Die Tücken der Armutsstatistik

Medienbeitrag vom 5. Oktober 2015

Dieser Gastbeitrag von DIW-Vorstandsmitglied Gert G. Wagner ist in gekürzter Fassung am 5. Oktober 2015 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

Der Ökonom und spätere Nobelpreisträger Amartya Sen hat ein frühes  Buch über ökonomische Ungleichheit seinen zwei Töchtern, Antara und Nandana, in der Hoffnung gewidmet, „dass sie weniger Ungleichheit vorfinden werden, wenn sie heranwachsen, ganz gleich, wie sie diese messen wollen“. Dies Zitat bringt zwei Kernprobleme der Armutsforschung, einem speziellen Zweig der Ungleichheitsforschung, auf den Punkt: Es ist alles andere als klar, wie man Armut genau definieren und messen soll, aber viele Armutsforscher haben trotzdem den Wunsch die Armut in ihrem Land oder auf der ganzen Welt zu verkleinern.

Durch die verschiedenen Definitionen und politischen Vorstellungen der Forscher (also normative Ziele), verbunden mit vielfältigen Messproblemen, sind viele Probleme, die es in der Öffentlichkeit mit der Armutsforschung inzwischen gibt, gut erklärbar. Deswegen hat Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles – als linke Politikern unverdächtig, die Probleme von Armut zu verharmlosen – kürzlich in einem Interview angemerkt, dass der Ansatz, wonach jeder mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens als arm gelte, durchaus in die Irre führen könne. Die übliche Armutsmessung – von Hans-Werner Sinn als „bedarfsgewichteter Käse“ kritisiert (worauf unten noch eingegangen wird) – beziehe sich auf eine relative Größe, die die Spreizung der Einkommen zeige, aber nicht „absolute“ Armut, so wie sich das ein normaler Mensch vorstellt. Mit solchen Berechnungen, so Nahles, laufe die Politik und die Gesellschaft Gefahr, den Blick für die wirklich Bedürftigen zu verlieren. „Es gibt zum Beispiel mehr illegale Einwanderer und sehr viele jüngere Erwerbsgeminderte, da haben wir es mit wirklicher Armut zu tun.“

Intuitiv werden die meisten Menschen sagen, dass jemand arm ist, der sich kaum am Leben halten kann. Dies ist in vielen Ländern noch der Fall, und die globalen Flüchtlingsbewegungen sind oft von „absoluter“ Armut diktiert. Aber die meisten Menschen werden auch sagen, dass es einen Unterschied macht, wie viele Güter man zum Leben hat, je nachdem wo man lebt. In einer insgesamt armen Gesellschaft werden viele das wenige, was sie haben, nicht als Armut empfinden, wohl aber wäre dies der Fall, stünde in ihrem Land etlichen viel mehr zur Verfügung.

Deswegen wurde wissenschaftlich das Konzept der „relativen Armut“ entwickelt, nach dem jemand als arm gilt, wenn er weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung hat. Ob er „wirklich“ arm ist, bleibt freilich offen. Deswegen wird seit etwa 15 Jahren in offiziellen Berichten nur noch von der „Armuts-Risiko-Quote“ gesprochen. Auf jeden Fall bringt auch die relative Armut eine Vielzahl von Problemen mit sich.

Warum 60 Prozent des mittleren Einkommens? Und warum nicht 50 Prozent (wie in den ersten Jahren der Armutsforschung in den siebziger Jahren)? Böse Zungen könnten vermuten, dass bei der 50-Prozent-Schwelle zum Beispiel in Deutschland die Armutsquote nicht mehr über 10 Prozent läge und damit politisch weniger spektakulär wäre. Würde man eine Armutsgrenze bei 40 bis 50 Prozent des Durchschnitts wählen (wo auch ungefähr das steuerliche Existenzminimum und der Sozialhilfeanspruch liegen), dann käme man in Deutschland auf Armutsquoten zwischen 5 und 10 Prozent (wo auch die Quote der Sozialhilfe- beziehungsweise Hartz IV-Haushalte liegt).

Man kann über die Aussagekraft der 60-Prozent-Armutsrisikoschwelle trefflich streiten. So wird u.a. argumentiert, dass einkommensschwache Haushalte mehr von öffentlichen Sachleistungen profitieren und das Ignorieren der Sachleistungen die Armut überschätzt. Das ist aber in Deutschland nicht der Fall, wo selbst private Schulen staatlich subventioniert sind und zum Beispiel Theater und Museen eher von Gebildeten, d. h. besser Verdienenden genutzt werden. Und das beliebte Gegenargument, dass durch diese Definition immer Arme gemessen werden, egal wie hoch das Durchschnittseinkommen sei, stimmt aber nicht: Denn wenn die Einkommen insgesamt steigen und gleichzeitig die untersten Einkommen überproportional, dann kann relative Armut im Grenzfall ganz verschwinden. In den Niederlanden war dies zeitweise tatsächlich der Fall.

Ein ganz schwieriges Kapitel der Armutsmessung ist es, unterschiedlich große Haushalte vergleichbar zu machen. Wo es mehr Köpfe gibt ist ja unbestreitbar der Bedarf höher. Aber der Bedarf wächst nicht proportional mit der Zahl der Köpfe, da es Kostendegression gibt. Ein Vier-Personen-Haushalt braucht nicht viermal so viel Wohnfläche wie ein Ein-Personen-Haushalt und auch der Kühlschrank muss nicht viermal so groß sein. Was aber genau die „richtigen“ Faktoren sind, um unterschiedlich große Haushalte vom Einkommen her vergleichbar zu machen, ist eine Wissenschaft für sich. Zieht man die Zufriedenheit mit dem Einkommen oder mit dem Leben insgesamt als ein Maßstab heran, dann zeigt sich, dass die Kostendegression – zumindest für Durchschnittshaushalte – größer ist als das Armutsstatistiker mit ihrer „Äquivalenz-Gewichtung“ – so der Fachausdruck für die Normierung der Haushaltsgröße – unterstellen; das heißt, die Armutsgefährdung von Familien wird statistisch überschätzt. Hans-Werner Sinn illustriert dies mit dem Beispiel, dass durch die Trennung von Paaren plötzlich mehr Menschen – sogar bei höheren Sozialleistungen – plötzlich als arm gelten.

Die Verwirrung um die vielen Armutszahlen, die im öffentlichen Raum kursieren, hat nicht nur etwas mit den Schwierigkeiten einer allgemeingültigen Definition von Armut zu tun, sondern auch viel mit dem statistischen Unsicherheitsbereich, der bei Stichprobenerhebungen unvermeidbar ist. Dadurch liefern unterschiedliche Stichproben verschiedene Zahlen. Und alle Armutsstatistiken beruhen auf Stichproben privater Haushalte. Wodurch, wie Nahles anmerkte, zum Beispiel illegale Einwanderer als besonders armutsgefährdete Gruppe nicht berücksichtigt werden. Hinzu kommt – und das ist für die öffentliche Diskussion vielleicht das größte Problem –, dass die meisten Menschen und durchaus auch viele Entscheidungsträger keine oder nur oberflächliche Kenntnisse über statistische Methoden und die angemessene Interpretation von Statistiken haben.

Was ist nun die beste Methode, um Armut zu messen? Da man niemals zu einer unstrittigen Definition von „Armut“ kommen wird, ist „Volksbildung“ im wahrsten Sinne des Wortes das beste Instrument, um die Debatte über Armut aussagekräftiger zu machen. Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin betont immer wieder zu Recht, dass in den Schulen weniger höhere Mathematik (die im Alltag kaum jemand braucht, und um die viele versuchen herumzukommen) gelehrt werden sollte, sondern die Grundzüge statistischer Methodik, einschließlich der Erhebungsprobleme, und der Interpretation statistischer Kennziffern gelehrt werden sollte. Damit würde nicht nur Bildungs-Armut kleiner werden, sondern die öffentliche Debatte über Armutsstatistiken auf eine informierte Grundlage gestellt werden. Das würde dem Ziel dienen, das Amartya Sen formulierte und das in der Tat erstrebenswert ist: weniger Armut auf der Welt.

DIW-Glosssar: Armut