Für eine Kehrtwende von der Spar- zur Wachstumsorientierung: nominales BIP-Ziel als Strategie der Makrowirtschaftspolitik in der Wirtschafts- und Währungsunion

Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung 3 / 2004, S. 445-459

Jörg Bibow

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Abstract

Sowohl aus wirtschaftstheoretischen Erwägungen wie auch als Konsequenz bisheriger Erfahrungen wird in diesem Beitrag für eine grundsätzliche Kehrtwende der Makrowirtschaftspolitik der Eurozone plädiert: weg von der Spar-, hin zur Wachstumsorientierung, und zwar mittels der Strategie des nominalen BIP-Ziels als gemeinsamer Zielverpflichtung für Geld- und Fiskalpolitik. Die Strategie des direkten Defizitziels mittels Sparpolitik, verbunden mit einer geldpolitischen Fokussierung auf Preisstabilität, ist - wenig überraschend - kläglich gescheitert, weil sie die Wirtschaft der Eurozone ohne eigene stabilisierungspolitische Steuerung allein der weltwirtschaftlichen Lage ausliefert, in einer großen Volkswirtschaft Wachstum und Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen aber nur mittelbar durch eine auf stabiles Binnennachfragewachstum ausgerichtete Makrowirtschaftspolitik erreichbar sind. Entgegen diesem notwendigen Systemerfordernis führte der destabilisierende Einsatz von Geld- und Fiskalpolitik in die herrschende Binnennachfragestagnation.

On the basis of both economic theory as well as experience gained so far, this papers calls for a U-turn in macro policy-making in the euro zone. It advises that macro policies should be refocused on growth rather than thriftiness, which may be achieved through committing fiscal and monetary policies to common goals and a nominal GDP targetingstrategy. Unsurprisingly, the strategy of direct deficit targets through public thrift combined with a sole focus of monetary policy on price stability has failed dismally. Lacking any steering through deliberate stabilisation policy, its current policy regime has left the euro zone solely at the mercy of the world economy. In a large economy, economic growth and sustainability of public finances can only be secured indirectly though, namely through steady domestic demand growth. In conflict with this necessary regime requirement, in the event, applying monetary and fiscal policies in a destabilising manner has led straight into protracted domestic demand stagnation.