Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 19.12.2018

EU-Kapitalmarktunion: Harmonisierte Regeln fördern Kapitalanlagen

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Um die europäischen Kapitalmärkte krisenfester zu machen, sollen grenzüberschreitende Investitionen in Kapitalanlagen steigen – Wenn rechtliche Harmonisierung zunimmt, legen vor allem Versicherungen und Pensionsfonds mehr in Aktien im Ausland an – Im Bankensektor müssen noch mehr Anreize für Eigenkapitalinvestitionen geschaffen werden

Die Finanz- und Schuldenkrise hat viele Schwachstellen in der Europäischen Union offengelegt. Um die europäischen Finanzmärkte krisenresistenter zu machen, will die EU Anreize für InvestorInnen schaffen, über die Grenzen ihrer Heimatländer hinaus zu investieren. Dadurch können Risiken breiter gestreut und lokale Verluste besser abgefedert werden. Der Abbau rechtlicher und institutioneller Investitionshemmnisse soll diese grenzüberschreitenden Kapitalanlagen fördern. Ob dies tatsächlich gelingt, untersucht eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Rechtliche Harmonisierung fördert Integration der Aktienmärkte

Die DIW-Ökonominnen Franziska Bremus und Tatsiana Kliatskova haben berechnet, wie sich die bisherige rechtliche Harmonisierung von EU-Finanzmarktrichtlinien, zum Beispiel zur Besteuerung von Zinserträgen oder zu grenzüberschreitenden Fusionen, auf die Integration von Aktien- und Anleihemärkten ausgewirkt hat. „Obwohl die Vereinheitlichung der Regeln für Finanzdienstleistungen in der EU in den vergangenen Jahren vorangeschritten ist, sind die europäischen Kapitalmärkte noch ziemlich fragmentiert“, stellte Studienautorin Franziska Bremus bei ihren Recherchen fest. Frankreich hat bisher die meisten EU-Finanzmarktrichtlinien in nationales Recht umgesetzt (54 von 55). Auch Deutschland zählt mit 52 implementierten Richtlinien zu den Top-Ländern. Kroatien (46) sowie Belgien und Polen (mit je 47) zählen dagegen zu den Schlusslichtern.

Die DIW-Berechnungen zeigen, dass die rechtliche Harmonisierung vor allem Finanzinstituten wie Versicherungen oder Pensions- und Geldmarktfonds einen Anreiz bietet, in Aktien zu investieren. „Die Schätzergebnisse legen nahe, dass die rechtliche Harmonisierung vor allem zur Integration des europäischen Aktienmarktes beiträgt“, sagt DIW-Ökonomin Bremus. „Einheitlichere rechtliche Regeln im Versicherungsbereich scheinen dabei besonders integrationsfördernd zu sein.“

Im Sinne der angestrebten Risikoteilung ist die Investition in Eigenkapital wie Aktien besonders erwünscht, da die InvestorInnen gleichermaßen an Gewinnen und Verlusten beteiligt sind. Der Bankensektor dagegen, der in der EU weitaus größer als der Kapitalmarkt ist, investiert vorzugsweise in Fremdkapital wie Anleihen und Kredite. Um die Integration dieses Sektors mit Blick auf grenzüberschreitende Investitionen in Eigenkapital zu fördern, reicht eine weitere rechtliche Harmonisierung in der EU offensichtlich nicht aus.

Institutionelle Hürden bremsen Anleihemärkte

Neben der rechtlichen Harmonisierung haben die Studienautorinnen daher zusätzlich untersucht, wie ein Abbau institutioneller Hürden grenzüberschreitende Kapitalanlagen fördern würde. Differenzen im Insolvenz- und Vertragsrecht, aber auch mangelnde Transparenz, zum Beispiel über die finanzielle Situation von Unternehmen, können ein Hindernis für grenzübergreifende Finanzierungen darstellen.

Daten der Weltbank zeigen, dass in den genannten institutionellen Bereichen innerhalb der EU teils erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern bestehen. „Unsere Schätzergebnisse weisen darauf hin, dass Qualitätsunterschiede in den genannten institutionellen Bereichen vor allem die Integration der Anleihemärkte erschweren“, fasst Tatsiana Kliatskova zusammen.

Die Ökonominnen kommen zu dem Schluss, dass eine weitere rechtliche Harmonisierung im engeren Sinne nicht ausreicht, um die Kapitalmarktintegration wesentlich voranzutreiben und die Strukturen in der EU damit widerstandsfähiger zu machen. Dazu fallen die geschätzten Effekte zu begrenzt auf einzelne Sektoren aus. „Gerade aber im Bankensektor müssten mehr Anreize für grenzüberschreitende Eigenkapitalinvestitionen gesetzt werden“, fordert Franziska Bremus. „Dazu ist neben einem weiteren Abbau von Integrationshemmnissen auch die Vollendung der Bankenunion essentiell.“

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DIW Wochenbericht 51-52/2018 | PDF, 325.87 KB

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