Energiewende forcieren statt unsinnige Pipelines bauen: Kommentar

DIW Wochenbericht 4 / 2019, S. 72

Claudia Kemfert

get_appDownload (PDF  163 KB)

get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF  2.9 MB)

US-Präsident Donald Trump wettert in diesen Tagen mal wieder gegen die geplante Pipeline Nord Stream 2, die, zusätzlich zur bereits existierenden Leitung, russisches Gas direkt nach Deutschland liefern soll. Die USA drohen dieses Mal, Sanktionen gegen beteiligte Unternehmen zu verhängen. Deutschland mache einen riesigen Fehler und sich abhängig von russischen Gaslieferungen, so Trump.

Wie es um die deutschen Interessen steht, ist dem US-Präsidenten allerdings wahrlich egal. Es geht ihm einzig um das in den USA durch Fracking geförderte Gas und darum, das zu höchstmöglichen Preisen insbesondere nach Europa und Deutschland zu verkaufen. Nord Stream 2 würde ihm da einen Strich durch die Rechnung machen, denn das vergleichsweise teure Fracking-Gas kann derzeit gegen Gaslieferungen aus Russland kaum mithalten. Zudem ist das Fracking-Gas aus den USA aufgrund umweltschädlicher Förderungsmethoden ohnehin kritisch zu sehen und keine wirklich Alternative.

Wo Trump Recht hat, hat er Recht: Wir brauchen Nord Stream 2 tatsächlich nicht. Aber aus anderen Gründen, als im Weißen Haus zu hören ist.

Die EU hat sich im Rahmen der Energieunion vorgenommen, den Anteil russischer Gaslieferungen zu mindern, auf verstärkte Diversifikation der Energieimporte und Flexibilität und somit auch verstärkt auf Flüssiggas zu setzen. Allerdings nicht das umweltschädliche US-Fracking Gas, sondern Flüssiggas aus Nordafrika oder anderen Regionen. Deutschland bezieht derzeit bereits etwa ein Drittel seiner Gasimporte aus Russland, und würde mit Nord Stream 2 diesen Anteil weiter erhöhen. Die neue Pipeline verpflichtet uns zusätzlichem Gasimport aus Russland, und das für kommende Jahrzehnte.

Gas wird in Deutschland gerne als sauberer Energieträger dargestellt – das klappt nur, weil wir mit Kohle einen noch dreckigeren haben. Aber auch Gas ist ein fossiler Energieträger, und die Erfüllung der Pariser Klimaziele erfordert eine vollständige Dekarbonisierung der Wirtschaft – und damit auch der Energiewirtschaft. Nach dem Kohleausstieg, der demnächst besiegelt werden soll, kommt ganz sicher der Gasausstieg. Perspektivisch wird Gas durch klimaneutrale Energien ersetzt, die ihrerseits jetzt schon immer preiswerter werden und bereits heute eine ernsthafte Konkurrenz zum Gas darstellen. Zugegeben, Gas in der Übergangszeit sowohl für die Stromerzeugung als auch für die Wärmeherstellung und als Treibstoff in der Mobilität eine Rolle spielen.

Aber auch für diesen Übergang brauchen wir keine zusätzliche Pipeline. Nord Stream 2 ist energie- und betriebswirtschaftlich unnötig. Schon der erste Strang ist in weiten Teilen nicht ausgelastet. Will man unbedingt russisches Gas importieren, gibt es andere Transportrouten, zum Beispiel durch Polen verlaufende Pipelines. Entgegen der Prognosen der Befürworter der Pipeline würde es ohne sie keine „Gaslücke“ geben, im Gegenteil. Es gibt derzeit ein Überangebot an Gas auf den internationalen Märkten, auch ausgelöst durch das bereits erwähnte US-amerikanische Fracking- Gas. Viele Länder, auch in Europa, setzen auf eine Diversifikation ihrer Gasimporte, vor allem mittels Flüssiggas, das flexibel per Schiff transportiert werden kann. Nur Deutschland verzichtet bisher auf den Bau eines LNG-Terminals und setzt stattdessen auf die Erweiterung der Nord-Stream-Pipeline.

Das hat spürbare Konsequenzen für die Verbraucherinnen und Verbraucher, nämlich unnötig hohe Preise – auch wenn die Pipelinebetreiber selbstverständlich das Gegenteil behaupten.

Der Bau von Nord Stream 2 behindert den Umstieg auf erneuerbare Energien und kommt die Verbraucherinnen und Verbraucher teuer zu stehen. Deutschland täte gut daran, die Energiewende mit dem Ausbau heimischer erneuerbarer Energien und mehr Energiesparen, auch gemeinsam in Europa und in der Ukraine, zu beschleunigen, statt unsinnige Pipelineprojekte zu unterstützen. Als Nebeneffekt würde das womöglich auch Trump beruhigen – vermutlich aber nicht, da er ja bekanntlich generell nur schwer zu beruhigen ist.

Claudia Kemfert

Abteilungsleiterin in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt