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Wochenbericht des DIW Berlin 21/04

Vertrauen in Deutschland: Großes Misstrauen gegenüber Institutionen

Bearbeiter Jürgen Schupp
Gert G. Wagner
Die letzte "Berliner Rede" in der Amtszeit von Bundespräsident Johannes Rau stand unter dem Motto "Vertrauen in Deutschland - eine Ermutigung". Darin rief das Staatsoberhaupt alle gesellschaftlichen Schichten auf, mit mehr Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft zu blicken.

Eine Sondererhebung des vom DIW Berlin in Zusammenarbeit mit Infratest Sozialforschung durchgeführten Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) lässt erkennen, dass es in Deutschland durchaus Anzeichen für eine Vertrauenskrise gibt. So ist das Vertrauen in die Politik (Bundestag) weitgehend verloren gegangen, und auch den großen Wirtschaftsunternehmen und den Gewerkschaften wird nur noch wenig Vertrauen entgegengebracht. Dieses Bild ist umso bedenklicher, als der private Bereich nach wie vor völlig intakt ist: Der Familie sowie Freunden wird zu mehr als 90 % vertraut. Auch zu Nachbarn und Arbeitskollegen haben rund zwei Drittel großes Vertrauen.

Vertrauen ermöglicht es Menschen in einer komplexer werdenden Umwelt, gesellschaftliche und wirtschaftliche Interaktionen mittels vereinfachender Annahmen ohne große Transaktionskosten abzuwickeln. Beispielsweise muss man auf ein funktionierendes Rechtswesen vertrauen, um auf dynamischen Märkten Geschäfte machen zu können. Von Vertrauen - in Abgrenzung zu Zuversicht - spricht man allgemein nur dann, wenn eine mit Risiko behaftete vertrauensvolle Erwartung bei einer Entscheidung den Ausschlag gibt und auf diese Weise aktiv eine Vorleistung erbracht wird. [1]

Vertrauen schafft, wie der Bundespräsident ausführte, in der Tat "das Klima für wirtschaftlichen Erfolg, für wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt, für technische Innovation". [2] Dabei steht der Bundespräsident auf einer soliden wissenschaftlichen Basis. Da aber Vertrauen eine riskante individuelle Vorleistung darstellt, lässt es sich nicht verordnen, sondern muss individuell wachsen. Der Appell des Bundespräsidenten kann deshalb nicht unmittelbar Wirkung zeigen.

Zur Messung von Vertrauen In der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung stand bei der Messung von Vertrauen bislang die Ermittlung des Grades an Vertrauen in Institutionen im Vordergrund. Diese aus der Politikwissenschaft stammende Operationalisierung der empirischen Vertrauensforschung hat eine gewisse Tradition. [3] Die entsprechenden Untersuchungen widmeten sich der Frage, wie weit die Bürger in demokratischen Gesellschaften den politischen Institutionen Vertrauen entgegenbringen.

Dieser Forschungszweig erlebte insbesondere im Zuge der Demokratisierung postkommunistischer Staaten starken Auftrieb. Hier galt es, die kulturellen Voraussetzungen für demokratische Institutionen zu untersuchen. [4] Auch im Rahmen der europäischen Integration sowie im Zuge der EU-Osterweiterung liefert ein EU-Eurobarometer als kontinuierliches Monitoring einen umfragegestützten Gradmesser des Vertrauens in Institutionen. Das Barometer lässt auch erkennen, inwieweit sich die Bevölkerung in den neuen Mitgliedstaaten im Vertrauen in die politischen Institutionen den alten Mitgliedstaaten angenähert hat. [5]

Eine Operationalisierung der Messung von Vertrauen erfolgt üblicherweise, indem der Grad an Vertrauen in bestimmte Institutionen anhand von dichotomen oder ordinalen Skalen abgefragt wird. Dabei verlässt man sich meist auf verallgemeinernde und nicht fest umrissene Vorstellungen von Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit in einzelne konkrete Institutionen (Behörden, Parlamente etc.).

Gemäß einem stärker sozial-psychologisch ausgerichteten Ansatz erscheint es zweckmäßig, auch das Vertrauen im privaten Bereich zu untersuchen und ein Maß der kooperativen Beziehungen der Bürger untereinander (Sozialkapital) zu ermitteln. [6]

Im Rahmen einer Sondererhebung des vom DIW Berlin seit langem durchgeführten Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) wurden im Sommer 2003 etwa 850 Persoenen im Alter von mindestens 16 Jahren sowohl zu ihrem Vertrauen in Institutionen als auch im privaten Bereich befragt. [7] Die Frage lautete: "In der folgenden Frage geht es darum, zu welchen Personen, Gruppen oder Institutionen Sie mehr oder weniger Vertrauen haben. Wie viel Vertrauen haben Sie?" Es folgten fünf einzelne Indikatoren für den privaten Bereich sowie zehn institutionelle Indikatoren. Die Antworten sollten auf einer vierstufigen Skala von "sehr viel" Vertrauen bis "überhaupt kein" Vertrauen eingetragen werden.

Uneingeschränktes Vertrauen findet sich allein in der Familie Nicht überraschend ist, dass 86 % der Deutschen ihrer eigenen Familie "sehr viel" vertrauen, während Freunden lediglich in knapp
50 % in gleichem Maße vertraut wird. Immerhin wird zusammengenommen zu 93 % Freunden "ziemlich viel" und "sehr viel" Vertrauen geschenkt (Tabelle 1). Nahezu drei Viertel aller Deutschen vertrauen auch ihren Nachbarn entsprechend. Dabei ist das Vertrauen zu Nachbarn in Westdeutschland mit 72 % häufiger vorhanden als in Ostdeutschland (61 %).

Fremden, denen das erste Mal begegnet wird, bringen die Bürger in Deutschland erwartungsgemäß nur in geringem Maß Vertrauen entgegen. Lediglich jeder achte Erwachsene hat hier Vertrauen; ein Viertel hat dagegen geäußert, überhaupt kein Vertrauen aufzubringen.

Nicht alle Institutionen sind in einer Vertrauenskrise Erschreckend ist das äußerst geringe Vertrauen gleichermaßen in Gewerkschaften und Unternehmen. Nur etwa ein Fünftel schenkt diesen beiden Säulen der (Arbeits-)Gesellschaft hohes Vertrauen, wobei in Ostdeutschland die Unternehmen noch schlechter wegkommen als in Westdeutschland, während die Gewerkschaften in Westdeutschland ein größeres Vertrauensproblem haben als in Ostdeutschland.

Gering ist das Vertrauen mit etwa 20 % auch in den Bundestag, wobei in Ostdeutschland das Vertrauen in diese demokratische Institution stärker erschüttert ist als in Westdeutschland. Selbst das häufig - gerade von Politikern - öffentlich kritisierte "Zeitungswesen" schneidet mit 27 % in ganz Deutschland noch besser ab als die Politik. Den Kirchen wird mit über 35 % allerdings noch deutlich mehr Vertrauen geschenkt (in Westdeutschland 38 %).

Einigen im Alltag wichtigen öffentlichen Bereichen wird dagegen vergleichsweise viel Vertrauen entgegengebracht. Etwa die Hälfte der Befragten schenkt Schulen und dem Bildungswesen sowie den Gerichten viel Vertrauen, wobei freilich in Ostdeutschland das Vertrauen in Gerichte um mehr als 10 Prozentpunkte niedriger liegt.

Der Polizei vertrauen sogar etwas über 70 %. In diesem Bereich sind auch die Anteile derer, die überhaupt kein Vertrauen aufbringen, gering: Nur jeder Zwanzigste vertraut der Polizei ganz und gar nicht; jedoch ist bei Jüngeren das Vertrauen in die Polizei geringer als bei Älteren.

Wer ist besonders misstrauisch? Während das Vertrauen in die eigene Familie und zu Freunden erwartungsgemäß in den verschiedenen Teilgruppen der Gesellschaft in Deutschland nahezu gleich hoch ist, kann man bezüglich des Vertrauens in Institutionen teilweise große Unterschiede feststellen (Tabelle 2).

Besonders misstrauisch gegenüber Institutionen sind Selbständige: Ihr Vertrauen in die Polizei sowie in Schulen und das Bildungswesen ist unterdurchschnittlich, und nur etwa jeder Zehnte vertraut dem Bundestag und - allerdings wenig überraschend - den Gewerkschaften. Überdurchschnittlich ist hingegen das Vertrauen der Selbständigen in Fremde, denen sie erstmals begegnen. Solches Vertrauen ist für viele Geschäfte auf Märkten mit neuen Kunden notwendig.

Die mittleren Jahrgänge (35- bis 65-Jährige) - also die Erwerbsbevölkerung - liegen im privaten Bereich im Durchschnitt der Bevölkerung, aber ihr Vertrauen in Institutionen ist durchweg unterdurchschnittlich ausgeprägt. Allerdings ist die Vertrauenslücke im Vergleich zu den jüngeren und älteren Befragten auch nicht sehr groß. Bei allen ist das Vertrauensniveau niedrig. Am meisten Vertrauen in die Institutionen haben ältere Leute.

Jüngere schenken zwar Nachbarn merklich unterdurchschnittlich Vertrauen, ihr Vertrauen in die Institutionen weicht aber nicht weit vom Durchschnitt der Bevölkerung nach unten ab. Der Europäischen Union vertrauen mit fast einem Drittel der jungen Menschen sogar mehr als der Durchschnitt (25 %).

[1] Vgl. hierzu die bislang umfassendste Analyse zum Vertrauensbegriff in Niklas Luhmann: Vertrauen - Ein Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart 1989.

[2] Johannes Rau: Vertrauen in Deutschland - eine Ermutigung. Berlin 2004.

[3] Vgl. Oscar W. Gabriel: Political Efficacy and Trust. In: Jan W. van Deth und Elinor Scarbrough (Hrsg.): The Impact of Values. Oxford 1995, S. 357-389.

[4] Vgl. Piotr Sztompka: Vertrauen. Die fehlende Ressource in der postkommunistischen Gesellschaft. In: Birgitta Nedelmann (Hrsg.): Politische Institutionen im Wandel. Opladen 1995, S. 254-276.

[5] Europäische Kommission: Eurobarometer der Kandidatenländer 2001. Brüssel 2002 .

[6] Seit Mitte der 70er Jahre werden in den USA im General Social Survey (GSS) Fragen zu privatem Vertrauen erhoben. Zu Ergebnissen vgl. Robert D. Putnam: Bowling Alone. New York 2000, S. 134 ff.

[7] Der Vergleich mit einem Pre-Test im Jahre 2002 zeigt eine erstaunlich hohe zeitliche Stabilität der Angaben, die offenbar von Tagesereignissen nur wenig beeinflusst werden. Neben solchen direkten Fragen zu Vertrauen gibt es in der empirischen Wirtschaftsforschung auch einen experimentellen Ansatz, den Grad von Vertrauen zu messen. Im SOEP wird es künftig die Möglichkeit geben, beide Ansätze miteinander zu verbinden. Vgl. Ernst Fehr, Urs Fischbacher, Bernhard v. Rosenbladt, Jürgen Schupp und Gert G. Wagner: A Nation-Wide Laboratory - Examining Trust and Trustworthiness by Integrating Behavioral Experiments into Representative Surveys. In: Schmollers Jahrbuch, 122/2002, Nr. 4, S. 519-542.

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Tabelle 1

Vertrauen (1) in Personen und Institutionen in Deutschland
Anteile in % (2)

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Wieviel Vertrauen         Sehr viel  Ziemlich viel   Wenig    Überhaupt kein
haben Sie...              Vertrauen    Vertrauen   Vertrauen    Vertrauen

... zur eigenen Familie      86           11           2            0
... zu Nachbarn              21           49          26            3
... zu Freunden              46           47           6            1
... zu Arbeitskollegen (3)   11           58          29            3
... zu Fremden, denen Sie
    erstmals begegnen         1           11          61           27
... zu den Kirchen           10           26          38           27
... zu den Schulen und
    dem Bildungswesen         6           43          42            9
... zum Zeitungswesen         2           25          54           19
... zur Polizei              17           54          22            7
... zum Bundestag             2           18          50           31
... zu den Behörden           3           33          47           17
... zur Europäischen Union    3           22          53           23
... zu den Gerichten          7           41          40           12
... zu den Gewerkschaften     1           19          50           30
... zu großen
    Wirtschaftsunternehmen    1           17          55           27

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(1) Frage: "In der folgenden Frage geht es darum, zu welchen Personen,
Gruppen oder Institutionen Sie mehr oder weniger Vertrauen haben."
(2) Gewichtete Analysen auf der Basis von 846 Fällen.
(3) Nur Erwerbstätige (369 Fälle).

Quellen: SOEP, Pretest 2003; Berechnungen des DIW Berlin.

DIW Berlin 2004

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Tabelle 2

Vertrauende (1) nach sozio-demographischen Merkmalen
Anteile in %

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                                                West-      Ost-     Nicht
Wieviel Vertrauen      Insge-  Männer  Frauen  deutsch-  deutsch-  erwerbs-
haben Sie ...           samt                    land       land     tätig

... zur eigenen Familie  97      98      97      98         96       97
... zu Nachbarn          70      72      69      72         61       71
... zu Freunden          93      92      94      93         95       94
... zu Arbeitskollegen   69      68      70      71         56        -
... zu Fremden, denen
    Sie erstmals
    begegnen             12      10      14      12         13       11
... zu den Kirchen       35      29      42      38         24       41
... zu den Schulen und
    dem Bildungswesen    49      48      50      53         30       52
... zum Zeitungswesen    27      26      29      30         18       29
... zur Polizei          71      68      74      76         51       73
... zum Bundestag        20      20      20      21         13       21
... zu den Behörden      36      36      37      40         19       38
... zur Europäischen
    Union                25      26      23      25         22       27
... zu den Gerichten     48      50      46      50         38       48
... zu den Gewerk-
    schaften             20      21      19      19         27       21
... zu großen Wirt-
    schaftsunternehmen   17      17      18      18         15       20

Insgesamt (Fallzahl)    846     368     478     668        178      477

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                          Abhängig   Selb-   16 bis 35  35 bis 65  65 Jahre
Wieviel Vertrauen         erwerbs-  ständig    Jahre      Jahre      und
haben Sie ...              tätig                                    älter

... zur eigenen Familie     99        93         96         97       98
... zu Nachbarn             68        74         57         75       77
... zu Freunden             93        94         92         94       94
... zu Arbeitskollegen      70        66         65         70        -
... zu Fremden, denen
    Sie erstmals
    begegnen                11        17         13         10       13
... zu den Kirchen          30        23         31         31       53
... zu den Schulen und
    dem Bildungswesen       49        33         47         49       51
... zum Zeitungswesen       26        21         33         24       29
... zur Polizei             72        60         66         70       82
... zum Bundestag           19        10         19         16       29
... zu den Behörden         35        32         33         33       50
... zur Europäischen
    Union                   23        19         32         19       28
... zu den Gerichten        51        34         56         43       50
... zu den Gewerk-
    schaften                21        12         24         17       22
... zu großen Wirt-
    schaftsunternehmen      13        19         19         15       22

Insgesamt (Fallzahl)       303        66        208        426      212

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(1) Auf die Frage: "In der folgenden Frage geht es darum, zu welchen Personen,
Gruppen oder Institutionen Sie mehr oder weniger Vertrauen haben", haben
sehr viel oder ziemlich viel Vertrauen.

Quellen: SOEP, Pretest 2003; Berechnungen des DIW Berlin.

DIW Berlin 2004

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