerechtfertigt hoch sind. Die Empfindung der Entlohnungsgerechtigkeit hinsichtlich des eigenen Einkommens steigt dagegen mit höherem Einkommen.

Doch wie steht es um die Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern? Sind auch 15 Jahre nach dem Mauerfall bei der Bewertung der Entlohnungsgerechtigkeit große Unterschiede sichtbar? Hinsichtlich der Bewertung der Managergehälter sind solche Unterschiede nicht zu erkennen. In beiden Landesteilen sind rund
75 % der Befragten der Meinung, die Managergehälter seien ungerechtfertigt hoch. Bei der Beurteilung der Hilfsarbeiterlöhne ist zwar ein Unterschied zu beobachten, doch ist dieser nicht so ausgeprägt, als dass tatsächlich von einem eigenständigen Bewertungsmuster in Ost und West gesprochen werden könnte.

Deutliche regionale Unterschiede im Bewertungsmuster sind jedoch beim eigenen Einkommen zu finden. Während im Westen nahezu
58 % der aktuell Erwerbstätigen ihr eigenes Einkommens als gerecht ansehen, sind es in Ostdeutschland lediglich 41 %. Zu diesem Ergebnis könnte die starke Diskrepanz zwischen Tarif- und Effektivlöhnen beigetragen haben. Während in vielen Branchen die Tariflöhne in Ost und West gleich sind, liegen die effektiv gezahlten Löhne in Ostdeutschland um 20 % unter denen in Westdeutschland. [6]

Stabilität der Muster
der empfundenen Entlohnungs-
ungerechtigkeit
Die in der SOEP-Sondererhebung verwendeten Fragen zur wahrgenommenen Entlohnungsungerechtigkeit wurden auch im Rahmen eines 13 Länder umfassenden internationalen Befragungsprojekts (International Social Justice Project - ISJP) in den Jahren 1991 und 1996 sowie in einer nur auf Deutschland bezogenen Bevölkerungsumfrage im Jahre 2000 erhoben. [7] In jeder dieser drei Erhebungen wurden in Deutschland im Rahmen einer repräsentativen Stichprobe wahlberechtigte Deutsche befragt. Damit kann die Entwicklung über einen Zeitraum von 14 Jahren nachgezeichnet werden. Zugleich sind für die Jahre 1991 und 1996 Vergleiche mit den Gerechtigkeitseinstellungen in anderen Ländern möglich. Gleichwohl ist zu beachten, dass der Kontext der Fragen in den internationalen Befragungsprojekten große Unterschiede zur SOEP-Sondererhebung aufweist und auch die Stichprobenumfänge nicht ausreichend sind, um signifikante Veränderungen im Zeitverlauf zu identifizieren. Insgesamt dominiert eine hohe Stabilität im Vergleich der SOEP-Daten aus dem Jahr 2004 zu den früheren ISJP-Erhebungen. So hat sich das Ausmaß der wahrgenommenen eigenen Entlohnungsgerechtigkeit aus der Sicht der Westdeutschen in den letzten 14 Jahren praktisch nicht verändert (Abbildung 2).

Auch die Art der wahrgenommenen Ungerechtigkeit bei Managergehältern bleibt über die vier untersuchten Zeitpunkte weitgehend stabil. Den Verlauf der Kurve über die vier Messpunkte hinweg darf man wegen der zugrunde liegenden kleinen Stichprobe nicht überinterpretieren. Er verändert sich nur graduell und verharrt auf dem für 1991 festgestellten Niveau. Wenn es um die Gehälter von Managern geht, dann wird in der Bevölkerung offenbar seit langem [8] und nicht erst seit der "Mannesmann-Affäre" und den daran anschließenden Mediendebatten eine ausgeprägte Gerechtigkeits-
lücke verspürt.

Bei der Bewertung des eigenen Einkommens zeichnen sich jedoch gewisse Veränderungen über die letzten Jahre hinweg ab. Zu Beginn des Einigungsprozesses waren Ost- und Westdeutsche noch relativ weit voneinander entfernt, wenn es um die Bewertung des eigenen Einkommens ging: Die Ostdeutschen empfanden ihr eigenes Einkommen als deutlich zu gering. Während sich kurz nach der Vereinigung im Westen die Hälfte der Erwerbstätigen gerecht entlohnt fühlte, waren es im Osten nur etwa 18 %. Dieser Unterschied zwischen den Landesteilen hat sich in den Jahren 1996 und 2000 abgeschwächt; der Anteil derjenigen, die sich in Ostdeutschland als gerecht entlohnt bezeichnen, lag im Frühjahr 2004 bei 41 %. Gleichwohl ist bei jenen, die sich in Ostdeutschland ungerecht entlohnt fühlen, das Ausmaß an empfundener Ungerechtigkeit deutlich höher. Die Diskrepanz zwischen tatsächlichem und dem als gerecht angesehenen Einkommen ist bei denjenigen, die sich als ungerecht entlohnt bezeichnen, [9] im Osten größer als im Westen (vgl. Tabelle 1). Es sind also im Osten immer weniger, die sich ungerecht entlohnt fühlen. Bei jenen aber, deren Einkommen nicht dem entspricht, was sie selbst als gerecht ansehen, wird das subjektive Ungerechtigkeitsempfinden immer größer.

Internationaler Vergleich der Ergebnisse Zur Beantwortung der Frage, ob es sich bei den dargestellten Befunden zur Entlohnungsungerechtigkeit um eine "typisch deutsche" Sicht handelt, sind in Tabelle 3 Ergebnisse aus weiteren Ländern dargestellt. Für 1991 liegen Angaben zu den Niederlanden, Ungarn, den USA, Japan und Polen vor; für 1996 ist nur ein Vergleich mit den Niederlanden und Ungarn möglich. Aus den Daten wird ersichtlich, dass im Jahre 1991 die Managergehälter in Deutschland als viel ungerechter wahrgenommen wurden als in den anderen Ländern - in Deutschland ist sogar die höchste Wahrnehmung von Ungerechtigkeit zu finden. Während in den Niederlanden die wahrgenommene Ungerechtigkeit der Managergehälter von 1991 bis 1996 tendenziell abnahm und zu beiden Zeitpunkten deutlich niedriger als in Deutschland lag, war die Entwicklung in Ungarn von deutlichen Veränderungen gekennzeichnet. So ist dort das Ungerechtigkeitsempfinden der Managergehälter nach 1991 stark gestiegen und übertraf 1996 sogar das Niveau des Gerechtigkeitsindex in Deutschland. Für das Jahr 1991 zeigt sich also, dass die Entlohnungsungerechtigkeit in Bezug auf die Managergehälter in Deutschland zumindest im Vergleich zu den drei westlichen Ländern am stärksten ausgeprägt war.
Folgen von Entlohnungs-
ungerechtigkeiten
Was bedeutet es nun, wenn in der Bevölkerung Entlohnungsungerechtigkeiten festgestellt werden? Auch dazu kann man in den Daten der Sondererhebung des SOEP Hinweise auf eine Antwort finden (Tabelle 4). Wichtig ist dabei, dass es bei der Kontrolle soziodemographischer Unterschiede vor allem die empfundene Ungerechtigkeit hinsichtlich des eigenen Einkommens ist, die sich in der politischen Partizipationswilligkeit und der psychischen Gesundheit der aktuell Erwerbstätigen widerspiegelt. Mit zunehmendem Ausmaß an Ungerechtigkeit in Bezug auf das eigene Einkommen tendieren die befragten Erwerbstätigen dazu, bei der Sonntagsfrage ("Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre ...") anzugeben, sie würden sich eher nicht an der Wahl beteiligen. Ebenso sind Hinweise darauf zu finden, dass die Intensität der wahrgenommenen Entlohnungsungerechtigkeiten mit der psychischen Gesundheit der Befragten verbunden ist. Kausalaussagen sind aufgrund einer Momentaufnahme zwar nicht möglich, aber es werden zumindest gesellschaftspolitische Problempotentiale sichtbar.

Diejenigen, die ein hohes Ausmaß an Ungerechtigkeit beim eigenen Einkommen konstatieren, geben zudem an, dass sie in den letzten vier Wochen "wegen seelischer oder emotionaler Probleme" [1] "weniger geschafft haben als sie eigentlich wollten", [2] "ihre Arbeit oder Tätigkeit weniger sorgfältig als sonst gemacht haben" und [3] "in ihren sozialen Kontakten, z. B. mit Freunden, Bekannten oder Verwandten, eingeschränkt waren". Diese Zusammenhänge bleiben auch dann stabil, wenn man für einige Merkmale kontrolliert, die für derartige Phänomene wichtig sind - etwa für das Geschlecht, das Alter, den Bildungsgrad, den Familienstand oder die Höhe des eigenen Einkommens. Die wahrgenommene Ungerechtigkeit hinsichtlich des eigenen Einkommens ist offensichtlich eigenständig mit der politischen Beteiligungsbereitschaft und mit psychischen Belastungen verbunden, die sich wiederum negativ auf die Leistung am Arbeitsplatz und die sozialen Kontakte einer Person auswirken können. [10]

Was die wahrgenommene Entlohnungsgerechtigkeit am oberen und unteren Ende der gesellschaftlichen Einkommenshierarchie anbelangt, so lassen sich zudem Zusammenhänge zwischen der Bewertung der Managergehälter und dem Vertrauen zu großen Wirtschaftsunternehmen nachweisen. Diejenigen, die wenig oder überhaupt kein Vertrauen zu großen Wirtschaftsunternehmen haben, geben auch ein deutlich höheres Ungerechtigkeitsempfinden bei den Managergehältern an.

Fazit Im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger kommt Problemen der Verteilungsgerechtigkeit schon seit längerem - und nicht erst seit der Debatte um die Höhe von Managergehältern - hohe Aufmerksamkeit zu. Dies macht deutlich, dass soziale Gerechtigkeit nicht nur auf den Aspekt der "Chancengerechtigkeit" reduziert werden kann. Wenn es um die Frage der Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft geht, so ist es offenbar nicht nur wichtig, wie der Zugang zu gesellschaftlich begehrten Positionen gestaltet ist, sondern auch, mit welchen Vorteilen diese Positionen am Ende ausgestattet sind. Verengt man soziale Gerechtigkeit allein auf die Dimension der Chancen-
gerechtigkeit, so läuft man Gefahr, das Gerechtigkeitsempfinden breiter Bevölkerungsschichten, das auch die Ebenen der Bedarfs- und Leistungsgerechtigkeit einschließt, zu verletzen. [11] Gerade darin besteht jedoch ein zentrales Problem, dem vor allem die politischen Entscheidungsträger derzeit in Deutschland gegenüberstehen: Strukturelle Reformmaßnahmen laufen dann Gefahr, nicht realisiert werden zu können, wenn sie den traditionell herausgebildeten Gerechtigkeitsempfindungen der Wählerinnen und Wähler mit großer Mehrheit widersprechen. [12]

Was die gegenwärtige Debatte um die Höhe von Managergehältern anbelangt, so verweist die Empirie darauf, dass dies aus Sicht der Bevölkerung im Vergleich zur empfundenen Ungerechtigkeit mit dem eigenen Einkommens einen geringeren Stellenwert hat, sowohl in Hinblick auf das persönliche Wohlergehen als auch auf das individuelle politische Verhalten. Für die Einstellung zum Wirtschaftssystem kann die wahrgenommene Entlohnungs-
ungerechtigkeit bei den Managergehältern allerdings wichtig sein. Dies gilt beispielsweise in Bezug auf den Verlust an Vertrauen gegenüber großen Wirtschaftsunternehmen. [13] Aus den statistischen Befunden kann man nicht unmittelbar schließen, wie dieses Vertrauen zurückgewonnen werden kann. Vieles spricht dafür, dass es notwendig ist, für mehr Information und Transparenz in diesem Bereich zu sorgen. Denn aus Studien der empirischen Gerechtigkeitsforschung ist belegt, dass ein hohes Maß an Transparenz, umfassende Informationen und leicht erkennbare Entscheidungsprozesse die Akzeptanz für ansonsten als ungerecht wahrgenommene Verteilungsergebnisse steigern können. [14] Die gegenwärtige Diskussion um eine - notfalls gesetzlich verfügte - individuelle Offenlegung von Managergehältern [15] dürfte die Einstellung zum Wirtschaftssystem also insgesamt verbessern.

[1] Theoretische Modelle, etwa die "Grenzproduktivitätstheorie", können zwar als Referenzmaßstab für die Einschätzung von "Gerechtigkeit" dienen. Aber ob solche Modelle von der Bevölkerung akzeptiert werden, ist offen. Darüber hinaus treffen die notwendigen Annahmen theoretischer Modelle, z. B. die Annahme vollkommener Konkurrenz, in der Realität nicht unbedingt zu.

[2] Die Feldarbeit des Pretests "Persönlichkeit und Politik" lag in den Händen von TNS Infratest Sozialforschung; die Durchführung von 772 Interviews erfolgte in der Zeit vom 15. April bis 18. Mai 2004 bei Personen ab 16 Jahren in Privathaushalten. Im Jahre 2005 werden die im Folgenden analysierten Indikatoren auch in der Haupterhebung des SOEP erfragt.

[3] Das SOEP ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung privater Haushalte, die jährlich bundesweit durchgeführt wird. Vgl. Jürgen Schupp und Gert G. Wagner: Maintenance of and Innovation in Long-Term Panel Studies. The Case of the German Socio-Economic Panel (GSOEP). In: Allgemeines Statistisches Archiv, Jg. 86, 2002, S. 163-175. Für nähere aktuelle Informationen siehe www.diw.de/soep.

[4] Die entsprechende Formel des Gerechtigkeitsindex lautet:
J = ln (A/C). Vgl. Guillermina Jasso: On the Justice of Earnings. A New Specification of the Justice Evaluation Function. In: American Journal of Sociology, Vol. 83, 1978, S. 1398-1419.

[5] Genauso wenig finden sich Unterschiede zwischen Erwerbstätigen und Nichterwerbstätigen (Rentnern oder Arbeitslosen), Männern oder Frauen, jungen oder alten Menschen (in Tabelle 2 nicht ausgewiesen).

[6] Vgl.: Ostdeutschland: Strukturelle Niedriglohnregion? Bearb.: Bernd Görzig, Martin Gornig und Axel Werwatz. In:
Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 44/2004.

[7] Die deutsche Arbeitsgruppe des International Social Justice Project (ISJP) wird seit 1991 von Bernd Wegener am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin geleitet. Vgl. James R. Kluegel, David S. Mason und Bernd Wegener (Hrsg.): Social Justice and Political Change. Berlin/New York 1995.

[8] Dies schließt nicht aus, dass in einzelnen börsennotierten Unternehmen in den letzten zehn Jahren geradezu eine Explosion der Vorstandsbezüge im Vergleich zum Durchschnittsentgelt der Arbeitnehmer stattfand. Vgl. Hans-Hagen Härtel: Fundamentaler Wandel der Maßstäbe. In: Wirtschaftsdienst, Jg. 84, Heft 6, 2004, S. 347-350.

[9] Der Mittelwertunterschied zwischen beiden Gruppen ist signifikant auf dem 5 %-Niveau. Genauere Analysen zeigen, dass der Mittelwertunterschied bei den ungerecht Entlohnten vor allem auf die Arbeiter im Osten zurückzuführen ist. Für Angestellte und Beamte im Osten ist die Kluft zwischen aktuellem und gerechtem Einkommen im Mittel nicht größer als im Westen.

[10] Damit werden einige früher vorgelegte Studien aus der politischen Partizipationsforschung bestätigt; vgl. z. B. Holger Lengfeld, Alfredo Märker und Stefan Liebig: Politisches Engagement, Protest und die Bedeutung sozialer Ungerechtigkeit. In: Stefan Liebig und Holger Lengfeld (Hrsg.): Interdisziplinäre Soziale Gerechtigkeitsforschung. Frankfurt a. M. 2002, S. 243-264. Dies gilt auch für Befunde der Medizinsoziologie; vgl. etwa Johannes Siegrist: Distributive Gerechtigkeit und Gesundheit: Eine medizinsoziologische Perspektive. In: Ethik in der Medizin, Bd. 13, 2001, S. 33-44.

[11] Auch durch zahlreiche Studien der experimentellen Ökonomie ist mittlerweile belegt, dass Verteilungsgerechtigkeit einen wichtigen Bestandteil menschlichen Nutzens darstellt. Vgl. Ernst Fehr und Klaus M. Schmidt: Theories of Fairness and Reciprocity - Evidence and Economic Applications. In: Mathias Dewatripont, Lars Hansen und Stephen Turnovsky (Hrsg.): Advances in Economics and Econometrics. Eighth World Congress of the Econometric Society, Vol. 1. Cambridge 2003, S. 208-257; außerdem Ernst Fehr und Urs Fischbacher: The Nature of Human Altruism. In: Nature, Vol. 425, 2003, S. 785-791.

[12] Insbesondere zwischen den Ebenen der Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit besteht ein Zielkonflikt. Vgl. hierzu Irene Becker und Richard Hauser: Soziale Gerechtigkeit - eine Standortbestimmung. Berlin 2004.

[13] Nur etwa ein Fünftel der Bevölkerung hat Vertrauen zu großen Wirtschaftsunternehmen. Vgl.: Vertrauen in Deutschland: Großes Misstrauen gegenüber Institutionen. Bearb.: Jürgen Schupp und Gert G. Wagner. In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 21/2004.

[14] Vgl. etwa Roderick M. Kramer und Tom R. Tyler (Hrsg.): Trust in Organizations: Frontiers of Theory and Research. New York 1996; E. Allan Lind und Tom R. Tyler: The Social Psychology of Procedural Justice. New York 1988.

[15] Vgl. hierzu auch die Beschlüsse zur Fortentwicklung des Deutschen Corporate Governance Kodex und die Absichten einer gesetzlichen Regelung. Brigitte Zypries: Transparenz bei der Managervergütung - Ist die Akzeptanz des Corporate-Governance-Kodex in Gefahr? In: Ifo-Schnelldienst, Jg. 57, Heft 19, 2004, S. 3-4.

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