Die deutsche Bauwirtschaft wird auch in den kommenden Jahren florieren: Interview

DIW Wochenbericht 1/2 / 2019, S. 15

Claus Michelsen, Erich Wittenberg

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Herr Michelsen, wie ist es um die Bauwirtschaft in Deutschland aktuell bestellt? Die Geschäfte der Bauwirtschaft florieren. Sowohl im Wohnungsbau als auch im Tiefbau und im gewerblichen Bau werden gute Geschäfte gemacht. Die Preise steigen kräftig und der Bauwirtschaft geht es unter dem Strich sehr gut.

Wie lautet die Wachstumsprognose für die kommenden Jahre? Wir gehen davon aus, dass sich die Geschäfte weiterhin sehr positiv entwickeln werden. Unter Berücksichtigung der Preissteigerung und der Gewinne, die die Unternehmen machen, rechnen wir damit, dass die Umsätze im Jahr 2019 um ungefähr 7,5 Prozent und im Jahr 2020 um weitere circa 6,5 Prozent steigen werden.

Sind diese Zuwächse auf ein gestiegenes Bauvolumen oder auf Preissteigerungen zurückzuführen? Die Preissteigerungen spielen eine große Rolle, denn in den vergangenen zwei Jahren haben die Baupreise erheblich angezogen. Das liegt zum einen daran, dass die Auslastung sehr hoch ist und es mittlerweile sehr schwer fällt, gute Handwerker zu finden. Diese Preissetzungsspielräume nutzen die Unternehmen natürlich aus und verlangen höhere Preise für ihre Dienstleistungen. Das kommt zum Teil durchaus bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern an, die höhere Lohnabschlüsse erzielen. Dementsprechend wird in der Bauwirtschaft insgesamt mehr Geld verdient. Auf der anderen Seite gibt es eine florierende Baunachfrage, denn sowohl im Wohnungsbau, als auch im öffentlichen Bau werden mehr Leistungen nachgefragt.

In welchen Sparten kann die Bauwirtschaft besonders zulegen? Vor allem der Wohnungsbau stützt die Konjunktur, und das wird auch in den nächsten zwei Jahren so bleiben, denn dort ist die Nachfrage groß. Zusätzliche Impulse gibt es vom Staat, der mit dem Baukindergeld und mit den Sonderabschreibungen für den Mietwohnungsbau hier noch mal etwas Öl ins Feuer gegossen hat. Auch der Staat selbst gibt mehr Geld aus und möchte die Infrastruktur in Deutschland verbessern. Die Kommunen fragen Mehrleistungen in den Bereichen Schulinfrastruktur und Verkehrswege nach, aber auch der Bund hat sein Investitionsbudget ausgeweitet. Davon profitiert vor allen Dingen der Tiefbau.

Wie groß sind die Unterschiede zwischen den ländlichen und städtischen Bereichen? Man vermutet, dass in erster Linie in den Städten gebaut wird. Wenn man sich jedoch die Zahlen genauer anschaut, dann ist dieses Muster gar nicht so klar erkennbar, denn auch im ländlichen Raum wird durchaus einiges dazu gebaut. Der Bedarf nach Bauleistungen ist aber in den Städten besonders groß. Dort müsste viel getan werden, um den Wohnungsbau anzuschieben. Das größte Problem ist, dass in den großen Städten zu wenige Baugrundstücke ausgewiesen und dementsprechend keine Flächen mehr auf den Markt gebracht werden.

Wo müsste man sonst noch ansetzen, um den Wohnungsbau in den Städten und Ballungszentren anzuschieben? Es gibt ja noch eine soziale Frage, die sich daran anschließt: Wer darf oder wer kann sich das Leben in der Stadt noch leisten? Da gibt es eine Schieflage, die mittlerweile eklatant ist. Viele Haushalte, die einkommensschwach sind, kommen am Wohnungsmarkt nicht mehr zum Zug. Darauf kann und sollte die Politik reagieren. Der soziale Wohnungsbau ist da eine Option. Sie war in den vergangenen Jahren durchaus umstritten, ist aber im Grunde genommen die einzige Möglichkeit, bestimmten Gruppen den Zugang zum Wohnungsmarkt in den Städten zu ermöglichen. Was man nicht machen sollte, ist, mit globalen Programmen zu agieren. Bei der derzeitigen Auslastung der Bauwirtschaft wird das nur dazu führen, dass die Preise für diese Leistungen steigen. Der soziale Wohnungsbau wäre ein Instrument, mit dem Städte eine Steuerungsmöglichkeit hätten, um Bautätigkeiten in bestimmten Teilen einer Stadt fördern zu können.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Claus Michelsen

Abteilungsleiter in der Abteilung Konjunkturpolitik