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Wochenbericht des DIW Berlin 31/00

Russland: Demographische Probleme belasten Wirtschaft

Bearbeiter Maria Lodahl
In seiner ersten Rede zur Lage der Nation bezeichnete Präsident Putin vor kurzem die demographische Situation seines Landes als "alarmierend", das "Überleben der Nation" sei in Gefahr. Nun ist in den meisten Industriestaaten der Saldo der natürlichen Bevölkerungsentwicklung negativ, d. h. die Sterbefälle übersteigen die Geburten. In Russland setzte diese Entwicklung zwar relativ spät ein - mit dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft -, dafür aber sofort mit rasantem Tempo. Von 1992 bis zum Jahresanfang 2000 schrumpfte die Bevölkerung Russlands um knapp 3 Mill. auf 146 Mill.; ohne Migrationsgewinne wäre der Rückgang sogar doppelt so stark gewesen. Bis zum Jahre 2016 wird von russischen Demographen ein Bevölkerungsrückgang auf eine Größenordnung von 125 Mill. erwartet. [1] Es wird sogar schon ein Rückgang auf unter 100 Mill. als bedrohliches Szenario diskutiert, mit dem das Selbstverständnis Russlands als Großmacht infrage gestellt würde.

Die ohnehin niedrige Lebenserwartung sank weiter; sie betrug 1999 für Männer lediglich 59,6 Jahre und für Frauen 71,3 Jahre. Mit der verringerten Geburtenrate ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen bis zu 15 Jahren an der Gesamtbevölkerung in nur zehn Jahren von einem Viertel auf ein Fünftel zurückgegangen. Die Bevölkerungsanteile sowohl von Personen im arbeitsfähigen Alter als auch von Senioren [2] wachsen dagegen.

Sollte sich die jüngste wirtschaftliche Erholung [3] fortsetzen, dürfte die Lebenserwartung wieder zunehmen, da die Sterberate nicht nur vom Altersaufbau der Bevölkerung, sondern auch vom Lebensstandard abhängt. In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts wird sich die Alterung der Gesellschaft rasch fortsetzen; bis 2016 dürfte der Seniorenanteil an der Bevölkerung auf 25 % steigen. Wegen seiner wirtschaftlichen Folgen wird dieser demographische Umbruch in Zukunft noch mehr in den Mittelpunkt der russischen Politik rücken. Bereits jetzt wird - im Rahmen der Debatte über eine grundlegende Rentenreform - in Anbetracht der Schwierigkeiten bei der Rentenfinanzierung [4] auch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit erwogen.

Sinkende Geburtenraten Die Zahl der Lebendgeborenen hängt einerseits von der Zahl und der Altersstruktur der Frauen im gebärfähigen Alter (15 bis unter 50 Jahre) und andererseits vom generativen Verhalten dieser Frauen ab. In Russland nahm von Mitte der 60er Jahre an - vor dem Hintergrund von Industrialisierung, Urbanisierung und einer hohen Frauenbeschäftigung - die Geburtenhäufigkeit stetig ab. Die einfache Reproduktion der Bevölkerung war damit nicht mehr gesichert, d. h. die Elterngeneration wurde nicht voll ersetzt. Geburtenfördernde Maßnahmen hatten zwar in den 80er Jahren die Fertilität erhöht, den rückläufigen Trend aber nicht dauerhaft umkehren können; die Geburten wurden nur zeitlich vorgezogen. Ende des Jahrzehnts war damit das Kontingent potentieller Elternschaften so gut wie erschöpft. Die Ergebnisse des Mikrozensus von 1994 zeigen das veränderte generative Verhalten: Von kinderlosen Frauen im gebärfähigen Alter wünschten ein Viertel keine Kinder, 41 % ein Kind, weniger als ein Drittel zwei Kinder und nur 3 % drei und mehr Kinder.5 Mit der anhaltenden wirtschaftlichen und politischen Krise in den 90er Jahren kam es zu einer beschleunigten Abnahme der Geburtenrate. In dieser Zeit ging sie um gut ein Drittel zurück (Tabelle 1), obwohl von 1994 bis 1998 die Zahl der Frauen mit der höchsten Fertilität - im Alter von 18 bis 24 Jahren - um 1,1 Mill. zunahm. [6] Im vergangenen Jahr, wohl als Folge der Finanzkrise vom August 1998, sank die zusammengefasste Geburtenziffer [7] der Frauen in Russland auf 1 170, einen auch international bemerkenswerten Tiefpunkt (Tabelle 2). Um eine Generation zu ersetzen, wäre eine Geburtenziffer von 2 150 erforderlich. [8] Das den Bestand sichernde Niveau wurde damit nur gut zur Hälfte erreicht.

Allgemein weisen nichtslawische Ethnien eine höhere Geburtenziffer auf. Gleichwohl kamen 1999 von den 89 russischen Regionen nur Dagestan und Inguschetien auf den Bestand erhaltende Geburtenziffern. Einige traditionelle Verhaltensweisen blieben auch in den Zeiten des Umbruchs erhalten: So sind in Russland im Unterschied zu Westeuropa die Erstgebärenden mit durchschnittlich 23 Jahren relativ jung. Die Geburtenhäufigkeit ist sowohl in den Städten als auch auf dem Lande bei den 20- bis 25-Jährigen am höchsten. Mit dem 30. Lebensjahr ist die Fertilitätsphase bei 80 % der Frauen beendet.

Zunehmend setzt sich in Russland die Ein-Kind-Familie durch. Von 1991 bis 1998 sind die Zweitgeburten um fast die Hälfte zurückgegangen. Der Anteil der unehelich Geborenen hat sich im letzten Jahrzehnt verdoppelt (1998: 27 %) und entspricht damit dem westeuropäischen Durchschnitt. Die meisten unehelichen Kinder - knapp drei Fünftel - werden in der Altersgruppe der bis 18-jährigen Frauen geboren. Im Zuge der Transformation verbreiteten sich zwar eheähnliche Lebensgemeinschaften, doch mit 5,8 Eheschließungen je 1 000 Einwohner ist die Heiratsneigung in Russland immer noch höher als in Deutschland. Die Scheidungsrate ist seit 1992 um ein Fünftel gesunken; sie liegt derzeit bei 3,4 Scheidungen je 1 000 Einwohner.

Zu den russischen Besonderheiten zählt, dass Abtreibung bis heute die häufigste Methode der Geburtenkontrolle geblieben ist. Die offiziell registrierten Abtreibungen sind zwar seit 1990 um gut 40 % auf 2,3 Mill. zurückgegangen, doch immer noch fast doppelt so hoch wie die Geburten [9] (Abbildung 1). Etwa jeder zehnte Abbruch betrifft Frauen unter 19 Jahren. Sexualaufklärung und die Nutzung moderner Verhütungsmethoden verbessern sich erst allmählich.

Niedrige Lebenserwartung Die Lebenserwartung bei der Geburt zählt zu den Grundkennziffern der Gesundheit einer Gesellschaft. In R (itte der 60e (ation der Lebenserwartung zu beobachten, der Abstand zu Westeuropa vergrößerte sich. Verhaltens- und umweltbedingte Faktoren sowie nachlassende Gesundheitsfürsorge werden als Ursache angesehen. Die strikten Maßnahmen zur Bekämpfung des Alkoholismus der Regierung Gorbatschow in den 80er Jahren wirkten bestenfalls vorübergehend. Die wirtschaftliche Talfahrt in den 90er Jahren drückte den Lebensstandard weiter. Materielle Not, Arbeitslosigkeit und der damit verbundene Verlust an Status und Orientierung wirkten in Teilen der Bevölkerung auch schädlich auf die Gesundheit (Abbildung 2). Der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung ("Schocktherapie" 1992 sowie Finanzkrise 1998) folgte schnell eine erhöhte Mortalität (Tabelle 1). Die Lebenserwartung erreichte 1994 einen Tiefpunkt. Nach kurzer Erholung kam es 1999 zu einem neuerlichen Rückschlag. Auch die Säuglingssterblichkeit stieg wieder; sie ist mehr als dreimal so hoch wie in Deutschland. Die Lebenserwartung sank dabei wieder, bei Männern auf 59,6 Jahre, bei Frauen auf 71,3 Jahre (Abbildung 3). Mit diesen Werten wurde sogar das Niveau von 1965 unterschritten; Männer lebten damals im Durchschnitt fünf Jahre länger, Frauen zwei Jahre.

Die relativ niedrige Lebenserwartung in Russland wird maßgeblich von der hohen Sterblichkeit der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, insbesondere der Männer, geprägt. Die Sterbewahrscheinlichkeit der Männer ist viermal so hoch wie die der Frauen (Tabelle 3). 1998 waren 42 % der gestorbenen Männer im arbeitsfähigen Alter; von den Frauen dieser Altersgruppe fanden nur 10 % den Tod. Auch hier ist der zeitliche Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Umbrüchen Anfang der 90er Jahre unverkennbar.

Ähnlich wie in den Industrieländern sind auch in Russland in der Todesursachenstatistik Krankheiten des Kreislaufsystems - mit mehr als der Hälfte der Todesfälle (1999: 55 %) - an vorderster Stelle zu finden (Abbildung 4). Allerdings sterben russische Männer im arbeitsfähigen Alter in großer Zahl (gut 40 %) eines unnatürlichen Todes. Hierzu zählen Unfälle und Gewaltanwendungen sowie Alkoholmissbrauch. 1998 verübten 78 von 100 000 Männern dieses Alters Selbstmord, auf dem Lande sogar 112. Die Zunahme von infektiösen Krankheiten deutet auf einen Rückgang des Lebensstandards und auf eine ungünstige soziale Lage hin. Epidemische Verbreitung fanden vor allem Geschlechtskrankheiten; insbesondere bei Syphilis war von 1990 bis 1998 eine exorbitante Zunahme - von 5 auf 235 Fälle je 100 000 Einwohner - zu verzeichnen. Tuberkulose ist in armen Bevölkerungsschichten und unter Gefängnisinsassen verbreitet. Die Neuerkrankungen an Tuberkulose haben sich seit 1990 mehr als verdoppelt, auf zuletzt 76 Fälle je 100 000 Einwohner.[10] Hohe Zuwachsraten weisen HIV-Infektionen auf. Das Gesundheitsministerium meldete 30 000 Fälle; von den betroffenen Personen soll sich die Hälfte erst im Jahr zuvor angesteckt haben. [11] Nach Schätzungen soll dabei jedoch nur jeder Zehnte erfasst sein.

In Russland unterbleibt aus finanziellen Gründen oft eine rechtzeitige ärztliche Behandlung. Laut Verfassung soll sie zwar in staatlichen und örtlichen Einrichtungen kostenlos erhältlich sein. Tatsächlich konnte das Gesundheitssystem diesen Anspruch jedoch schon zu Zeiten der Planwirtschaft nicht einlösen. Im Jahre 1991 wurde eine Pflichtversicherung eingeführt, die Finanzierungsprobleme blieben aber ungelöst. [1]2 Die Versorgung mit Medikamenten ist unzulänglich; zudem müssen sie die Kranken häufig auf eigene Kosten erwerben. Dabei ist oft nur teure Importware verfügbar. Die Möglichkeit, eine private Krankenversicherung abzuschließen, nutzen vorerst nur wenige Bürger; sie kostet je nach Leistung zwischen 200 und 500 US-$ im Jahr. [13] Im Wirtschaftsprogramm der neuen Regierung ist ein Umbau des Sozialsystems vorgesehen. Staatliche Unterstützung soll danach künftig nur noch den Bedürftigen zuteil werden. Eine kostenlose Gesundheitsfürsorge wird auf ein Minimum begrenzt. [14]

Nachlassende Migration Die Migrationsbewegungen wurden zu sowjetischen Zeiten unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Entwicklungsziele zentral gesteuert. Über lange Zeit zogen Fachleute oder auch einfach begeisterte junge Menschen aus Russland nach Mittelasien, um diese Gebiete zu industrialisieren. Von Mitte der 70er Jahre an strömten Arbeitskräfte aus den nichtrussischen Gebieten der UdSSR in den russischen Teil, insbesondere in Verbindung mit großen Investitionsvorhaben wie der Erschließung der Regionen Tjumen und Krasnojarsk sowie dem Bau der Eisenbahnverbindung BAM (Bajkal-Amur- Magistrale).

Nach dem Zerfall der Sowjetunion verstärkte sich für einige Jahre die Migration (Abbildung 5). Wanderungen gab es vor allem zwischen Russland auf der einen, der übrigen GUS und den baltischen Ländern auf der anderen Seite. Neben ethnischen Russen, die vor allem aus den nichtslawischen Republiken nach Russland strömten, kamen Angehörige anderer ethnischer Gruppen mit Siedlungsgebieten in Russland (wie Tataren, Baschkiren). Aus Konfliktgebieten mit eigener Staatlichkeit flüchteten aber auch Angehörige der jeweiligen ethnischen Mehrheit wie Armenier, Tadschiken und Grusinier. [15] Seit 1994 gehen die Zuwanderungen aber drastisch zurück. Hier wirkt sich vor allem die verschlechterte Wirtschaftslage in Russland aus. Auch dämpften zwischenstaatliche Abkommen über die Staatsbürgerschaft, die Sozial- und Rentenversicherung sowie entsprechende tolerante Sprachgesetze den Ausreisewillen insbesondere der Russen. In den 90er Jahren sind nur rund 4,6 Mill. Menschen - etwa ein Fünftel der 1989 außerhalb der Russischen Föderation lebenden Russen - zurückgekehrt; im letzten Jahr waren es nur noch 0,2 Mill. [16]

Anders als die Zuwanderungen nahmen die Abwanderungen über den gesamten Zeitraum seit der politischen Wende ab, anfangs sehr stark, seit 1994 immer schwächer. Hier zeigt sich, dass sich das ethnische Auswanderungspotential allmählich erschöpft. Die aus Russland Ausreisenden haben zu mehr als 60 % andere GUS-Länder und das Baltikum zum Ziel. Die Emigration in die übrige Welt stieg mit der Zeit, nachdem 1987 das Gesetz über die Auswanderung in Kraft getreten war. Auch dieser Strom - jährlich zwischen 85 000 und 100 000 Menschen - trägt ethnische Züge. Es sind insbesondere Deutschstämmige und Juden, die das Land in Richtung Deutschland, Israel und die USA verlassen, aber zunehmend auch Russen; 1998 stellten sie knapp ein Drittel der Ausreisenden. [17] Ein schwerwiegendes Problem für Russland ist, dass diese Emigranten in der Regel gut ausgebildete Fachkräfte sind und damit dem Land wertvolles Humankapital verloren geht. Die fachliche Kompetenz der Einreisenden wird dagegen im Durchschnitt geringer eingestuft. [18]

Der Saldo der Wanderungsbewegungen war nach der Wende durchweg positiv; er hat von 1992 bis 1999 den natürlichen Bevölkerungsrückgang in Russland etwa zur Hälfte kompensiert (Tabelle 4). Allerdings schrumpft der Zuwanderungsüberschuss seit 1994.

Die Binnenwanderung verlief in zwei Hauptrichtungen: von Osten und Norden in Richtung Süden und Zentralrussland. Mit der Wirtschaftskrise schwanden die lange gewährten Vorteile eines Lebens in rauen klimatischen Bedingungen wie hohe Löhne, gute Versorgung und Vorzugsrenten. Seit 1992 verlor das Gebiet Ferner Osten 0,8 Mill. Einwohner (10 %), das Gebiet Hoher Norden 0,4 Mill. (6,6 %). In beiden Gebieten bestimmte die Abwanderung maßgeblich den Bevölkerungsrückgang. Die früher politisch forcierte Massenbesiedlung des Ostens und des Nordens muss insofern als Fehlschlag angesehen werden. Die Besiedlung kam nur wenig voran, und die Bevölkerungsdichte blieb gering: Der Ferne Osten hat je qkm nur etwa einen Bewohner; eine Ausnahme bildet die Region Primorskij mit 13 Einwohnern.

Einige russische Stimmen sprechen bereits von einem demographischen Vakuum, das potentiell das Kräfteverhältnis in Ostasien und im Nordpazifik destabilisieren könnte. Davon abgesehen hemmt die demographische Auszehrung die wirtschaftliche Entwicklung. Für eine effektive Gewinnung der reichlich vorhandenen Bodenschätze fehlen Arbeitskräfte. Bereits seit den 80er Jahren sind chinesische Gastarbeiter in der Region tätig. Verträge von 1988 und 1992 sollten der verbreiteten illegalen Einwanderung Einhalt gebieten. [19] Aus demselben Grund wurde Anfang 1994 für die Chinesen die Visumpflicht eingeführt, die später allerdings wieder gelockert wurde. Nach Angaben der russischen Grenzpolizei überschritten in den letzten 18 Monaten über eine Million Chinesen illegal die Grenze. [20] Russland steht nun vor der Herausforderung, für beide Seiten annehmbare Regeln der Migration zu schaffen, um so ein friedliches Zusammenleben in der Region zu ermöglichen.

Veränderungen im Altersaufbau Der drastische Geburtenrückgang hat zu einer merklichen Verschiebung in der Altersstruktur der Bevölkerung beigetragen. Dies zeigt sich bildlich am Einbrechen des "Jugendsockels" in der Bevölkerungspyramide (Abbildung 6).

Noch 1989 betrug der Anteil der unter 15-Jährigen fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung, zehn Jahre später waren es nur noch gut 20 %. Demgegenüber stieg der Anteil von Personen im arbeitsfähigen Alter - mit Unterbrechung in den Krisenjahren 1992 bis 1994 - auf 58,5 %; dies entspricht einer Zunahme um 1,6 Mill. Personen. Der Zuwachs bei den Senioren war mit 2,8 Mill. größer und verlief kontinuierlich; sie hatten zuletzt einen Anteil an der Gesamtbevölkerung von 20,8 %. Im letzten Jahr gab es in Russland erstmals mehr Senioren als Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren (Abbildung 7).

Die Zunahme der Zahl der Personen im arbeitsfähigen Alter wird noch einige Jahre anhalten; erst nach 2006 wird sich der Trend wenden, wenn die schwächer besetzten Jahrgänge aus den 90er Jahren das 15. Lebensjahr erreichen. Die Alterung wird zur gleichen Zeit beschleunigt fortschreiten, weil die relativ starken Jahrgänge der Nachkriegszeit dann das Rentenalter erreichen. Der Seniorenanteil an der Bevölkerung dürfte so bis 2016 auf ein Viertel steigen. Gleichzeitig wird aber von 2009 an die Zahl der 20- bis 29-jährigen Frauen sinken und damit auch die Geburtenzahl. Es entsteht ein Abnahmesog, der erst die Jugendjahrgänge betrifft, dann das Erwerbspersonenpotential und schließlich die Gesamtbevölkerung.

Vor diesem demographischen Hintergrund und in Anbetracht der Finanzierungsprobleme der staatlichen Rentenversicherung wird an einer Reform des Rentensystems gearbeitet. Ziel ist es, die Belastung des Staates aus den laufenden Rentenzahlungen zu mildern, dabei die Renten stärker nach Leistung zu differenzieren, die nichtstaatliche Rentenversicherung zu fördern und das Rentenzugangsalter stufenweise anzuheben. Für eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit spricht, dass bisher Männer mit 60 und Frauen mit 55 Jahren relativ früh Renten beziehen können. Außerdem sind etwa 20 % der rund 29 Mill. Altersrentner zu einer Vorzugsrente berechtigt, die einen noch früheren Rentenbeginn vorsieht. Rentner nutzen oft die Möglichkeit, weiter am Arbeitsleben teilzunehmen und so ein zusätzliches Einkommen zu beziehen, da die Renten im Durchschnitt nur einem Drittel des Lohnes entsprechen. Das neue Rentensystem will den Doppelbezug von Rente und Lohn unterbinden und die Rente als Einkommensersatzleistung aufwerten. [21] Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit setzt allerdings eine Erhöhung der derzeit extrem niedrigen Lebenserwartung voraus, denn bei den gegenwärtigen Sterbeziffern erleben von den heute 16-jährigen Männern nur etwa 60 % das 60. Lebensjahr.

Fazit Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die mit dem wirtschaftlichen Systemwechsel verbunden sind, haben in Russland zu Brüchen auch im generativen Verhalten geführt. Der demographische Wandel wäre unter weniger krisenhaften sozialökonomischen Bedingungen wohl deutlich langsamer verlaufen. Es ist anzunehmen, dass die Geburtenrate auch nach einer wirtschaftlichen Erholung auf einem relativ niedrigen Niveau bleibt, die Lebenserwartung sich jedoch mit steigendem Wohlstand wieder etwas verbessert.

Der Bevölkerungsrückgang und die Alterung werden fortschreiten. Darin sieht Russland neben wirtschaftlichen auch geopolitische Gefahren. Die Herausforderung besteht darin, die bereits gegen Ende dieses Jahrzehnts auftretende demographische Lücke im Arbeitskräftepotential zu kompensieren. Nach einer überschlägigen Rechnung müsste die Arbeitsproduktivität von da an jährlich um mindestens 1,5 % steigen, nur um die aus der Arbeitskräfteentwicklung resultierenden Produktionsausfälle auszugleichen. Ob es gelingen wird, bis dahin die Entwicklung von Humankapital, physischem Kapital und "institutionellem Kapital" so zu beschleunigen, dass ein dauerhaftes Wachstum des Bruttosozialprodukts erreicht wird, ist eine offene Frage.

[1] Vgl. Goskomstat: Predpolozitelnaja cislennost' naselenija Rossijskoj Federacii do 2016 goda, Moskau 1999, S. 7, und Putins Rede zur Lage der Nation vom 8. Juli 2000. Professor Murray Feshbach, Georgetown University, hat schon früh die Gesamtproblematik dargestellt. Wir sind ihm für wertvolle Hinweise zu Dank verpflichtet.

[2] Unter Senioren werden hier Männer im Alter von über 60 und Frauen von über 55 Jahren verstanden.

[3] Vgl. Russlands Wirtschaftspolitik setzt auf Investitionen. Bearb.: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung und Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel. In: Wochenbericht des DIW, Nr.15/2000, S. 197.

[4] Vgl. Altersrenten in Russland: Mehr Versorgung als Versicherung. Bearb.: Maria Lodahl. In: Wochenbericht des DIW, Nr. 46/99, S. 831.

[5] Vgl. Voprosy statistiki, Nr. 4/2000, S. 5.

[6] Vgl. Voprosy statistiki, Nr. 10/1999, S. 34.

[7] Die zusammengefasste Geburtenziffer gibt an, wie viele Kinder 1 000 Frauen im Alter von 15 bis unter 50 Jahren im Laufe ihres Lebens gebären würden, wenn die Verhältnisse des Betrachtungsjahres konstant blieben.

[8] Vgl. Voprosy statistiki, Nr. 10/1999, S. 35.

[9] Offiziell erlaubt und in staatlichen Kliniken kostenlos ist ein Abbruch nur bis zur zwölften Schwangerschaftswoche, private Behandlung ist eher die Regel.

[10] Tuberkulose ist meist heilbar, wenn Medikamente regelmäßig und in verordneter Menge eingenommen werden. Bei Unterbrechung der Therapie entwickeln sich multiresistente Keime, die auf eine Behandlung nicht mehr ansprechen.

[11] Nach Angaben eines Vertreters der Gesundheitsbehörde, vgl. American Press vom 3. März 2000. Nach neuesten Informationen - laut Aussage des Ersten Stellvertretenden Gesundheitsministers - ist die Gesamtzahl der HIV- Träger mittlerweile auf 51 000 gestiegen. Dies ist zwar immer noch eine vergleichsweise geringe Zahl. Das Tempo der Zunahme ist jedoch enorm: Im ersten Halbjahr 2000 lagen die Neuinfektionen bereits über denen des Gesamtjahres 1999. Vgl. Echo Moskvy vom 17. Juli 2000.

[12] Seit 1993 zahlen die Arbeitgeber 3,6 % der Bruttolohnsumme an die Krankenkasse. Die Beiträge decken nur einen Bruchteil der Gesundheitsausgaben. 1996 beliefen sich die Ausgaben des Gesundheitswesens auf 3,6 % des BIP, die Einnahmen des Krankenkassenfonds (Beiträge und Haushaltstransfers) entsprachen aber nur 3,1 % des BIP. Vgl. Voprosy ekonomiki, Nr. 3/1999, S. 90.

[13] Vgl. vwd vom 6. Juli 1999.

[14] Vgl. www.kommersant.ru/Docs/high-priority-task.htm vom 30. Juni 2000.

[15] Zum 1. Januar 2000 hielten sich in Russland rund 1 Mill. Flüchtlinge und Zwangsübersiedler auf. Vgl. Goskomstat: Social'no-ekonomiceskoe polozenie Rossii Janvar' 2000, S. 211.

[16] Vgl. Voprosy statistiki, Nr. 4/2000, S. 7.

[17] Vgl. Voprosy statistiki, Nr. 10/1999, S. 30.

[18] Vgl. Voprosy ekonomiki, Nr 4/2000, S. 33.

[19] Vgl. Voprosy statistiki, Nr. 1/1998, S. 69.

[20] Vgl. Moscow Times, July 1, 2000.

[21] Vgl. Ekonomika i zizn', Nr. 24/2000, S. 4.


                                                                             
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Tabelle 1
                                                                       
Lebendgeborene und Gestorbene                                                   
je 1000 Einwohner                                                               
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              Insgesamt               In Städten             Auf dem Land       
                                                                                
                       Säuglings-            Säuglings-             Säuglings-  
       Geborene Gestorbene sterb-  Geb. Gest.sterblich- Geborene Gest. sterb-   
                      lichkeit (1)              keit (1)          lichkeit (1)  
                                                                                
1985      16,6    11,3    20,7    16,1    10,3    19,8    17,8    14,0    22,8  
1986      17,2    10,4    19,3    16,7     9,6    18,8    18,6    12,5    20,4  
1987      17,2    10,5    19,4    16,6     9,7    18,8    18,6    12,7    21,0  
1988      16,0    10,7    18,9    15,4     9,9    18,2    17,6    13,0    20,4  
1989      14,6    10,7    17,8    14,0    10,0    17,3    16,4    12,7    19,0  
1990      13,4    11,2    17,4    12,7    10,4    17,0    15,5    13,3    18,3  
1991      12,1    11,4    17,8    11,2    10,6    17,2    14,5    13,4    19,1  
1992      10,7    12,2    18,0     9,8    11,5    17,6    13,2    14,1    19,1  
1993       9,4    14,5    19,9     8,6    13,8    19,2    11,5    16,4    21,4  
1994       9,6    15,7    18,6     8,9    15,0    17,9    11,4    17,5    20,1  
1995       9,3    15,0    18,1     8,6    14,4    17,4    10,9    16,5    19,8  
1996       8,9    14,2    17,4     8,3    13,4    16,4    10,4    16,2    19,4  
1997       8,6    13,8    17,2     8,1    12,9    16,1    10,0    16,1    19,6  
1998       8,8    13,6    16,5     8,3    12,9    15,7    10,2    15,6    18,3  
1999       8,4    14,7    16,9      -       -       -       -       -       -   
                                                                                
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(1) Gestorbene im Alter bis zu einem Jahr je 1000 Geborene.                     
Quellen: Goskomstat, Demograficeskij ezegodnik Rossii 1999, Moskau 1999,      
S. 50-52; Social'no-ekonomiceskoe polozenie Rossii janvar' 2000 goda, S. 209; 
Voprosy statistiki, Nr. 4/2000, S. 6.                                           
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------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 2
                                                                       
Geburtenkennziffern                                                             
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
            1985    1986    1987    1988    1989    1990    1991    1992        
                                                                                
Altersklasse                                                                    
von c bis c Jahren       Altersspezifische Geburtenziffer (1)               
                                                                                
15-19       46,9    46,9    48,5    49,6    52,5    55,6    54,9    51,4        
20-24      164,2   165,7   170,6   167,9   163,9   156,8   146,6   134,0        
25-29      113,3   117,5   122,6   114,1   103,1    93,2    83,0    72,7        
30-34       60,0    63,0    67,8    61,8    54,6    48,2    41,6    35,0        
35-39       23,2    24,5    27,8    25,6    22,0    19,4    16,5    13,9        
40-44        3,7     4,3     6,1     5,6     5,0     4,2     3,7     3,2        
45-49        0,3     0,3     0,2     0,2     0,2     0,2     0,2     0,2        
                                                                                
                   Zusammengefasste Geburtenziffer (2)                          
                                                                                
           2 057   2 111   2 194   2 130   2 007   1 887   1 732   1 552        
                                                                                
                                  Nettoreproduktionsrate (3)                    
                                                                                
           0,964   0,995   1,038   1,005   0,953   0,895   0,821   0,735        
                                                                                
                      Unehelich Geborene in % der Geburten insgesamt            
                                                                                
            12,0    12,4    12,7    13,0    13,5    14,6    16,0    17,2        
                                                                                
                   Durchschnittliches Alter der Erstgebärenden                  
                                                                                
            23,2    23,3    23,4    23,3    23,1    22,9    22,8    22,8        
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
              1993    1994    1995    1996    1997    1998    1999              
                                                                                
Altersklasse                                                                    
von c bis c Jahren       Altersspezifische Geburtenziffer (1)               
                                                                                
15-19         47,9    49,9    45,6    39,7    36,2    34,0      -               
20-24        120,4   120,3   113,5   106,4    99,0    99,0      -               
25-29         65,0    67,2    67,2    66,5    66,2    68,0      -               
30-34         29,6    29,6    29,7    30,3    31,5    33,4      -               
35-39         11,4    10,6    10,7    10,8    10,8    11,5      -               
40-44          2,6     2,3     2,2     2,3     2,2     2,3      -               
45-49          0,2     0,1     0,1     0,1     0,1     0,1      -               
                                                                                
                Zusammengefasste Geburtenziffer (2)                             
                                                                                
             1 385   1 400   1 344   1 281   1 230   1 242   1 170              
                                                                                
                                Nettoreproduktionsrate (3)                      
                                                                                
             0,651   0,659   0,633   0,603   0,579   0,585      -               
                                                                                
              Unehelich Geborene in % der Geburten insgesamt                    
                                                                                
              18,2    19,6    21,1    23,0    25,3    27,0      -               
                                                                                
                Durchschnittliches Alter der Erstgebärenden                     
                                                                                
              22,6    22,5    22,6    22,8    22,9    23,0      -               
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Anzahl der Lebendgeborenen der Mütter eines bestimmten Alters je 1 000      
Frauen gleichen Alters.                                                         
(2) Summe der altersspezifischen Geburtenziffern; ergibt die Zahl der Kinder,   
die 1 000 Frauen im Laufe ihres Lebens gebären unter der Annahme, dass die      
Geburtenhäufigkeit des Stichjahres sich im Laufe der fertilen Phase der Frauen  
nicht ändert. Um eine Generation ersetzen zu können, ist eine Geburtenziffer    
von 2 150 erforderlich.                                                         
(3) Die Nettoreproduktionsrate zeigt an, ob die Zahl der geborenen Mädchen      
ausreicht, eine Frauengeneration zu ersetzen. Bei Raten unter 1 schrumpft die   
Bevölkerung (ohne Migration).                                                   
Quellen: Goskomstat, Demograficeskij ezegodnik Rossii 1999, Moskau 1999,      
S. 89, 112, 153, 165, 166; Voprosy statistiki, Nr. 4/2000, S. 5.                
=============================================================================== 
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------  
Tabelle 3
                                                                       
Sterbefälle im arbeitsfähigen Alter (1)                                         
je 1000 Personen                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                       Insgesamt             Männer             Frauen          
                                                                                
  1990                    4,9                 17,6                2,0           
  1991                    5,0                 17,8                2,0           
  1992                    5,8                 19,1                2,3           
  1993                    7,4                 11,6                2,8           
  1994                    8,4                 13,2                3,1           
  1995                    8,0                 12,5                3,0           
  1996                    7,1                 11,2                2,6           
  1997                    6,3                 19,9                2,4           
  1998                    6,1                 19,6                2,4           
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Männer von 15 bis 60 Jahren, Frauen von 15 bis 55 Jahren.                   
Quelle: Goskomstat, Demograficeskij ezegodnik Rossii 1999, Moskau 1999,       
S. 190.                                                                         
=============================================================================== 
                                                                                
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 4
                                                                       
Bevölkerungsbewegung                                                            
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                 Bevölkerung    Natürlicher  Wanderungs-                        
                     zum          Saldo        saldo                            
                Jahresanfang                              Gesamt-               
                                                           saldo (1)            
                              1 000 Personen                                    
                                                                                
 1985             142 822,6        745,4       267,2        0,71                
 1986             143 835,2        983,7       296,0        0,89                
 1987             145 114,9        964,4       264,0        0,85                
 1988             146 343,3        783,0       251,5        0,72                
 1989             147 400,5        580,0        82,9        0,43                
 1990             148 040,7        338,0       164,0        0,34                
 1991             148 542,7        110,0        51,6        0,11                
 1992             148 704,3       -207,0       176,1   -    0,02                
 1993             148 673,4       -737,7       430,1   -    0,21                
 1994             148 365,8       -869,7       810,0   -    0,04                
 1995             148 306,1       -831,9       502,2   -    0,22                
 1996             147 976,4       -817,6       343,6   -    0,32                
 1997             147 502,4       -750,4       352,6   -    0,27                
 1998             147 104,6       -696,5       285,2   -    0,28                
 1999             146 693,3       -924,5       164,8   -    0,52                
 2000             145 933,6           -           -          -                  
                                                                                
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(1) In % der Bevölkerung zum Jahresanfang.                                      
Quellen: Goskomstat, Demograficeskij jezegodnik Rossii 1999, Moskau 1999,     
S. 19; Social'no-ekonomiceskoe polozenie Rossii janvar' 2000 goda, S. 209.    
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Wochenbericht 31/00