Abenteurer im Bundestag

Bericht vom 30. Juli 2013

Eine Untersuchung zeigt: Die deutschen Abgeordneten sind deutlich risikofreudiger als die Gesamtheit ihrer Wähler. Für die Politik im Land ist das ein positives Zeichen.

Gastbeitrag von Gert G. Wagner in der Zeitschrift CAPITAL (19.07.2013)

Vertreten Volksvertreter wirklich ihr Volk? Diese Frage wird immer wieder gestellt.

Die meisten Menschen sind nicht risikofreudig, sondern ziemlich risikoscheu. Auf der anderen Seite gibt es jede Menge historische Beispiele für risikofreudige Spitzenpolitiker. Viele historische Anführer waren geradezu Hasardeure (von Alexander dem Großen, über Napoleon bis hin zu Kaiser Wilhelm II). Mut zum Risiko bringt in vordemokratischen Gesellschaften den Erfolgreichen ja auch reichen Lohn. Über die gescheiterten Risikospieler in der Vergangenheit wissen wir freilich wenig, da bekanntlich die Sieger die Geschichte schreiben (lassen). Aber auch heutzutage gehen Spitzenpolitiker noch große Risiken ein.
In der jüngeren deutschen Geschichte hat Helmut Kohl große Bereitschaft zum Risiko bewiesen, als es um die Wiedervereinigung Deutschlands ging. Das steht nicht unbedingt im Widerspruch dazu, dass er in der Innenpolitik auch versucht hat, Probleme durch „Aussitzen“ höchst risikoscheu zu lösen. Denn in der Innenpolitik müssen im Normalbetrieb viele Interessen unter einen Hut gebracht werden. In der Außenpolitik ging es aber darum eine historische Chance zu erkennen und beherzt zu nutzen.

Manchmal ist aber auch bei der Innenpolitik Risikofreude angebracht. Geradezu legendär sind inzwischen die riskanten Entscheidungen von Gerhard Schröder. Angefangen von der „Agenda 2010“ – auch wenn diese vom Beamtenapparat im Kanzleramt vorbereitet war – bis hin zu dem Entschluss, durch ein konstruiertes konstruktives Misstrauensvotum den Bundestag auflösen zu lassen und Neuwahlen herbeizuführen. Diese Wahlen hat Schröder zwar knapp verloren, aber immerhin konnte er seine Partei in der Regierung halten.

Bislang so gut wie nicht untersucht ist die Frage, inwieweit sich Parlamentarier hinsichtlich der Risikofreude von ihren Wählern bzw. dem Volk systematisch unterscheiden. Wären die Abgeordneten völlig anders „gestrickt“ als die zu Repräsentierenden, könnten daraus Probleme erwachsen. Deswegen hat das Berliner Autorenteam Moritz Hess, Christian von Scheve, Jürgen Schupp und der Autor dieses Beitrags mit Hilfe einer speziellen Erhebung bei Bundestagsabgeordneten untersucht, ob diese sich bezüglich ihrer Risikofreude von der Bevölkerung in Deutschland unterscheidet.

Volk vs. Volksvertreter

Die Risikoneigung wurde mit der einfachen Frage erhoben „Sind Sie im allgemeinen en risikobereiter Mensch oder versuchen Sie Risiken zu vermeiden?“. Die Antworten konnten von Null ("gar nicht risikobereit") bis Zehn ("sehr risikobereit“) gegeben werden. Diese sehr einfache Frage, die allgemein und für spezielle Lebensbereiche gestellt wurde, liefert erstaunlich gute Ergebnisse. Sie wurde in Zusammenarbeit mit Bonner Wissenschaftlern am DIW Berlin entwickelt und wird inzwischen weltweit eingesetzt. Sie wird auch in der bundesweit repräsentativen Erhebung „Sozio-oekonomisches Panel (SOEP)“ gestellt. Dadurch können die Antworten der Bundestagsabgeordneten mit denen der Bevölkerung verglichen werden.  An der schriftlichen Befragung im Dezember 2011 beteiligte sich mit 175 Abgeordneten fast ein Drittel aller Bundestagsabgeordneten.

Das Hauptergebnis ist sehr einfach und eindrucksvoll: während Anfang 2012 der Mittelwert der Risikoneigung der Menschen in Deutschland bei 4,8 lag, lag er für die Mitglieder des Deutschen Bundestags Ende 2011 bei 6,4. Bezüglich politischer Entscheidungen geben die Abgeordneten mit 6,0 auch eine hohe Risikoneigung an. Es wäre interessant zu sehen wie sich die Risikoneigung nach Parteien unterscheidet, aber die Partei- bzw. Fraktionszugehörigkeit der Abgeordneten wurde von uns nicht erfragt, um zu vermeiden, dass Abgeordnete an der Befragung nicht teilnehmen, weil sie Angst haben, dass die Ergebnisse zu Lasten einer Partei interpretiert werden.

Die Erhebung zeigt: Die Abgeordneten sind deutlich überdurchschnittlich risikofreudig. Dies bestätigt sich auch für Fragen zur Risikofreude in einzelnen Lebensbereichen wie Geldanlagen, Gesundheit und Freizeit. Insbesondere beruflich gehen Abgeordnete gerne Risiken ein, während sie beim Autofahren nur leicht überdurchschnittlich risikofreudig sind.

Im Hinblick auf die Repräsentation des (Wahl)volkes halten wir dieses Ergebnis für gut. Einerseits unterscheiden sich die Abgeordneten nicht völlig von ihren Wählern, unter denen es zwar weniger Hochrisikofreudige gibt, aber teilweise auch ausgeprägte „Risikosucher“. Andererseits unterscheiden sich die Abgeordneten genügend und in eine sinnvolle Richtung von ihrem Volk, um ihre Aufgabe gut erfüllen zu können. Denn viele politische Probleme sind von einem hohen Grad an Ungewissheit bezüglich des Ergebnisses gekennzeichnet. Man denke an die Wirkungen der Besteuerung oder der Bildungs- und Klimapolitik. Die Mehrheit der Menschen, die Risiken lieber vermeiden, wären von Entscheidungen, deren Konsequenzen ziemlich unbekannt sind,  wie beispielsweise die der Euro-Rettung, völlig überfordert. Denn diese Entscheidungen verlangen teilweise extreme Risikofreude.

Und solange die Demokratie funktioniert, können auch die risikofreudigsten Politiker nicht verantwortungslos handeln, denn sie werden von Opposition und Öffentlichkeit kontrolliert. Und der parlamentarische Alltag zwingt zu Kompromissen, wodurch typischerweise wiederum Risiken verkleinert werden.

Wir sind davon überzeugt, dass diese Arbeitsteilung zwischen Volk und Volksvertretung sinnvoll organisiert ist.

Der Gastbeitrag wird mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Capital auf der Website www.diw.de veröffentlicht.