Geflüchtete brauchen Unterstützung bei der Bewältigung von psychischen Problemen: Interview

DIW Wochenbericht 4 / 2019, S. 71

Hannes Kröger, Erich Wittenberg

get_appBeitrag (PDF  150 KB)

Herr Kröger, seit 2016 führt das DIW Berlin gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und dem Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) eine repräsentative Längsschnittbefragung von Geflüchteten in Deutschland durch. Die Gesundheit ist dabei ein wichtiger Punkt. Wie ist es um den Gesundheitszustand der Geflüchteten bestellt? Auch aufgrund der jungen Altersstruktur der Geflüchteten ist bei der physischen Gesundheit kein Problem zu beobachten und es geht ihnen auch altersübergreifend nicht systematisch schlechter als dem Bevölkerungsdurchschnitt. Hingegen gibt es bei der psychischen Gesundheit großen Handlungsbedarf. Sowohl bei depressiven Symptomen, dem psychischen Wohlbefinden, als auch beim Risiko einer posttraumatischen Belastungsstörung liegen bei allen Geflüchteten große Probleme vor. Insbesondere bei Frauen über 35 Jahren haben wir ein hohes Risiko. Insgesamt unterliegen mehr als ein Drittel der Geflüchteten dem Risiko einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Welche Gruppen sind besonders betroffen? Betrachtet man die großen Herkunftsländer, sieht man, dass insbesondere Geflüchtete aus Afghanistan stark vom posttraumatischen Belastungsrisiko betroffen sind, Geflüchtete aus der Region Eritrea/Somalia dagegen eher unterdurchschnittlich. Aus Syrien sind häufiger Frauen als Männer vom posttraumatischen Belastungsrisiko betroffen. Insgesamt ist es bei allen Ländern so, dass das Risiko immer über 20 Prozent liegt. Das ist weit höher als das, was man aus der aus der Bevölkerung im Durchschnitt erwarten würde.

Inwieweit beeinträchtigt das die Integration? Wir wissen aus anderen Studien, dass die psychische Gesundheit sowohl für den Erfolg am Arbeitsmarkt als auch für die soziale Integration sehr wichtig ist und dass Probleme in dem Bereich Schwierigkeiten zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt mit sich bringen können. Deshalb ist es wichtig, hier umfassende Unterstützungsleistungen und Integrationsmaßnahmen anzubieten.

Wie ist es um die Deutschkenntnisse der Flüchtlinge bestellt? Mittlerweile schätzt ein Drittel der Geflüchteten die eigenen Deutschkenntnisse als gut oder sehr gut ein. Insbesondere die Nutzung von Integrations- und Sprachkursen bringt eine deutliche Verbesserung der Sprachfähigkeit mit sich. Hier können Angebote tatsächlich helfen. Etwa drei Viertel der Geflüchteten nehmen an irgendeiner Form von Sprachkurs teil, etwa die Hälfte haben einmal einen staatlich geförderten Integrationskurs besucht.

Wie hoch ist der allgemeine Bildungsstand der Geflüchteten? Der ist im Vergleich zur deutschen Bevölkerung etwas niedriger, aber ein Drittel hat eine Schule, die man mit der Haupt- oder Realschule in Deutschland vergleichen könnte, besucht und ein weiteres Drittel hat eine weiterführende Schule abgeschlossen.

Wie hat sich die Erwerbstätigenquote der Geflüchteten in Deutschland entwickelt? Im Vergleich von 2016 zu 2017 ist die Quote von neun Prozent auf 21 Prozent gestiegen. Das ist zwar immer noch ein relativ niedriges Level, aber es gibt einen eindeutig positiven Trend, dass mehr und mehr Geflüchtete am Arbeitsleben in Deutschland teilnehmen können.

Inwieweit konnten die angebotenen Integrationskurse bislang zur erfolgreichen Integration beitragen? Spracherwerb und Erwerbsbeteiligung sind sehr positiv beeinflusst von der Teilnahme und dem Abschluss von Integrations- und Sprachkursen. Es ist auch in der Zukunft wichtig, diese weiter zu fördern. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass man die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht, weil wir sehen konnten, dass insbesondere Frauen und Geflüchtete, die Kinder und Kleinkinder zu Hause haben, schlechter Deutsch sprechen und es schwieriger haben, sich zu integrieren und am Arbeitsmarkt in Deutschland teilzuhaben.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Hannes Kröger

Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomisches Panel