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Wochenbericht des DIW Berlin 37/04

Nach wie vor keine sichtbaren Erfolge der weltweiten Klimaschutzpolitik

Bearbeiter Hans-Joachim Ziesing
Die internationale Klimaschutzpolitik läuft nach wie vor ihren Zielen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen hinterher. Trotz mancher klimaschutzpolitischer Maßnahmen sind die teilweise krassen Abweichungen zwischen den im Kyoto-Protokoll vereinbarten Klimaschutzzielen und den bisher erreichten Ergebnissen unübersehbar. So waren die Treibhausgasemissionen im Jahre 2002 in den OECD-Ländern, die Ende 1997 in Kyoto eine Emissionsreduktion bis zur Periode 2008/2012 zugesagt hatten (so genannte Annex-II-Länder), noch um rund 8 % höher als im Basisjahr 1990. [1] Die Emissionen von Kohlendioxid (CO2), dem mit großem Abstand wichtigsten Treibhausgas, sind nach vorläufigen Schätzungen im Jahre 2003 weltweit um nahezu 4 % gestiegen. Damit waren die CO2-Emissionen im Jahre 2003 um fast ein Fünftel höher als 1990.

Die Europäische Union (EU) hat mit dem bevorstehenden Beginn des Emissionshandels ihre Entschlossenheit zur Umsetzung des Kyoto-Protokolls unterstrichen. Inzwischen haben die meisten EU-Länder auch einen Nationalen Allokationsplan für die Periode 2005/2007 vorgelegt. Angesichts des in vielen EU-Mitgliedstaaten nach wie vor sehr weiten Abstands des derzeitigen Emissionsniveaus von den vereinbarten Zielen und den überwiegend sehr moderaten Emissionsvorgaben in den Nationalen Allokationsplänen für 2005/2007 sind jedoch erhebliche Zweifel an der Zielerreichung angebracht. Innerhalb der EU-15 haben nach den vorliegenden Emissionsinventaren lediglich Großbritannien, Frankreich und Schweden ihre Reduktionsziele schon heute übertroffen, und Deutschland ist ihnen recht nahe gekommen. Dies kann kein Anlass sein, mit den klimaschutzpolitischen Anstrengungen nun nachzulassen, zumal längerfristig noch schärfere Reduktionsziele verwirklicht werden sollen.

Mit der 1992 in Rio de Janeiro verabschiedeten und 1994 in Kraft getretenen Klimarahmenkonvention hatten sich die so genannten Annex-I-Länder grundsätzlich dazu bekannt, ihre Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2000 auf das Niveau von 1990 zurückzuführen. Das 1997 verabschiedete Kyoto-Protokoll, das für die Industrieländer erstmals verbindliche quantitative Reduktionspflichten vorsah, ist bis heute noch immer nicht in ausreichendem Umfang ratifiziert und demnach völkerrechtlich nach wie vor nicht bindend (Kasten 1).

Unabhängig davon haben sich aber die EU und ihre Mitgliedstaaten, die das Protokoll schon im Jahre 2002 ratifiziert hatten, verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis zur ersten Verpflichtungsperiode 2008/2012 um insgesamt 8 % gegenüber 1990 zu verringern. Die Verteilung innerhalb der EU-15 richtet sich nach den Vereinbarungen im Rahmen des europäischen "burden sharing", die für die meisten Mitgliedstaaten Reduktionsvorgaben in unterschiedlichem Maße, für einige Länder sogar noch begrenzte Emissionssteigerungen vorsehen.

Weltweite Entwicklung der Treibhausgas-
emissionen
Angaben über die aktuelle weltweite Entwicklung der Emissionen der im Kyoto-Protokoll festgelegten sechs Treibhausgase liegen nur unvollständig vor. Für die Länder mit quantifizierten Emissionsbegrenzungs- oder Reduktionsverpflichtungen (Annex-B-Länder) sind sie zwar verfügbar, wenn auch nicht in jedem Fall zeitnah. [2] Danach waren die Treibhausgasemissionen in dieser Ländergruppe in der Summe für die jeweils letzten Berichtsjahre um gut 6 % niedriger als im Basisjahr 1990 (Tabelle 1). Damit wäre das gemeinsame Reduktionsziel für die erste Verpflichtungsperiode 2008/2012 von zusammen 5,3 % praktisch schon übererfüllt.

Der Rückgang ist jedoch fast ausschließlich auf den starken Einbruch in den Transformationsländern zurückzuführen. Dort lagen die Treibhausgasemissionen zuletzt um fast 40 % unter dem Niveau von 1990. Demgegenüber ist es in der Summe der im Anhang B des Kyoto-Protokolls genannten "westlichen" Industrieländer (Annex-II-Länder) von 1990 bis 2002 zu einem Anstieg um knapp 8 % gekommen. An diesem Anstieg - in CO2-Äquivalenten gerechnet waren dies 1 Mrd. Tonnen - waren allein die USA mit vier Fünfteln beteiligt. Auch ohne Berücksichtigung der USA und Australiens haben die Treibhausgasemissionen in der Gruppe der Annex-II-Länder vom Basisjahr 1990 bis 2002 um knapp 2 % zugenommen. Innerhalb dieser Ländergruppe gab es ins Gewicht fallende Emissionsminderungen lediglich in Deutschland und in Großbritannien.

Anhaltspunkte dafür, dass sich die Emissionsentwicklung weltweit eher noch weiter von den angestrebten Zielen entfernt hat, bieten auch Schätzungen der Veränderungen bei dem mit Abstand wichtigsten Treibhausgas CO2 (Tabelle 2, Abbildung 1). [3] Danach waren die gesamten energiebedingten CO2-Emissionen im Jahre 2003 weltweit um beinahe 4 % höher als im Vorjahr. In der EU-15 fiel der Anstieg mit 2 % nur wenig schwächer aus. In den Transformationsländern expandierten die Emissionen im Jahre 2003 etwa im weltweiten Durchschnitt; damit setzte sich der Aufwärtstrend, der im Jahre 2000 nach einem ständigen Rückgang in den 90er Jahren begonnen hatte, verstärkt fort. Mit Ausnahme der Nicht-Annex-I-Länder war der Anstieg der CO2-Emissionen in den vergangenen fünf Jahren teilweise deutlich stärker als in den acht Jahren zuvor.

Mit etwas mehr als 6 % sind die CO2-Emissionen in den Entwicklungs- und Schwellenländern (Nicht-Annex-I-Länder) weiterhin besonders kräftig gewachsen. [4] Die insgesamt starke Emissionszunahme in dieser Ländergruppe von 1990 bis 2003 um rund 58 % hat deren Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen in dieser Zeit deutlich - von rund einem Drittel auf etwa 45 % - erhöht. Es ist aber zu berücksichtigen, dass die Pro-Kopf-Emissionen in den Industrieländern mit reichlich 11 Tonnen je Einwohner noch immer rund sechsmal so hoch sind wie in den Entwicklungsländern.

Die US-amerikanische Energy Information Administration (EIA) kommt in ihrer Vorausschätzung vom Mai 2004 zu dem Ergebnis, dass unter Referenzbedingungen die weltweiten CO2-Emissionen im Jahre 2025 um rund 55 % höher sein werden als 2001; gegenüber 1990 wäre dies ein Anstieg um fast drei Viertel (Abbildung 2). [5] Auch in den OECD-Ländern werden demnach die Emissionen steigen (bis 2025 um 50 %). Den auch künftig mit Abstand stärksten Emissionsanstieg werden nach dieser Vorausschätzung die Entwicklungsländer aufweisen, die im Jahre 2025 fast dreimal so viel CO2 ausstoßen werden wie 1990. In den Transformationsländern bleiben die Emissionen nach dem drastischen Rückgang in den 90er Jahren zwar hinter dem Ausgangsniveau zurück (-12 %), doch wird für den Zeitraum 2001 bis 2025 wieder mit einer deutlichen Emissionssteigerung gerechnet (+37 %).

Emissionsentwicklung
in der EU

Treibhausgas-
emissionen

Nach den jüngsten nationalen Emissionsinventaren der Mitgliedstaaten sind die gesamten Treibhausgasemissionen in der EU-25 im Jahre 2002 gegenüber 2001 geringfügig gesunken (-0,7 %). Dabei erhöhten sich die Emissionen in 12 Staaten noch um 0,3 % (Griechenland) bis 10,3 % (Luxemburg), während sie in den übrigen 13 Ländern um 0,1 % (Italien) bis 3,5 % (Tschechien) sanken. Insgesamt ergab sich gegenüber dem Basisjahr 1990 ein Minus von rund 490 Mill. t CO2-Äquivalenten oder gut 9 %. Davon gehen allerdings allein drei Viertel auf das Konto der EU-Beitrittsstaaten, in denen die Emissionsminderungen teilweise mehr als 60 % betrugen (Tabelle 3). [6]

Innerhalb der EU-15 zeigt sich ein sehr differenziertes Bild: Quantitativ bedeutsam waren in den 90er Jahren lediglich die Emissionsminderungen in Deutschland (Basisjahr 1990 bis 2002: 237 Mill. t) und Großbritannien (111 Mill. t). Ohne diese beiden Länder waren die Treibhausgasemissionen in der EU-15 im Jahre 2002 um ein Zehntel höher als 1990. Einen besonders starken Anstieg wiesen die südeuropäischen Länder Spanien, Italien, Griechenland und Portugal (zusammen 208 Mill. t) sowie Irland (knapp 16 Mill. t) auf. Außer in Deutschland und Großbritannien waren die Emissionen im Jahre 2002 nur noch in Luxemburg, Schweden und Frankreich sowie - in geringem Umfang - auch in Dänemark niedriger als 1990. Insgesamt ergeben sich damit erhebliche Abweichungen zwischen den vereinbarten Reduktionszielen und dem bisher erreichten Emissionsniveau (Abbildung 3).

Kohlendioxid-
emissionen (CO2)
Nach Schätzungen des DIW Berlin haben sich die CO2-Emissionen in der EU-25 im Jahre 2003 im Vergleich zum Vorjahr um 2,2 % erhöht (Tabelle 4). Mit Ausnahme von Irland sind sie in allen Mitgliedstaaten gestiegen. Besonders stark fiel die Zunahme in Finnland, Dänemark und Österreich aus; vergleichsweise schwach war sie in Deutschland (+0,4 %).

In der Periode 1990 bis 2003 war der Anstieg EU-weit mit 0,3 % eher gering, doch ist dies in erster Linie mit der Entwicklung in den Beitrittsstaaten (etwa -17 %), aber auch mit der ins Gewicht fallenden Reduktion in Deutschland und in Großbritannien zu erklären. In den meisten Ländern der EU-15 haben die CO2-Emissionen dagegen kräftig zugenommen, etwa in Portugal um rund 56 % und in Spanien um fast 50 %. Ohne Deutschland und Großbritannien waren die Emissionen in der EU-15 im Jahre 2003 um fast ein Fünftel höher als 1990.

Sektoraler Wandel der CO2-Emissionen Einen Hinweis darauf, welche strukturellen Veränderungen die Emissionsentwicklung in der EU-25 seit 1990 hauptsächlich beeinflusst haben, geben die sektorale Verteilung der CO2-Emissionen und deren Veränderungen in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten (Tabelle 5). Auffällig ist vor allem der kräftige Anstieg der verkehrsbedingten Emissionen, die im Jahre 2002 europaweit um fast ein Fünftel höher waren als 1990 und inzwischen nahezu ein Viertel des gesamten CO2-Ausstoßes ausmachen. In einigen EU-Ländern erreichen die Verkehrsemissionen inzwischen Anteile von mehr als einem Drittel (Schweden, Frankreich, Lettland). Deutlich schwächer als im EU-Durchschnitt nahmen sie in Finnland, Großbritannien, Deutschland und Schweden zu. In den baltischen Ländern waren sie im Jahre 2001 noch immer niedriger als 1990.

Sehr heterogen entwickelten sich die Emissionen in Industrie und Baugewerbe, wo bei einem durchschnittlichen Rückgang um rund
14 % die Bandbreite von einem Minus von 80 % in Litauen (1990 bis 2001) und etwa einem Drittel in Deutschland bis zu einer Erhöhung um zwei Fünftel in Spanien reicht. In neun der 15 "alten" EU-Länder waren die industriellen Emissionen im Jahre 2002 niedriger als 1990. Nur wenig gestiegen sind sie in der EU-15 in der Energieindustrie
(0,6 %). Dieser schwache Anstieg ist vor allem eine Folge der starken Rückgänge in Deutschland, Großbritannien und Frankreich, während die Emissionen in diesem Sektor in fast allen anderen Ländern gestiegen sind. Mit Ausnahme von Slowenien, Tschechien und Ungarn sanken dagegen die Emissionen des Energiesektors in den Beitrittsstaaten drastisch. Mit einem durchschnittlichen Anteil von fast 37 % ist der Energiebereich aber nach wie vor der mit Abstand größte CO2-Emittent in der EU-25, gefolgt vom Verkehr, von den anderen Sektoren (u. a. private Haushalte, Gewerbe, Handel, Dienstleistungen) sowie von Industrie und Baugewerbe.

Der in der EU im Jahre 2005 beginnende Emissionshandel beschränkt sich vorerst im Wesentlichen auf die Sektoren Energie und Industrie; zusammengenommen machen diese Bereiche (einschließlich der prozessbedingten industriellen Emissionen) in fast allen EU-Ländern mehr als die Hälfte der gesamten CO2-Emissionen aus, wobei die Bandbreite von einem Drittel in Luxemburg bis jeweils rund 87 % in Estland und in der Slowakei reicht: Im Durchschnitt der EU-25 beträgt der Anteil knapp 58 %, in den Beitrittsstaaten nahezu drei Viertel und in der EU-15 rund 55 %; auf die nicht am Emissionshandel teilnehmenden Sektoren entfallen damit entsprechend 45 % aller Emissionen in der EU-15.

Einflussfaktoren für die Entwicklung der Kohlendioxid-
emissionen
Die Veränderungen der Kohlendioxidemissionen lassen sich auf unterschiedliche Einflussfaktoren zurückführen. Die wichtigsten sind die Entwicklung der Bevölkerung (demographische Komponente), des Bruttoinlandsprodukts je Einwohner (Einkommenskomponente), der gesamtwirtschaftlichen Energieintensität (Energieintensitätskomponente) sowie des CO2-Gehalts des Primärenergieverbrauchs (Energiemixkomponente).

Mithilfe der "Komponentenzerlegung" [7] ist der Einfluss dieser Faktoren auf die Veränderungen der CO2-Emissionen in der Zeit vom Basisjahr 1990 bis zum Jahr 2002 für die Annex-II-Länder geschätzt worden (Tabelle 6 und Abbildung 4). Danach lässt sich der Emissionsanstieg in dieser Ländergruppe um insgesamt fast
1,2 Mrd. t CO2 mit dem gewachsenen Bruttoinlandsprodukt je Einwohner (1 862 Mill. t) und der höheren Zahl der Einwohner (824 Mill. t) erklären. Der Einfluss beider Faktoren konnte allerdings durch die emissionsmindernden Wirkungen der sinkenden Energieintensität (1 083 Mill. t) sowie der Veränderungen der Energieträgerstruktur zugunsten emissionsfreier oder emissionsärmerer Energieträger (414 Mill. t) bei weitem nicht ausgeglichen werden.

Auch in der EU-15 übertrafen die von der Einkommens- und der Demographiekomponente ausgehenden Steigerungseffekte die emissionsmindernden Wirkungen der Energiemix- und der Energieintensitätskomponente; unter dem Strich steht eine Zunahme um rund 58 Mill. t CO2. Für die einzelnen Annex-II-Länder ergibt sich ein differenziertes Bild:

Der Bevölkerungseinfluss für sich genommen hat in allen Ländern zu einer Steigerung der CO2-Emissionen geführt. Gemessen am relativen Beitrag kommt dies in den größeren Ländern vor allem in Australien/Neuseeland, in den USA und in Kanada zum Ausdruck. Insgesamt sind der Bevölkerungsentwicklung in den Annex-II-Ländern um 8,4 % (EU-15: 4,1 %) höhere CO2-Emissionen zuzurechnen.

Der Einkommenseffekt, also die Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts je Einwohner, hat ebenfalls in allen Ländern zur Zunahme der Emissionen beigetragen, wobei der relative Einfluss in den kleinen Ländern wie Irland und Luxemburg, aber auch in Norwegen, Spanien, Australien/Neuseeland und Portugal besonders ausgeprägt war. Am schwächsten war der Einkommenseffekt in der Schweiz, in Japan und in Deutschland. In den Annex-II-Ländern insgesamt führte das gestiegene Pro-Kopf-Einkommen für sich genommen zu 18,9 % (EU-15: 19,8 %) höheren CO2-Emissionen.

Der Energieintensitätseffekt weist eine breite Streuung auf. Mit Ausnahme von Island, Portugal und Spanien wirkte er sich in allen anderen Annex-II-Ländern emissionsmindernd aus. Dies trifft vor allem auf Irland und Luxemburg zu - mit weitem Abstand gefolgt von Deutschland, Norwegen, Großbritannien und den USA. In Island, Portugal und Spanien hat sich dagegen die Energieproduktivität spürbar verschlechtert. Kaum Energieproduktivitätsfortschritte gab es vor allem in Japan, in der Schweiz und in Finnland. Auf die Annex-II-Länder zusammengenommen bewirkte der Energieintensitätseffekt eine Minderung der CO2-Emissionen um 11,0 % (EU-15: 12,3 %).

In den einzelnen Ländern zeigen sich gravierende Unterschiede in der Entwicklung wie im Niveau der Energieproduktivitäten (Tabelle 7). [8] Das mit Abstand niedrigste Produktivitätsniveau (Angaben für 2002) findet sich in Island, Kanada, den USA und in Australien/Neuseeland. Länder mit der höchsten Produktivität sind die Schweiz, Japan und Dänemark; Deutschland liegt nur wenig darunter. Gemessen an den jahresdurchschnittlichen Verbesserungen der Energieproduktivität in der Periode 1990 bis 2002, die im Mittel der Annex-II-Länder 0,9 % (EU-15: 1,0 %) ausmachten, liegen Irland und Luxemburg weit vorne, mit deutlichem Abstand gefolgt von Deutschland (1,9 % [9]), Großbritannien (1,7 %) und Norwegen (1,5 %).

Die Veränderungen der Energieträgerstruktur haben für sich genommen mit Ausnahme von Portugal, Kanada, Australien/Neuseeland und Spanien in allen Ländern eine Reduktion der CO2-Emissionen bewirkt; der Energiemix hat sich dort also zugunsten emissionsfreier oder -ärmerer Energieträger (insbesondere Erdgas) verschoben. Besonders in Island, Luxemburg, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Schweden und Belgien spielte dieser Faktor eine wesentliche Rolle. Insgesamt wurden die Emissionen durch den veränderten Energiemix in der hier betrachteten Ländergruppe um 4,2 % (EU-15: 9,8 %) gesenkt.

Mit Ausnahme von Deutschland, Luxemburg, Großbritannien und Schweden waren die emissionserhöhenden Effekte aufgrund der Einkommens- und der Demographiekomponente in allen Annex-II-Ländern höher als die emissionsmindernden Wirkungen der Energiemix- und der Energieintensitätskomponente. Am stärksten trifft dies auf Portugal, Spanien, Irland und Australien/Neuseeland zu. Insgesamt lagen die CO2-Emissionen in dieser Ländergruppe im Jahre 2002 um rund 12 % über dem Niveau von 1990.

Fazit: Reduktionsziele rücken in weite Ferne Die weltweite Entwicklung der gesamten Treibhausgasemissionen und der CO2-Emissionen gibt noch immer keinen Anlass anzunehmen, dass die von der internationalen Staatengemeinschaft im Jahre 1997 in Kyoto verabredeten Ziele erreicht werden. Zudem fühlen sich die USA wie auch Australien ohnehin nicht mehr an die damaligen Verabredungen gebunden. Vielmehr zeigt sich, dass die Annex-II-Länder in ihrer Summe alles andere als einen Emissionsminderungspfad eingeschlagen haben: Statt der ursprünglich genannten Reduktion ist es in dieser Ländergruppe von 1990 bis 2002 zu einer deutlichen Zunahme gekommen. Der weitere Anstieg der CO2-Emissionen im Jahre 2003 signalisiert eher eine Fortsetzung dieses Trends. In der EU-15 sieht es kaum besser aus: Die meisten Mitgliedstaaten sind nach wie vor sehr weit von ihren Reduktionsverpflichtungen entfernt, die sie im Rahmen des europäischen "burden sharing" eingegangen sind. [10]

Deutschland hat sich verpflichtet, seine Treibhausgasemissionen bis 2008/2012 um 21 % zu vermindern; das sind rund drei Viertel des insgesamt von der EU übernommenen Minderungsbetrages. Bis 2002 ist es bereits zu einer Reduktion um knapp 19 % gekommen. Damit hat Deutschland schon 90 % seiner absoluten Reduktionspflicht geleistet. An der von der EU-15 insgesamt bis 2008/2012 gegenüber 2002 zu erbringenden Emissionsminderung hat Deutschland einen Anteil von knapp 12 %. Da Großbritannien, Schweden und Frankreich ihr Reduktionsziel schon heute mehr als erfüllt haben, sollte die Hauptanpassungslast künftig bei den übrigen elf EU-Mitgliedstaaten liegen. Dies freilich bedeutet, dass in der Mehrzahl dieser Länder eine drastische Trendumkehr gelingen müsste.

Auf diesem Wege könnte mit der Umsetzung des Emissionshandels ein wichtiger Schritt gegangen werden. Allerdings beschränkt sich der Handel mit Emissionszertifikaten vorerst nur auf das Treibhausgas CO2 und schließt nicht alle Sektoren ein. Für die nicht vom Emissionshandel betroffenen Sektoren - das sind vor allem der in den meisten Ländern expansive Verkehr sowie die privaten Haushalte - fehlen zumeist noch wirksame Maßnahmen zur nachhaltigen Emissionsminderung. Alles in allem bleiben Zweifel, ob das Gesamtziel für die EU-15 tatsächlich Aussicht hat, verwirklicht zu werden.

Im Unterschied zur EU-15 insgesamt ist Deutschland seinem Ziel schon recht nahe gekommen. Allerdings ist auch festzustellen, dass sich hier die Emissionsminderung im Laufe der 90er Jahre erheblich abgeschwächt hat und die Emissionen im Jahre 2003 sogar wieder höher waren als noch 1999. [11] Vor diesem Hintergrund besteht kein Anlass, mit den klimaschutzpolitischen Anstrengungen nun nachzulassen.

Kasten 1

Rechtsrahmen und Länderzuordnungen


Auf der Dritten Vertragsstaatenkonferenz im Jahre 1997 in Kyoto wurden in dem dort verabschiedeten Protokoll die im Anhang B aufgeführten Länder (so genannte Annex-B-Länder; zur Zuordnung siehe unten) als die Hauptverantwortlichen für den zusätzlichen Treibhauseffekt erstmals völkerrechtlich verbindlich zu konkreten Begrenzungen oder Verringerungen ihrer Emissionen verpflichtet.

Nach Art. 25 Abs. 1 tritt das Protokoll allerdings erst dann in Kraft, wenn "mindestens 55 Vertragsparteien des Übereinkommens, darunter in Anlage I aufgeführte Vertragsparteien, auf die insgesamt mindestens 55 v. H. der gesamten Kohlendioxidemissionen der in Anlage I aufgeführten Vertragsparteien im Jahre 1990 entfallen, ihre Ratifikations-, Annahme-, Genehmigungs- oder Beitrittsurkunden hinterlegt haben".

Mitte August 2004 hatten zwar bereits 124 Vertragsparteien das Protokoll ratifiziert, doch war die zweite Bedingung nicht erfüllt, da erst 44,2 % der relevanten Emissionen "gezeichnet" waren. Nachdem die USA "ausgestiegen" sind und sich auch Australien inzwischen nicht mehr an die Kyoto-Verpflichtungen gebunden fühlt, setzt das Erreichen der Quote von 55 % insbesondere die Ratifizierung des Protokolls durch Russland (mit einem Emissionsanteil von 17,4 %) voraus. Zwar hat sich die russische Regierung in der Vergangenheit grundsätzlich für eine Ratifizierung ausgesprochen, doch ist dieser Schritt bislang nicht getan worden. Insoweit ist die völkerrechtliche Verbindlichkeit des Kyoto-Protokolls noch immer nicht gegeben.

• Annex-I-Länder: Mit Ausnahme von Südkorea und Mexiko alle OECD-Länder sowie die Transformationsländer. Entsprechend handelt es sich bei den Nicht-Annex-I-Ländern im Wesentlichen um die Entwicklungs- und Schwellenländer.

• Annex-II-Länder: Alle OECD-Länder mit Ausnahme von Südkorea, Mexiko, der Türkei, Polen, der Tschechischen Republik, Ungarn und der Slowakischen Republik.

• Annex-B-Länder: Alle OECD-Länder - ausgenommen die Türkei, Südkorea und Mexiko - sowie die Transformationsländer (ohne Weißrussland).

• Transformationsländer (EIT = Economies in Transition): Polen, Tschechische Republik, Ungarn und Slowakische Republik (gleichzeitig OECD-Mitglieder), Russische Föderation, Ukraine, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Rumänien, Slowenien und Weißrussland.


Kasten 2

Volksrepublik China: Widersprüchliche Datenlage


Die Veränderungen der weltweiten Treibhausgasemissionen werden in erheblichem Umfang von der Entwicklung in der Volkrepublik China beeinflusst. Allerdings ist die Datenlage hinsichtlich des emissionsverursachenden Energieverbrauchs widersprüchlich. Dies betrifft in erster Linie die Angaben zur Förderung und zum Verbrauch von Kohle, und zwar vor allem für die Jahre seit 1995. Folgt man den Angaben der BP, dann haben sich der Primärenergieverbrauch sowie die Förderung von Kohle in der Volksrepublik China außerordentlich sprunghaft entwickelt. Danach hätte sich der Kohleverbrauch von 1997 bis 2000 um beinahe 230 Mill. toe oder um ein Drittel vermindert, wäre dann aber von 2000 bis 2003 um nahezu 350 Mill. toe oder um rund drei Viertel gestiegen. Ähnlich sind die Änderungen bei der Kohleförderung (Tabelle K1).

Eine solche Entwicklung wird von der Internationalen Energieagentur (IEA) allerdings für wenig wahrscheinlich gehalten. Dazu führt sie aus:

"Since 1997, Chinese coal production has been declining for several reasons. Among these are: a switch to higher quality coal, implementation of environmental regulations - especially in urban areas, changes in economic structure, new fuel mix policies in power generation, shutdown of thousands of small mines and the strict implementation of state supported energy efficiency policies. However, analyses of original Chinese coal production and consumption data show that the drop in production is much more significant than the drop in consumption which creates very big statistical differences after 1997. Based upon the assumption that coal consumption statistics are more reliable than coal production statistics, that the production-consumption relationship should maintain a better balance over time, that changes in the number of miners working in the coal mines and coal productivity trends reflect higher production; the IEA has revised Chinese coal production statistics upward. It should be noted that these data are IEA estimates and in no case represent official data released by the Chinese government." [1]

Auch Paul Suding, Leiter der Umweltprogramme der GTZ in Peking, weist in einer persönlichen Mitteilung darauf hin, dass die Kohlebilanzdaten von 1998 bis 2001 die Realität nicht widerspiegeln. So seien nach der Auflösung des Kohleministeriums im Jahre 1997 und dem Übergang des Kohlesektors in eine "Art Marktwirtschaft" die Beziehungen für die statistische Berichterstattung gekappt sowie die Kompetenzen verändert worden. Gleichzeitig wurden Schließungen im Bergbau angeordnet, die dazu führten, dass ein beträchtlicher illegaler Bergbau entstand. Außerdem wurde die Nutzung hochschwefelhaltiger Kohle zwar untersagt, doch gingen der Handel mit dieser Kohle und ihre Nutzung in Heizwerken, in der Industrie und auch in öffentlichen Kraftwerken weiter. Auch wurde die Schließung alter Kraftwerke mit Leistungen von unter 30 MW angeordnet, aber nicht immer vollzogen. In diesen Jahren habe sich eine Gemengelage herausgebildet, in der illegaler Kohlehandel blühte und die Statistik nicht funktionierte.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass auch die vorliegenden Angaben zu den CO2-Emissionen in der Volksrepublik China teilweise deutlich voneinander abweichen. Nach Abwägung der unterschiedlichen Quellenlagen wurden für die Jahre 1990 bis 2001 die Angaben der Internationalen Energieagentur übernommen; für die Schätzungen am aktuellen Rand wurden die von der Energy Information Administration angegebenen Veränderungen von 2001 auf 2002 sowie die aus den BP-Energiedaten errechneten Veränderungen von 2002 auf 2003 den in diesem Bericht verwendeten Daten für China zugrunde gelegt (Tabelle K2).

[1] Vgl.: Energy Balances of Non-OECD Countries 1999-2000. Paris 2002, S. I.26.



[1] Grundsätzlich gilt 1990 als Basisjahr. Sofern davon abweichende Basisjahre verwendet werden, wird dies explizit genannt.

[2] Die in diesem Bericht verwendeten Datenquellen sind vor allem: "2004 Annex I Parties GHG Inventory Submissions" an das UNFCCC Sekretariat, die für die meisten Annex-I-Länder vorliegen und Daten bis 2002 enthalten; International Energy Agency (IEA) (Hrsg.): CO2 Emissions from Fuel Combustion. Paris 2002 und 2003; Energy Information Administration (Hrsg.): World Energy Use and Carbon Dioxide Emissions 1980-2001. Washington, D.C. 2004; Energy Information Administration (Hrsg.):International Energy Annual 2002. Washington, D.C. 2004;BP Statistical Review of World Energy, Juni 2004. Die Angaben zu den Treibhausgas- bzw. CO2-Emissionen beziehen sich bei den genannten Quellen für die meisten Annex-I-Länder auf die Jahre bis 2002. Die letzten Berichtsjahre sind für Polen und Litauen 2001, für Russland 1996 und für die Ukraine 1998. Die im Bericht ausgewiesenen CO2-Emissionen bis einschließlich 2003 wurden auf der Basis der in der BP-Statistik bis 2003 publizierten und nach Ländern sowie nach Energieträgern strukturierten Energieverbrauchsdaten und der sich daraus ergebenden Veränderungen der Emissionen hochgerechnet. Für Deutschland wurden für die Schätzungen der CO2-Emissionen im Jahre 2003 die vorläufigen Angaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen zum Primärenergieverbrauch 2003 zugrunde gelegt.

[3] Zur weltweiten Emissionsentwicklung vgl. auch: Treibhausgasemissionen nehmen weltweit zu - Keine Umkehr in Sicht. Bearb.: Hans-Joachim Ziesing. In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 39/2003.

[4] Innerhalb der Gruppe der Entwicklungsländer wies die VR China den größten Anstieg in absoluten Zahlen aus; hier waren die Emissionen im Jahre 2001 nach Angaben der IEA um rund 820 Mill. t CO2 oder um reichlich ein Drittel höher als 1990. Der auf der Basis der BP-Energiedaten geschätzte kräftige Anstieg im Jahre 2003 ist möglicherweise zum Teil auch auf statistische Erfassungsprobleme zurückzuführen (vgl. dazu auch Kasten 2). Dies ist bei der Interpretation der Daten in Tabelle 2 zu beachten.

[5] Vgl. Energy Information Administration (Hrsg.): International Energy Outlook. Washington, D.C. 2003.

[6] Zu beachten ist, dass Polen als Basisjahr 1988 gewählt hatte. Allein dadurch errechnet sich eine Differenz zwischen den Werten in diesem Basisjahr und jenen im Jahre 1990 von 105 Mill. t CO2-Äquivalenten; insgesamt ergibt sich für die EU-25 aus der unterschiedlichen Wahl des Basisjahres eine Differenz von
140 Mill. t.

[7] Zu der hier verwendeten Methode der Komponentenzerlegung vgl. Jochen Diekmann, Wolfgang Eichhammer, Anja Neubert, Heilwig Rieke, Barbara Schlomann und Hans-Joachim Ziesing: Energie-Effizienz-Indikatoren. Statistische Grundlagen, theoretische Fundierung und Orientierungsbasis für die politische Praxis. Heidelberg 1999.

[8] Die Energieproduktivität ist definiert als das Verhältnis zwischen realem Bruttoinlandsprodukt und Primärenergieverbrauch einer Volkswirtschaft.

[9] Hierin schlägt sich aber auch der "Wiedervereinigungseffekt" nieder, der Anfang der 90er Jahre zu einer raschen Steigerung der Energieproduktivität geführt hatte; bezogen auf die Periode 1993 bis 2002 betrug die jahresdurchschnittliche Produktivitätssteigerung "nur" 1,2 %.

[10] So stellt auch die Europäische Umweltagentur fest, dass bisher nur vier Länder "[...] ihren Vorgaben im Hinblick auf die Erreichung der einzelstaatlichen Ziele nachgekommen" sind. "Diese vier Länder sind Frankreich, Deutschland, Schweden und das Vereinigte Königreich. Auf derselben Grundlage steuern die anderen 11 Staaten [...] darauf zu, ihre Emissionsziele - zum Teil beträchtlich - zu verfehlen. Dies gilt insbesondere für Spanien, Portugal, Irland, Österreich, Italien, Dänemark und Griechenland." European Environment Agency: Treibhausgasemissionen der EU15 sinken nach zweijährigem Anstieg. Pressemitteilung vom 15. Juli 2004.

[11] Zur aktuellen Entwicklung der CO2-Emissionen in Deutschland vgl. auch: CO2-Emissionen im Jahre 2003: Witterungsbedingt leichte Steigerung. Bearb.: Hans-Joachim Ziesing. In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 10/2004.

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