20 Jahre Euro: Warum der Euro ein Glücksfall für Deutschland und Europa ist: Kommentar

DIW Wochenbericht 1/2 / 2019, S. 16

Marcel Fratzscher

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Der Euro wird 20 Jahre alt. Eigentlich sollte dies Anlass zum Feiern sein. Denn der Euro hat entscheidend zur Integration Europas beigetragen und ist ein Grund für den Wohlstand, den wir heute in Deutschland genießen. Leider wird der Euro von Populisten und Nationalisten für eigene Zwecke und als Sündenbock für nationale Fehler missbraucht. Dies lenkt von einer ehrlichen Debatte über seine Erfolge und seine Fehler ab, die aber dringend notwendig wäre, um Europa zukunftsfähig zu machen.

Der Euro hat die Integration und das Friedensprojekt Europa unumkehrbar gemacht – so, wie von Helmut Kohl und François Mitterand angedacht. Die überwältigende Mehrheit der Europäerinnen und Europäer kann sich Europa ohne den Euro gar nicht mehr vorstellen, selten zuvor haben ihn so viele Menschen befürwortet. Der Euro ist für eine große Mehrheit zum Symbol für die Einheit Europas geworden.

Der Euro ist auch ein wirtschaftlicher Erfolg, von dem alle Länder, allen voran Deutschland, profitiert haben und profitieren. Die gemeinsame Währung hat zu mehr Handel, mehr Investitionen, mehr Stabilität und, in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens, zur Integration der Finanzmärkte geführt. Dabei haben der Euro und seine Hüterin, die Europäische Zentralbank, von der Stärke und Glaubwürdigkeit der Deutschen Mark und der Bundesbank profitiert. Denn der Euro ist so stark und stabil, wie die D-Mark es über 50 Jahre hinweg war. Und der Euro hat sich schnell als zweite weltweite Leitwährung etabliert. Dies bedeutet jedoch nicht, dass keine Fehler gemacht worden wären. Diese liegen jedoch nicht beim Euro selbst, sondern im Versäumnis, ihn mit den Elementen auszustatten, die zu einer funktionierenden Währungsunion gehören.

Zu einer ehrlichen Debatte gehört jedoch auch, die falsche, irreführende Kritik, die vor allem in Deutschland zu hören ist, als solche zu entlarven. So sollte uns spätestens durch die von US-Präsident Trump geschürten Handels- und Währungskonflikte klar sein, dass Deutschland den Euro nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus politischen Gründen braucht. Denn Deutschland ist ein vergleichsweise kleines Land, das seine globalen Interessen nur dank eines starken Euro und eines geeinten Europa wahren kann.

Der zweite Trugschluss ist, der Euro könne für so unterschiedliche Länder nicht funktionieren. Das gleiche behaupteten viele auch von der deutsch-deutschen Währungsunion im Jahr 1990. Diese war jedoch richtig und letztlich ganz entscheidend für den Aufholprozess Ostdeutschlands. Auch der Euro hat in den ersten zehn Jahren zu einer Konvergenz in Europa beigetragen.

Auch die Behauptung, Deutschland übernehme durch den Euro zu viele Risiken für seine Nachbarn, ist falsch. Die Chancen und Vorteile für alle können nicht gehoben werden, ohne auch Risiken zu teilen. So funktioniert das gemeinsame Zahlungssystem Target gut und ist essentiell für den Binnenmarkt und für den Euro. Deutschland hat auch durch die Rettungskredite an andere Länder und die Geldpolitik der EZB keine Verluste, sondern hohe finanzielle Gewinne erzielt.

Der Euro war und ist ein Glücksfall für die deutsche und für die europäische Geschichte. Die Politik, auch in Deutschland, muss endlich aufwachen und Reformen umsetzen. Die nötigen Veränderungen, die die Geburtsfehler des Euro beheben können, sind durchaus realisierbar. Dazu gehört eine Vollendung des Binnenmarktes für Dienstleistungen, vor allem eine Kapitalmarktunion und funktionierende Bankenunion. Es bedarf klügerer europäischer Regeln bei der Finanzpolitik und eines makroökonomischen Stabilisierungsmechanismus, bei dem sichergestellt wird, dass die Risiken einer Krise minimiert werden und Krisen sich nicht zu leicht auf andere Länder übertragen.

Mit dem Euro ist es so wie mit dem Leben: Die Kindheit ist häufig unbeschwert und glücklich, die schwierigste Zeit ist die Jugend, das Teenageralter. Diese ist nun für den Euro überwunden – und statt die Existenz des Euro anzuzweifeln, sollten wir uns darauf konzentrieren, den Euro ins Erwachsenenalter zu begleiten, um die Integration und den wirtschaftlichen Wohlstand Europas zu fördern.

Eine längere Version ist am 7. Januar 2019 in der Süddeutschen Zeitung erschienen.

Themen: Europa