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DIW-Wochenbericht 19/00

Einkommensverteilung in Deutschland - Stärkere Umverteilungseffekte in Ostdeutschland

Bearbeiter Markus M. Grabka
Im Jahre 1997 haben sich - bei nach wie vor unterschiedlichen Lebenshaltungskosten - die verfügbaren Jahreseinkommen in Ostdeutschland denen in Westdeutschland auf etwa 85 % angenähert. Doch innerhalb der beiden Teile Deutschlands hat sich jeweils die Ungleichheit bei den verfügbaren Einkommen im Zeitraum von 1991 bis 1997 vergrößert.

Anders ist das Bild bei den vor der staatlichen Umverteilung entstandenen Einkommen (Markteinkommen). Auch bei diesen ist das Ost-West-Gefälle verringert worden, allerdings sehr viel schwächer als bei den verfügbaren Einkommen. Wie zu erwarten, hat sich die Ungleichheit bei den Markteinkommen sowohl in West- als auch in Ostdeutschland stärker entwickelt als bei den verfügbaren Einkommen, vor allem in Ostdeutschland, wo die Arbeitslosigkeit besonders stark zugenommen hat.

In Westdeutschland ist die Realeinkommensentwicklung seit Anfang der 90er Jahre rückläufig, wohingegen der Ostteil Deutschlands einen starken Realeinkommenszuwachs verzeichnen konnte.

In diesem Bericht werden die Berechnungen ergänzt, die das DIW auf Basis des SOEP in den letzten Jahren für den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung durchgeführt hat. [1]

Angleichung der Haushaltseinkommen in West- und Ostdeutschland Nach Angaben der Befragten des vom DIW durchgeführten Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) [2] beliefen sich die verfügbaren Einkommen [3] der privaten Haushalte [4] in Deutschland im Jahre 1997 auf durchschnittlich etwa 62 000 DM, wobei westdeutsche Haushalte über 64 000 DM und ostdeutsche Haushalte über 52 000 DM verfügen konnten.

Um die Einkommenssituation von Haushalten unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung miteinander vergleichbar zu machen, werden im Folgenden bedarfsgewichtete "Äquivalenzeinkommen" verwendet, mit denen berücksichtigt werden soll, dass größere Haushalte wegen der Skaleneffekte Kostenvorteile gegenüber kleineren Haushalten aufweisen.

Bei der Berechnung der Äquivalenzeinkommen werden unterschiedliche Bedarfsgewichte verwendet. Diese Untersuchung basiert auf der Annahme des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der als Bedarfsgewichte die Quadrat-Wurzel aus der Haushaltsgröße heranzieht. [5]

Dieses international anerkannte Verfahren impliziert beispielsweise, dass einem Vier-Personen-Haushalt - statt einer 4 wie bei der Pro-Kopf-Rechnung - ein Äquivalenzgewicht von 2 zugeordnet wird. Ein Vier-Personen-Haushalt benötigt daher nur etwa das doppelte Einkommen eines Ein-Personen-Haushalts um das gleiche materielle Wohlstandsniveau zu erlangen. Im Vergleich zu der in Deutschland bisher gebräuchlichen Skala nach dem Bundessozialhilfegesetz, werden bei diesem Verfahren größere Vorteile durch gemeinsames Wirtschaften unterstellt, d. h. die Einkommenslage großer Haushalte stellt sich günstiger dar. Unter der Annahme, dass alle Personen eines Haushalts zu gleichen Teilen am erzielten Haushaltseinkommen partizipieren, wird das entsprechende Äquivalenzeinkommen jedem Haushaltsmitglied zugeordnet.

Die Wirkung staatlicher Umverteilungsmaßnahmen lässt sich durch einen Vergleich der Verteilung des Markteinkommens [6] und der des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte innerhalb einer Periode darstellen. Markteinkommen weisen normalerweise eine größere Einkommensungleichheit auf als die verfügbaren Einkommen. Renten werden dabei als Transfers angesehen und nicht als "abgeleitete" Markteinkommen. Durch das staatliche Steuer- und Transfersystem werden die Disparitäten in der Einkommensverteilung verringert. Die relativ stärkste Veränderung in der Einkommensungleichheit findet im unteren Einkommensbereich statt, da sich hier vornehmlich die Empfänger von staatlichen Transferzahlungen befinden.

Die privaten Haushalte in Deutschland erwirtschafteten 1997 ein äquivalenzgewichtetes Markteinkommen von durchschnittlich 41 000 DM (Tabelle 1). In Ostdeutschland nahm das entsprechende Markteinkommen im Zeitraum 1991 bis 1997 nominal um mehr als 60 % auf knapp 31 000 DM zu, während in Westdeutschland nur ein Anstieg von 13 % zu verzeichnen war. Trotz dieses starken Anstiegs der ostdeutschen Markteinkommen liegen diese immer noch um fast 30 % unter denen in Westdeutschland.

Das Bild einer Benachteiligung Ostdeutschlands wird allerdings bei einer Betrachtung der äquivalenzgewichteten verfügbaren Haushaltseinkommen deutlich revidiert. Der nominale Einkommensabstand zwischen Ost- und Westdeutschland verringert sich durch die staatlichen Umverteilungsmaßnahmen auf lediglich etwa 20 % des Westeinkommens. In Ostdeutschland nahm das verfügbare Jahreseinkommen von 1991 bis 1997 von knapp 19 000 DM auf etwa 31 000 DM zu. In Westdeutschland erhöhte es sich im gleichen Zeitraum von gut 34 000 DM auf knapp 39 000 DM.

Berücksichtigt man darüber hinaus auch die nach wie vor unterschiedlichen Lebenshaltungskosten (Kaufkraftparität), so ist eine weitere Angleichung der Haushaltseinkommen zwischen West- und Ostdeutschland festzustellen (Tabelle 2). [7] Das kaufkraftbereinigte verfügbare Einkommen ostdeutscher Haushalte stieg bis 1997 auf knapp 33 000 DM; das waren mehr als 85% des westdeutschen Einkommens. Hierbei schlagen vor allem die deutlich niedrigeren Wohnkosten (insbesondere Mieten) in Ostdeutschland zu Buche. [8]

Zunehmende Ungleichheit in den Markteinkommen Zur Charakterisierung der Einkommensverteilung werden im Folgenden drei Maße berechnet. Das gebräuchlichste Disparitätsmaß zur Messung von Einkommensverteilungen ist der Gini-Koeffizient: Er kann Werte zwischen null (eine absolut gleichmäßige Einkommensverteilung) und eins (größtmögliche Ungleichverteilung) annehmen. Der Gini-Koeffizient wird stark von den häufig vorkommenden, d. h. den eher durchschnittlichen Einkommen, beeinflusst. Deswegen werden zusätzlich die aus der Informationstheorie abgeleiteten Theil-Koeffizienten berechnet. Sie geben die durchschnittliche Abweichung der logarithmierten Einkommen von dem logarithmierten Mittelwert an. Das erste "Theilmaß", die so genannte Mean Log Deviation (MLD) reagiert besonders sensitiv auf Veränderungen im unteren Einkommensbereich. Der zweite Theil-Koeffizient, das sogenannte Theilïsche Entropiemaß, gewichtet die logarithmierten Abweichungen zusätzlich mit dem Einkommensanteil und ist damit weniger sensitiv gegenüber Veränderungen im unteren Einkommensbereich. Beide Theilkoeffizienten sind bei einer vollständigen Gleichverteilung auf null normiert, aber - anders als beim populären Gini-Koeffizienten - nach oben offen. [9]

Die Verteilung der Markteinkommen ist in Deutschland in den Jahren 1991 bis 1997 deutlich ungleicher geworden. Dabei werden Personen ohne Markteinkommen mit dem Wert null berücksichtigt, die Einkommen derer, die ein Markteinkommen beziehen, sind deutlich weniger ungleich verteilt. Gemessen am Gini-Koeffizienten hat die Einkommensungleichheit der Markteinkommen von 1991 bis 1997 von 0,436 auf 0,457 deutlich zugenommen (Tabelle 3). Dies betraf nicht allein den unteren Einkommensbereich, sondern die gesamte Einkommensverteilung der Markteinkommen. Ein wesentlicher Faktor für diese Entwicklung stellt die zunehmende Arbeitslosigkeit im Berichtszeitraum dar, die von 2,6 Mill. registrierten Arbeitslosen im Jahre 1991 auf 4,3 Mill. im Jahre 1997 gestiegen ist. [10] Daneben wirkt sich das weiterhin bestehende unterschiedliche Tarifgefüge zwischen Ost- und Westdeutschland auf die Verteilung der Markteinkommen aus.

Die Zunahme der Ungleichheit in den Markteinkommen ist in West- und Ostdeutschland unterschiedlich stark verlaufen. 1991 waren die Markteinkommen in Ostdeutschland, wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau, noch erheblich gleicher verteilt als in Westdeutschland. Dies hat sich im Zuge des Transformationsprozesses deutlich geändert. Bereits 1992 waren sie in Ostdeutschland ungleicher verteilt als in Westdeutschland. Die Differenzierung der Markteinkommen hat sich in Ostdeutschland ständig bis 1997 fortgesetzt. So ist der Gini-Koeffizient von 1991 bis 1997 rasant gestiegen, von 0,401 auf 0,479. Diesen Differenzierungsprozess in den Markteinkommen gab es ebenso in Westdeutschland, doch nur in vergleichsweise abgeschwächter Form. Die stärkere Zunahme der Ungleichheit der Markteinkommen in Ostdeutschland auf die deutliche Zunahme der Arbeitslosigkeit zurückzuführen. Im Berichtszeitraum stieg die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland von 10,3 % auf 19,5 % und in Westdeutschland von 6,3 % auf 11,0 %. Parallel zur Zunahme der Arbeitslosigkeit nahm die Zahl der Erwerbstätigen ab, besonders in Ostdeutschland. [11]

Abnehmende Ungleichheit in den verfügbaren Einkommen Die Wirkung staatlicher Umverteilungsmaßnahmen lässt sich insbesondere aus der Verteilung der verfügbaren Einkommen ablesen. In Deutschland ist die Einkommensungleichheit in den verfügbaren Einkommen von 1991 bis 1997 insgesamt zurückgegangen, wobei die unteren Einkommensgruppen nicht so stark von dieser Entwicklung profitieren konnten. So ist der Gini- Koeffizient im Beobachtungszeitraum fast durchweg von 0,298 auf 0,282 gefallen. Eine Ausnahme bildete das Jahr 1994, in dem sich die Einkommensverteilung als Folge der Rezession 1993/94 verschlechterte.

Danach hat sich der Trend zu einer größeren Einkommensgleichheit in Deutschland fortgesetzt. Anders als der Gini-Koeffizient zeigt der MLD- Koeffizient eine leichte Steigerung der Ungleichheit in den verfügbaren Einkommen für die Jahre 1996 und 1997. Ursächlich dafür ist die besondere Gewichtung der unteren Einkommensgruppen bei diesem Verteilungsmaß. Insgesamt sank der MLD-Koeffizient in Deutschland im Zeitraum 1991 bis 1997 von 0,154 auf 0,147.

In Westdeutschland ist über alle Einkommensgruppen hinweg eine Zunahme der Einkommensungleichheit für die Jahre 1991 bis 1994 festzustellen. Der Gini- Koeffizient stieg deutlich von 0,278 auf 0,295. Seit 1995 stagniert die Einkommensungleichheit in Westdeutschland auf dem gleichen Niveau, wobei sich auch hier die unteren Einkommensgruppen insbesondere im Jahre 1997 wieder zunehmend ungleicher entwickelten. Die Kindergelderhöhung im Jahre 1996 und die Anhebung des steuerfreien Existenzminimums scheinen eine weitere Zunahme der Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in Westdeutschland gebremst zu haben.

In Ostdeutschland ist das Bild von der Entwicklung der Verteilung der verfügbaren Einkommen uneinheitlich. In einer wellenförmigen Auf- und Abwärtsbewegung haben sich die Einkommen in Ostdeutschland auseinander entwickelt, wobei sich im Jahre 1997 die Einkommensungleichheit der verfügbaren Einkommen wieder etwas verminderte. Gemessen am Gini- Koeffizienten nahm die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in Ostdeutschland zu, von 0,224 im Jahre 1991 auf 0,235 im Jahre 1997. Insgesamt sind sie aber immer noch deutlich gleicher verteilt als in den alten Bundesländern, obwohl die Markteinkommen in Ostdeutschland mehr Ungleichheit aufweisen als in Westdeutschland. Hierin spiegelt sich die überragende Rolle der staatlichen und sozialen Transfers nach Ostdeutschland, die überproportional den unteren Einkommensgruppen zugute kommen.

Obwohl in beiden Teilen Deutschlands die Einkommensungleichheit in den Jahren von 1991 bis 1997 insgesamt zugenommen hat, ist die Einkommensverteilung zwischen Ost- und Westdeutschland in diesem Zeitraum gleicher geworden. [12] Diese zunächst widersprüchliche Entwicklung ist auf die anfänglich stark steigenden Durchschnittseinkommen in Ostdeutschland zurückzuführen. So hat sich seit Beginn der 90er Jahre das Niveau der nominalen Erwerbseinkommen in beiden Teilen Deutschlands deutlich angenähert. Wie schon dargelegt, erklärt sich die abnehmende Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in ganz Deutschland mit den erheblichen finanziellen staatlichen Transfers in den Ostteil der Republik. Ohne die staatlichen Umverteilungsmaßnahmen wäre es zu einer deutlich höheren Einkommensungleichheit in Ostdeutschland und damit auch in der gesamten Bundesrepublik gekommen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die unterschiedlich stark verlaufende Entwicklung der Markt- und verfügbaren Einkommen in West- und Ostdeutschland. Die Markteinkommen in Ostdeutschland sind erheblich ungleicher verteilt als in Westdeutschland, was unter anderem mit der hohen Arbeitslosigkeit im Ostteil Deutschlands zu erklären ist. Obwohl die Ungleichheit der Markteinkommen deutlich zugenommen hat, ist die Ungleichheit bei den verfügbaren Einkommen in Ostdeutschland nur relativ leicht gestiegen, und sie ist weiterhin deutlich geringer als in Westdeutschland.

Auch bei einer Betrachtung der erwerbsfähigen Bevölkerung bleibt dieser drastische Unterschied in der Einkommensungleichheit zwischen den Markt- und verfügbaren Einkommen in West- und Ostdeutschland erhalten (Tabelle 3). Für das ausgewählte Jahr 1997 zeigt sich, dass die Einkommen in Ostdeutschland nach Steuern und Transfers deutlich gleicher sind als in Westdeutschland, wohingegen der Unterschied in den Markteinkommen insbesondere bei Betrachtung des Gini-Koeffizienten nicht so drastisch ausfällt. Nichtdestotrotz offenbart das etwas stärkere Auseinanderklaffen des MLD-Koeffizienten die große Bedeutung der niedrigen Markteinkommen (insbesondere der fehlenden Erwerbseinkommen) ostdeutscher Arbeitsloser.

Unterschiedliche Entwicklung der Realeinkommen in West- und Ostdeutschland Für die Berechnung der Realeinkommen werden Preisindizes des Statistischen Bundesamtes benutzt. Bei der Darstellung der Realeinkommen wurde zusätzlich auf Informationen aus früheren Jahren zurückgegriffen, um die Entwicklung für Westdeutschland besser darstellen zu können.

Der Zeitraum 1983 bis 1992 ist in Westdeutschland durchgehend von Zuwächsen in den verfügbaren Einkommen gekennzeichnet gewesen, die von knapp 32 000 DM auf etwa 39 000 DM im Jahre 1992 gestiegen sind (Tabelle 4). Seit 1992 ist fast durchweg ein Rückgang bei den realen verfügbaren Einkommen zu registrieren.

Völlig anders war die Entwicklung im Ostteil Deutschlands. Sowohl die realen Markt- als auch die realen verfügbaren Einkommen sind deutlich gestiegen. Lediglich im Jahre 1995 legte der Aufholprozess bei den Einkommen eine kurze Verschnaufpause in Ostdeutschland ein. Insgesamt nahmen die realen verfügbaren Einkommen im Zeitraum von 1991 bis 1997 in Ostdeutschland um mehr als 5 000 DM auf etwa 30 000 DM zu. Trotz dieses rasanten Anstiegs der realen Einkommen in Ostdeutschland ist aber immer noch nicht das Niveau Westdeutschlands erreicht. Das reale Einkommensniveau in Ostdeutschland betrug im Jahre 1997 rund 80 % der durchschnittlichen realen verfügbaren Einkommen in Westdeutschland. [13] Wenn trotz der sinkenden realen verfügbaren Einkommen in Westdeutschland für die gesamte Bundesrepublik eine Stagnation zu registrieren ist, so lag dies ausschließlich an den Zuwächsen in Ostdeutschland. Bemerkenswert ist zudem, dass in Ostdeutschland die verfügbaren Einkommen stärker gestiegen sind als die Markteinkommen. In Westdeutschland sind demgegenüber die verfügbaren Einkommen etwas stärker gefallen als die Markteinkommen. Dies ist das Ergebnis der Tatsache, dass bei weitgehend gleichem Steuer- und Transfersystem in beiden Teilen Deutschlands die privaten Haushalte in Ostdeutschland aufgrund des geringeren Einkommens relativ stärker davon profitieren.

Fazit Für Deutschland insgesamt ist in den 90er Jahren eine abnehmende Ungleichheit bei den verfügbaren Einkommen festzustellen. Der relativ starke Einkommensanstieg in den neuen Bundesländern führt zu einer Verringerung der Differenz zwischen den durchschnittlichen Einkommen beider Gebiete.

Westdeutschland war zu Beginn der 90er Jahre durch eine Zunahme der Einkommensungleichheit geprägt. Seit 1995 wird dieser Trend gebremst, und die Einkommen entwickelten sich seitdem wieder mehr in Richtung Gleichheit. Zu dieser Trendumkehr scheinen auch die Kindergelderhöhung und die Erhöhung des steuerfreien Existenzminimums beigetragen zu haben. Insgesamt war in Westdeutschland die Ungleichheit im Jahre 1997 aber immer noch höher als 1991. Die Entwicklung der realen Einkommen war dabei seit Anfang der 90er Jahre fast durchweg rückläufig.

Ostdeutschland ist gekennzeichnet von starken Zuwächsen bei den realen verfügbaren Einkommen. Im Berichtszeitraum hat die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen in Ostdeutschland zwar stärker zugenommen als in Westdeutschland, der Grad der Ungleichheit ist in Westdeutschland aber immer noch höher. Unter Berücksichtigung der Kaufkraftparität haben die ostdeutschen Haushalte bis 1997 bereits mehr als 85% des Einkommensniveaus der westdeutschen verfügbaren Einkommen erreicht.

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Auseinanderdriften der Markt- und verfügbaren Einkommen in West- und Ostdeutschland. In Ostdeutschland haben sich die Markteinkommen erheblich ungleicher entwickelt als in Westdeutschland. Dank der hohen staatlichen Transfers konnte jedoch verhindert werden, dass die Verteilung der verfügbaren Einkommen in Ostdeutschland - auch bei der erwerbsfähigen Bevölkerung - deutlich ungleicher ist. [14]

Aufgrund der aktuellen Diskussion darüber, inwieweit die ostdeutschen den westdeutschen Erwerbseinkommen angeglichen werden sollten, stellt sich die Frage, ob die geringere Ungleichheit bei den verfügbaren Einkommen in Ostdeutschland weiterhin gerechtfertigt ist.

Angesichts großer Ungleichheiten in den regionalen Durchschnittseinkommen in Westdeutschland [15] ist das - implizite - Postulat fragwürdig, der Nachteil der niedrigeren ostdeutschen Durchschnittseinkommen sollte durch den "Vorteil" einer größeren Einkommensgleichheit ausgeglichen werden. Politik und Gesellschaft sollen sich auch vergegenwärtigen, dass die verfügbaren Einkommen auch nach einer Angleichung der Erwerbseinkommen in Ostdeutschland an westdeutsches Niveau weiterhin unter dem Westniveau liegen würden, da wegen der erheblich niedrigeren Sach- und Geldvermögen der ostdeutschen Bevölkerung die Kapitaleinkommen im Osten deutlich niedriger ausfallen als im Westen.

[1] Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR): Vor weitreichenden Entscheidungen. Jahresgutachten 1998/99. Stuttgart, Metzler-Poeschel, 1998, S.141-147. SVR: Wirtschaftspolitik unter Reformdruck. Jahresgutachten 1999/2000. Stuttgart, Metzler-Poeschel, 1999, S.190-194. Die verfügbaren Jahreseinkommen werden wie auch im letzten Jahresgutachten des SVR mit Hilfe der Methode des "Bottomcoding" korrigiert. Alle Einkommenswerte unterhalb des untersten Percentils werden dabei auf die Einkommensschwelle des ersten Percentils gesetzt, um unplausible Angaben zu berichtigen. Der Einfluss auf die Mittelwerte und Aggregate ist dabei marginal. Die in diesem Bericht wiedergegebenen Daten sind - internationalen Konventionen folgend - nicht an die volkswirtschaftliche Gesamtrechung (VGR) angepasst, da deren Aggregate, insbesondere für Einkommen aus selbständiger Tätigkeit und Vermögen, auf Schätzungen beruhen, die nicht a priori besser sind als Angaben in einer Befragung. Vgl. für eine Darstellung der Durchschnittseinkommen nach VGR-Anpassung: Entwicklung der Einkommenspositionen von Haushaltsgruppen in Deutschland. Bearb.: Klaus- Dietrich Bedau. In: Wochenbericht des DIW, Nr. 3/99. Die hier verwendeten Jahreseinkommen werden auf der Basis von Angaben zum Einkommensbezug im Vorjahr generiert. Vom Jahr 1995 an einschließlich der Zuwandererstichprobe des SOEP.

[2] Vgl. Projektgruppe Panel: Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) im Jahre 1994. In: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, Heft 1/1995, S. 5- 15.

[3] Die Jahreseinkommen schließen jahreszeitliche Schwankungen im Einkommensverlauf, z. B. durch so genannte Einmalzahlungen, aus.

[4] Private Haushalte: ohne Anstaltsbevölkerung und ohne private Organisationen ohne Erwerbszweck.

[5] Vgl. SVR 1998, a.a.O., S. 141.

[6] Als Markteinkommen werden Einkünfte aus selbständiger und unselbständiger Tätigkeit, Kapitaleinkommen, private Transfers und der Mietwert selbstgenutzten Wohneigentums gezählt.

[7] Zur Methode der vom DIW durchgeführten Kaufkraftparitätenberechnung vgl. Ostdeutschland fünf Jahre nach der Einheit: Rückgang der Erwerbsbeteiligung scheint gestoppt, Einkommen gleichen sich weiter an, Armut stagniert. Bearb.: Peter Krause. In: Wochenbericht des DIW, Nr. 50/95.

[8] Vgl. Wohnungsmieten in Deutschland im Jahr 1997. Ergebnisse des Sozio- oekonomischen Panels (SOEP). Bearb.: Joachim Frick und Herbert Lahmann. In: Wochenbericht des DIW, Nr. 22/98.

[9] Vgl. Jenkins, St. P., (1991): The Measurement of Income Inequality. In: Osberg, L. (Ed.): Economic Inequality and Poverty: International Perspectives. M.E. Sharpe, Inc., London, pp. 3-38.

[10] Vgl. SVR 1999, a.a.O., S.236.

[11] Die Zahl der Erwerbstätigen nahm in Westdeutschland von 1991 bis 1997 um 1,489 Mill. ab; in Ostdeutschland lag dieser Wert trotz der deutlich geringeren Bevölkerungszahl mit 1,165 Mill. ähnlich hoch. SVR, 1998, a.a.O., S. 339.

[12] Vgl. How Unification and Immigration Affected the German Income Distribution. Markus M. Grabka, Johannes Schwarze und Gert G. Wagner. In: European Economic Review, 43/99, pp. 867-878.

[13] Zu diesem Unterschied trägt auch die höhere Eigentümerquote in Westdeutschland bei. Insofern ist auch weiterhin mit einem etwas niedrigeren Einkommensniveau in Ostdeutschland zu rechnen, da insgesamt weniger Personen in Ostdeutschland Einkommensvorteile aus selbstgenutztem Wohneigentum ziehen können.

[14] Vgl. The Income Portfolio of Immigrants in Germany - Effects of Ethnic Origin and Assimilation or: Who gains from Income Re-Distribution? Felix Büchel und Joachim Frick. In: IZA Discussion Paper, 2000, No. 125.

[15] Vgl. Regionale Lohndisparitäten in Deutschland. Eine Analyse mit regionalisierten Daten des sozio-ökonomischen Panels. John P. Haisken-DeNew und Johannes Schwarze. In: Informationen zur Raumentwicklung, 1, 2/97, S. 51-61.


                                                                             
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Tabelle 1
                                                                       
Markteinkommen und verfügbares Einkommen in Deutschland in jeweiligen Preisen   
(äquivalenzgewichtet) (1)                                                       
Bevölkerung in Privathaushalten                                                 
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                       Markteinkommen                Verfügbares Einkommen      
                                                                                
           Deutschland     Westd.     Ostd.   Deutschland     Westd.     Ostd.  
                                                                                
                                    Mittelwert in DM pro Jahr                   
                                                                                
1991         34 505        38 258    19 105      31 143       34 202    18 589  
1992         36 393        40 071    22 643      33 063       35 620    22 427  
1993         38 123        40 807    26 818      34 661       36 545    26 726  
1994         39 027        41 581    28 912      35 482       37 265    28 416  
1995         40 441        43 149    28 860      35 817       37 493    28 651  
1996         40 666        43 104    30 134      36 570       37 987    30 451  
1997         41 006        43 389    30 693      37 149       38 534    31 156  
                                                                                
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(1) Äquivalenzeinkommen = Haushaltseinkommen / (Haushaltsgröße) hoch 0.5.       
Quelle: Sozio-oekonomisches Panel (SOEP), Befragungsjahre 1992 bis 1998.        
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------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 2
                                                                       
Markteinkommen und verfügbares Einkommen in Deutschland in jeweiligen Preisen   
(äquivalenzgewichtet (1); Ostdeutschland kaufkraftbereinigt (2))                
Bevölkerung in Privathaushalten                                                 
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                       Markteinkommen                Verfügbares Einkommen      
                                                                                
           Deutschland     Westd.     Ostd.   Deutschland     Westd.     Ostd.  
                                                                                
                                    Mittelwert in DM pro Jahr                   
                                                                                
1991         35 594       38 258     24 665      32 203      34 202     23 998  
1992         37 333       40 071     25 949      33 698      35 620     25 702  
1993         38 529       40 807     28 936      35 066      36 545     28 838  
1994         39 430       41 581     30 907      35 877      37 265     30 377  
1995         40 791       43 149     30 707      36 165      37 493     30 485  
1996         40 984       43 104     31 822      36 981      37 987     32 156  
1997         41 311       43 389     32 320      37 459      38 534     32 808  
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Äquivalenzeinkommen = Haushaltseinkommen / (Haushaltsgröße) hoch 0.5.       
(2) Nach Berücksichtigung von Lebenshaltungskosten.                             
Quelle: Sozio-oekonomisches Panel (SOEP), Befragungsjahre 1992 bis 1998.        
=============================================================================== 
                                                                                
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 3
                                                                       
Ungleichheitsmaße für das Markteinkommen und das verfügbare Einkommen in        
Deutschland                                                                     
(äquivalenzgewichtet) (1)                                                       
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                       Markteinkommen                Verfügbares Einkommen      
                                                                                
           Deutschland     Westd.     Ostd.   Deutschland     Westd.     Ostd.  
                                                                                
                                Bevölkerung in Privathaushalten                 
GINI                                                                            
1991         0,4363        0,4162    0,4013      0,2975       0,2783    0,2243  
1992         0,4364        0,4214    0,4241      0,2903       0,2826    0,2211  
1993         0,4381        0,4285    0,4398      0,2874       0,2875    0,2335  
1994         0,4462        0,4401    0,4416      0,2912       0,2954    0,2331  
1995         0,4485        0,4399    0,4561      0,2855       0,2890    0,2299  
1996         0,4550        0,4457    0,4745      0,2851       0,2886    0,2413  
1997         0,4565        0,4480    0,4787      0,2821       0,2869    0,2351  
                                                                                
MLD                                                                             
1991         0,8808        0,8541    0,8231      0,1539       0,1383    0,0865  
1992         0,8913        0,8525    0,9359      0,1478       0,1440    0,0855  
1993         0,9080        0,8851    0,9392      0,1438       0,1468    0,0943  
1994         0,9241        0,8984    0,9769      0,1540       0,1608    0,0990  
1995         0,9521        0,9070    1,0848      0,1433       0,1487    0,0924  
1996         1,0050        0,9626    1,1402      0,1459       0,1501    0,1089  
1997         1,0317        0,9940    1,1494      0,1474       0,1534    0,1042  
                                                                                
THEIL                                                                           
1991         0,3453        0,3192    0,3022      0,1486       0,1320    0,0825  
1992         0,3462        0,3251    0,3358      0,1428       0,1361    0,0830  
1993         0,3508        0,3363    0,3590      0,1414       0,1410    0,0987  
1994         0,3635        0,3537    0,3584      0,1469       0,1507    0,0943  
1995         0,3679        0,3543    0,3774      0,1406       0,1442    0,0877  
1996         0,3786        0,3594    0,4156      0,1390       0,1413    0,1051  
1997         0,3801        0,3657    0,4120      0,1388       0,1433    0,0947  
                                                                                
                          Erwerbsfähige Bevölkerung in Privathaushalten         
                                  im Alter von 25 bis 60 Jahren                 
                                                                                
GINI                                                                            
1997         0,3711        0,3645    0,3690      0,2757       0,2785    0,2352  
                                                                                
MLD                                                                             
1997         0,5911        0,5632    0,6668      0,1399       0,1430    0,1047  
                                                                                
THEIL                                                                           
1997         0,2506        0,2420    0,2448      0,1335       0,1364    0,0924  
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Äquivalenzeinkommen = Haushaltseinkommen / (Haushaltsgröße) hoch 0.5.       
Quelle: Sozio-oekonomisches Panel (SOEP), Befragungsjahre 1992 bis 1998.        
=============================================================================== 
                                                                                
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 4
                                                                       
Reales Markteinkommen und reales verfügbares Einkommen in Deutschland           
in Preisen von 1995 (äquivalenzgewichtet) (1)                                   
Bevölkerung in Privathaushalten                                                 
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                       Markteinkommen                Verfügbares Einkommen      
                                                                                
           Deutschland     Westd.     Ostd.   Deutschland     Westd.     Ostd.  
                                                                                
                                    Mittelwert in DM pro Jahr                   
                                                                                
1983                       35 871                            31 889             
1984                       36 509                            32 435             
1985                       36 678                            32 807             
1986                       38 773                            34 640             
1987                       39 162                            35 125             
1988                       40 534                            36 142             
1989                       41 943                            36 717             
1990                       41 689                            37 486             
1991          39 522       42 986     25 305      35 724     38 430     24 621  
1992          40 051       43 320     26 452      36 123     38 508     26 200  
1993          39 857       42 596     28 319      36 243     38 147     28 222  
1994          39 680       42 257     29 472      36 076     37 871     28 966  
1995          40 441       43 149     28 860      35 817     37 493     28 651  
1996          40 112       42 551     29 572      36 068     37 499     29 883  
1997          39 681       42 044     29 456      35 942     37 339     29 900  
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Äquivalenzeinkommen = Haushaltseinkommen / (Haushaltsgröße)0.5.             
Quelle: Sozio-oekonomisches Panel (SOEP), Befragungsjahre 1984 bis 1998.        
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© DIW Berlin
Wochenbericht 19/00