Bericht , Nachricht vom 01.07.2015

90 Jahre DIW Berlin: Ein Gespräch mit dem SOEP-Direktor Jürgen Schupp

Das DIW Berlin feiert heute seinen 90. Geburtstag.  Wir haben SOEP-Direktor Jürgen Schupp befragt über die besondere Rolle der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel in einem der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland und Europa.

Das DIW Berlin wurde vor 90 Jahren als Institut für Konjunkturforschung gegründet. Wo sehen Sie besondere Stärken des DIW Berlin im Jahr 2015?

 Als ich vor mittlerweile 30 Jahren als junger wissenschaftlicher Mitarbeiter am DIW zu arbeiten begonnen habe, war unsere mikroanalytisch angelegte Projektgruppe, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde, etwas sehr Exotisches in dem makroökonomisch geprägten Institut. Wenn man sich dagegen heute die Arbeiten der letzten Absolventenjahrgänge des DIW Graduate Centers anschaut, zeigt sich, dass das Verhältnis zwischen mikroanalytischen und makroanalytischen Analysen vollkommen ausgeglichen ist. Diese methodische Vielfalt und die Verknüpfung von makro- und mikroanalytischer Forschung macht in meinen Augen die ganz besondere Stärke des DIW Berlin aus.

Welche Rolle spielt das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) innerhalb des DIW Berlin?

 Es spielt eine ganz besondere Rolle. Als eine der weltweit führenden langjährigen Haushaltspanelstudien ermöglicht es Spitzenforschung nicht nur in den Wirtschaftswissenschaften, sondern auch in einer ganzen Reihe von  sozialwissenschaftlichen Disziplinen, einschließlich der Psychologie. Darüber hinaus bilden die längsschnittlich angelegten Forschungsdaten eine aktuelle und repräsentative Datenbasis für evidenzbasierte Politikberatung - für das DIW Berlin selbst, für die Institute der Leibniz-Gemeinschaft, aber auch für viele andere Forschungseinrichtungen weltweit. In mehreren Evaluierungen in den letzten zwanzig Jahren erhielt das SOEP wiederholt exzellente Noten, sowohl für seine Forschungsleistung als auch für die Qualität seines Infrastrukturangebots.

Das DIW hat auch stürmische Zeiten hinter sich. Welche Rolle spielen Kontroversen innerhalb des Instituts?

Kontroversen sind der Rohstoff für die Erarbeitung neuer Erklärungs- und Lösungswege. Nicht nur in der Ökonomie, sondern in allen Forschungsgebieten ist ein Wettbewerb um die besten Erklärungen sowie die ergebnisoffene evidenzbasierte Analyse die überlegene Alternative zu „Hausmeinungen“ oder gar ideologisch geprägten Positionen.

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen werden uns in den kommenden zehn Jahren vor die größten Herausforderungen stellen?

Die Flüchtlingsproblematik wird in den nächsten zehn Jahren eines der wichtigsten Themen sein. Wie kann eine erfolgreiche Integration gelingen? Wie kann der soziale Frieden erhalten und ein tolerantes, auf der Zivilgesellschaft aufbauendes freiheitliches Gemeinwesen erhalten werden? Dies wird wohl die zentrale Herausforderung sein neben den klassischen primär ökonomischen Themen wie Energiewende, Eurokrise und demografischer Wandel.

Was wünschen Sie dem DIW Berlin zum 90. Geburtstag?

Ich wünsche dem DIW, dass es stetig von den Zuwendungsgebern unterstützt wird. Außerdem Erfolg und ein Quäntchen Glück in wettbewerblich organisierten Drittmittelausschreibungen. Beides fördert die gegenwärtige Freiheit des Instituts, eigene Akzente setzen zu können im Spannungsfeld zwischen guter Wissenschaft, relevanter Politikberatung, nutzerfreundlicher Infrastruktur sowie nachhaltigem Wissenstransfer, und sich damit im In- und Ausland noch bekannter zu machen.