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Betriebszeiten als Standortfaktor


Bearbeiter

Frank Stille



Die durchschnittliche woechentliche Nutzungszeit der Anlagen in der Industrie auch als Maschinenlaufzeit bezeichnet - wird zuweilen als ein wichtiger Indikator fuer die Wettbewerbsposition einer Volkswirtschaft betrachtet. Die Bundesrepublik ist nach EU-Angaben das europaeische Land mit den kuerzesten Maschinenlaufzeiten. Hierin wird ein Standortnachteil gesehen. Eine solche Interpretation ist empirisch schlecht belegbar und aus grundsaetzlichen Erwaegungen fragwuerdig. Ueberdies sollte nicht die Laenge, sondern die Flexibilitaet von Arbeits- und Betriebszeiten im Vordergrund stehen.


Fuer eine in so hohem Masse in die Weltwirtschaft integrierte Volkswirtschaft wie die deutsche sind wettbewerbsfaehige Arbeitsplaetze mit hoher Wertschoepfung unerlaesslich zur Erhaltung der international erreichten Position im Lebensstandard. Die Bedingungen fuer den Standortwettbewerb aendern sich fortlaufend; die Liberalisierung, Intensivierung und Erweiterung des Handels- und Kapitalverkehrs sind hier ebenso zu nennen wie die politischen Umwaelzungen bei unseren oestlichen Nachbarn und nicht zuletzt die dynamischen Aenderungen in Technik und Organisation der Produktionsprozesse. Zweifellos muss sich die im internationalen Wettbewerb stehende Industrie der Bundesrepublik diesen Herausforderungen in besonderem Masse stellen, um im Standortwettbewerb erfolgreich zu agieren. Maschinenlaufzeiten kommt in diesem Kontext ein erheblicher Stellenwert zu. Es geht um eine kostenoptimale Verwendung der Ressourcen Kapital, Arbeit, Energie und der Vorleistungen. Hierfuer ist auch die optimale Nutzung der Anlagen (Bauten und Maschinen) je Woche oder Jahr eine zwingende Voraussetzung.

Eine solche fuer das Betriebsergebnis optimale Betriebszeit laesst sich allerdings nur im Gesamtspektrum der Kostenfaktoren bestimmen. Mit einer Erhoehung der woechentlichen Betriebszeit verringern sich die Fixkosten (Abschreibungen und Zinsen) je Produkteinheit. Gleichzeitig koennen sich andere nichtproportionale variable Kosten wie die Lohnkosten aufgrund von Zuschlaegen fuer ungewoehnliche Arbeitszeiten - Schicht-, Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit - erhoehen. Die Kostenkurven zeigen bei steigender bzw. konstanter Nachfrage unterschiedliche Verlaeufe. Auch bei konstanter Nachfrage laesst sich u.U. mit laengeren Maschinenlaufzeiten der Kapitalaufwand insgesamt und je produzierter Einheit senken. Fuer neue Arbeitsplaetze, deren Kosten i.d.R. weit ueber dem Durchschnitt liegen, fussen die Investitionsentscheidungen u.U. auch auf der Realisierbarkeit von laengeren als den ueblichen Nutzungszeiten.

Mit einer Ausweitung der jahresdurchschnittlichen Maschinenlaufzeiten kann auch der Verschleiss ueberproportional zunehmen. Dieser Gesichtspunkt ist aber von untergeordneter Bedeutung, da die Lebensdauer einer Anlage in der Regel nicht durch technische Merkmale, sondern durch Grenzen der Wirtschaftlichkeit beschraenkt wird. Bei solchen Rentabilitaetsueberlegungen sind auch die meist kuerzeren steuerlichen Abschreibungsperioden zu beruecksichtigen. Im allgemeinen bietet eine pro Zeitraum intensivere Nutzung eines vergleichsweise kleinen Anlagenbestandes weitere Vorteile. Aufgrund der geringeren Kapitalbindung wird beispielsweise auch das Risiko von Fehlentscheidungen verringert. Die speziellen Wettbewerbsbedingungen eines Unternehmens entscheiden letztlich ueber das Optimum der Maschinenlaufzeiten. Ein Standort ist nur dann nicht wettbewerbsfaehig, wenn ein Betrieb die fuer ihn optimalen Betriebszeiten nur an einem anderen Standort realisieren kann.

Veraenderung der Maschinenlaufzeiten als Kostensenkungsstrategie

Arbeitsplaetze binden je nach Wirtschaftszweig und Unternehmensgroesse ganz unterschiedlich hohe Kapitalbetraege. Zu unterscheiden sind die Kapitalintensitaet je Arbeitsplatz und die uebliche Kapitalintensitaet, das ist der Wert der Anlagen je Beschaeftigten. Die Kapitalintensitaet je Arbeitsplatz ist in der Regel in Wirtschaftszweigen mit hohen Arbeitsplatzkosten hoeher als die Kapitalintensitaet je Beschaeftigten. Denn gerade dort wird ein Arbeitsplatz moeglichst lange genutzt, was nur durch die umschichtige Besetzung des Arbeitsplatzes mit mehreren Beschaeftigten moeglich ist. In den Anlagennutzungszeiten kommt also die zeitliche Besetzung von Arbeitsplaetzen zum Ausdruck. Im 2-Schicht-System wird ein Arbeitsplatz etwa doppelt so lange genutzt wie im 1-Schicht-System. Lediglich dann, wenn es ausschliesslich die Einschichtbetriebe gaebe, waere die Zahl der Arbeitsplaetze gleich der Zahl der Beschaeftigten und die Kapitalintensitaet je Arbeitsplatz gleich der Kapitalintensitaet je Beschaeftigten. Aus Tabelle 1 geht hervor, dass 1994 die Kapitalintensitaet der Grundstoffindustrie um die Haelfte ueber dem Durchschnitt der gesamten Industrie und sogar rund doppelt so hoch wie in der Investitionsgueterindustrie war. Aufgrund der Produktionsbedingungen sind in vielen Grundstoffindustrien wie eisenschaffende Industrie, chemische Industrie oder gar Mineraloelverarbeitung ungleich hoehere Kapitalaufwendungen je Arbeitsplatz erforderlich als in der Investitionsgueterindustrie. Dies bewirkt letztlich auch eine Konzentration auf Grossbetriebe. Nach allen vorliegenden empirischen Informationen sind die Anlagennutzungszeiten in den Grundstoffindustrien deutlich laenger als im Durchschnitt der gesamten Industrie. Die Rangfolge der Nutzungszeiten duerfte daher positiv mit der Rangfolge der sektoralen Kapitalintensitaeten und der Groesse der Betriebe korrelieren.

In einigen Grundstoffindustrien werden die Anlagen rund um die Uhr genutzt, oftmals unter Einsatz nur weniger Beschaeftigter. In diesen Betrieben kann die Maschinenlaufzeit ohnehin gar nicht oder nur begrenzt verlaengert werden. In den Investitionsgueterindustrien spricht die unterdurchschnittliche Kapitalintensitaet auch fuer relativ kurze Betriebszeiten. Der Spielraum fuer eine Ausweitung der Maschinenlaufzeiten ist gross; vor allem ist hier wie in Teilen der Verbrauchsgueterindustrien der Anstieg der Kapitalintensitaet in den letzten Jahren ueberdurchschnittlich gewesen. Je staerker die Arbeitsplatzkosten steigen, desto eher wird ein Unternehmen versuchen, mit einer Verlaengerung der Betriebszeiten zu reagieren. So sind es vor allem Investitionsgueter- und z.T. auch Konsumgueterindustrien, die insbesondere bei neuen Arbeitsplaetzen laengere Maschinenlaufzeiten in Erwaegung ziehen. Bei gleichem Output wird damit die Zahl der Arbeitsplaetze verrringert, ihre zeitliche Besetzung mit Arbeitskraeften verlaengert und somit der Anstieg der Kapitalintensitaet gebremst. Dies verlangsamt tendenziell den Rueckgang der (potentiellen) Kapitalproduktivitaet und verbessert die Sachkapitalrendite.

Lange oder flexible Betriebszeiten?

Aufgrund der zunehmenden - auch tarifvertraglich gestuetzten - Flexibilisierung der Arbeitszeiten sind die Moeglichkeiten fuer eine feindosierte Veraenderung der Maschinenlaufzeiten groesser geworden. Aufgrund der Flexibilisierungsvereinbarungen muss die tarifvertragliche Wochenarbeitszeit jedes einzelnen Arbeitnehmers nicht mehr Woche fuer Woche gleichmaessig, sondern nur noch im Durchschnitt ueber einen - von Tarifvertrag zu Tarifvertrag unterschiedlichen, tendenziell aber immer laengeren - (Ausgleichs)Zeitraum eingehalten werden. Schichtlaengen und Zahl der Schichten pro Woche sind nicht mehr an die individuelle woechentliche Arbeitszeit gebunden. Waehrend frueher nur sprunghafte Veraenderungen der Betriebszeiten moeglich waren, koennen mittlerweile - jedenfalls in groesseren Betrieben - praktisch stufenlose Anpassungen vorgenommen werden. So laesst sich mit sog. Mehrfachbesetzungssystemen, in denen m Arbeitnehmer(gruppen) n Arbeitsplaetzen bzw. Arbeitsplatzgruppen zugeordnet werden, fast jede gewuenschte Maschinenlaufzeit erreichen, ohne dass beispielsweise andauernde Mehrarbeit notwendig ist. Vielmehr lassen sich ohne weiteres unterschiedliche Anforderungen an Schichtlaenge sowie Besetzungsstaerke im Tages-, Wochen- oder Jahresverlauf systematisch beruecksichtigen.

Fuer die Dauer der Nutzungszeiten pro Periode sind also zwei Parameter entscheidend: die Besetzungsdauer und die Besetzungsstaerke. Fuer die Nutzungszeit pro Woche beispielsweise kommt es darauf an, zu welchen Tageszeiten und an welchen Wochentagen wieviele der Arbeitsplaetze besetzt sein sollen. Fuer die Ermittlung der jaehrlichen Nutzungszeit muessen dann beispielsweise noch monatliche Schwankungen in der Besetzungsdauer bzw. -staerke und der Betriebsurlaub beruecksichtigt werden. Mit der Flexibilisierung der Arbeitszeit werden also die Konturen der Anlagennutzungszeiten wesentlich differenzierter; damit wird auch ihre empirische Erfassung schwerer.

Neben der Laenge gewinnt die zyklische und saisonale Anpassung der Betriebszeiten fuer die Unternehmen an Bedeutung. Auftragsbezogene Flexibilitaet wird aber immer staerker zur Richtschnur unternehmerischen Handelns. Durch die Variation von Arbeits- und Betriebszeiten lassen sich saisonale und konjunkturelle Anpassungen leichter und auch kostenguenstiger erreichen als durch eine Variation von Kapitalbestand und Belegschaft. Die ueber lange Zeitraeume variierbaren individuellen Arbeitszeiten sowie die seit 1994 von den Tarifvereinbarungen z.T. eroeffneten Moeglichkeiten, die durchschnittliche Arbeitszeit auf betrieblicher Ebene abweichend vom tarifvertraglichen Durchschnitt festzulegen (Arbeitszeitkorridore), haben die zeitliche Anpassungsfaehigkeit weiter verbessert. Schichtlaengen sowie Zahl der Schichten koennen einfacher variiert werden. Eine jahresbezogene auftragsgerechte Planung laesst sich mit Hilfe von Arbeitszeitkonten leichter realisieren als durch traditionelle Instrumente wie Ueberstunden und Zusatzschichten auf der einen, Kurzarbeit und Feierschichten auf der anderen Seite; diese Instrumente haben sich zunehmend als zu eng und zu teuer erwiesen. Durch Nutzung der Flexibilisierungsspielraeume koennen Zuschlaege fuer Mehrarbeit bzw. die seit Anfang 1994 gestiegenen Kosten fuer Kurzarbeit vermieden werden. Dies war ein wichtiger Gesichtspunkt fuer VW bei der Erarbeitung eines Modells der Beschaeftigungssicherung [1]. Dadurch verringern sich die variablen Kosten - aber auch die Einkommen - bei konjunktureller Unterauslastung, die Fixkosten allerdings nicht.

In aller Regel wird die Variation der Nutzungszeiten von der Kapazitaetsauslastung bestimmt (vgl. Schaubild). Demzufolge kommt es bei der Interpretation von Erhebungen zur Ermittlung von Betriebszeiten entscheidend darauf an, in welcher Phase des Konjunkturzyklus solche Daten eroben worden sind.

In Westdeutschland sind waehrend des Vereinigungsboom die Kapazitaeten ueber die betriebsuebliche Vollauslastung hinaus genutzt worden. Anfangs wurden die Anlagen intensiver genutzt. Es wurden nicht nur Ueberstunden gefahren, sondern auch Neueinstellungen vorgenommen, ohne dass zuvor in Arbeitsplaetze investiert werden musste. Bei den darauf folgenden Entscheidungen ueber notwendige Erweiterungsinvestitionen haben die Unternehmen die Erfahrungen mit laengeren Maschinenlaufzeiten und neuen Formen der Arbeitszeitorganisation beruecksichtigt. Es spricht also einiges dafuer, dass die Unternehmen nach dem Vereinigungsboom die zunaechst temporaere Erhoehung der Betriebszeiten teilweise in eine dauerhafte und generelle Erhoehung der Nutzungszeiten und damit des Produktionspotentials umgesetzt haben. Auch mittelfristig koennte also die ueber eine hoehere Nutzungsintensitaet erreichte Entlastung bei den Kapitalstueckkosten z.T. bestehen bleiben.

Lueckenhafte empirische Basis

Gemessen an der Bedeutung, die Maschinenlaufzeiten fuer die Entwicklung des Produktionspotentials haben, sind die Moeglichkeiten einer empirischen Analyse immer noch sehr eingeschraenkt, da weder Zeitreihen noch hinreichend tiefgegliederte Daten vorliegen. Informationen ueber die Arbeitszeitorganisation und Betriebszeiten sind in der amtlichen Statistik praktisch nicht vorhanden, sieht man einmal von den seit 1989 wieder in das Programm des Mikrozensus aufgenommenen Fragen zur Schicht-, Nacht-, Samstags- sowie Sonn- und Feiertagsarbeit ab. Sie beziehen sich auch nur auf das verarbeitende Gewerbe insgesamt; auf Betriebszeiten laesst sich praktisch nicht rueckschliessen, da notwendige betriebliche Informationen von der Anlage des Mikrozensus her gar nicht erhebbar sind, weil er nicht bei den Betrieben ansetzt, sondern bei der Bevoelkerung.

Die einzigen punktuellen Angaben beruhen auf Betriebsbefragungen von Forschungsinstituten: der ifo/IAB Erhebung aus dem Jahr 1984 [2], der ifo-Erhebungen von 1989 [3] und 1994 [4], die die EG mitfinanziert hat, und der ueber den Bereich der Industrie hinausgehenden breit angelegten, repraesentativen Betriebsbefragung des Instituts zur Erforschung sozialer Chancen (ISO) in Kooperation mit dem DIW aus dem Jahr 1990 [5]. Aus den Veroeffentlichungen geht hervor, wie schwierig es ist, aus den Informationen der Betriebe auf Anlagennutzungszeiten zu schliessen. Unmittelbar auf einzelne Anlagen bezogene Angaben liegen so gut wie nicht vor. Vielmehr schaetzen die Betriebe ihre Maschinenlaufzeit pauschal ein bzw. geben an, wieviele ihrer Beschaeftigten in verschiedenen Schichtsystemen arbeiten. Auf der Grundlage dieser Informationen muessen dann die Betriebszeiten geschaetzt werden. Die Befragungsergebnisse koennen in unterschiedlicher Weise verarbeitet werden. Die Berechnung auf der Grundlage der Einzelangaben zu den Arbeitszeitformen kann zum einen mit der Anzahl der Beschaeftigten gewichtet werden (Beschaeftigtenkonzept). Zieht man zum anderen zur Gewichtung die (geschaetzte) Zahl der Arbeitsplaetze heran, so spricht man von einer Ermittlung nach dem Arbeitsplatzkonzept. Wird mit den Arbeitsplaetzen gewichtet, so erhalten die hohen Nutzungszeiten in Mehrschichtbetrieben ein niedrigeres Gewicht als bei Verwendung des Beschaeftigtenkonzepts. Die nach dem Arbeitsplatzkonzept ermittelte Betriebszeit ist daher in der Regel niedriger als nach dem Beschaeftigtenkonzept.

In Tabelle 2 sind die Betriebszeiten in der Industrie Westdeutschlands fuer die Jahre 1984 und 1989 aufgefuehrt. In diesem Zeitraum ist die durchschnittliche Betriebszeit in der Industrie nach dem Arbeitsplatzkonzept praktisch unveraendert geblieben, nach dem Beschaeftigtenkonzept um 5 vH gestiegen. Da im Jahr 1989 gelegentliche Schichtarbeit und Sonderschichten im Unterschied zu 1984 nicht beruecksichtigt wurden, ihr Gewicht aber aufgrund der hoeheren Kapazitaetsauslastung im Jahr 1989 im Vergleich zu 1984 aber eher zugenommen haben duerfte, ist ein Anstieg der Anlagennutzungszeiten im Durchschnitt der Industrie plausibel. Selbst nach den vorliegenden Quantifizierungen aufgrund des Arbeitsplatzkonzepts haben einige Wirtschaftszweige ihre Anlagennutzungszeiten im Durchschnitt verlaengert (Chemische Industrie, Mineraloelverarbeitung, Herstellung von Kunststoffwaren, Gummiverarbeitung; Metallerzeugung, -verarbeitung). Die Verkuerzung der durchschnittlichen individuellen Arbeitszeit in jenem Zeitraum hat aufgrund der gleichzeitigen Flexibilisierung keineswegs zu einer entsprechenden Reduzierung der Anlagennutzungszeiten gefuehrt. Die Flexibilisierungsvereinbarungen konnten insbesondere von Mehrschichtbetrieben genutzt werden.

Nach dem Arbeitsplatzkonzept hat sich deren Maschinenlaufzeit um fast 6 vH im Durchschnitt erhoeht, in einigen Branchen wie der Metallerzeugung und -verarbeitung sowie der Kunststoffwarenherstellung und Gummiverarbeitung sogar um deutlich mehr als 10 vH. Dies spricht dafuer, dass in den Unternehmen mit hohem Anstieg der Arbeitsplatzkosten eine naheliegende Erhoehung der Betriebszeiten durchaus moeglich war. Dagegen war die durchschnittliche woechentliche Betriebszeit bei Einschichtbetrieben leicht ruecklaeufig. Aufgrund der Erhebung im Auftrag der EU [6] duerfte sich diese Entwicklung bis 1994 fortgesetzt haben. Nach dem Arbeitsplatzkonzept wird die durchschnittliche Betriebszeit in der westdeutschen Industrie mit 50 Stunden pro Woche angegeben, nach dem Beschaeftigtenkonzept mit 61 Stunden. Vergleichbarkeit mit den ifo- Angaben fuer 1989 unterstellt, ergibt sich also eine unveraenderte Nutzungszeit nach dem Arbeitsplatzkonzept und ein leichter Rueckgang nach dem Beschaeftigtenkonzept. Angesichts des scharfen Auslastungsrueckgangs in diesem Zeitraum ist dieser Befund bemerkenswert. Mittelfristig duerften demzufolge die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes ihre Nutzungszeit eher erhoeht, kurzfristig aber angesichts der unbefriedigenden Nachfragesituation nicht ausgeschoepft haben.

Aus der EU-Umfrage geht hervor, dass sich in Westdeutschland von 1989 bis 1994 der Anteil der Industriebetriebe mit Schichtarbeit um 8 Prozentpunkte und damit im EU-Vergleich am staerksten erhoeht hat; er lag mit 73 vH knapp ueber dem Durchschnitt. Eine Zunahme war vor allem bei den zweischichtig, aber auch bei den ohne Unterbrechung produzierenden Betrieben zu verzeichnen. Aus den Strukturdaten zu den Betriebszeiten [7] geht hervor, dass der Gesamtdurchschnitt erneut die Dualitaet von Einschicht- und Mehrschichtbetrieben verdeckt: In Einschichtbetrieben liegt in Westdeutschland die woechentliche Betriebszeit um knapp 1 Stunden unter dem europaeischen Durchschnitt; gleichzeitig betraegt ihr Anteil an der Beschaeftigtenzahl 60 vH gegenueber 47 vH im EUDurchschnitt.

Umgekehrt ist es bei westdeutschen Unternehmen, die ueberhaupt in Schichten produzieren. Sie nutzten ihre Anlagen pro Woche um gut drei Stunden laenger als der europaeische Durchschnitt insgesamt. In Mehrschichtbetrieben arbeiteten 1994 aber nur 40 vH der Beschaeftigten; gegenueber dem EU-Durchschnitt entspricht dies einer Differenz von rund 13 Prozentpunkten. Dieses Muster - unterdurchschnittliche Betriebszeiten bei Einschichtbetrieben, ueberdurchschnittliche bei Mehrschichtbetrieben - zeigt sich durchgaengig bei der Grundstoff-, Investitionsgueter- und Konsumgueterindustrie sowie bei fast allen Unternehmensgroessenklassen. Es ist folglich wiederum der vergleichsweise hohe Anteil von Einschichtbetrieben, der auch 1994 den Betriebszeitdurchschnitt der westdeutschen Industrie nach unten gezogen hat.

Vorsicht bei internationalen Vergleichen

Beim gegenwaertigen Informationsstand sind die vorliegenden Berechnungen der Betriebszeiten nur als Naeherungsgroessen zu bewerten. Messprobleme und Nicht-Verfuegbarkeit bzw. Nicht- Vergleichbarkeit von Daten legen einen vorsichtigen Umgang mit den Berechnungen nahe.

Das gilt auch fuer die EU-Umfrage aus dem Jahr 1994. Auch wenn die erneute Befragung nunmehr auf einem harmonisierten Fragebogen beruht, ist eine Beurteilung nur schwer moeglich, solange die Mikrodaten nicht zugaenglich sind und man ueber ihre Repraesentativitaet sowie die Hochrechnungsverfahren wenig weiss. Insbesondere muessten Inkonsistenzen zwischen der Arbeitsmarktumfrage bei den Arbeitgebern in der Industrie von 1994, auf der die Berechnungen der Betriebszeiten beruhen, und der Arbeitskraeftestichprobe der EG aus dem Jahr 1992 aufgeklaert werden [8].

Aber auch aus anderen Gruenden ist bei einem Vergleich der vorliegenden Quantifizierungen Vorsicht geboten. Darauf weist die EU selbst ausdruecklich hin. Dies betrifft die Asynchronitaet der konjunkturellen Situation ebenso wie Unterschiede in der Wirtschaftsstruktur der einzelnen Industriestandorte. Schon aufgrund der Tatsache, dass in Westdeutschland der Anteil des Investitionsgueter produzierenden Gewerbes an der gesamten Industrie weitaus hoeher ist als in den anderen EU-Laendern, muss die durchschnittliche Betriebszeit der Industrie Westdeutschlands vergleichsweise gering sein (vgl. Tabelle 3). Luxemburg hat beispielsweise einen sehr hohen Anteil der Grundstoffindustrie. Auch in Belgien ist dieser Anteil hoeher als in Westdeutschland. Nach EU- Angaben betrugen die durchschnittlichen woechentlichen Nutzungszeiten in der europaeischen Grundstoffindustrie 87 Stunden pro Woche, in der Investitionsgueterindustrie 58 Stunden und im Gesamtdurchschnitt 60 Stunden.

Unter Beruecksichtigung dieses Sachverhalts, der im Prinzip viel differenziertere Analysen erforderte, da auch innerhalb dieser Industriegruppen erhebliche Unterschiede bestehen (z.B. im Anteil der Mineraloelindustrie mit den laengsten Nutzungszeiten ueberhaupt), verschieben sich in der Tabelle die Quantitaeten erheblich. Weiterhin - und teilweise damit zusammenhaengend - ist der unterschiedliche Anteil der Einschichtbetriebe zu beruecksichtigen. Die mittelstaendische Industrie mit ihren niedrigen, aber flexiblen Betriebszeiten dominiert in Westdeutschland, was sicherlich kein Nachteil ist.

Bei einer Gesamtwuerdigung sollten schliesslich auf ein ganzes Jahr bezogene Maschinenlaufzeiten verglichen werden; auch durch unterschiedliche Schliessungspraktiken (Betriebsurlaub) kann sich naemlich die ausgewiesene Rangfolge erheblich veraendern. In Deutschland macht der EU-weit geringste Anteil der Industriebetriebe Betriebsurlaub (31 vH gegenueber einem Durchschnitt von 57 vH); ausserdem sind in Deutschland die Betriebsferien kuerzer als im EU- Durchschnitt, und die Tendenz ist weiter sinkend [9].

Schlussfolgerungen

Die europaeischen Industriestandorte sollten keineswegs allein aufgrund einer einzigen durchschnittlichen Zahl der jeweiligen Maschinenlaufzeiten bewertet werden. Solche Zahlen sind weder unmittelbar vergleichbar noch fuer die Ableitung einer Rangfolge ueber die Wettbewerbsfaehigkeit von Standorten aussagekraeftig genug. Eine weitere Verbesserung des Informationsstandes ueber die Arbeitszeitorganisation ist dringend erforderlich. Allerdings laesst die Flexibilisierung der Arbeitszeit an Schichtarbeit orientierte Betriebsbefragungen schnell an Grenzen stossen.

Bei genauerer Analyse der vorliegenden Berechnungen zeigt sich ueberdies, dass Westdeutschland im Hinblick auf Laenge und Variabilitaet von Maschinenlaufzeiten mittlerweile nicht schlecht abschneidet. Bei Einschichtbetrieben scheint der Trend der Arbeitszeitverkuerzung den der Nutzungszeiten zu bestimmen. Dies duerfte teilweise an den Untersuchungsansaetzen liegen. Eine Erhoehung der Nutzungszeiten unterhalb des Uebergangs zum Zweischichtbetrieb ist in den Umfragen - mit Ausnahme der ISO/DIW- Erhebung bisher nicht erfasst worden.

Aufgrund der geringeren Kapitalausstattung je Arbeitsplatz ist fuer Einschichtbetriebe eine laengere Nutzung u.U. nicht so vordringlich. Der Uebergang zum Zweischichtbetrieb schraenkt immer auch die Flexibilitaet ein. Insofern duerften bei Einschichtbetrieben die Umsetzungsbarrieren fuer den Uebergang zum Zweischichtbetrieb besonders hoch sein. Auch Einschichtbetriebe koennten mit versetzten Arbeitszeiten, einem taeglichen Arbeitseinsatz bis zur gesetzlichen Tageshoechstarbeitszeit von 10 Stunden und Teilzeitloesungen durchaus ihre Betriebszeiten ausdehnen. Was die Flexibilitaet angeht, ist aber der Einschichtbetrieb kaum zu uebertreffen. Dagegen haben Mehrschichtbetriebe ihre Maschinenlaufzeiten rascher als die uebrigen EULaender erhoeht; sie lagen 1994 ueber dem Durchschnitt. Betriebe mit hohen Arbeitsplatzkosten hatten, unabhaengig von der Arbeitszeitverkuerzung, durchaus die Moeglichkeit, ihre Maschinenlaufzeiten auszudehnen.

Fuer Einschicht- wie fuer Mehrschichtbetriebe lassen sich optimale Betriebszeiten erst im Gesamtspektrum aller Kostenfaktoren und der unternehmerischen Zielsetzungen bestimmen. Selbst wenn sich im Branchendurchschnitt kuerzere Anlagennutzungszeiten als im internationalen Vergleich ergeben, so koennen diese Unterschiede u.U. auf Groessenstruktur- und Marktsegementunterschiede zurueckgefuehrt werden. Aus einer unterdurchschnittlichen Anlagennutzung der gesamten westdeutschen Industrie, die zudem von der Betriebszeit der wichtigen europaeischen Konkurrenten in der Mehrzahl der Faelle nicht signifikant entfernt ist, sollten keine Schlussfolgerungen auf die Qualitaet des Standorts gezogen werden. Ein besonderes Problem ist die Sonntagsarbeit. Ihr Anteil koennte kuenftig in der Industrie allgemein zunehmen; jedenfalls wird ueber das grundstoffverarbeitende Gewerbe hinaus auch in der Investitionsgueter- und Konsumgueterindustrie zunehmend Sonntagsarbeit beantragt. Die mit dem neuen Arbeitszeitgesetz geschaffenen Moeglichkeiten zur Ausweitung von Sonntagsarbeit werden von Unternehmen der Textilindustrie, der Reifenherstellung, der Holzverarbeitung und der Elektroindustrie genutzt. Nach 13 Abs. 5 dieses Gesetzes hat die Aufsichtsbehoerde Sonntagsarbeit bei einer sonst unzumutbaren Schlechterstellung gegenueber der auslaendischen Konkurrenz zu bewilligen. Etwaiger Nachholbedarf in diesem Bereich duerfte also bald der Vergangenheit angehoeren.

Betriebliche Mitbestimmung und tarifvertragliche Regelungen engen nach der Umfrage in allen EU-Laendern die unternehmerischen Dispositionen mehr oder minder stark ein; als Resultat eines auf Interessenausgleich zielenden Bargaining-Prozesses sind diese Rahmenbedingungen nicht nur fuer die Tarifparteien unverzichtbar. In der Bundesrepublik sind sie zudem einem schnellen Wandel unterworfen. Die mittlerweile doch erheblich erweiterten tarifvertraglichen Flexibilitaetsspielraeume werden auf betrieblicher Ebene noch zu wenig genutzt. Dies gilt auch fuer die Gestaltung der Maschinenlaufzeiten. Durch eine flexible und innovative Arbeitszeitorganisation sollte auch die immer noch uebermaessige Inanspruchnahme von dauerhafter Mehrarbeit reduziert und in Neueinstellungen umgesetzt werden koennen. Insgesamt fuehrt die Betonung der Hoehe von woechentlichen Nutzungszeiten auf die falsche Faehrte; es ist eher das Gebot der Stunde, Flexibilitaet zu verwirklichen als moeglichst lange Nutzungsdauern.

[1] Vgl. dazu auch: Volker Meinhardt, Frank Stille und Rudolf Zwiener: Weitere Arbeitszeitverkuerzungen erforderlich - Zum Stellenwert des VW-Modells. In: Wirtschaftsdienst Nr. 12, 1993, S. 639 - 644.

[2] Vgl. Reyher, Lutz und Eugen Spitznagel, Wolf Ruediger Streck, Bernhard Teriet, Kurt Vogler-Ludwig: Zu den Beschaeftigungspotentialen einer Entkoppelung von Arbeits- und Betriebszeiten, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarktund Berufsforschung, Heft 1/1985, S. 30 - 40.

[3] Vgl. Vogler-Ludwig, Kurt: Betriebszeit der Produktionsanlagen. In: ifo-Schnelldienst, Heft 1 - 2, S. 3 - 8, 1990.

[4] Einzelheiten hat ifo bisher nicht veroeffentlicht.

[5] Vgl. Gross, Hermann, Frank Stille und Christa Thoben unter Mitarbeit von Frank Bauer: Arbeits- und Betriebszeiten 1990. Ergebnisse einer aktuellen Betriebsbefragung zu Arbeitszeitformen und Betriebszeiten in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.: Ministerium fuer Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW), Duesseldorf 1991.

[6] European Economy - Reports and Studies, no 3, 1995: Performance of the European Union Labour Market. Results of an ad hoc labour market survey covering employers and employees, Luxembourg, 1995.

[7] Vgl. Claus F. Hofmann, EU-Arbeitsmarktumfrage/Teil I. Beachtliche Flexibilisierungspotentiale, in: Bundesarbeitsblatt 10/1995, S. 9 - 12, hier S. 12.

[8] Vgl. hierzu Hartmut Seiffert: Spielraeume fuer Betriebsnutzungszeiten. In: WSI-Mitteilungen 10/1995, S. 641 - 646.

[9] Vgl. European Economy, a.a.O., Table 7.

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Tabelle 1

Kapitalintensitaet (1)

Verarbeitendes Gewerbe (2)

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Kapitalinten- Veraenderung

sitaet 1994

in 1000 gegenueber

1980 1994 1980 in vH

Verarbeitendes Gewerbe insgesamt 131 199 52

Grundstoffe produzierendes Gewerbe 228 305 34

dar.: Mineraloelverarbeitung 728 841 16

Steine und Erden 233 302 30

Eisenschaffende Industrie 257 441 72

Ziehereien, Kaltwalzwerke, Stahlverf. 134 169 26

Chem. Industrie, Spalt-, Brutstoffe 257 315 23

Gummiverarbeitung 129 188 46

Investitionsgueter produzierendes Gewerbe 87 158 82

dar.: Maschinenbau 85 132 55

Strassenfahrzeugbau 108 212 96

Elektrotechnik 74 146 97

Bueromaschinen, ADV 146 366 151

Verbrauchsgueter produzierendes Gewerbe 102 170 67

dar.: Holzverarbeitung 92 120 30

Kunststoffwaren 99 144 45

Textilgewerbe 143 260 82

Nahrungs- und Genussmittelgewerbe 224 268 20

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(1) Brutto-Anlagevermoegen zu Preisen von 1985 je Beschaeftigten.

(2) Mit 20 und mehr Beschaeftigten.

Quelle: Goerzig u.a.: Produktionsvolumen und -potential, Produktionsfaktoren

des Bergbaus und des Verarbeitenden Gewerbes, Statistische

Kennziffern, 37. Folge, 1970-1994, DIW, Berlin 1995.

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Tabelle 2

Betriebszeiten in der Industrie

Westdeutschland

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Beschaeftig- Arbeitsplatzkonzept

tenkonzept Insgesamt Mehrschichtbetriebe

1984 1989 1984 1989 1984 1989

Stunden pro Woche

Chemische Industrie,

Mineraloelverab. 74,3 97,4 52,6 65,8 122,7 129,9

Kunststoffwaren, Gummiverarb. 68,8 79,1 54,0 58,2 102,5 113,9

Steine und Erden 59,2 59,4 48,4 47,0 110,5 111,8

Holz, Papier-, Pappeerzeugung 80,3 79,4 57,3 56,9 107,2 111,5

Metallerzeugung, -verarbeitung 78,8 89,0 58,6 61,1 108,0 122,1

Stahl-, Maschinen-, Fahrzeugbau 57,5 55,0 51,0 48,6 80,5 77,1

Elektrotechnik, Optik 52,8 55,1 46,9 45,4 86,8 96,2

Holzverarbeitung 42,4 45,8 41,4 41,5 80,4 98,5

Druckerei 63,9 60,3 53,0 47,2 95,1 94,4

Textilgewerbe 81,3 75,9 62,3 58,9 106,2 101,2

Leder-, Bekleidungsgewerbe 41,3 42,4 40,7 40,8 99,2 105,8

Nahrungs-, Genussmittelgewerbe 54,5 55,8 47,4 46,8 93,3 94,2

Insgesamt 60,6 63,6 50,1 49,7 91,2 96,3

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Quelle: Kurt Vogler-Ludwig, a.a.O.

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Tabelle 3

Europaeische Industrie im Vergleich

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Betriebszeiten in Stunden je Woche Gewicht der Investitions-

Beschaeftigten- Arbeitsplatz- gueter produzierenden

konzept konzept Industrie (1)

1994 1990

Luxemburg 108 87 17 (*)

Belgien 105 93 35

Spanien 94 74 33

Italien 83 77 37 (**)

Niederlande 69 52 37

EU - Durchschnitt 68 56 -

Griechenland 67 55 24

Westdeutschland 61 50 57

Frankreich 60 51 45

Portugal 57 53 19

Grossbritannien 55 51 48

Irland 52 46 34

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(1) Anteil der Beschaeftigten in der Investitionsgueter produzierenden

Industrie (ISIC38) an allen Beschaeftigten in der Industrie.

(*) 1980.

(**) 1989.

Quellen: Claus F. Hofmann, EU-Arbeitsmarktumfrage/Teil I, in: Bundesarbeits-

blatt Nr. 10/1995; OECD, Labour Force Statistics.

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DIW Berlin

Wochenbericht 48/95