Frauen: Längere Job-Pausen führen zu weniger Lust auf Karriere

Pressemitteilung vom 12. Oktober 2015

Sozialforscher legen Ergebnisse einer Studie vor – Veröffentlichung in der neuen Ausgabe von „American Journal of Sociology”

Familienpolitik beeinflusst nicht nur das Verhalten von Familien, sondern setzt auch deutliche normative Signale, an denen Menschen ihre individuellen Lebensentwürfe orientieren: Je länger Mütter nach der Geburt eines Kindes im Job pausieren, umso stärker verlieren sie das Interesse an der eigenen Karriere: Das zeigt eine Studie auf Basis der Daten der Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP), die die Soziologen Markus Gangl und Andrea Ziefle von der Goethe-Universität Frankfurt erstellt haben. Soeben ist der Aufsatz „The Making of a Good Woman: Extended Parental Leave Entitlements and Mothers’ Work Commitment in Germany” in dem international renommierten „American Journal of Sociology” (Jg. 121, Heft 2) erschienen. 

In der internationalen Forschung herrscht mehr und mehr Einvernehmen darüber, dass kurze Elternzeiten von bis zu einem oder eineinhalb Jahren, wie sie etwa in Skandinavien üblich sind, zu einer besseren Integration der Mütter in den Arbeitsmarkt führen. Je länger Elternzeit gesetzlich ermöglicht wird, umso stärker fallen deren Nebenwirkungen ins Gewicht. „Als Grund für schlechte Jobs nach einer kinderbedingten Auszeit sah die bisherige Forschung eher das Verhalten der Arbeitergeber, die Müttern bei längeren Ausfallzeiten seltener mit anspruchsvollen Tätigkeiten oder wichtigen Aufgaben betrauen“, so Gangl und ergänzt: „Das nennen wir ‚statistische Diskriminierung‘.“ Die beiden Frankfurter Soziologen können jetzt allerdings zeigen, dass dies in Deutschland nicht der einzige Grund für die nachteiligen Wirkungen langer Elternzeiten ist. „Die subjektive Erwerbsorientierung von Müttern nimmt im Laufe der Zeit deutlich ab, das heißt, diese Frauen verlieren durch die längere Auszeit zunehmend das Interesse, an der eigenen beruflichen Perspektive zu arbeiten“, sagt Ziefle.

Um diese Aussage zu belegen, nutzten die beiden Soziologen die weltweit einmaligen Befragungsdaten des Sozio-oekonomischen Panels, das Teil der Forschungsinfrastruktur in Deutschland ist. In ihrer Studie nahmen die Forscher die Antworten unter die Lupe, die Frauen zu ihrer subjektiven Erwerbsorientierungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten gegeben haben: Wie hat sich die Einstellung der Frauen verändert, nachdem im Jahr 1992 der Erziehungsurlaub in Deutschland von 18 Monaten auf drei Jahre ausgeweitet wurde? Gefragt nach ihrer Einstellung zum Beruf antworteten die Mütter nach einer längeren Zeit im Erziehungsurlaub, dass ihnen die Erwerbsarbeit nicht mehr so sehr wichtig sei; stattdessen rangierte die Familie an erster Stelle.

Anfang der 1990er Jahre hatten übrigens fast 50 Prozent der Mütter bereits vor der Geburt des Kindes nicht gearbeitet, heute ist es nur noch ein Drittel. „Und sogar unter den nicht erwerbstätigen Hausfrauen war in den 1990er Jahren zu beobachten, dass ein Einstieg in den Beruf weniger zum Thema wurde, je länger das neue Gesetz Geltung hatte“, sagt Gangl und interpretiert dies als „Gewöhnungseffekt an die neue politische Umgebung“. Nicht nur das gesellschaftliche Bewusstsein hat sich seit den 1990er Jahren langsam, aber stetig verändert, auch die rechtlichen Rahmenbedingungen, wie die stärkere Einbeziehung der Väter in die Elternzeit und das Scheidungs- und Unterhaltsrecht.

Welche Relevanz haben die Ergebnisse dieser Retro-Studie, die 25 Jahre zurückreicht,  für die heutige Situation? „Die Studie zeigt erstmalig: Familienpolitik hat nicht nur Einfluss auf das ökonomische Verhalten von Familien. Es sind auch die normativen Signale, die ausgesandt werden und die individuellen Lebensentwürfen wohl unbewusst beeinflussen. Dieses Ergebnis kann man nur herausarbeiten, wenn man bis zur deutschen Wiedervereinigung zurückblickt“, so Gangl.

Die Frankfurter Forscher belassen es nicht bei der Rückschau: „Aus einer anderen Studie, die wir im vergangenen Jahr veröffentlicht haben, wissen wir, dass Mütter durch das neue Elterngeld schneller wieder in ihren Beruf zurückgekehrt sind“, sagt Andrea Ziefle. „Jetzt arbeiten wir daran herauszufinden, ob sich die neue Familienpolitik der letzten Jahre auch in den subjektiven Einstellungen von Vätern und Müttern niedergeschlagen hat.“

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Markus Gangl, Dr. Andrea Ziefle, Goethe-Universität Frankfurt, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Campus Westend, Tel: (069) 798-36633 bzw. -36613, E-Mail mgangl@soz.uni-frankfurt.de oder aziefle@soz.uni-frankfurt.de

 

Monika Wimmer

Referentin Kommunikation in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel