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Grundlinien der Wirtschaftsentwicklung
Bundesrepublik Deutschland: Nur zoegernde Erholung


Bearbeiter

Arbeitskreis Konjunktur



Die wirtschaftliche Lage in Deutschland hat sich im Laufe des Jahres 1996 allmaehlich verbessert. Seit dem Fruehjahr steigt die Industrieproduktion in der Grundtendenz wieder, und die Bauwirtschaft hat den witterungsbedingten Rueckschlag des letzten Winters ausgeglichen (Schaubild 9). Neue und alte Bundeslaender weisen allerdings unterschiedliche Muster auf: Westdeutschland profitiert in hohem Masse von einer Belebung der Auslandskonjunktur und der Abwertung der D-Mark; in Ostdeutschland aber ist der Aufholprozess ins Stocken geraten. Die leichte Belebung der Konjunktur im Verlauf von 1996 sollte, nach dem herben Rueckschlag des Jahres 1995, nicht Anlass zur Selbstzufriedenheit fuer die Wirtschaftspolitik sein. Vielmehr war die konjunkturelle Belebung der letzten Jahre mit Abstand die schwaechste in der Geschichte der Bundesrepublik und hat daher, mit Ausnahme einer kurzen Phase im Jahre 1994, nicht auf den Arbeitsmarkt uebergreifen koennen.

Das wird sich in diesem Jahr weder in Deutschland noch im uebrigen Europa aendern. Zwar sind von der monetaeren Seite die Weichen im vergangenen Jahr wieder auf Expansion gestellt worden, die Finanzpolitik wird aber daempfend wirken. Es ist daher nicht zu erwarten, dass die Unternehmen mehr Arbeitskraefte einstellen als entlassen werden. Der zu erwartende Produktionszuwachs kann bei dem angelegten Tempo des Produktivitaetsfortschritts mit den vorhandenen Arbeitskraeften bewaeltigt werden. Die Arbeitslosenquote wird bei einer weiterhin leicht zunehmenden Zahl von Erwerbspersonen folglich neue Rekordstaende aufweisen. In Deutschland duerften im Durchschnitt dieses Jahres fast 11 vH aller Erwerbstaetigen ohne Arbeitsplatz sein.

Je laenger eine durchgreifende Aenderung der Situation auf dem Arbeitsmarkt auf sich warten laesst, umso geringer ist auch die Chance der Bundesregierung, ihr erklaertes Ziel noch zu erreichen, die Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2000 zu halbieren. Selbst in den beiden wirtschaftlich besten Jahren der letzten zwei Jahrzehnte, dem durch einen weltweiten Investitionsaufschwung und eine starke Unterbewertung der DMark beguenstigten Jahr 1989 und dem vom Einigungsboom und extrem expansiver Finanzpolitik gepraegten Jahr 1991, sank die Zahl der Arbeitslosen nur um jeweils etwa 200 000. Bei jetzt 4 Millionen Arbeitslosen benoetigt man offensichtlich zehn aufeinanderfolgende Jahre einer aehnlich guten wirtschaftlichen Entwicklung, um die Zahl der Arbeitslosen zu halbieren.

Die Fehlentwicklungen der letzten beiden Jahre zeigen in grosser Deutlichkeit, dass eine Politik, die vorwiegend auf nationale Massnahmen zur Verbesserung der Standortbedingungen setzt, viel zu kurz greift. Der Versuch der Verbesserung der nationalen Wettbewerbsfaehigkeit durch Lohnsenkung oder pauschale Senkung der Sozialleistungen kann nicht erfolgversprechend sein, weil er die Handelspartner zur Anpassung zwingt. Diese Politik verstoesst gegen die zentrale Regel fuer ein funktionsfaehiges Festkurssystem oder eine Waehrungsunion. Dieses verlangt, die nationalen Ansprueche mit der nationalen Produktivitaetsentwicklung in Uebereinstimmung zu bringen: nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer das nicht leistet, muss Anpassungslasten in Form hoeherer Arbeitslosigkeit tragen. Wer "unter seinen Verhaeltnissen" lebt, zwingt die anderen, das Gleiche zu tun und wird damit auf laengere Sicht nichts gewinnen koennen.

Europa ist eine grosse, fast geschlossene Volkswirtschaft. Es koennte mit einer angemessenen wirtschaftspolitischen Strategie aehnlich erfolgreich wie die USA sein. Das betrifft in erster Linie die Geldpolitik. Aber auch eine Koordinierung der finanzpolitischen Ausrichtung ist notwendig, soll die Kompensation nationaler Impulse in der einen oder anderen Richtung bzw. ein Steuersenkungs- und Subventionswettlauf vermieden werden. Weitgehend in nationaler Verantwortung sollte dagegen die Lohn- und Sozialpolitik bleiben, da die Entlohnung des weitgehend immobilen Faktors Arbeit ueber den Grossteil der nationalen Ansprueche entscheidet. Deren Uebereinstimmung mit der nationalen Produktivitaetsentwicklung ist solange unumgaenglich, wie eine volle politische Union und ein Finanzausgleich zwischen den Nationalstaaten nicht zur Debatte steht.

Export stuetzt Konjunktur

Der konjunkturelle Umschwung nach der Abschwaechung im Jahre 1995 wurde von der anziehenden Auslandsnachfrage zu Beginn des vergangenen Jahres (Schaubilder 9 und 10) ausgeloest. Massgeblich fuer die erneute Belebung der Konjunktur in den Industrielaendern war der Rueckgang des langfristigen Zinses. Anfang 1996 war in den meisten Laendern das Niveau wieder erreicht, bei dem zwei Jahre zuvor der Aufschwung begonnen hatte. Hinzu kam in Deutschland, dass auch die reale Aufwertung der D-Mark vom Fruehjahr 1995 korrigiert wurde. Zuletzt lag der Aussenwert der D-Mark, freilich bei grossen Unterschieden gegenueber einzelnen Laendern, wieder nahe der Kaufkraftparitaet; das ist der Wert, bei dem weder eine Ueber- noch eine Unterbewertung zu vermuten ist. Trotz der Wechselkurskorrektur hat sich bisher die Nachfrage aus den westeuropaeischen Laendern nur wenig bewegt. Erfolgreich war die deutsche Exportindustrie dagegen in den Vereinigten Staaten und in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens. Zu einem zusaetzlichen Standbein der westdeutschen Ausfuhr entwickelt sich zudem mehr und mehr der Handel mit den mittel- und osteuropaeischen Reformlaendern. Nach einer kurzen Verschnaufpause um die Jahreswende 1995/1996 wurden hier wieder sehr hohe Zuwachsraten erzielt. Zwar steigen auch die Importe aus diesen Laendern kraeftig, die westdeutsche Wirtschaft erzielt aber im Handel mit den in unmittelbarer Nachbarschaft befindlichen "Niedriglohnlaendern" durchweg Ueberschuesse. Das gilt in gleicher Weise fuer die meisten der suedostasiatischen Schwellenlaender. Insgesamt gesehen hat die deutsche Wirtschaft trotz der mit Sicherheit noch hohen Defizite der neuen Bundeslaender, fuer die aber keine getrennten Zahlen mehr vorliegen, im vergangenen Jahr mit ueber 100 Mrd. DM (Abgrenzung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung) einen noch hoeheren nominalen Ueberschuss im Warenhandel als im Vorjahr erzielt.

Der Export wird auch in diesem Jahr die entscheidende Stuetze der Konjunktur sein. Angesichts des hohen statistischen Ueberhangs am Ende des Vorjahres ist preisbereinigt eine Jahresdurchschnittsrate von 5,5 vH zu erwarten. Da die Importe weit weniger stark zunehmen, wird der Aussenbeitrag, der Saldo aus Ausfuhr und Einfuhr von Waren und Diensten, kraeftig steigen. Trotzdem wird die Leistungsbilanz, unter anderem wegen hoher staatlicher Uebertragungen Deutschlands an die Europaeische Gemeinschaft (1996 ueber 30 Mrd. DM), wiederum mit einem Defizit abschliessen (annaehernd 20 Mrd. DM).

Die Inlandsnachfrage in Deutschland hat vom Export bisher keine sichtbaren Impulse erhalten. Das von vielen erwartete Muster einer von der Auslandsnachfrage angefuehrten inlaendischen Belebung laesst auf sich warten. Die Nachfrage der Konsumenten und Investoren (Schaubilder 9 und 10) bei der Industrie hat sich im Verlauf von 1996 kaum von der Talsohle geloest. Leicht belebt hat sich dagegen die Nachfrage nach Grundstoff- und Produktionsguetern, was auf eine Aufstockung der Laeger schliessen laesst. Ueberraschend war, dass neben einer anscheinend stetigen Expansion des privaten Verbrauchs im vergangenen Jahr (siehe Kasten Seite 54) die Inlandsnachfrage auch vom Staat gestuetzt wurde. Nach den vom Statistischen Bundesamt vorgelegten Schaetzungen stieg der Staatsverbrauch in den ersten drei Quartalen 1996 real mit 3 vH aeusserst kraeftig. Allerdings weist die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einen gesunkenen Preisindex fuer den Staatsverbrauch aus.

Der private Verbrauch zeigt sich, zumindest den amtlichen Berechnungen zufolge, in dieser Schwaechephase der Wirtschaft bei ruecklaeufiger Sparquote durchgaengig als entscheidender Traeger der Inlandsnachfrage. Erstaunlich ist allerdings, dass weder in der oeffentlichen, noch in der wissenschaftlichen Diskussion die Folgen dieser Entwicklung fuer den Kapitalmarkt und das Niveau der langfristigen Zinsen problematisiert werden. Abnehmende Ersparnisse der privaten Haushalte muessten, den ueblichen Vorstellungen zufolge, das Kapitalangebot vermindern und damit den Zinssatz in gleicher Weise erhoehen wie eine zunehmende Kapitalnachfrage des Staates. Letzteres wird regelmaessig als destabilisierendes Element staatlichen Handelns interpretiert, bei ersterem ueberwiegt bei der Bewertung in Oeffentlichkeit und Politik regelmaessig das Element der Nachfragestabilisierung.

Auch in diesem Jahr koennte der private Verbrauch real wieder mit etwa 1,5 vH expandieren. Voraussetzung ist jedoch, dass die entnommenen Gewinne und Vermoegenseinkommen abermals kraeftig steigen, und so den fuer 1997 zu erwartenden realen Rueckgang der Masseneinkommen (Nettoeinkommen aus unselbstaendiger Arbeit und empfangene Uebertragungen) mehr als kompensieren. Ausserdem muss dabei angenommen werden, dass die Sparquote der privaten Haushalte - wie in den vergangenen vier Jahren schon - sinkt.

Produktionseinbruch in der Bauwirtschaft

Fuer die Bauproduktion im Jahr 1996 errechnet sich auf Basis der amtlichen Vorgaben ein Rueckgang um etwa 2,5 vH gegenueber dem Vorjahr. Wahrscheinlicher ist jedoch eine Rate, die bei 3 bis 4 vH liegt. (Siehe Kasten Seite 54; Westdeutschland -4 vH, Ostdeutschland -2 vH). Zu dem Rueckgang trug auch der witterungsbedingte Produktionseinbruch im ersten Quartal bei, der in den Folgemonaten schwer aufzuholen war; allerdings waren auch von der Nachfrage kaum neue Impulse zu verzeichnen. Am deutlichsten waren diese noch im Wohnungsbau, im Ostteil des Landes nach wie vor bedingt durch steuerliche Fristsetzungen bei der Kapitalanlage zur Vermietung, im Westteil allein vom Eigenheimbau ausgehend, dessen Rahmenbedingungen von der monetaeren und der steuerlichen Seite zur Zeit guenstig sind. Eher enttaeuschend blieb die Nachfrage nach gewerblichen Bauten. Hier sind es nach wie vor die Ueberangebote an Buero- und Gewerbeimmobilien aus Investitionen der Vorjahre, die in West- und Ostdeutschland neue Vorhaben im Immobiliensektor zur Vermietung als risikoreich erscheinen lassen. Der klassische Wirtschaftsbau, d.h. von Unternehmen fuer eigene Zwecke finanzierte Investitionen, und der Tiefbau (Energiewirtschaft, Bahn und Post) zeigen in Westdeutschland zwar eine leichte Belebung, koennen aber den Rueckgang bei Buerogebaeuden nicht ausgleichen. Im oeffentlichen Bau setzte sich der in Westdeutschland schon seit Jahren anhaltende Rueckgang fort, aber auch in Ostdeutschland war ein staerkeres Minus zu verzeichnen als 1995.

In diesem Jahr ist trotz eher optimistischer Annahmen fuer die gesamten Bauinvestitionen nochmals mit einem Minus von 1 vH zu rechnen. Im Wohnungsbau wird es in den neuen Bundeslaendern einen deutlichen Rueckgang geben, denn die Streckungsmoeglichkeit von Bauauftraegen mittels Vorauszahlungen zur Wahrung der 50 v.H.-Sonderabschreibung, die 1996 gegeben war, duerfte schwerlich in groesserem Umfang genutzt worden sein, weil bereits fertige Gebaeude in Ueberzahl zum Kauf bereitstanden. Bei den 1996 noch anhaltend hohen Genehmigungen duerfte es sich zu einem Teil um aeltere Projekte handeln, deren Bauausfuehrung mangels Nachfrage gefaehrdet ist. In Westdeutschland haengt die Entwicklung der Bauinvestitionen nicht zuletzt davon ab, ob der Nachfragerueckgang im Mietwohnungsbau zum Stillstand kommt. An sich sind die Aussichten von den Kostenbedingungen her guenstig und auch die Vermietungschancen werden allmaehlich wieder besser beurteilt. Moeglicherweise ergibt sich jedoch ein Attentismus durch die Ankuendigungen zur Steuerreform; hier ist es insbesondere die geplante Besteuerung von Veraeusserungsgewinnen beim Privatvermoegen, die die Renditekalkulation vieler Investoren kuenftig druecken duerfte.

Der oeffentliche Bau wird, bedingt durch die prekaere Finanzlage der Gebietskoerperschaften, sowohl im Westen wie auch im Osten weiter zurueckgehen.

Schwaeche bei den Ausruestungsinvestitionen setzt sich fort

Entscheidend fuer die wirtschaftlichen Aussichten ueber das Jahr hinaus ist die Entwicklung der Ausruestungsinvestitionen in Deutschland und in Europa insgesamt. Zwar ist das Gewicht dieser Investitionen weit geringer als etwa das des Staatsverbrauchs, doch ist die Bereitschaft der Unternehmen, in Ausruestungen zu investieren, das sicherste Merkmal fuer die Stabilitaet einer Aufwaertsentwicklung, und vor allem ueber neue Ausruestungen entsteht letztlich hoehere Produktivitaet, aus der hoehere Einkommen gezahlt werden koennen. Die Dynamik dieser Investitionen war seit 1994 aeusserst verhalten. Nach dem tiefen Einbruch des Jahres 1993 war zumeist eine rasche Erholung der Investitionstaetigkeit der Unternehmen und in deren Gefolge ein selbstragender Aufschwung erwartet worden. Tatsaechlich sind aber die Ausruestungsinvestitionen in Deutschland 1994 nochmals leicht ruecklaeufig gewesen und auch in den beiden vergangenen Jahren nur wenig gestiegen.

Ueber die Gruende fuer die Investitionslethargie und die damit eng verbundene geringe Einstellungsbereitschaft der deutschen Unternehmen wird vielfach geraetselt. Die Wirtschaftspolitik beklagt die zoegerliche Haltung der Unternehmen, hat sie, aus ihrer Sicht, doch alles notwendige getan, um die Unternehmen zu einer mutigeren Haltung zu bewegen. Auch in der Wissenschaft werden, wie juengst im Gutachten des Sachverstaendigenrates, Erklaerungen gesucht, ist doch aus der Sicht der Angebotstheorie die gegenwaertige Situation durch hervorragende Angebotsbedingungen gekennzeichnet. Fast alle die Bedingungen, die jahrelang eingefordert wurden, sind laengst verwirklicht:

- Die Einkommensverteilung hat sich in den vergangenen 15 Jahren in ganz Europa massiv zugunsten der Unternehmen verbessert. Der Anstieg der Realloehne - inklusive der Lohnzusatzkosten - ist weit hinter dem Anstieg der Arbeitsproduktivitaet zurueckgeblieben. Die Arbeitseinkommensquote wird im Jahre 1997 fuer Westdeutschland auf das Niveau vom Anfang der sechziger Jahre sinken.

- Die staatliche Entlastung der Investoren, die ein zentraler Baustein der angebotspolitischen Ueberlegungen war, ist in fast allen Industrielaendern vorangetrieben worden. In Deutschland betraegt die Quote der Steuern am Bruttoeinkommen aus Unternehmertaetigkeit und Vermoegen heute weniger als 25 vH, nachdem sie zu Anfang der achtziger Jahre bei ueber 35 vH gelegen hatte.

- Ein hohes Mass an Preisstabilitaet, das ein G-7 Gipfel im Jahre 1978 als Voraussetzung fuer die Schaffung von Arbeitsplaetzen bezeichnet hatte, ist heute in fast allen Laendern realisiert.

Trotz dieser hervorragenden Angebotsbedingungen hat es nicht nur keine wesentliche Beschleunigung der Investitionsdynamik in Deutschland und Europa gegeben, das westliche Europa hat in den neunziger Jahren sogar die schlechteste Investionsentwicklung seit dem 2. Weltkrieg zu verzeichnen (Schaubild 11). Westdeutschland hat dank des finanzpolitisch induzierten Vereinigungsbooms und hoher Wettbewerbsfaehigkeit zunaechst noch relativ gut abgeschnitten. In Frankreich und Italien gab es dagegen eine extrem lange Phase stagnierender oder gar abnehmender Investitionstaetigkeit. Auch Grossbritannien schnitt in den neunziger Jahren sehr schlecht ab und hat sich erst juengst vom Rest Europas etwas abkoppeln koennen. Ganz anders in den USA: Nach einem kurzen Einbruch in der Rezession zu Beginn dieses Jahrzehnts nahm die Investitionsdynamik dort kontinuierlich zu und gab, wie in allen anderen Laendern, erst im Zuge der vom amerikanischen Federal Reserve System gewollten Bremsung durch Zinserhoehungen im Jahr 1994 nach. Inzwischen hat sie sich aber schon wieder erholt.

Der Versuch einer Deutung der gegenwaertigen Investitionsschwaeche in einem rein nationalen Rahmen fuehrt nicht weiter. Zunaechst ist es methodisch zweifelhaft, die "Gewinn-ErloesRelation", eine gesamtwirtschaftliche Umsatzrendite, der Investitionsentwicklung "in Mrd. DM" gegenueberzustellen, wie es der Sachverstaendigenrat tut. Zieht man stattdessen eine Investitionsquote oder Veraenderungsraten der Ausruestungsinvestitionen, wie in Schaubild 12 und 13 geschehen, heran, dann ist der Zusammenhang zwischen beiden Groessen nicht sonderlich ausgepraegt.

Insbesondere die Phase der fundamentalen Verbesserung der Umsatzrendite in der ersten Haelfte der achtziger Jahre schlaegt sich nicht in einem entsprechenden Anstieg der Investitionsquote nieder. Erst der weltweite Investitionsboom Ende der achtziger Jahre und die deutsche Vereinigung bringen einen zusaetzlichen Schub an Investitionen, freilich ohne den darauffolgenden tiefen Einbruch verhindern zu koennen. Eklatant ist jedoch die Schwaeche dieses Erklaerungsversuches am aktuellen Rand. Die Gewinn- ErloesRelation erholt sich nach der Rezession des Jahres 1993 sehr rasch auf den hoechsten Wert der letzten 20 Jahre, waehrend die Investitionsquote, in Westdeutschland zumindest, auf dem tiefsten Niveau verharrt, das sie seit 1960 hatte.

Die Erklaerung der Investitionstaetigkeit mit einer Renditegroesse alleine aber ist, schon aus theoretischen Gruenden, nicht sinnvoll. Angemessen ist vielmehr der Vergleich der erwarteten Rendite mit der Rendite einer Alternativanlage, in der Regel dem Zins auf Geld- oder Kapitalanlagen. In einer Volkswirtschaft gibt es zweifellos immer eine Reihe von Investitionsprojekten, deren erwartete Rendite so hoch ist, dass sie unabhaengig von Zinsschwankungen durchgefuehrt werden. Darum aber geht es nicht. Fuer die Wachstumsdynamik einer Volkswirtschaft ist das entscheidend, was an der Grenze passiert , also, wieviele Investitionsprojekte zusaetzlich in Angriff genommen werden und wieviele Arbeitsplaetze damit zusaetzlich geschaffen werden koennen. Fuer diese Veraenderung der Investitionsdynamik ist das Verhaeltnis von erwarteter Rendite und Kapitalmarktzins (beides real oder nominal) ausschlaggebend. Immer gibt es Investitionsvorhaben, die bei niedrigeren Zinsen gerade noch oder bei hoeheren gerade nicht mehr rentabel sind.

Fuer die Vergangenheit laesst sich zwischen der Zins-Rendite- Relation und der Veraenderung der Ausruestungsinvestitionen in Westdeutschland auf der Ebene der Gesamtwirtschaft durchaus ein Zusammenhang beobachten (Schaubild 13). Aber auch hier zeigt sich in den neunziger Jahren eine deutliche Lockerung: Im Jahr 1993 kam es zu einem tiefen Einbruch der Investitionen, obwohl die Rendite-ZinsRelation auf dem erreichten hohen Niveau verharrte. Betrachtet man die Renditeverlaeufe in den wichtigsten Sektoren der Volkswirtschaft, aendert sich das Bild. Waehrend die amtliche Statistik bei den Dienstleistungen, fuer die allerdings die am wenigsten belastbaren Informationen vorliegen, einen ungebrochenen Anstieg der Renditen ausweist, verzeichnet das verarbeitende Gewerbe nach 1991 einen dramatischen Einbruch seiner Sachkapitalrendite auf das tiefste Niveau seit 1960. Entscheidend duerfte dafuer die europaeische Investitionsschwaeche in den neunziger Jahren und die Aufwertung der D-Mark in den fruehen neunziger Jahren gewesen sein, die fuer das exportorientierte verarbeitende Gewerbe auch mit Hilfe der positiven Effekte der deutschen Vereinigung nicht auszugleichen waren.

Im verarbeitenden Gewerbe brachte diese Entwicklung zusammen mit dem ihn zeitweilig noch verstaerkenden Zinsanstieg einen Einbruch der Investitionstaetigkeit mit sich (Schaubild 13), der von den uebrigen Bereichen nicht ausgeglichen wurde. Nicht leicht zu erklaeren ist aber auch hier die Entwicklung in den letzten beiden Jahren: Die Investitionstaetigkeit erholt sich zwar etwas, erreicht 1995 den positiven Bereich, hat sich jedoch zuletzt wieder abgeschwaecht. Die Rendite-Zins- Relation bleibt auf dem gedrueckten Niveau, obwohl die Zinsen - bei Betrachtung der jahresdurchschnittlichen Werte - niedrig bleiben.

Fuer eine prognostische Umsetzung stoesst an dieser Stelle eine Analyse auf der Basis von Jahresdurchschnittswerten an Grenzen. Der kraeftige Anstieg der langfristigen Zinsen im Jahre 1994 etwa, der fuer den juengsten Rueckschlag bei der Investitionstaetigkeit in Europa verantwortlich war, verschwindet in den Jahresdurchschnitten nahezu, da er schon 1995 wieder korrigiert wurde. Der Zinsanstieg und die Aufwertung der DMark vom Fruehjahr 1995 sind wohl als die wichtigsten Komponenten einer Erklaerung der anhaltenden Investitionsschwaeche anzusehen, sie sind jedenfalls konsistent mit dem europaeischen und dem amerikanischen Befund (Schaubild 14). Dafuer, dass die Investitionschwaeche ein Indiz fuer ein deutsches "Standortproblem" sein koennte, wie es der Sachverstaendigenrat vermutet, gibt es keinen Anhaltspunkt. Die Investitionsschwaeche ist - bei unterschiedlichen Verlaeufen zwischen den Laendern - in ganz Europa seit Beginn der neunziger Jahre sehr ausgepraegt. Seit 1989 ist es lediglich in den USA gelungen, die realen Ausruestungsinvestitionen deutlich zu erhoehen. Sie liegen dort heute um mehr als 30 vH ueber dem Wert von Mitte 1989; in Europa und in Deutschland wird lediglich das damalige Niveau gehalten.

Fuer das kommende Jahr ist wiederum nur mit einer leichten Belebung der Ausruestungsinvestitionen zu rechnen. Infolge der Abwertung der D-Mark, der relativ niedrigen langfristigen Zinsen, sehr moderaten Lohnabschluesse aber einer nur zoegerlichen Belebung in Europa wird sich die Rendite im verarbeitenden Gewerbe zwar erhoehen, eine rasche Normalisierung der Rendite-Zins-Relation ist jedoch nicht in Sicht. Angesichts der hohen Auslastung der Kapazitaeten und geringer Arbeitslosigkeit in den USA ist dort in diesem, spaetestens aber im naechsten Jahr mit einer Erhoehung der langfristigen Zinsen zu rechnen. Die europaeische Geldpolitik wird sich dem - wie 1994 - wohl nicht in einem Masse entgegenstellen, wie es notwendig waere, um den europaeischen Investitionszyklus zur Reife kommen zu lassen. Zu sehr ist die europaeische Geldpolitik Gefangene des verbreiteten Befundes, dass die langfristigen Zinsen in Europa, gemessen an der guenstigen Gewinnsituation der Gesamtwirtschaft, ausreichend niedrig sind. Hinzu kommen in dem fuer die Qualifizierung fuer Maastricht entscheidenden Jahr die restriktiven Wirkungen der Finanzpolitik in Europa. Mit einer durchgreifenden Erholung der Investitionstaetigkeit in Deutschland und Europa ist daher weder 1997 noch 1998 zu rechnen.

Zu viele Investitionen im Ausland?

Die Investitionsschwaeche in Deutschland wird vielfach damit zu erklaeren versucht, dass wegen ungeloester Standortprobleme immer mehr deutsche Unternehmen im Ausland, nicht aber in ihre hiesigen Fertigungskapazitaeten investierten und Auslaender sich nicht in ausreichendem Masse in Deutschland engagierten. In der Tat weist die Bilanz der Direktinvestitionen in den vergangenen 10 Jahren einen erheblichen Ueberschuss des Kapitalexports ueber den Import auf (Schaubild 15). Schon ein Blick auf die langanhaltende Investitionslethargie in Westeuropa und die davon besonders betroffenen Laender zeigt aber, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Investitionsschwaeche und der Bilanz der Direktinvestitionen gibt. Laender wie Frankreich, Spanien oder Schweden weisen in den neunziger Jahren zum Teil beachtliche Zufluesse an Direktinvestitionen bei gleichzeitig aeusserst schlechter eigener Investitionskonjunktur auf. Die oftmals im Zusammenhang mit der deutschen Direktinvestitionsbilanz suggerierte Vorstellung, die Direktinvestitionen in einem Land seien umso hoeher, je besser die Ertragsaussichten dort eingeschaetzt werden, bestaetigt sich jedenfalls auf Anhieb nicht.

Dass es kaum schluessige Erklaerungen fuer das Muster der Direktinvestitionsbilanz gibt, hat offenbar sehr viel mit der Art der Abgrenzung von Direktinvestitionen im Vergleich zu anderen Arten des Kapitalexports oder -imports zu tun. Beachtet man dies nicht und analysiert daher die Direktinvestitionen ohne den Zusammenhang mit den uebrigen Posten der Zahlungsbilanz, sind Fehlschluesse kaum zu vermeiden. Nach der Abgrenzung der Deutschen Bundesbank gilt eine Finanzbeziehung als Direktinvestition, wenn der Investor mehr als 20 vH der Anteile oder Stimmrechte einer auslaendischen Firma unmittelbar haelt [1]. Bleibt sein Engagement unterhalb dieser gesetzten Marke, gilt es als Finanzanlage. Das zeigt, was auch der Sachverstaendigenrat konstatiert, dass die Grenze zwischen "...Portfolioinvestitionen und Direktinvestitionen fliessend..." (Jahresgutachten 1996/1997, Tz. 67) ist. Betrachtet man die uebrigen laengerfristigen Anlagen in Deutschland, ergibt sich ein gaenzlich anderer Befund. Bei den Kaeufen von Wertpapieren [2] hat sich insbesondere in den neunziger Jahren ein erheblicher Zufluss von auslaendischen Mitteln ergeben. Mit Ausnahme des Jahres 1994, als langfristige Anlagen in Deutschland wegen des Preisverfalls bei Langlaeufern in grossem Mass gegen kurzfristige getauscht wurden, ueberstieg der Zufluss bei weitem den Abfluss. Im Jahr 1995 etwa wurden per Saldo 84 Mrd. DM von Auslaendern in Deutschland angelegt, aber nur halb soviel von Deutschen im Ausland. In den ersten drei Quartalen dieses Jahres sind bereits ueber 100 Mrd. DM zugeflossen, aber nur 45 Mrd. DM zum Kauf von auslaendischen Papieren abgeflossen. Der "negative" Saldo der Bilanz der Direktinvestitionen wird damit weit mehr als ausgeglichen (Schaubild 15).

Aber hier, ebenso wie bei den Direktinvestitionen, waere der Schluss, Deutschland habe durch diese Zufluesse etwas "gewonnen", unangemessen. Selbstverstaendlich muss die gesamte Bilanz des laengerfristigen Kapitalverkehrs im Zusammenhang mit den uebrigen Komponenten der Zahlungsbilanz, dem kurzfristigen Kapitalverkehr und dem Gueter- und Dienstleistungsaustausch, gesehen und gewuerdigt werden. Der Kapitalzufluss der neunziger Jahre ist schlicht Ausdruck der Tatsache, dass Deutschland im Zuge der Vereinigung vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur von Kapital geworden ist. Das wiederum hat offensichtlich mit der hohen Absorption in Ostdeutschland und der geringen Produktion dort zu tun, nicht aber mit einem Standort- oder Wettbewerbsfaehigkeitsproblem in Westdeutschland.

Dass Auslaender Portfolioinvestitionen der Direktinvestition in Deutschland vorziehen, ist ohne Zweifel auch Folge der hohen Loehne. Das ist aber voellig normal in dem Land, das an der Spitze der Lohn- und Produktivitaetspyramide in der Welt steht. Man investiert in anderen Laendern oder andere Laender gewinnen im internationalen Strukturwandel, wenn die hohe Produktivitaet der am weitesten entwickelten Laender mit den niedrigen Loehnen der weniger entwickelten Laender kombiniert wird [3]. Dieses Investitionsmotiv kann offenbar fuer das Land an der Spitze der Pyramide nicht gelten, obwohl die Rendite auf Sach- und Finanzanlagen im Hochlohnland ebenso hoch oder hoeher als in den Niedriglohnlaendern sein kann. Das Hochlohnland wird folglich unter normalen Umstaenden per saldo "Direktinvestitionen" exportieren. Dieser Effekt wird noch verstaerkt, wenn die Waehrung des Landes an der Spitze aufwertet. Die Tatsache, dass Japan in weit groesserem Ausmass als Deutschland Nettoexporteur bei Direktinvestitionen ist, unterstreicht diesen Zusammenhang. Den Platz an der Spitze aufzugeben, um mehr Direktinvestitionen anzuziehen, waere sicherlich eine absurde "Loesung". Das waere so, als wenn ein Laeufer auf den Sieg in einem Rennen verzichtet, nur um in den Genuss des Windschattens zu kommen.

Ostdeutschland: Aufholprozess vorzeitig beendet

Die Wirtschaft in Ostdeutschland befindet sich erneut an einem Wendepunkt. Nach drei Jahren rascher Expansion droht nun eine Krise, weil die Impulse des Neuaufbaus und der Privatisierung schwaecher werden und Neues nicht an ihre Stelle tritt. Die Bauwirtschaft, deren Gewicht an der gesamten Produktion in den neuen Laendern das in den alten bei weitem uebertrifft, schrumpfte schon im vergangenen Jahr wegen ruecklaeufiger Investitionen der oeffentlichen Hand und der Industrie. Sie wird in diesem Jahr ihre letzte Stuetze - den privaten Wohnungsbau - verlieren und damit deutlich das Ergebnis vom Vorjahr unterschreiten. Auch in der Industrie kann von einer Fortsetzung der Aufholjagd gegenueber dem Westen nicht die Rede sein (Schaubild 10). Die Auftragseingaenge aus dem In- und Ausland stagnieren seit mehr als einem Jahr. Eine Umfrage des DIW vom Herbst vergangenen Jahres zeigt, dass die Industrieunternehmen ihre Lage ueberwiegend weit skeptischer einschaetzen als im Fruehjahr 1995. Auch am Arbeitsmarkt, wo sich nach der Vereinigung die ungeloesten Probleme kumuliert hatten, hinterlaesst die nachlassende Dynamik ihre Spuren. Die Zahl der Arbeitslosen, die im Zuge des Aufschwungs von 1994 zeitweise gesunken war, steigt seit Fruehjahr 1995 wieder, zuletzt sogar beschleunigt.

Haeufig wird darauf verwiesen, dass eine Normalisierung des Wachstumstempos in Ostdeutschland unvermeidlich war und daher die jetzige Verlangsamung hingenommen werden sollte. Die Anpassung an die Verhaeltnisse in Westdeutschland ist aber laengst noch nicht so weit fortgeschritten, dass man zur Tagesordnung uebergehen und eine Expansion im Tempo Westdeutschlands akzeptieren koennte. Der Rueckstand bei der gesamtwirtschaftlichen Produktivitaet lag 1996 noch bei ueber 50 vH, und der Abstand bei den fuer die Wettbewerbsfaehigkeit entscheidenden Lohnstueckkosten betraegt etwa 35 vH und vergroessert sich seit 1995 wieder [4]. Je geleistete Beschaeftigtenstunde belief sich in Ostdeutschland zuletzt die Produktivitaet auf knapp 43 DM; die Loehne pro Stunde lagen bei 29 DM. In Westdeutschland stand dagegen Loehnen von etwa 44 DM pro Stunde eine Produktivitaet von ueber 80 DM gegenueber [5] (Schaubild 16).

Das bedeutet, dass die Betriebe in den neuen Bundeslaendern im Durchschnitt viel zu geringe Gewinne erzielen, um im Wettbewerb bestehen zu koennen. Unmittelbarer Ausdruck dessen ist die Eigenkapitalschwaeche vieler Unternehmen. Selbst in der Industrie, wo viele neue Betriebe entstanden sind und im Zuge des Privatisierungsprozesses vieles modernisiert wurde, ist der Abstand bei der Wettbewerbsfaehigkeit zum Westen noch betraechtlich. Das liegt vor allem daran, dass der Kapitalstock je Erwerbstaetigen auch in der Industrie bei weitem noch nicht das Niveau des Westens erreicht hat; nach Schaetzungen des DIW duerfte er erst etwa 3/4 des Wertes in den alten Laendern betragen. Die Kombination von Gewinnschwaeche und mangelnder Kapitalausstattung verhindert von vornherein eine Selbstheilung. Wird nicht erneut von aussen interveniert, wird Ostdeutschland nicht in absehbarer Zeit zu einem selbsttragenden Aufschwung finden. Auf viele Jahre hinaus waere die Chance eines Aufholens vertan. Spaeter wird der Versuch, den Aufholprozess dann wieder in Gang zu setzen, weit groessere staatliche Mittel erfordern und damit politisch viel schwerer durchsetzbar sein.

Wachstum insgesamt zu schwach

Alles in allem wird die deutsche Wirtschaft nach 1,5 vH 1996 [6] in diesem Jahr um etwa 2 vH expandieren. Das Ziel eines angemessenen Wachstums wird damit verfehlt. Das Wachstumstempo ist naemlich einerseits nicht ausreichend, um Entlastung am Arbeitsmarkt zu bringen (Schaubild 17), und andererseits viel zu gering, um den noch immer bestehenden Herausforderungen aus der Deutschen Einigung gerecht zu werden. Die Arbeitslosigkeit in Ost und West wird bis weit in das naechste Jahr hinein steigen, in der Spitze werden 4,5 Millionen Menschen keine Arbeit haben. Aeusserst erfolgreich ist Deutschland lediglich bei der Preisstabilitaet; auf der Verbraucherstufe werden die Preise kaum noch steigen, auf der Erzeugerstufe sogar weiter sinken.

Insbesondere die dramatische Verlangsamung der wirtschaftlichen Dynamik in den neuen Bundeslaendern ist Anlass zu grosser Besorgnis. Hier muessten auf viele Jahre hinaus Wachstumsraten in der Groessenordnung von 4 bis 5 vH erzielt werden, damit Ostdeutschland zu Westdeutschland aufschliessen kann. Aber auch fuer Westdeutschland ist die Entwicklung enttaeuschend. Seit dem Ende der Rezession im Jahre 1993 bis zum Ende des vergangenen Jahres ist die deutsche Wirtschaft insgesamt lediglich um 5,5 vH gewachsen. Das ist - trotz Vereinigung - weit weniger als das, was im bisher schwaechsten Aufschwung Anfang der achtziger Jahre von Westdeutschland allein erreicht wurde. Dafuer weltweite Veraenderungen oder die Globalisierung verantwortlich zu machen, ist mehr als fragwuerdig. Nimmt man alles zusammen, waren die Exporte insbesondere diejenigen in die Niedriglohnlaender Asiens und Osteuropas - trotz einer erheblichen Aufwertung die einzige dynamische Komponente der Gesamtnachfrage. Waehrend die Inlandsnachfrage seit Beginn der Aufwaertsentwicklung nur um knapp 7 vH zulegte, stieg der Export um fast 20 vH.

Wirtschaftspolitische Ueberlegungen
Sparen als Voraussetzung zum Investieren?

Das "Sparen" ist in den vergangenen Jahren immer mehr zu einer zentralen Zielvorstellung der Wirtschaftspolitik geworden. Die Bundesregierung beschliesst "Sparpakete", um die wirtschaftlichen Herausforderungen im Gefolge der deutschen Waehrungsunion und im Vorfeld der europaeischen Waehrungsunion zu meistern. In ganz Europa ist nach den Vorstellungen der Wirtschaftspolitiker staatliches Sparen gefordert, um die kuenftige europaeische Waehrung stabil und die europaeische Wirtschaft wettbewerbsfaehig zu machen. Der gerade beim europaeischen Gipfel in Dublin verabschiedete Stabilitaetspakt setzt konsequent darauf, dass eine "solide" Finanz- und Wirtschaftspolitik die wichtigste Vorausetzung fuer die Schaffung von ausreichend vielen Arbeitsplaetzen ist.

Eng verbunden mit der Einschaetzung der wirtschaftspolitischen Bedeutung des "Sparens" ist die Ueberzeugung, der "Sozial- oder Wohlfahrtsstaat" sei die eigentliche Ursache der wirtschaftlichen Probleme und insbesondere der Arbeitslosigkeit. Der Sozialstaat sei "inhaerent instabil", weil er die Leistungsfaehigkeit und -willigkeit der Buerger ueberfordere, er muesse folglich abgespeckt oder umgebaut werden. Wenn alle den Guertel enger schnallen, also "sparen", so die Verheissung, werde "am Ende" mehr Konsum moeglich sein. Nur wer heute weniger ausgibt, also etwas zuruecklegt, koenne investieren und morgen die Fruechte seiner Investition ernten.

Diese Vorstellung ist nicht neu. Sie ist sogar naheliegend, beschreibt sie doch korrekt das Verhalten und die wirtschaftlichen Moeglichkeiten eines einzelnen Haushaltes oder eines Unternehmens. In einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung aber, und das ist fuer die Wirtschaftspolitik die einzig relevante Sichtweise, fuehrt die Idee des der Investition vorangehenden Sparens in die Irre. Der Kern des Missverstaendnisses liegt in der immer gewaehrleisteten Identitaet von realisiertem Sparen und realisiertem Investieren. Fuer die Zukunft lassen sich aber daraus keine Schluesse ziehen. Die Entscheidung eines privaten oder eines staatlichen Haushaltes, in der Zukunft von den ihm zufliessenden Einnahmen weniger auszugeben, erhoeht die Investitionstaetigkeit der Volkswirtschaft insgesamt nicht ohne weiteres. Sogar das Gegenteil ist richtig: Entschliessen sich die wichtigsten Gruppen einer Wirtschaft, private Haushalte, der Staat und das Ausland, in der naechsten Periode bei den unter normalen Umstaenden zu erwartenden Einnahmen einen Ueberschuss der Einnahmen ueber die Ausgaben zu erzielen, wird die Investitionstaetigkeit, d.h., das gesamtwirtschaftliche Sparen, mit Sicherheit abnehmen. Die Unternehmen als Gruppe verzeichnen dann sinkende Einnahmen, was sie veranlassen wird, weniger zu investieren und Arbeitskraefte zu entlassen. Die privaten Haushalte und der Staat koennen in diesem Fall die erwarteten Einnahmen nicht erzielen und folglich den urspruenglich geplanten Ueberschuss der Einnahmen ueber die Ausgaben nur zu realisieren versuchen, indem sie wiederum ihre Ausgabeplaene nach unten anpassen. Doch auch darauf muessen die Unternehmen erneut mit der Verminderung ihrer Ausgaben fuer Arbeit und Vorleistungen reagieren.

Umgekehrt ist mehr Ausgeben haeufig der Weg, bei dem am Ende am meisten investitionswirksam gespart wird. Planen alle bei einem bestimmtem erwarteten Einkommen mehr auszugeben als zuvor, so ist das fuer die Unternehmen Anlass, in mehr neue Sachanlagen zu investieren und mehr Arbeitskraefte zu beschaeftigen. Das Einkommen ist dann hoeher als erwartet, und damit ist auch - selbst bei konstantem Anteil des Sparens am Einkommen des Staates und der privaten Haushalte (Defizit- oder Sparquote) - die insgesamt investierte und gesparte Summe groesser.

Dieser Einnahmen-Ausgaben-Logik kann man sich nur mit Hilfe einer Argumentation bezueglich der Wirkungen des geplanten Sparens oder Nicht- Sparens auf die Kapitalmaerkte entziehen. Nur wenn der Versuch der oeffentlichen und privaten Haushalte, ihren Einnahmeueberschuss zu vergroessern oder den Ausgabeueberschuss abzubauen, am Kapitalmarkt zu einer so starken Zinssenkung fuehrt, dass die negative Wirkung der geringeren Einnahmen fuer die Unternehmen dadurch ausgeglichen wird, ist die Investitionstaetigkeit insgesamt nicht gefaehrdet. Es ist erstaunlich, dass gerade im Zeitalter liberalisierter und globalisierter Kapitalmaerkte in der Argumentation der nationalen Wirtschaftspolitik hinsichtlich der staatlichen Verschuldung immer wieder auf diesen Zusammenhang zurueckgegriffen wird. Noch niemals war die weltweite Verflechtung der Kapitalmaerkte und damit der internationale Zinszusammenhang so eng wie heute, noch niemals haben die Maerkte in einem Ausmass wie heute die Reaktionen der Notenbanken in ihr Kalkuel aufgenommen und noch niemals haben politische Entscheidungen so rasch die Wechselkursaenderungserwartungen fuer eine Waehrung beeinflussen koennen, wie juengst die Angleichung der Zinsen in Italien und Spanien an das deutsche Niveau gezeigt hat. Die Vermutung, dass gerade in dieser Welt massiver Bewegungen beim Kapitalangebot, ausgeloest durch gewaltige Umschichtungen beim Bestand an Wertpapieren, nationale Einnahmeund Ausgabeentscheidungen des Staates oder der privaten Haushalte einen Einfluss auf den Zins in der noetigen Quantitaet und in der richtigen Richtung haben, ist durch nichts zu belegen.

Richtig ist allerdings, dass wegen der Volatilitaet der Maerkte nationale Entwicklungen die Erwartungen der Marktteilnehmer beeinflussen koennen. Doch das ist ein Argument gegen die Politik des einzelwirtschaftlichen Sparens und nicht dafuer. Sonst muesste man annehmen, die Maerkte honorierten zum Scheitern verurteilte Versuche, das nationale Sparen mittels einzelwirtschaftlicher Sparaktionen zu erhoehen, nicht aber die Ergebnisse der Politik. Doch ob die Bewertung der Maerkte in allen Faellen angemessen ist, ist eine offene Frage. So haette man beispielsweise vermuten muessen, dass eine Politik, die eine drastische Verminderung der Sparquote der privaten Haushalte in den vergangenen fuenf Jahren in Deutschland zugelassen oder gar gefoerdert hat, von den Anlegern auf den internationalen Kapitalmaerkten mit Abwertungserwartungen und hohen langfristigen Zinsen bestraft wird.

Der Sozialstaat und die deutsche Vereinigung

Neben der Globalisierung wird das Ausufern des Sozialstaates als eine der Ursachen fuer die Abgabenhoehe und die hohe Arbeitslosigkeit genannt. Die Vorstellung ist weit verbreitet, dass Deutschland "ueber seine Verhaeltnisse gelebt" oder "zu sehr aus dem Vollen geschoepft habe". Der am haeufigsten verwendete Beleg dafuer ist der Anstieg der "Staatsquote" (Relation von Staatsausgaben zu nominellem Bruttoinlandsprodukt) von 45,8 vH im Jahr 1989 auf 50,5 vH im vergangenen Jahr. Das ist in gewisser Weise richtig, hat aber ganz andere Ursachen als die, die ueblicherweise dafuer herangezogen werden. In der oeffentlichen und politischen Diskussion wird der Eindruck erweckt, es sei gerade in den neunziger Jahren zu einer Schieflage des sozialen Systems gekommen, weil das Leistungsniveau ueberhoeht sei und das System dazu tendiert, von denen ausgenutzt zu werden, die in den Genuss der in ihm umverteilten Mittel kommen. Dabei wird uebersehen, dass der Anstieg der Staatsquote fast ausschliesslich auf die wirtschaftspolitischen Grundentscheidungen im Zuge der deutschen Vereinigung und deren wirtschaftliche Folgen zurueckzufuehren ist. Nach Berechnungen des DIW sind mindestens zwei Drittel des Anstiegs der Staatsquote der Vereinigung zuzurechnen. Die Umverteilung von West nach Ost erreichte in den letzten Jahren eine Summe zwischen 150 und 200 Mrd. DM jaehrlich. Eine solche Summe, etwa 6 vH des gesamtdeutschen Bruttoinlandsprodukts oder 11 vH der gesamten staatlichen Ausgaben, muss wie alles, was der Staat verteilt, von anderen aufgebracht werden. Angesichts der politischen Entscheidungen zur Verwirklichung der deutschen Einheit auf dem gewaehlten Wege war eine massive Anhebung der staatlichen Abgaben und/oder der staatlichen Verschuldung unumgaenglich.

Wer dafuer plaediert, den Staatsanteil durch Senkung der staatlichen Ausgaben rasch auf den Wert von 1989 zurueckzufuehren, verlangt in der Regel ohne es auszusprechen, dass alle diejenigen, die Nutzniesser staatlicher Umverteilung im weitesten Sinne sind, die Lasten der deutschen Einigung zu einem erheblichen Teil tragen sollten. Aber auch dafuer gibt es keine Begruendung. Wenn es Konstruktionsfehler in den Systemen der sozialen Sicherung gibt, deren Korrektur es erlaubt, die gleichen Ziele mit geringerem Aufwand zu erreichen, sollten diese Fehler beseitigt werden. Der pauschale Versuch einer Senkung der Staatsquote fuegt in der Regel den alten Fehlern neue hinzu, ohne die Probleme wirklich loesen zu koennen.

Ein Beispiel dafuer unter vielen ist die Diskussion um die Zukunft der Rentenversicherung. Vielfach wird argumentiert, man muesse die Finanzierung der Rentenversicherung grundlegend umstellen, weg von dem heute praktizierten Umlageverfahren, bei dem die jetzt Arbeitenden die Renten der vorangegangenen Generationen finanzieren, auf ein Kapitaldeckungsverfahren, bei dem der einzelne anspart, um seine Rente durch Zinsen und Entsparen von Vermoegen in der Zukunft scheinbar selbst zu finanzieren. Aber ein Kapitaldeckungsverfahren haette die Probleme der deutschen Einigung bei den gleichen politischen Grundentscheidungen ebensowenig loesen koennen wie das vorhandene System. In Ostdeutschland ist ja gerade kein Kapitalstock vorhanden, aus dem heraus eine Rente fuer die Bevoelkerung dort bezahlt werden koennte. Haette die Bevoelkerung in der DDR frueher angespart, haette es auch nicht geholfen, denn der Kapitalstock waere auch dann entwertet worden. Haette man bei einem Kapitaldeckungsverfahren nicht auf die Rentenversicherung zur Finanzierung der Kosten der Einigung zurueckgreifen koennen, waeren die Steuern staerker erhoeht worden. Der einzelne haette dann, um seinen Rentenanspruch, also seinen Anspruch auf Konsum zu einem spaeteren Zeitpunkt zu erhalten, auf Konsum heute verzichten muessen. Bei einer solchen Notwendigkeit zur Umverteilung, wie sie im Zuge der Vereinigung entstanden ist, haette ein anderes Rentensystem keine besonderen Vorteile geboten.

Das gilt uebrigens auch fuer den Fall einer starken Ueberalterung der Bevoelkerung, wie er zu Beginn des neuen Jahrtausends in Deutschland und Europa droht: Heute angespartes Kapital kann nur angemessen bedient werden, wenn auch spaeter ein ausreichend grosser wettbewerbsfaehiger Kapitalstock zur Verfuegung steht. Ist das nicht der Fall, weil die erwerbstaetige Bevoelkerung stark schrumpft, muessen auch die Ansprueche aus dem angesparten Kapital reduziert werden. In jeder Wirtschaftsform kann Einkommen immer nur aus der Nutzung des vorhandenen Kapitalstocks fliessen. Die Anfaelligkeit eines Kapitaldeckungesverfahrens gegenueber demographischen Schwankungen mag bei offenen Kapitalmaerkten dadurch etwas gemildert werden, dass Ersparnisse in bevoelkerungsreichen Laendern angelegt werden koennen. Dieser Moeglichkeit sind aber enge Grenzen gesetzt. Die kapitalexportierenden Laender muessen als Korrelat des Kapitalexports Leistungsbilanzueberschuesse realisieren, deren Arbeitsmarkt- und Kapitalmarktwirkungen von den kapitalimportierenden Laendern auf Dauer hingenommen werden muessen. Das wiederum bedeutet, wie die Entwicklung in Japan und Deutschland in den achtziger Jahren gezeigt hat, dass die Ueberschusslaender in hohem Masse Aufwertungsrisiken zu tragen haben, die zum einen die Auslandsanlagen rasch und massiv entwerten koennen und zum anderen die eigene Wirtschaft schwer schaedigen. Eine Immunisierung des Kapitaldeckungsverfahrens gegen Veraenderungen in der Altersstruktur gibt es daher nicht.

Ein weiteres Beispiel ist die Versorgung der Bevoelkerung mit Gesundheitsdienstleistungen. Es entspricht offenbar den Praeferenzen der Bevoelkerung, bei steigendem Wohlstand vermehrt Gesundheitsdienstleistungen nachzufragen. In Deutschland wird das aber durchweg als Problem empfunden, weil die Finanzierung zu einem erheblichen Teil ueber staatlich vorgeschriebene Zwangsabgaben erfolgt und angesichts vermutlich geringerer Produktivitaetsfortschritte als in der Industrie die Preise in diesem Sektor schneller steigen als anderswo, so dass ein steigender Teil des Einkommens dafuer aufgewendet wird. Im Zuge des pauschalen Versuchs, den Staatsanteil zu vermindern, wird eine Vielzahl ordnungspolitisch aeusserst bedenklicher Massnahmen eingeleitet, die die Effizienz der Gesundheitsversorgung verschlechtern und damit den Praeferenzen der Bevoelkerung zuwiderlaufen. Auch kann man die Einkommensentwicklung im Gesundheitssektor von der im Rest der Wirtschaft nicht generell abkoppeln. Folglich muss man Regelungen finden, die langfristig Missbrauch auf der Seite der Anbieter und der Nachfrager von Gesundheitsdienstleistungen vermeiden helfen. Ein richtiger Schritt war sicherlich der Risikostrukturausgleich zwischen den Kassen. Nicht hilfreich war aber der Versuch der Gesundheitspolitik, die Kosten kurzfristig zu "deckeln" oder die Einnahmen der Kassen zu plafondieren, ohne ihnen hinreichende Moeglichkeiten zu geben, ihre Mittel effizient zu verwenden.

Der Sozialstaat als solcher ist nicht instabil. Aber er kann, wie jedes System der Umverteilung, ueberfordert werden, wenn, wie im Zuge der deutschen Einigung geschehen, ihm zusaetzliche Leistungen abverlangt werden, fuer die von der Politik auf lange Frist die Solidaritaet der gesamten Gesellschaft haette eingefordert werden muessen. Zudem ist die Funktionsfaehigkeit des marktwirtschaftlichen Systems abhaengig von einer ausreichenden Dynamik der Entwicklung. Ist diese, wie vor allem in den neunziger Jahren in Westeuropa, nicht gegeben, kommt es unweigerlich zu Belastungen aus zunehmender Erwerbslosigkeit, die die staatlichen Kassen ebenso wie die Sozialversicherungen zu steigenden Abgaben zwingen. Doch der Sozialstaat ist nicht die Ursache der Arbeitslosigkeit. Loehne und Lohnnebenkosten sind in fast allen Laendern Europas in den gesamten achtziger Jahren weniger stark gestiegen als die Produktivitaet und die Preise, so dass sich die Gewinnsituation durchweg verbessert hat. Die Arbeitslosigkeit ist vielmehr die zentrale Ursache der Probleme des Sozialstaates. Die Arbeitslosigkeit wiederum ist aber die Folge eines ungeeigneten Politikansatzes, weil gesamtwirtschaftliches Denken an den Rand gedraengt wurde und die Wirtschaftspolitik in Europa in immer staerkerem Masse auf ungeeignete einzelwirtschaftliche Analogien baut.

Finanzpolitik

Die Finanzpolitik steckt in der Klemme. Sie konnte auch 1996 ihr Ziel, die Haushaltsdefizite zu verringern, nicht erreichen. Im Gegenteil - die Defizite waren mit 137 Mrd. DM bzw. 3,9 vH des nominalen Bruttoinlandsproduktes so hoch wie nie zuvor. Ursaechlich fuer diese Entwicklung waren insbesondere die schleppende Konjunktur und in ihrem Gefolge eine weitere Verschlechterung der Arbeitsmarktlage. Einerseits blieben die Steuereinnahmen weit hinter den urspruenglichen Schaetzansaetzen der Bundesregierung zurueck, zum anderen waren die Defizite der Bundesanstalt fuer Arbeit weit hoeher als geplant. Weitere Faktoren waren die ungebremste Ausgabendynamik im Gesundheitswesen sowie die steuerliche Freistellung des Existenzminimums und Neuregelung des Kindergeldes. Gemessen an der Entwicklung des nominalen Produktionspotentials sind die Einnahmen des Staates um 45 Mrd. DM hinter dem "Soll" zurueckgeblieben, d.h. in dieser Hoehe sind stuetzende Impulse - teils geplant, teils bedingt durch die Wirkung der "built-in-flexibility" - auf die Wirtschaft ausgegangen. Sie wurden auf der Ausgabenseite um 24 Mrd. DM geschmaelert, denn in dieser Hoehe haben die Ausgaben (ohne Beruecksichtigung der Zinsausgaben) das Potentialwachstum unterschritten.

Wie in den Vorjahren war auch 1996 der Strategie, konjunkturbedingte Mindereinnahmen durch Ausgabenkuerzungen auszugleichen, kein Erfolg beschieden. Dies verwundert nicht, denn restriktives Handeln in einem labilen konjunkturellen Umfeld bewirkt letztlich das Gegenteil dessen, was angestrebt ist. Anders als ein einzelnes Wirtschaftssubjekt muss der Staat die gesamtwirtschaftlichen Rueckwirkungen seiner Politik beruecksichtigen. In einer Phase ruecklaeufiger oder stagnierender Wirtschaftsaktivitaeten schlagen staatliche Ausgabekuerzungen weitaus staerker zu Buche als in einer Phase, in der Investoren und Konsumenten bereit sind, wieder mehr auszugeben. Um so mehr kommt es darauf an, dass die Finanzpolitik durch eine offensivere Politik die Voraussetzungen hierfuer schafft, also nicht nur bereit ist, konjunkturbedingte Defizite hinzunehmen, sondern der Wirtschaft zusaetzliche Nachfrageimpulse zu vermitteln.

Doch die finanzpolitischen Ueberlegungen der Entscheidungstraeger gehen nicht in diese Richtung. Die Politik steht ganz im Banne von Maastricht. Primaeres Ziel der Planungen fuer 1997 ist es, die Haushaltsdefizite von Bund, Laendern, Gemeinden und der Sozialversicherungen durch eine weitere Beschneidung der Ausgaben unter die Marke von 3 vH des Bruttoinlandsproduktes zu druecken. Allerdings ist fraglich, ob ihr dies gelingt. Folgt man den Schaetzungen des DIW, so wird das Staatsdefizit in diesem Jahr eine Groessenordnung von 125 Mrd. DM erreichen; dies waeren 3,4 vH des Bruttoinlandsprodukts. Dabei ist schon eine restriktive Ausgabenpolitik unterstellt. Der Staatsverbrauch duerfte lediglich um 1,5 vH steigen; die Gesundheitsausgaben nehmen deutlich abgeschwaecht zu. Auch der grosse Block der Transferausgaben wird voraussichtlich nur schwach expandieren (2 vH); hier wirken sich die geringen Rentenanpassungen sowie die Sparmassnahmen beim Krankengeld und bei den Leistungen der Arbeitslosenversicherung aus. Weiterhin ruecklaeufig werden sich die oeffentlichen Investitionsausgaben entwickeln (-2 vH).

Insgesamt duerften die Ausgaben um 2 vH zunehmen. Dem steht bei den Einnahmen ein Zuwachs von voraussichtlich knapp 3 vH gegenueber. Dabei werden sich die Steuereinnahmen unterproportional entwickeln, zum einen wegen des schleppenden Konjunkturverlaufs, zum anderen aufgrund der Steuerrechtsaenderungen. Etwas staerker werden die Sozialbeitraege expandieren, vor allem wegen der Anhebung der Beitragssaetze zur Rentenversicherung, aber auch aufgrund der zur Mitte des Vorjahres erhoehten Beitraege zur Pflegeversicherung. Gemessen an der voraussichtlichen Entwicklung des nominalen Produktionspotentials duerften die Einnahmen um 10 Mrd. DM hinter dem "Soll" zurueckbleiben. Doch wird diesem expansiven Impuls wohl ein restriktiver Impuls auf der Ausgabenseite in Hoehe von etwa 31 Mrd. DM gegenueberstehen.

Die Fixierung auf die Maastricht-Kriterien hat nicht nur zur Folge, dass die gesamtwirtschaftlichen Rueckwirkungen einer restriktiven Politik ausgeblendet bleiben - hierzu hat das DIW dezidiert im Sommer Stellung bezogen [7] -, sondern treibt die Politik in eine Hektik, die das Gegenteil einer mittelfristig ausgerichteten, dem Ziel eines hohen Beschaeftigungsgrades verpflichteten Politik ist. War es den finanzpolitischen Entscheidungstraegern bereits in der Vergangenheit schwer gefallen, die in das Steuer- und Transfersystem eingebauten Stabilisatoren voll zur Wirkung kommen zu lassen, so scheint sich dieses Spiel auch 1997 fortzusetzen: Infolge der Massenarbeitslosigkeit geraet die Bundesanstalt fuer Arbeit immer mehr in finanzielle Bedraengnis, doch ist der Bundesfinanzminister offensichtlich immer weniger bereit, das Defizit der Arbeitslosenversicherung zu decken. Die steigenden Arbeitslosengeldzahlungen entziehen Finanzmittel fuer die aktive Arbeitsmarktpolitik und verlaengern die Dauer der Arbeitslosigkeit. Dies fuehrt wiederum zu einem Absinken der Unterstuetzungszahlungen (Arbeitslosenhilfe) und loest weitere Belastungen der Gemeinden (Sozialhilfe) aus. Solange die Arbeitslosigkeit nicht sinkt, wird sich die Prozedur staendig wiederholen, das Bild des Wettlaufs von Hase und Igel draengt sich auf.

Ein weiteres Beispiel dafuer, dass die Politik draengende Probleme nicht loest, ist die Behandlung der "versicherungsfremden" Leistungen im Bereich der Sozialversicherung. Dieses Problem hat mit dem deutschen Einigungsprozess an Brisanz gewonnen: Insbesondere Arbeitslosenversicherung und Rentenversicherung sind im Zusammenhang mit der Finanzierung der deutschen Einheit enorme Anpassungslasten aufgebuerdet worden, die nicht ueber Steuern, sondern ueber hoehere Sozialbeitraege und den Abbau der finanziellen Reserven finanziert werden. Dieses Vorgehen widerspricht dem Aequivalenzprinzip, auf das sich die Finanzierung der Sozialversicherung stuetzt. In einer engen Abgrenzung - d.h. ohne Beruecksichtigung der Mitversicherung der Familienmitglieder in der gesetzlichen Krankenversicherung - werden fuer 1995 die versicherungsfremden Leistungen auf 80 Mrd. DM geschaetzt. In einer weiten Abgrenzung erhoeht sich dieser Betrag auf 130 Mrd. DM. Bei Gesamtausgaben der Sozialversicherung in Hoehe von 800 Mrd. DM errechnet sich also eine Spannweite von 10 bis 16 vH.

Die Beitragsfinanzierung treibt nicht nur die sog. Lohnnebenkosten, sondern auch die Abgaben der sozialversicherungspflichtig Beschaeftigten in die Hoehe. Hier ist dringend eine Revision geboten, indem der Bund seine Zuschuesse an die Sozialversicherung zur Abdeckung der versicherungsfremden Leistungen kraeftig erhoeht. Andernfalls wird das System der sozialen Sicherung in Frage gestellt, obwohl die Fehlentwicklungen in der sozialen Sicherung zum groesseren Teil nicht systemimmanenter Natur sind, sondern einmal Konsequenz der allgemeinen Beschaeftigungskrise, zum anderen auf falsche politische Weichenstellungen bei der Loesung der Vereinigungsfolgen zurueckzufuehren sind. Sie zu korrigieren wird letztlich nur ueber eine hoehere Steuerbelastung aller Buerger moeglich sein, die aber von einer kompensatorischen Senkung der Sozialversicherungsbeitraege begleitet ist.

In der steuerpolitischen Diskussion ist nicht erkennbar, in welche Richtung die Politik gehen will. Schon das Hickhack um den Abbau des Solidaritaetszuschlags zeigte, auf welch bruechigem Fundament sich die Finanzpolitik derzeit bewegt. Um so mehr steht zu befuerchten, dass mit der Diskussion um die geplante Steuerreform Erwartungen geweckt werden, die nicht erfuellt werden koennen und die Finanzpolitik neuerlich in eine Glaubwuerdigkeitskrise geraten laesst. Im Vordergrund der Diskussionen steht die geplante "Netto"entlastung in Hoehe von 30 Mrd. DM. Die Steuersaetze sollen drastisch gesenkt werden, und zwar der Eingangssatz auf 20 vH und der Spitzensteuersatz auf 40 vH. Die damit ausgeloesten Steuerausfaelle duerften nach Berechnungen des DIW fast 85 Mrd. DM erreichen. Sie sollen durch den Abbau bisheriger Verguenstigungen - angefangen von den Sonderabschreibungen im Wohnungsbau bis hin zur Steuerbefreiung von Sonntags-, Feiertags- und Nachtarbeit teilweise gegenfinanziert werden. Bei der Bewertung des kuenftigen Steuertarifs und der Vorschriften zur Ermittlung der Bemessungsgrundlage ist jedoch folgendes zu beruecksichtigen:

- Wenig wahrscheinlich ist, dass ein Betrag von 55 Mrd. DM durch den Abbau von Steuerverguenstigungen aufgebracht werden kann. Bereits die Vorschlaege der "Bareis-Kommission" in Hoehe von 30 Mrd. DM sind sehr weitgehend, und es stellt sich die Frage, ob die Regierung ueber die politische Kraft verfuegt, den darueber hinausgehenden Abbau von Steuerverguenstigungen durchzusetzen. Die Erfahrungen mit dem Subventionsabbau stimmen eher skeptisch. Dennoch haelt auch das DIW eine Vereinfachung des hoechst komplexen Steuerrechts sowie den radikalen Abbau von Steuerverguenstigungen fuer dringlich. Zwar verliert damit das Steuersystem einen Teil seiner Lenkungsfunktion; durch die Gewaehrung von Zuschuessen, die auf der Ausgabenseite verbucht werden und somit die Transparenz politischen Handelns erhoehen, kann dieser Verlust aber wettgemacht werden.

- Nicht unproblematisch duerften die Verteilungswirkungen sein. Fuer sich genommen werden durch den geplanten Tarifverlauf die hoeheren Einkommen weitaus staerker beguenstigt, so dass dadurch die distributive Funktion der Einkommensbesteuerung an Bedeutung verliert. Bei zu versteuernden Einkommen von 40 000 DM pro Jahr wird der durchschnittliche Steuersatz von 19,8 vH auf 15,8 vH, also um 4 vH-Punkte gesenkt, waehrend bei einem Einkommen von 200 000 DM die durchschnittliche Belastung um fast 10 vH-Punkte zurueckgeht. Fuer den Durchschnittsverdiener wird sich die Frage stellen, ob sich fuer ihn die Senkung der Steuersaetze staerker bemerkbar macht als der Wegfall seiner bisherigen Freibetraege (Werbungskosten) oder Verguenstigungen (z.B. Befreiung der Nachtarbeitszuschlaege). Auch ist fraglich, ob die Bezieher hoher Einkommen tatsaechlich Jahr fuer Jahr solch hohe Steuerverguenstigungen in Anspruch nehmen, dass sie sich nach der Reform nicht besser stehen werden als bisher. Vermutlich wird diese Einkommensklasse ein groesseres Stueck des Kuchens, der zur Verteilung ansteht, erhalten.

- In engem Zusammenhang damit steht die Frage der Gegenfinanzierung und ihrer Wirkungen. Sie stellt sich spaetestens dann, wenn der Abbau der Steuerverguenstigungen die erhofften Mehreinnahmen nicht erbringen kann. Im Gespraech ist bereits jetzt eine Erhoehung der Mehrwertsteuer. Diskutiert wird eine Anhebung des allgemeinen Satzes um 2 vH-Punkte; juengst wurde wieder eine hoehere Mehrwertsteuer auf Energie ins Gespraech gebracht. Dieser Vorschlag ist jedoch aeusserst problematisch, steht er doch im Widerspruch zum Harmonisierungsgedanken der EU, die eine weitere Differenzierung bei den Mehrwertsteuersaetzen kaum genehmigen duerfte. Besser waere es, die Mineraloelsteuer zu erhoehen oder eine allgemeine Energiesteuer einzufuehren. In jedem Falle wird sich die Politik mit den Verteilungseffekten konfrontiert sehen: Selbst wenn man beruecksichtigt, dass eine Mehrwertsteuererhoehung die Haushalte unterschiedlicher Einkommenshoehe annaehernd gleichmaessig trifft - eine hoehere Mehrwertsteuer aendert nicht den bogenfoermigen Verlauf der Belastungskurve, sondern hat eine weitgehend parallele Verschiebung nach oben zur Folge -, werden von der Reform per saldo die oberen Einkommensbezieher staerker beguenstigt, zumal die vielen Transfereinkommensbezieher von der Senkung der Einkommensteuern nicht unmittelbar profitieren, wohl aber eine hoehere Mehrwertsteuerbelastung zu tragen haben. Fast noch gewichtiger ist die Befuerchtung einer negativen geldpolitischen Reaktion: Die Erfahrungen lassen den Schluss zu, dass die Bundesbank versuchen wird, den Spielraum fuer eine Ueberwaelzung der hoeheren Mehrwertsteuer auf die Preise so gering wie moeglich zu halten; dadurch wuerde aber die wirtschaftliche Entwicklung behindert. Generell stellt sich die Frage, ob die Bundesbank dazu gebracht werden kann, Aenderungen im Steuersystem monetaer zu alimentieren. Diese Frage stellt sich auch dann, wenn die Mehrwertsteuersaetze zur Finanzierung der versicherungsfremden Leistungen angehoben werden sollen. In der gegenwaertigen Diskussion freilich wird die geplante Mehrwertsteuererhoehung nicht mit der Finanzierungsnotwendigkeit der versicherungsfremden Leistungen begruendet.

- Obwohl nun doch 1998 der Solidaritaetszuschlag von 7,5 auf 5,5 vH gesenkt werden soll, bleibt offen, wie die geplante Steuerreform und der Abbau des Solidaritaetszuschlags kombiniert werden sollen. Der Abbau des Solidaritaetszuschlags belastet die oeffentlichen Haushalte insgesamt um 30 Mrd. DM. Geht es der Politik allein um eine Verringerung der Abgabenbelastung, haette sich zunaechst der vollstaendige Abbau des Solidaritaetszuschlags angeboten. Hierfuer sprechen vor allem konjunkturelle Gruende. Eine darueber hinausgehende Entlastung duerfte nur ueber weitere Einschnitte auf der Ausgabenseite, insbesondere im sozialen Sicherungssystem, realisierbar sein. Damit wuerde sich verstaerkt die Verteilungsfrage stellen. Aber der weitere Ausbau der Infrastruktur wird immer dringlicher.

Der staendige Versuch der finanzpolitischen Entscheidungstraeger, den Anstieg der Staatsdefizite zu begrenzen, hat zu einem Verfall der oeffentlichen Investitionstaetigkeit gefuehrt. Allein in den beiden letzten Jahren sind die oeffentlichen Investitionsausgaben um ein Zehntel gekuerzt worden. Betroffen davon waren West- und Ostdeutschland gleichermassen, doch wiegt der Rueckgang in Ostdeutschland weit schwerer. Zum einen ist der Nachhol- und Modernisierungsbedarf oeffentlicher Infrastruktureinrichtungen im Osten der Republik gewaltig; zum anderen ist der Ausbau der Infrastruktur dort von zentraler Bedeutung fuer die wirtschaftliche Entwicklung. Zu fordern ist daher eine kraeftige Aufstockung der oeffentlichen Investitionen. Zusaetzlich notwendig sind mindestens 15 bis 20 Mrd. DM pro Jahr. Diese Mittel sollten vorrangig im Bereich des oeffentlichen Nahverkehrs, der kommunalen Ver- und Entsorgung, fuer Massnahmen der Stadtentwicklung und -sanierung sowie zur Reduzierung der Umweltbelastung und Energieeinsparung und fuer Ausgaben im Bereich Wissenschaft und Forschung verwendet werden. Die Gemeinden als Hauptinvestor der oeffentlichen Hand sind nicht in der Lage, Mittel in dieser Groessenordnung aufzubringen. Deshalb sind vor allem Bund und Laender aufgerufen zu handeln und dafuer Sorge zu tragen, dass die Kommunen mehr Mittel zum Investieren erhalten.

Eine expansivere Finanzpolitik bedingt zunaechst noch hoehere Haushaltsdefizite. Doch mit jeder kreditfinanzierten Ausgabe traegt der Staat zu mehr Nachfrage und hoeheren Einkommen, die ja wieder verausgabt werden, bei. Es werden Multiplikator- und Akzeleratorprozesse in Gang gesetzt, die schliesslich dazu fuehren, dass sich die zusaetzlichen Ausgaben zu einem grossen Teil selbst finanzieren. Natuerlich muessen potentielle Zinswirkungen hoeherer Staatsdefizite gegengerechnet werden. Doch ist wahrscheinlich, dass eine hoehere Kapazitaetsauslastung und steigende Gewinne den moeglichen Effekt steigender Zinsen mehr als kompensieren. Dies wird erst recht der Fall sein, wenn die Geldpolitik fuer einen wachstumsgerechten monetaeren Rahmen sorgt.

Eine wirkliche Chance, die Staatsdefizite nachhaltig zurueckzufuehren, besteht nur in einem Aufschwung, wenn mehr Beschaeftigte mit ihren Abgaben die oeffentlichen Kassen fuellen und weniger Arbeitslose alimentiert werden muessen. Die Krise des Steuerstaates wie auch die Krise des Sozialstaates haben die gleiche Ursache, naemlich ein viel zu geringes Wirtschaftswachstum. Damit es zu einem selbsttragenden Aufschwung kommt, muss der Staat durch eine expansivere Politik zum Fundament beitragen. Eine expansive Finanzpolitik allein wird freilich die Wirtschaft nicht aus der Talsohle herausfuehren koennen. Vonnoeten ist vielmehr ein abgestimmtes Verhalten der wirtschaftspolitischen Entscheidungstraeger.

Die Wirtschaftspolitik und die Finanzpolitik im besonderen hat aus den Augen verloren, dass es darum geht, die unvermeidlichen Lasten aus der deutschen Einigung der Leistungsfaehigkeit des einzelnen entsprechend zu verteilen und daneben - wie es immer notwendig ist - die ordnungspolitische Steuerung der Wirtschaft und der sozialen Systeme mit langem Atem zu verbessern. Statt dessen jagt die deutsche Wirtschaftspolitik atemlos der Senkung der Staats- und der Defizitquote hinterher. Dass damit das Sozialprodukt, der Nenner dieser Quote, regelmaessig vermindert und damit das angestrebte Ziel in noch weitere Ferne gerueckt wird, nimmt sie nicht mehr zur Kenntnis. Der Stabilitaetspakt fuer Europa koennte eine aehnlich verfehlte Ausrichtung der Finanzpolitik fuer alle Laender in Europa festschreiben. Die Regel duerfte dann ein ausgeglichener Haushalt sein, weil bei einer konjunkturellen Abschwaechung oder einer laengeren Stagnationsphase rasch die Gefahr einer Ueberschreitung der 3 vH- Grenze droht. In diesem Fall koennen nicht einmal mehr die oeffentlichen Investitionen mit Krediten finanziert werden, obwohl dies unumstritten als eine sinnvolle Allokation der Ressourcen angesehen wird.

Zur Lohn- und Geldpolitik

Die Lohnpolitik in Deutschland steht unter einem enormen Druck, zur Verbesserung der Standortbedingungen und damit, nach der herrschenden Auffassung, zum Abbau der Arbeitslosigkeit beizutragen. Die Vorschlaege dazu reichen von mehrjaehrigen Lohnpausen bis hin zu einer 20prozentigen Kuerzung aller Arbeitskosten. Bei solchen Vorschlaegen, wie auch bei Aufrufen zur Lohnmaessigung und zur Beruecksichtigung der Arbeitslosigkeit im Sinne eines Zurueckbleibens der Realloehne hinter der Zunahme der Produktivitaet in den Lohnverhandlungen, wird in der Regel nicht gesagt, auf welchem Wege Lohnsenkungen oder geringere Lohnsteigerungen die Arbeitslosigkeit vermindern werden. Der Zusammenhang zwischen Reallohnsenkung und Beschaeftigungszunahme wird als gegeben unterstellt.

Schon eine einfache Gegenueberstellung von sinkender Lohnquote und steigender Arbeitslosenquote in weiten Teilen der achtziger und in den neunziger Jahren zeigt, dass der Zusammenhang so einfach nicht sein kann. Der Rueckgang des Anteils der Arbeitseinkommen am Volkseinkommen in Deutschland bedeutet, dass in dieser Zeit die Realloehne genau dem Muster gefolgt sind, das man jetzt fordert. Gleichwohl ist die Arbeitslosigkeit mit Ausnahme einer kurzen Phase des weltweit geldpolitisch induzierten Aufschwungs am Ende der achtziger Jahre und im Zuge des finanzpolitisch induzierten deutschen Einigungsbooms nicht gesunken. Noch gravierender ist das Auseinanderlaufen dieser Groessen in den meisten Laendern Europas; dort ist die Lohnquote ebenfalls kraeftig gesunken, die Arbeitslosigkeit aber fast durchgaengig gestiegen [8]. Frankreich ist dafuer ein schlagendes Beispiel.

Wurde zu Anfang der achtziger Jahre zumeist die hohe Lohnquote oder die "real wage gap" als die entscheidende Ursache der Arbeitslosigkeit angesehen, wird heute, nach dem Rueckgang der Lohnquote auf einen Wert, wie er zuletzt Anfang der sechziger Jahre zu verzeichnen war, ganz anders argumentiert. Der Rueckgang der Quote sei kein Beleg fuer zurueckhaltende Lohnpolitik, weil durch ueberzogene Lohnzuwaechse der Rationalisierungsdruck in den Unternehmen so stark zunehmen koenne, dass zwar die Lohnquote sinke, die Arbeitslosigkeit aber dennoch steige. Diese Argumentation ist abwegig. Die Tarifpartner einigen sich auf Nominalloehne. Geht von den Nominalloehnen bei zunaechst gegebenen Preisen fuer die Produkte der Unternehmen Druck auf die Gewinne aus, koennen die Unternehmen versuchen, die Preise oder die Produktivitaet zu erhoehen. Bleibt der Zuwachs der Nominalloehne tatsaechlich unterhalb des in den Tarifverhandlungen erwarteten Anstiegs der Preise und der Produktivitaet und zwingt der Wettbewerb die Unternehmen nicht, die Preise nach unten anzupassen, steigen die Gewinne. Stellt man im nachhinein fest, dass in einer offenen Volkswirtschaft die Preise ueber einen langen Zeitraum weniger stark als bei den Handelspartnern gestiegen sind und die Gewinnsituation der Unternehmen sich verbessert hat, kann von den Nominallohnabschluessen kein uebermaessiger Druck auf die Produktivitaet ausgegangen sein. Dies ist fuer Deutschland eindeutig der Fall. Waere der Druck von den Nominalloehnen zu gross gewesen, haetten die Unternehmen im Inland die Preise ebenso stark wie die Unternehmen im Ausland, wo der Druck offensichtlich sehr viel groesser war, anheben koennen. Waere der Wettbewerbsdruck gross gewesen, haetten sie ihre Preise bei unveraenderten Stueckgewinnen senken und Marktanteilsgewinne realisieren koennen.

Da die Tarifpartner lediglich den Nominallohn festlegen, ist die Wirkung der Lohnrunde auf die Gewinnsituation der Unternehmen ein reines Marktergebnis, solange der Gesamtrahmen der Zunahme von Preisen und Produktion nicht mit dem von der Geldpolitik gesetzten monetaeren Rahmen kollidiert. Vereinbarten die Tarifpartner etwa einen Nominallohnanstieg von 4 vH fuer 1997, liesse sich damit eine Preissteigerungsrate von 2 vH vereinbaren und ein Produktivitaetsfortschritt von ebenfalls 2 vH. Letzterer laege deutlich unter den Zuwachsraten, die in den vergangenen drei Jahren und im langfristigen Trend erzielt worden sind, und die Preissteigerungsrate entspraeche exakt dem Ziel der Bundesbank. Ein solcher Abschluss kaeme formal den Forderungen nach einem "Abschlag" von der aktuellen Produktivitaetsentwicklung nach. Er garantiert jedoch keineswegs eine Verbesserung der Situation der Unternehmen. Diese ist allein abhaengig von Anpassung oder Nicht-Anpassung anderer Akteure, namentlich der Geldpolitik, der Tarifpartner in anderen Laendern, der Devisenmaerkte und auch des Staates. Passen sich alle an die Vorgabe der Tarifparteien in Deutschland an, bewirkt ein solcher Abschluss nichts ausser einer Absenkung der Inflationsrate. In noch staerkerem Masse gilt das fuer einen Abschluss von 2 vH, wie er im Durchschnitt des Jahres 1997 zu erwarten ist. Wahrscheinlich wird dieser Abschluss die Preissteigerungsrate weiter in Richtung Null druecken, der reale Aussenwert der D-Mark wird bei festen nominellen Wechselkursen sinken und die potentiellen Mitglieder der Waehrungsunion zur Anpassung sowie die uebrigen Handelspartner zur Abwertung ihrer Waehrungen zwingen. Ein Wettlauf hin zu einer deflationaeren Situation ist dann nicht mehr auszuschliessen.

Soll von lohnpolitischer Zurueckhaltung ein beschaeftigungspolitischer Impuls ausgehen, ist Nicht-Anpassung zumindest eines Akteurs unvermeidlich. Ohne dass es eine Konstante gibt, kann weder die Wettbewerbsfaehigkeit noch die Gewinnsituation der Unternehmen verbessert werden [9]. Nach Lage der Dinge, d.h. bei der gegebenen und auch in der Europaeischen Waehrungsunion zu erwartenden Abstinenz der Finanzpolitik sowie einem nach aussen nahezu geschlossenen europaeischen Binnenmarkt, kann diese Rolle - wie in den USA - nur von der Geldpolitik uebernommen werden. Dagegen allerdings steht die gerade in Deutschland weit verbreitete Auffassung, die Geldpolitik habe nur fuer Preisstabilitaet zu sorgen und koenne daher keine weitergehende Verantwortung uebernehmen.

Die Geldpolitik muss aber auf jeden Fall auf eine sehr zurueckhaltende Nominallohnpolitik, wie sie sich fuer Deutschland jetzt andeutet, mit Nicht- Anpassung der Geldmenge reagieren, will sie ihr eigenes Ziel, naemlich Preisstabilitaet bei etwa 2 vH Zuwachs des Preisindex fuer die Lebenshaltung realisieren. Das heisst, bei jeder Nominallohnpolitik, die zu Preissteigerungen unterhalb dieses Zieles passt, ist Geldpolitik immer zugleich Beschaeftigungspolitik. Jede Geldmengenausweitung, die potentiell hoehere Preissteigerungen als die aktuell realisierten zulaesst, erlaubt genau dann eine Ausweitung der Beschaeftigung, wenn die zusaetzlich moegliche Nachfrage sich nicht sofort in hoeheren Preisen via steigenden Nominalloehnen der schon Beschaeftigten oder hoeheren Gewinnen der bestehenden Unternehmen niederschlaegt. Wenn eine solche von der Geldpolitik ausgehende Beschaeftigungspolitik frueher oder spaeter notwendig ist, kann man sie auch schon vor dem Erreichen einer Deflation durchfuehren.

Wer diesen Effekt, der sich aus dem Zusammenspiel von Geld- und Lohnpolitik ergibt, ausschliesst, schliesst eine Zunahme der Beschaeftigung bei steigendem Realeinkommen ueberhaupt aus und reduziert die Erwartung auf eine Zunahme der Zahl der Arbeitskraefte im Produktionsprozess auf den Effekt einer Substitution von Kapital durch Arbeit, also Beschaeftigungszunahme, die erkauft werden muss mit sinkenden oder weniger als sonst moeglich steigenden Realeinkommen. Ganz unabhaengig von der voellig offenen Frage, ob und wie sich ein solcher Nexus in einer zeitlich und raeumlich offenen Marktwirtschaft realisieren laesst, waere im Vergleich zu diesem Fall die weitere Verkuerzung der Arbeitszeit bei unveraendertem Tempo des Produktivitaetsfortschritts die ueberlegene Loesung. Sie erlaubt naemlich die vollstaendige Ausnutzung der Einkommenschancen aufgrund des technischen Fortschritts, wenngleich bei unter Umstaenden nicht optimaler Aufteilung auf Einkommen und Freizeit.

In diesem Jahr gibt es - zum ersten Mal seit ueber einem Jahrzehnt - im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt keine Arbeitszeitverkuerzungen mehr. Die Reduzierung der effektiven Arbeitszeit je Beschaeftigten, sei es ueber die Verkuerzung der tariflichen Wochenarbeitszeit, Ausweitung der Teilzeitarbeit und Abbau von Ueberstunden, hatte in der Vergangenheit eine wichtige Rolle als beschaeftigungspolitischer Puffer. In rezessiven Phasen wurden weniger Personen entlassen, in einem guenstigen konjunkturellen Klima mehr Personen als sonst eingestellt. Mit der Verlaengerung der Lebensarbeitszeit wird in den naechsten Jahren die Zunahme des Erwerbspersonenpotentials zudem noch verstaerkt. Damit wird die Huerde fuer einen Abbau der Arbeitslosigkeit immer hoeher gesetzt.

Der Stabilitaetspakt: Ueberfluessig und falsch konstruiert

Ende vergangenen Jahres einigten sich die Regierungen der EU Mitgliedsstaaten auf einen sog. "Stabilitaetspakt", der verbindliche Normen fuer die zulaessige Hoehe der Fehlbetraege in den oeffentlichen Haushalten nach Beginn einer europaeischen Waehrungsunion setzen soll. Als Begruendung fuer die Notwendigkeit solcher Vorschriften wird darauf verwiesen, dass der Vertrag von Maastricht die Eingangsbedingungen fuer die Zugehoerigkeit zu einem einheitlichen europaeischen Waehrungsraum ueberaus strikt regele, fuer die Zeit danach aber wesentlich unverbindlichere Prozeduren vorsehe. Zugleich sollte die europaeische Geldpolitik von ihrer konjunkturpolitischen Verantwortung entlastet werden.

Es zeigt sich allerdings, dass die im Stabilitaets- und Wachstumspakt von Dublin beschlossenen Regelungen kaum ueber die im Vertrag von Maastricht getroffenen Vereinbarungen fuer die Zeit nach Beginn der Waehrungsunion hinausgehen. Auch dort ist bereits ein Referenzwert fuer die Haushaltsfehlbetraege von 3 vH des BIP und darueber hinaus ein Verfahren zu dessen Einhaltung festgelegt. Im Stabilitaetspakt von Dublin finden sich lediglich einige Praezisierungen. Dabei geht es einmal um die Hoehe der potentiell zu verhaengenden Geldbussen und ferner um die quantitative Definition einer "schweren Rezession", bei der ein zeitweiliges Ueberschreiten des Referenzwertes zulaessig waere. Nicht aufgehoben durch den Stabilitaetspakt ist die diskretionaere, d.h. auf Einzelfallentscheidungen des Ministerrats beruhende Verhaengung der Sanktionen. Damit wurde einem Automatismus - wie schon im Vertrag von Maastricht erneut eine Absage erteilt, auch wenn die Bundesregierung in den Beschluessen von Dublin eine "Quasi-Automatik" zu erkennen glaubt. Allenfalls wird das Verfahren beschleunigt, da der Ministerrat nunmehr unter Verzicht auf weitere Konsultationen Geldbussen verhaengen kann, wenn der Referenzwert ueberschritten wurde, ohne dass ein schwerer Wachstumseinbruch eingetreten waere.

Der entscheidende Nachteil der Uebereinkunft von Dublin ist das Versaeumnis, eine einheitliche und sinnvolle Interpretation der fiskalischen Konvergenzkriterien des Vertrages von Maastricht festzuschreiben. Waere es gelungen, die eigentlich im Vertrag von Maastricht angelegten Spielraeume bei der Interpretation des Referenzwertes hinsichtlich der Bedeutung konjunktureller und struktureller Defizite zu praezisieren, haetten die Gefahren fuer Wachstum und Beschaeftigung in Europa, die von einer rigorosen Auslegung des Vertrages ausgehen, vermieden werden koennen. Mit den Beschluessen von Dublin wird aber einer europaweit prozyklischen Finanzpolitik Vorschub geleistet.

Die Gefahr ergibt sich aus den engen Grenzen fuer die zulaessigen Defizite. In fast allen Rezessionen, selbst wenn sie mit geringeren Rueckgaengen des BIP als den im Pakt fuer eine "schwere Rezession" genannten 2 vH pro Jahr einhergingen, stiegen die Haushaltsfehlbetraege in der Regel um mehr als 2 Prozentpunkte vom Bruttoinlandsprodukt. Das liegt auch an der Dauer einer Phase schwacher Rezession oder Stagnation. Diese bleibt im Pakt jedoch unberuecksichtigt. Mehr noch, selbst bei Stagnation oder schwachem Wachstum, weiteten sich unter den bisher geltenden Bedingungen die Haushaltsdefizite rasch aus. Das ist erwuenscht, weil bei prozyklischem Verhalten der privaten Akteure der Staat die wirtschaftliche Entwicklung auf diese Weise stabilisiert. Die Konsequenz der Dubliner Beschluesse ist unter diesen Rahmenbedingungen, dass die Mitgliedstaaten nicht nur kurzfristig das Niveau ihrer Ausgaben zurueckfuehren, sondern auch die Konjunkturreagibilitaet der oeffentlichen Haushalte generell verringern muessten. Dies ist bei unveraenderter Aufgabenteilung zwischen Geld- und Finanzpolitik in nennenswertem Umfang nur moeglich, wenn in den kommenden Jahren besonders konjunktursensible staatliche Leistungen, also Arbeitslosen- oder Sozialhilfe, abgebaut werden.

Wird auf diese Weise die Stabilisierungsfaehigkeit des Staates in zukuenftigen konjunkturellen Krisensituationen beeintraechtigt, muss dessen Rolle weitgehend von der Geldpolitik uebernommen werden. Deren Entlastung war aber eines der Ziele des Stabilitaetspaktes. Ein solches Vorgehen impliziert eine Fortdauer der konjunkturellen Belastung Europas mit sich immer wieder erneuernden Defizitproblemen. Ausgehend von dem derzeitigen Niveau der oeffentlichen Defizite in den potentiellen Teilnehmerlaendern an der Waehrungsunion von etwa 3,5 vH vom BIP ist somit der fiskalische Mantel insbesondere auf kurze Sicht zu eng gestrickt, um ein konjunkturelles "Durchatmen" der europaeischen Volkswirtschaften zu ermoeglichen.

Zwar hat der Ministerrat auch im Rahmen des Paktes die Moeglichkeit, trotz Ueberschreitens des Referenzwertes von Sanktionen abzusehen. Dann aber verfehlte er die eigenen Ziele und minderte so seine Glaubwuerdigkeit. Dieses selbst erzeugte Dilemma resultiert aus einem fundamentalen Konstruktionsfehler bereits im Vertrag von Maastricht. Denn nicht die uebergrosse Ausweitung der Haushaltsdefizite in konjunkturellen Schwaechephasen ist die Quelle der zunehmenden oeffentlichen Verschuldung, sondern ihre ungenuegende Rueckfuehrung in Zeiten guter Konjunktur. Mithin haetten im Rahmen eines Stabilitaetspaktes die Anreize (Geldbussen) so gestaltet werden muessen, dass die Regierungen zwar mehr finanzpolitischen Spielraum in Phasen wirtschaftlicher Schwaeche haben, bei nachhaltigem Ueberschreiten einer bestimmten Wachstumsschwelle aber zur deutlichen Verminderung ihrer Fehlbetraege veranlasst wuerden. Ein solches Vorgehen liefe auf eine Erhoehung der Konjunkturreagibilitaet hinaus und nicht - wie jetzt beschlossen auf deren Verminderung. Damit wuerde auch die Geldpolitik konjunkturpolitisch entlastet.

Kasten:
Zur Inlandsproduktsberechnung 1996

Im Wochenbericht 47/96 hatte das DIW die Ansicht vertreten, dass das vom Statistische Bundesamt fuer das erste Halbjahr 1996 ausgewiesene Niveau des Bruttoinlandsprodukts zu hoch sei, und hat die Vermutung geaeussert, dass dies mit der Datenlieferung fuer das dritte Quartal korrigiert werden wuerde. Zwar hat das Statistische Bundesamt dann erwartungsgemaess einige Korrekturbuchungen vorgenommen, doch das Niveau des Bruttoinlandsprodukts ist praktisch unveraendert geblieben. Im Gegenteil: Folgt man den Angaben aus der laufenden Statistik, dann hat sich der Abstand zu den vom DIW errechneten Daten im dritten Quartal sogar noch deutlich vergroessert. Vor allem die vom DIW errechneten Ergebnisse fuer den privaten Verbrauch und die Bauinvestitionen unterscheiden sich merklich von denen des Statistischen Bundesamtes. (Vgl.: Fachserie 18, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen Reihe 3; Vierteljahresergebnisse der Inlandsproduktsberechnung, 3. Vierteljahr 1996).

In realer Rechnung hat das DIW fuer die ersten drei Quartale 1996 fuer den privaten Verbrauch ein um mindestens 6 Mrd. DM und fuer die Bauinvestitionen ein um etwa 4 Mrd. DM niedrigeres Niveau ermittelt. Zwar ist zu beruecksichtigen, dass die Umstellung bei den Statistiken fuer das Baugewerbe und den Einzelhandel in diesem Jahr besondere Schaetzprobleme aufwirft. Die genannten Differenzen bedeuten aber eine sehr grosszuegige Auslegung der Interpretationsspielraeume bei den hinzugezogenen Fachstatistiken. Derartige Diskrepanzen bei den Berechnungen am aktuellen Rand sind allerdings kein neues Phaenomen: Schon oefter hat das Statistische Bundesamt beispielsweise die Bauinvestitionen zwei Jahre spaeter - in der Regel anlaesslich der dann vorliegenden ausfuehrlichen Investorenrechnung nach Wirtschaftsbereichen - nach unten korrigiert (zuletzt fuer 1993 um fast 9 Mrd. DM).

In der Schaetzung des DIW fuer 1996 insgesamt und aufbauend auf den derzeit verfuegbaren amtlichen Daten errechnet sich fuer das reale Bruttoinlandsprodukt Deutschlands ein Wert von 3068 Mrd. DM, das entspricht einem Zuwachs von 1,5 vH gegenueber 1995. Eine Schaetzung fuer 1996 auf der Grundlage der vom DIW fuer die ersten drei Quartale berechneten Werte wuerde zu einem um mindestens 15 Mrd. DM niedrigeren Wert fuehren; damit beliefe sich aber der Zuwachs fuer 1996 in realer Rechnung nur auf etwa 1 vH und zu jeweiligen Preisen auf gut 2 vH. Dies haette auch erhebliche Konsequenzen fuer die Beurteilung der Entwicklung der Einkommensverteilung im Rahmen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, die Gewinneinkommen waeren dann am aktuellen Rand deutlich niedriger.

Kasten:
Zum Geldmengenziel 1997

Sowohl die an der Gemeinschaftsdiagnose beteiligten Wirtschaftsforschungsinstitute (kurz: Institute) und der Sachverstaendigenrat (SVR) als auch die Deutsche Bundesbank bekennen sich zu einer mittelfristigen Ausrichtung der Geldmengensteuerung. Nicht unerheblich differieren aber ihre Vorstellungen ueber das Geldmengenziel 1997, also die vom vierten Quartal 1996 zum vierten Quartal 1997 (stetig) "laufende" Jahresrate und den entsprechenden Zielkorridor. Die Institute praeferieren eine laufende (mittlere) Rate von 7 vH [10], der Sachverstaendigenrat eine von 4,5 vH [11], und die Deutsche Bundesbank entschied sich fuer eine mittlere Rate von 5 vH und einen Korridor von 3,5 bis 6,5 vH [12] (vgl. Tabelle 8, zweite Spalte und die letzten drei Zeilen). Es gibt mindestens zwei Gruende fuer diese Differenzen. Erstens ist man sich nicht einig ueber die Komponenten des Geldmengenziels, das sind die Wachstumsrate des gesamtwirtschaftlichen Produktionspotentials (Potentialwachstum), der mittelfristig vertretbare, "normative" Preisanstieg und der Trend der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes. Zweitens ist umstritten, ob das Geldmengenziel stets am aktuellen Rande angesetzt werden sollte.

Hinsichtlich der Komponenten des Geldmengenziels ist man sich nur ueber die Komponente "Trend der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes" einig: Sie wird mit einem Prozentpunkt beruecksichtigt. Umstritten sind aber die beiden anderen Komponenten. Nach Ansicht der Institute gehoert zur mittelfristigen Ausrichtung der Geldmengenpolitik nicht das aktuelle, von zyklischen Schwankungen beeinflusste Potentialwachstum, sondern das "potentielle", d.h. mittelfristig moegliche. Es wurde von den Instituten fuer das vergangene Jahrfuenft auf 3 vH veranschlagt, aber angesichts des desolaten Zustands des ostdeutschen Produktionspotentials fuer 1997 auf 2,5 vH heruntergestuft. Im Gegensatz zu den Instituten legen der SVR und die Bundesbank das aktuelle Potentialwachstum zugrunde. Der SVR kommt angesichts der niedrigen Investitionstaetigkeit in beiden Teilen Deutschlands in den vergangenen drei Jahren fuer 1997 nur auf eine Rate von 2 vH. Aehnlich duerfte die Einschaetzung durch die Bundesbank sein. Seit kurzem ist auch die "Preisnorm" von 2 vH kein einigendes Band mehr. Jetzt haelt der SVR "bei der inzwischen so niedrigen Preissteigerungsrate" fuer den Deflator des Bruttoinlandsprodukts eine Rate von 1,5 vH fuer "vertretbar und geboten". So kommen bei der Zielableitung die Institute auf eine Rate von 5,5 vH und der SVR auf eine von 4,5 vH. Mit diesen Unterschieden kann aber nicht hinreichend erklaert werden, warum die mittlere "laufende" Rate zwar beim SVR mit der aus der Zielableitung gewonnenen Rate von 4,5 vH identisch ist, aber bei den Instituten 7 vH lautet.

Eine Erklaerung hierfuer ist, dass es die Institute fuer verfehlt halten, das Geldmengenziel auch dann vom aktuellen Rande - d.h. vom realisierten Wert im vierten Quartal aus - fuer das jeweils folgende Jahr zu setzen, wenn aus "rein finanziellen" Gruenden, die mit der realen Entwicklung (Produktion und realisierte Inflationsrate) wenig zu tun haben, die Geldmenge am aktuellen Rande erheblich vom mittelfristig "optimalen" Pfad abgewichen ist. Dies war 1995 der Fall. Nachdem im Jahre 1994 die Geldmenge durch steuerpolitische Sonderfaktoren und eine zyklisch bedingte inverse Zinsstruktur aufgeblaeht worden war, nahm sie nach dem Wegfall dieser Fakoren im Laufe von 1995 betraechtlich ab und lag im vierten Quartal 1995 erheblich unter dem von der Bundesbank vorgegebenen Zielkorridor (Vgl. Schaubild 19). Sowohl der Geldmengenbuckel im Jahre 1994 als auch die "Delle" im Jahre 1995 waren von den Instituten schon von vornherein als temporaere Erscheinungen gewertet worden. Die Institute hielten es deshalb fuer gerechtfertigt, das von ihnen fuer stabilitaets- und wachstumsgerecht gehaltene Geldmengenziel fuer 1996 - eine laufende Rate von 6 vH - nicht am aktuellen Rande anzusetzen, sondern an der Mitte des fuer 1995 vorgegebenen Zielkorridors, also dem "normativen" Wert im vierten Quartal 1995.

Die Institute haben bis jetzt an diesem Prinzip festgehalten. Nach wie vor hielten sie es fuer konsequent, den - aus den oben genannten Gruenden etwas weniger steilen - Zielpfad 1997 von 5,5 vH am Ende des von ihnen fuer 1996 empfohlenen Zielpfades anzusetzen. Die Institute aeusserten sich allerdings pragmatisch: Inzwischen hatte sich die Geldmenge diesem Pfad erheblich genaehert (Sie kam uebrigens auch dem in Schaubild 18 praesentierten, vom DIW fuer stabilitaets und wachstumskonform angesehenen mittelfristigen Zielpfad erheblich naeher). Deshalb haette es auch dann den Intentionen der Institute entsprochen, wenn die Bundesbank, so wie es die Institute unterstellten, sich auf der Basis des im vierten Quartal 1996 erreichten Niveaus der Geldmenge fuer einen Zielkorridor von 4 bis 7 vH entschieden haette: Eine sich am oberen Rand dieses Zielkorridors bewegende Geldmenge wuerde dem von den Instituten gewiesenen Zielpfad sehr nahe kommen. Damit ist eine weitere Frage beantwortet: Von dem im vierten Quartals 1996 realisierten Durchschnittswert der Geldmenge aus muss eine "laufende" Rate von 7 vH durchgehalten werden, damit bis zum vierten Quartal 1997 der mittelfristige Zielpfad von 5,5 vH erreicht wird.

Eine solche Ausweitung der Geldmenge wird allerdings nur dann zustandekommen, wenn die Bundesbank die kurzfristigen Zinsen weiter fuehlbar ermaessigt: Eine im Vergleich zum Wachstum des nominalen Bruttoinlandsprodukts kraeftige monetaere Expansion - d.h. eine ueber den Trend hinausgehende Abnahme der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes - bedingt in der Regel Zinssenkungen.

Die Bundesbank hat ein niedrigeres Ziel vorgegeben. Sie haelt es "fuer angemessen, dass sich die Geldmenge M3 im Verlauf der Jahre 1997 und 1998 mit einer Rate von jeweils etwa 5 v.H. ausweitet". Doch selbst diese Rate der monetaeren Expansion - sie wuerde im Jahresdurchschnitt 5,7 vH betragen - waere mit einer ueberdurchschnittlichen Abnahme der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes verbunden. Dies impliziert, dass auch zur Erreichung des offiziellen Ziels Zinssenkungen der Bundesbank erforderlich sind.

[1] Die Deutsche Bundesbank hat im Jahr 1989 diese Grenze von 25 vH auf 20 vH gesenkt. Daher sind die Werte davor und danach nicht voll vergleichbar.

[2] Dividendenwerte, Investmentzertifikate, festverzinsliche Wertpapiere, Geldmarktpapiere und Finanzderivate.

[3] Die beschriebene Kombination von Loehnen und Produktivitaet ist Kennzeichen des internationalen Strukturwandels. Die zweite Form des Strukturwandels, die fuer die Laender an der Spitze viel bedeutender ist, bezeichnet man als intertemporalen Strukturwandel. Dabei wird eine durch Innovation erhoehte Produktivitaet von dem unternehmerischen Pionier mit den gegebenen hohen Loehnen kombiniert, um einen temporaeren Monopolgewinn zu realisieren. Vgl. dazu: H. Flassbeck: Die Weltwirtschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts und die Herausforderungen fuer den Westen, in: Burkhard Lutz, Mathias Hartmann und Hartmut Hirsch-Kreinsen (Hrsg.), Produzieren im 21. Jahrhundert - Herausforderungen fuer die deutsche Industrie, Muenchen 1996.

[4] Die Berechnungen beziehen sich auf das nominale Bruttoinlandsprodukt.

[5] Anders als in der Gemeinschaftsdiagnose der Institute vom Herbst wurde hier bei der Produktivitaet mit den Beschaeftigtenstunden und nicht den Erwerbstaetigenstunden gerechnet. Das ist sinnvoll, um die Vergleichbarkeit mit den Bruttoeinkommen je Beschaeftigtenstunde zu verbessern.

[6] Vgl. hierzu auch Kasten auf S. 54.

[7] Vgl. Tendenzen der Wirtschaftsentwicklung 1996/97. Bearb.: Arbeitskreis Konjunktur. In: Wochenbericht des DIW, Nr. 25-26/96.

[8] Vgl. Employment and Social Policies under International Constraints, Deutsches Institut fuer Wirtschaftsforschung und Ministerie van Sociale Zaken en Werkgelegenheid (SZW) of the Netherlands (Hrsg.), S. 31-35, VUGA- Verlag, s`Gravenhage, 1996.

[9] Vgl. Grundlinien der Wirtschaftsentwicklung. Bearb.: Arbeitskreis Konjunktur. In: Wochenbericht des DIW, Nr. 1-2/96, S. 23-30.

[10] Im Herbstgutachten taucht diese Rate insoweit auf, als unterstellt wurde, die Bundesbank werde einen Zielkorridor von 4 bis 7 vH waehlen - wobei "Ende 1997 der obere Rand dieses Korridors sehr nahe bei dem von den Instituten empfohlenen Zielpfad" laege.

[11] Jahresgutachten 1996/97, Tz.347.

[12] Pressenotiz vom 19.12.1996.

 
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Tabelle 1                                                                       
           ECKDATEN DER PROGNOSE FUER DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND            
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                                     Bundesrepublik Deutschland                 
                                                                                
                                      1995     1996     1997                    
                                                                                
Bruttoinlandsprodukt (1)                                                        
  (Veraenderung in vH                                                           
  gegenueber dem Vorjahr)              1,9      1,5      2,0                    
                                                                                
Erwerbstaetige (2)                                                              
  (1000 Personen)                    34868    34510    34340                    
                                                                                
Arbeitslose                                                                     
  (1000 Personen)                     3612     3965     4155                    
                                                                                
Arbeitslosenquote (3)                                                           
  (in vH)                              9,4     10,3     10,8                    
                                                                                
Verbraucherpreise (4)                                                           
  (Veraenderung in vH                                                           
  gegenueber dem Vorjahr)              1,9      1,5      1,0                    
                                                                                
Finanzierungssaldo                                                              
des Staates (5)(Mrd.DM)             -122,7   -137,0   -125,0                    
                                                                                
Leistungsbilanzsaldo (6)                                                        
  (Mrd.DM)                           -29,9    -26,5    -18,5                    
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                Westdeutschland             Ostdeutschland      
                                                                                
                             1995     1996     1997     1995     1996     1997  
                                                                                
Bruttoinlandsprodukt (1)                                                        
  (Veraenderung in vH                                                           
  gegenueber dem Vorjahr)     1,6      1,5      2,0      5,3      2,5      1,0  
                                                                                
Erwerbstaetige (2)                                                              
  (1000 Personen)           28482    28205    28080     6386     6305     6260  
                                                                                
Arbeitslose                                                                     
  (1000 Personen)            2565     2795     2925     1047     1165     1230  
                                                                                
Arbeitslosenquote (3)                                                           
  (in vH)                     8,3      9,0      9,4     14,1     15,6     16,4  
                                                                                
Verbraucherpreise (4)                                                           
  (Veraenderung in vH                                                           
  gegenueber dem Vorjahr)     1,8      1,5      1,0      2,1      2,5      1,5  
                                                                                
Finanzierungssaldo                                                              
des Staates (5)(Mrd.DM)        -        -        -        -        -        -   
                                                                                
Leistungsbilanzsaldo (6)                                                        
  (Mrd.DM)                     -        -        -        -        -        -   
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1)In Preisen von 1991.                                                         
(2)Im Inland.                                                                   
(3)Deutschland:Anteil der Arbeitslosen an den inlaendischen Erwerbspersonen     
(Erwerbstaetige und Arbeitslose),West-und Ostdeutschland:Anteil an den          
Erwerbspersonen im Inland(Erwerbstaetige und Arbeitslose).                      
(4)Preisindex fuer die Lebenshaltung aller privaten Haushalte.                  
(5)In der Abgrenzung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. 1995: ohne       
Einnahmen von 5,6 Mrd. DM aus der Uebernahme der Deutschen Kreditbank           
sowie ohne auf den Erblastentilgungsfonds uebertragene Schulden der             
Treuhandanstalt von 204,6 Mrd. DM und der ostdeutschen Wohnungswirtschaft       
von 30,0 Mrd. DM.                                                               
(6)In der Abgrenzung der Zahlungsbilanzstatistik.                               
Quellen: Statistisches Bundesamt;Deutsche Bundesbank;Bundesanstalt fuer         
Arbeit;Berechnungen des DIW;1996 und 1997 Prognose des DIW,Angaben gerundet.    
=============================================================================== 
 
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 2                                                                       
                   Entwicklung des Bauvolumens in Deutschland                   
                  Vorauschaetzung fuer die Jahre 1996 und 1997                  
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                          1993    1994    1995       1996         1996    1997  
                                                 1.Hj.   2.Hj.    (4)     (4)   
                                                          (4)                   
                                     in Mrd.DM zu jeweiligen Preisen            
                                                                                
Bauvolumen insgesamt (1) 516,4   571,6   589,4   265,9   303,0   568,5   562,5  
davon:                                                                          
Alte Bundeslaender       404,6   427,9   430,6   192,7   220,5   413,0   413,5  
Neue Bundeslaender       111,9   143,7   158,8    73,2    82,5   155,5   149,0  
                                                                                
                                       Indizes 1991 = 100                       
                                                                                
Preisentwicklung         110,9   113,6   116,4   116,9   116,4   116,6   116,5  
  Alte Bundeslaender     109,5   111,6   114,0   114,4   114,1   114,2   114,1  
  Neue Bundeslaender     116,1   120,0   123,3   124,1   123,1   123,6   123,5  
                                                                                
                                    in Mrd.DM zu Preisen von 1991               
                                                                                
Bauvolumen insgesamt (1) 465,8   503,1   506,4   227,4   260,0   487,5   483,0  
davon:                                                                          
Alte Bundeslaender       369,5   383,5   377,6   168,5   193,0   361,5   362,5  
Neue Bundeslaender        96,3   119,7   128,8    59,0    67,0   126,0   120,5  
                                                                                
Nach Baubereichen :                                                             
                                                                                
Wohnungsbau              228,4   259,0   265,0   124,0   137,0   261,0   259,0  
  Alte Bundeslaender     195,4   212,9   210,9    96,8   107,5   204,5   206,0  
  Neue Bundeslaender      33,0    46,1    54,1    27,2    29,5    56,5    53,0  
                                                                                
Wirtschaftsbau    (2)    152,9   155,9   155,8    67,9    78,5   146,5   147,0  
  Alte Bundeslaender     111,8   108,9   107,0    47,0    55,0   102,0   103,0  
  Neue Bundeslaender      41,1    47,1    48,8    20,9    23,5    44,5    43,5  
                                                                                
Oeffentlicher Bau   (2)   84,6    88,2    85,7    35,6    44,5    80,0    77,0  
  Alte Bundeslaender      62,4    61,7    59,7    24,7    30,5    55,5    53,0  
  Neue Bundeslaender      22,2    26,5    25,9    10,9    13,5    24,5    24,0  
                                                                                
Nachrichtl.:                                                                    
  Bahn und Post           13,9    12,4    12,0     5,6     6,5    12,0    12,0  
  Alte Bundeslaender      10,0     9,0     8,2     3,8     4,5     8,5     8,5  
  Neue Bundeslaender       3,9     3,5     3,9     1,8     2,0     4,0     4,0  
                                                                                
Nach Produzentengruppen :                                                       
                                                                                
Alte Bundeslaender                                                              
Bauhauptgewerbe          154,3   160,7   155,3    63,8    77,5   141,0   140,5  
  Hochbau                105,3   111,6   108,3    45,3    53,0    98,5    99,0  
  Tiefbau                 49,0    49,0    47,0    18,5    24,5    43,0    41,5  
Ausbaugewerbe            111,2   114,0   114,0    54,7    60,0   114,5   115,5  
Uebrige Bereiche (3)     104,1   108,8   108,2    50,0    55,5   105,5   106,5  
                                                                                
Neue Bundeslaender                                                              
Bauhauptgewerbe           45,0    56,6    59,3    24,4    31,5    56,0    53,0  
  Hochbau                 26,1    34,6    37,9    16,2    20,0    36,5    34,0  
  Tiefbau                 19,0    22,0    21,4     8,2    11,5    19,5    19,0  
Ausbaugewerbe             33,3    41,9    47,4    24,1    24,0    48,0    47,0  
Uebrige Bereiche (3)      18,0    21,2    22,1    10,5    11,5    22,0    20,5  
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                  1994   1995       1996      1996   1997       
                                                1.Hj.  2.Hj.  (4)    (4)        
                                                       (4)                      
                                          Veraenderungsraten in vH              
                                                                                
Bauvolumen insgesamt (1)          10,7    3,1   -6,5   -1,0   -3,5   -1,0       
davon:                                                                          
alte Bundeslaender                 5,8    0,6   -6,7   -1,5   -4,0    0,0       
neue Bundeslaender                28,4   10,6   -5,9    1,5   -2,0   -4,5       
                                                                                
                                                                                
                                                                                
Preisentwicklung                   2,5    2,5    0,7   -0,2    0,2   -0,2       
  alte Bundeslaender               1,9    2,2    0,6   -0,2    0,2   -0,1       
  neue Bundeslaender               3,4    2,7    0,8   -0,3    0,2   -0,1       
                                                                                
                                          Veraenderungsraten in vH              
                                                                                
Bauvolumen insgesamt (1)           8,0    0,7   -7,1   -0,5   -3,5   -1,0       
davon:                                                                          
alte Bundeslaender                 3,8   -1,5   -7,3   -1,5   -4,0    0,5       
neue Bundeslaender                24,2    7,6   -6,6    2,0   -2,0   -4,5       
                                                                                
nach Baubereichen :                                                             
                                                                                
Wohnungsbau                       13,4    2,3   -4,8    1,5   -1,5   -0,5       
  alte Bundeslaender               9,0   -1,0   -6,2   -0,5   -3,5    1,0       
  neue Bundeslaender              39,5   17,4    0,4    9,0    5,0   -6,5       
                                                                                
Wirtschaftsbau    (2)              2,0   -0,1   -8,7   -3,5   -6,0    0,0       
  alte Bundeslaender              -2,6   -1,7   -7,4   -2,5   -4,5    1,0       
  neue Bundeslaender              14,5    3,6  -11,6   -6,5   -8,5   -2,0       
                                                                                
Oeffentlicher Bau   (2)            4,3   -2,9  -11,4   -2,0   -6,0   -3,5       
  alte Bundeslaender              -1,1   -3,2  -11,0   -3,5   -6,5   -3,5       
  neue Bundeslaender              19,4   -2,2  -12,3    1,5   -5,5   -3,5       
                                                                                
nachrichtl.: Bahn und Post       -10,7   -3,3    0,1    1,0    0,0    0,0       
  alte Bundeslaender             -10,8   -8,7   -0,4    3,0   -2,0    0,0       
  neue Bundeslaender             -10,6   10,5    1,1   -3,5    3,5    0,0       
                                                                                
nach Produzentengruppen :                                                       
                                                                                
alte Bundeslaender                                                              
Bauhauptgewerbe                    4,1   -3,3  -15,1   -3,5   -9,0   -0,5       
  Hochbau                          6,0   -3,0  -15,5   -3,0   -9,0    0,5       
  Tiefbau                          0,1   -4,1  -14,0   -4,0   -9,0   -3,0       
Ausbaugewerbe                      2,5    0,0   -0,4    1,5    0,5    1,0       
Uebrige Bereiche (3)               4,5   -0,5   -3,1   -2,0   -2,5    1,0       
                                                                                
neue Bundeslaender                                                              
Bauhauptgewerbe                   25,7    4,8  -13,5    1,5   -5,5   -5,5       
  Hochbau                         32,7    9,7  -10,9    1,5   -4,5   -6,5       
  Tiefbau                         16,1   -2,9  -18,4    1,0   -8,0   -3,5       
Ausbaugewerbe                     25,8   13,0   -0,4    3,0    1,5   -2,0       
Uebrige Bereiche (3)              17,7    4,6   -2,2    0,5   -0,5   -6,5       
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Nach Lage der Baustellen in den alten und neuen Laendern.                   
(2) Wirtschaftsbau hier einschliesslich, Oeffentlicher Bau ohne Bahn und Post.  
(3) Verarbeitendes Gewerbe (Ausbau und Montagebau), baubezogene                 
Dienstleistungen, Aussenanlagen, selbsterstellte Anlagen.                       
(4) Angaben gerundet.                                                           
Quelle: Berechnungen des DIW, gestuetzt auf die amtlichen Statistiken           
zum Baugewerbe.                                                                 
=============================================================================== 
 
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 3                                                                       
                   Nachfrageimpulse des Staates (1) in Mrd. DM                  
                          ( + expansiv/ - kontraktiv)                           
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                         1990      1991      1992      1993     
                                                                                
Steuern                                                                         
   Tatsaechliches Volumen               569,5     686,8     751,5     770,4     
   Neutralitaetslinie (2)               597,2     666,5     754,6     803,3     
   Impuls                                27,7     -20,4       3,1      32,9     
Sozialbeitraege                                                                 
   Tatsaechliches Volumen               408,1     511,5     560,9     594,2     
   Neutralitaetslinie (2)               409,2     477,6     562,0     599,5     
   Impuls                                 1,1     -33,9       1,1       5,3     
Sonstige Einnahmen (3)                                                          
   Tatsaechliches Volumen                46,3      56,5      70,8      69,8     
   Neutralitaetslinie (2)                44,2      54,2      62,0      75,7     
   Impuls                                -2,1      -2,3      -8,8       5,9     
                                                                                
Summe der Einnahmen                                                             
   Tatsaechliches Volumen             1 023,9   1 254,8   1 383,2   1 434,3     
   Neutralitaetslinie (2)             1 050,6   1 198,3   1 378,6   1 478,4     
   Impuls                                26,7     -56,5      -4,6      44,1     
                                                                                
Staatsverbrauch ./. Abschreibungen                                              
   Tatsaechliches Volumen               427,4     536,8     594,5     610,7     
   Neutralitaetslinie (2)               431,7     500,2     589,8     635,4     
   Impuls                                -4,2      36,6       4,7     -24,7     
Bruttoinvestitionen                                                             
   Tatsaechliches Volumen                55,5      75,0      87,2      87,0     
   Neutralitaetslinie (2)                56,1      65,0      82,4      93,2     
   Impuls                                -0,5      10,0       4,8      -6,2     
Transfers (4)                                                                   
   Tatsaechliches Volumen               478,9     642,6     730,9     773,8     
   Neutralitaetslinie (2)               474,3     560,5     706,0     781,2     
   Impuls                                 4,7      82,1      24,9      -7,4     
                                                                                
Summe der Ausgaben                                                              
   Tatsaechliches Volumen               961,9   1 254,4   1 412,6   1 471,5     
   Neutralitaetslinie (2)               962,0   1 125,7   1 378,2   1 509,8     
   Impuls                                -0,1     128,8      34,4     -38,3     
                                                                                
Nachrichtlich:                                                                  
                                                                                
Zinsausgaben                                                                    
   Tatsaechliches Volumen                50,7      63,0      82,7      77,7     
   Neutralitaetslinie (2)                52,6      59,3      69,2      88,4     
   Impuls                                -1,9       3,6      13,5     -10,7     
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                         1994      1995      1996      1997     
                                                                                
Steuern                                                                         
   Tatsaechliches Volumen               808,0     835,1     826,0     841,0     
   Neutralitaetslinie (2)               803,9     841,2     868,5     855,0     
   Impuls                                -4,1       6,1      42,5      14,0     
Sozialbeitraege                                                                 
   Tatsaechliches Volumen               638,3     667,1     698,5     726,5     
   Neutralitaetslinie (2)               620,0     664,6     694,0     723,5     
   Impuls                               -18,3      -2,4      -4,5      -3,0     
Sonstige Einnahmen (3)                                                          
   Tatsaechliches Volumen                71,9      75,3      71,0      75,0     
   Neutralitaetslinie (2)                72,8      74,9      78,5      73,5     
   Impuls                                 0,9      -0,4       7,5      -1,5     
                                                                                
Summe der Einnahmen                                                             
   Tatsaechliches Volumen             1 518,2   1 577,4   1 595,5   1 642,5     
   Neutralitaetslinie (2)             1 496,7   1 580,8   1 640,5   1 652,0     
   Impuls                               -21,5       3,3      45,0      10,0     
                                                                                
Staatsverbrauch ./. Abschreibungen                                              
   Tatsaechliches Volumen               625,7     649,7     673,0     683,0     
   Neutralitaetslinie (2)               637,3     651,5     675,5     697,0     
   Impuls                               -11,6      -1,7      -2,5     -14,0     
Bruttoinvestitionen                                                             
   Tatsaechliches Volumen                89,7      86,7      81,5      78,5     
   Neutralitaetslinie (2)                90,8      93,4      90,0      84,5     
   Impuls                                -1,1      -6,6      -8,5      -6,0     
Transfers (4)                                                                   
   Tatsaechliches Volumen               780,9     824,1     844,5     864,0     
   Neutralitaetslinie (2)               807,4     813,0     857,0     875,0     
   Impuls                               -26,6      11,1     -12,5     -11,0     
                                                                                
Summe der Ausgaben                                                              
   Tatsaechliches Volumen             1 496,2   1 560,6   1 599,0   1 626,0     
   Neutralitaetslinie (2)             1 535,6   1 557,8   1 623,0   1 657,0     
   Impuls                               -39,3       2,7     -23,5     -31,0     
                                                                                
Nachrichtlich:                                                                  
                                                                                
Zinsausgaben                                                                    
   Tatsaechliches Volumen                83,5     106,8     113,0     119,5     
   Neutralitaetslinie (2)                81,1      86,9     111,0     117,0     
   Impuls                                 2,4      19,9 (5)   1,5       3,0     
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Ohne Transaktionen mit der uebrigen Welt.                                   
(2) Als Neutralitaetslinie sind die jeweils mit dem Zuwachs des nominalen       
Produktionspotentials fortgeschriebenen Einnahmen- und Ausgabenstroeme          
definiert.                                                                      
(3) Ohne Bundesbankgewinn.                                                      
(4) Einschliesslich Defizituebernahme von der Treuhandanstalt.                  
(5) Einschliesslich Zinsen fuer Erblastentilgungsfonds.                         
Quellen: Statistisches Bundesamt;  Berechnungen des DIW.                        
=============================================================================== 
 
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 4                                                                       
Steuerschuld und Steuersaetze im Tarif 1996 und im Tarif 1999 (BMFT-Vorschlag)  
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
     Zu              Steuerschuld        Durchschnittlicher     Entlastungen    
versteuerndes                               Steuersatz                          
  Einkommen    Tarif 1996  Tarif 1999  Tarif 1996  Tarif 1999                   
                                                                                
  in DM                 in DM                   in vH         in DM  vH-Punkte  
                                                                                
  20000            2111       1645         10,6        8,2      466    2,4      
  30000            4922       3883         16,4       12,9     1039    3,5      
  40000            7906       6305         19,8       15,8     1601    4,0      
  50000           11063       8912         22,1       17,8     2151    4,3      
  60000           14423      11720         24,0       19,5     2703    4,5      
  70000           18048      14698         25,8       21,0     3350    4,8      
  80000           21977      17861         27,5       22,3     4116    5,2      
  90000           26209      21209         29,1       23,6     5000    5,5      
 100000           30744      24742         30,7       24,7     6002    6,0      
 150000           56635      44371         37,8       29,6    12264    8,2      
 200000           83137      64372         41,6       32,2    18765    9,4      
 300000          136141     104375         45,4       34,8    31766   10,6      
 400000          189146     144379         47,3       36,1    44767   11,2      
 500000          242150     184382         48,4       36,9    57768   11,5      
1000000          507143     384376         50,7       38,4   122767   12,3      
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
Quelle: Berechnungen des DIW.                                                   
=============================================================================== 
 
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 5                                                                       
                       Zum Geldmengenziel 1997                                  
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
             Geldmenge M3 (1)                                                   
                                                                                
                     Saisonbereinigte Werte        Zuwachs gegenueber           
                                                        Vorjahr                 
                                                                                
                           Mrd. DM                        vH                    
                                                                                
                          Realisierte Werte: Jahresdurchschnitte                
                                                                                
1991                         1476                                               
1992                         1598                         8,2                   
1993                         1724                         7,9                   
1994                         1879                         9,0                   
1995                         1878                         0,0                   
1996                         2014                         7,3                   
                                                                                
                        Realisierte Werte: Vierteljahrsdurchschnitte            
                                                                                
4.Vj.1993                    1782                                               
4.Vj.1994                    1883                         5,7                   
4.Vj.1995                    1907                         1,3                   
4.Vj.1996                    2066                         8,3                   
                                                                                
                          Zielwerte (2): Jahresdurchschnitte (3)                
                                                                                
Sachverstaendigenrat (4)     2124                         5,4                   
Forschungsinstitute (5)      2156                         7                     
Deutsche Bundesbank (6)      2130                         5,7                   
                                                                                
                          Zielwerte (2): Durchschnitt  4. Vj. 1997              
                                                                                
Sachverstaendigenrat (4)     2159                         4,5                   
Forschungsinstitute (5)      2211                         7                     
Deutsche Bundesbank (6)      2169                         5                     
                                                                                
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(1) November und Dezember 1996 geschaetzt.                                      
(2) Bei Zielkorridor: Mittlerer Wert.                                           
(3) Aus: Zielwerte,  Durchschnitt 4.Vj.1997 abgeleitet.                         
(4) Jahresgutachten 1996/97, Tz.347.                                            
(5) Herbstgutachten 1996: Bei Rueckkehr zum mittelfristigen Zielpfad            
der Institute.                                                                  
(6) Pressenotiz vom 19.12.1996.                                                 
Quellen: Deutsche Bundesbank und Berechnungen des DIW.                          
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Wochenbericht 1-2/97