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Die meisten Arbeitslosen wollen arbeiten

Pressemitteilung vom 10. Februar 2010

DIW Berlin: Diskussion um Arbeitsmoral von Hartz-IV-Empfängern geht an der Realität vorbei

Weniger arbeitslose Hartz-IV-Bezieher, eine hohe Arbeitsbereitschaft von Hartz-IV-Empfängern – dies sind zentrale Befunde einer vom DIW Berlin veröffentlichten Bilanz, fünf Jahre nach Beginn der umstrittenen Reform. Die Zahl der arbeitslosen Hartz-IV-Bezieher ist demnach bis zum Beginn der aktuellen Wirtschaftskrise deutlich gesunken – offen ist, ob es sich dabei tatsächlich um einen Erfolg der Hartz-IV-Reform handelt. Deutlich zeigt sich dagegen, dass sich Hartz-IV-Empfänger in ihrer Arbeitsmoral nicht von anderen Arbeitlosen unterscheiden: Rund 90 Prozent von ihnen würden kurzfristig angebotene Stellen jederzeit annehmen, so das Ergebnis der DIW-Studie – das war aber auch schon vor der Reform so.

Zurzeit gibt es in Deutschland rund 6,7 Millionen Hartz-IV-Bezieher. Arbeitslos gemeldet sind davon etwas mehr als zwei Millionen. Kurz nach Einführung der Reform 2006 waren es noch 700.000 Hilfeempfänger mehr – ein Erfolg von Hartz IV? „Tatsächlich ist die Zahl der Arbeitslosen mit Sozialleistungsbezug in früheren Aufschwüngen gleichgeblieben und nicht zurückgegangen“, sagt Karl Brenke, Autor der DIW-Untersuchung. „Wir wissen aber nicht, ob das tatsächlich ein Verdienst von Hartz IV ist, denn die Zahl der Arbeitslosen ohne Hartz IV ist noch stärker gesunken.“

Viele Ausländer, Kinder und Alleinerziehende leben von Hartz IV

Bestimmte Gruppen finden sich unter den Hartz-IV-Beziehern deutlich häufiger als andere: Der Ausländeranteil etwa ist mit 18,5 Prozent fast doppelt so hoch wie der Anteil der Deutschen. Auch der Kinderanteil fällt mit 15,9 Prozent überdurchschnittlich stark ins Gewicht. Noch größer ist der Anteil der Alleinerziehenden – etwa ein Viertel von ihnen bezieht Hartz IV, bei den Alleinerziehenden unter 25 Jahren sind es sogar mehr als 80 Prozent.

„Gerade der hohe Kinder- und Alleinerziehendenanteil ist gesellschaftlich problematisch“, sagt DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke. Die Forderung nach höheren Bezügen für Kinder hält er dennoch für problematisch – so bestünde die Gefahr, dass Hartz-IV-Empfänger sich zu sehr am Sozialleistungsbezug orientieren. „Sinnvoller wären Investitionen in Bildung“, sagt Brenke, „denn das Problem von Hartz-IV-Empfängern liegt in der fehlenden Berufsausbildung. Mehr als die Hälfte hat keine.“

Das Problem ist nicht der Wille

In seiner Hartz-IV-Bilanz hat Karl Brenke auf Basis der Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) auch die Arbeitsbereitschaft von Hartz-IV-Empfängern untersucht. Sein Fazit: „Die Diskussion darüber geht an der Realität vorbei.“ Etwa 90 Prozent der arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger bis 55 Jahren würden nach eigenen Angaben einen angebotenen Job annehmen; 70 Prozent suchen dazu selbst aktiv nach einer Stelle – nicht mehr und nicht weniger als bei anderen Arbeitslosen.

Lediglich bei den Arbeitslosen über 56 Jahren gibt es mit 42% einen großen Anteil, die dem Arbeitsmarkt gar nicht mehr zur Verfügung stehen wollen..Zudem liegt bei Personen unter 25 Jahren lder Anteil derer, die Arbeitsangebote ablehnen würden, etwas über dem Durchschnitt. Trotzdem sagt Karl Brenke: „Die Arbeitsmoral ist nicht das Problem.“ Daher sieht der DIW-Experte die aktuelle Diskussion darüber auch kritisch. „Natürlich wäre es weltfremd zu sagen, dass es keinen Missbrauch staatlicher Leistungen gibt – den wird es immer geben. Wir sollten Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger aber nicht unter Generalverdacht stellen.“

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